Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 22 (1.6.1900)
- Date
- 1900-06-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 4Ö2 Nr. 22 Vr. Bwch's WochenfüirifL. „Als Gott sich Israel offenbarte" — sagen sie an einer Stelle — „geschah es nicht in einem nationalen Idiom, sondern in viererlei Weltsprachen. Denn so heißt es in der Bibel: Der Ewige kam vom Sinai; das bedeutet, er verkündete sich in hebräischer Sprache; er schien aus vom Seir aus u. zw. in der Sprache der Römer; er leuchtete vom Berge Paran her, nämlich Ln der Ausdrucksweise der Araber; er kam, umgeben von heiligen Myriaden, dies heißt, er gab sich kund in der Sprache der Aramäer." Aus diesen historisch sich wohl nicht deckenden, aber dem Geiste nach treffenden Begriffe, ist immerhin die Bemühung der Talmudisten ersichtlich, die jüdische Religion, nicht als eine national beschränkende, sondern als eine die Menjchheit umfassende zu erkennen und sie in diesem Geiste den Gläubigen einzuprägen. Ein anderer Gelehrter zieht einen andern, aber gleichartigen Schluß aus der Erzählungsweise der heil. Schrift: „sie beweist, daß Gott zuerst bei allen Völkern Umfrage hielt, daß aber kein Volk der damaligen Zeit der Offenbarung sich unterwerfen wollte." Ein anderer der alten jüdischen Weisen wieder motivirt die ausschließliche Offenbarung an Israel damit: „Gott, in seiner Allweisheit wußte es, daß keines der damals lebenden Völker geneigt sein würde, die Thora anzunehmen." Gott, in seiner Allweisheit wußte es, daß die Erkenntnißstufe der Nationen die Höhe der Auffaffung, die in derselben liege, noch nicht zu erreichen vermöge. Noch ein anderer Gelehrter des Talmud beantwortet in seiner diesbezüglichen Auseinandersetzung in geistreicher Weise noch eine andere Frage, die jedem unwillkürlich auf den Lippen schwebt, weshalb die Offenbarung, die sich an Israel gewendet hatte, nicht im heiligen Lande, sondern in der Wüste vor sich ging, indem er sagt: „Wenn die Thora im Lande Israels offenbart worden wäre, hätte sich das jüdische Volk vielleicht dazu verleiten laffen, den andern Völkern in nationalem Dünkel zuzurufen : Ihr habet keinen Theil an ihr; deshalb wurde sie in der Wüste geoffenbart, damit sie als freies Gesetz erscheine, gegeben an einem jedem Menschen zugänglichen Orte, wie wenn Gott es damit der ganzen Welt hätte zurufen wollen: „Wer immer das Gesetz annehmen will, komme herbei «nd nehme es an." Es ist kein ausschließlich nationales Eigenthum, sondern ein Gesetz, bestimmt einst, in unabsehbaren Zeiten, eine Weltreligion zu werden. Die Männer des Talmud hatten auch die Fähigkeit, sich auf diesen hohen Standpunkt der Erkenntniß zu erheben, weil sie es waren, die den Geist der Thora kannten. Sie sagten sich mit Recht, die ganze Anlage der Thora zeigt darauf hin, daß sie als Weltreligion auftrete. Von den fünf Büchern Moses ist es das erste, das einer Betrachtung der Welt im Großen und Ganzen gewidmet erscheint, da es mit der Schöpfungsgeschichte beginnt, mit der Weltsündfluth fortsetzt, mit der Erzählung der Sprachenverwirrung fortfährt und fchließlich mit der Aufstellung der Stammtafel der großen Völkerfamilie ausführlich abgibt. Ist dies beschränkend national gedacht oder nicht vielmehr kosmopolitisch weltumschließend!? Und die Propheten Jesaias, Jeremias, Ezechiel, Hosea, Amos und Jona, haben sich die nicht in unzähligen Reden direct an die Völker gewendet!? Und die Psalmen- und Spruchdichter, die Lieder- und Hymnensänger, sind sie in ihren Geistesproducten etwa national beschränkend aufgetreten!? Gewiß nicht! Wenn dem so wäre, wie könnten sie in den geheiligten Hallen der andern Confeffionen ausgenommen werden und an allen Weltenden in der, selben geheiligten Weihe erklingen!? Und nun erst das, was als der Kern der Offenbarung gilt, das Zehngebot, ist es als national beschränkend anzusehen!? Gibt es doch kein einziges desselben, welches sich nicht auf die ganze Menschheit bezieht! Der Glaube an den Ein- und Allgott, der richtet sich an die ganze Menschheil, gleichwie das nachfolgende Verbot des Götzendienstes, den Namen Gottes nicht vergeblich auszusprechen, ihm einen Ruhetag in der Woche zu weihen, Vater und Mutter zu ehren, nicht zu morden und nicht zu stehlen, keusch zu sein, nichts Falsches zu bezeugen wider den Nächsten und sich der Gelüste des Neides zu enthalten, sind dies etwa nationale Gebote? Sie richten sich an die ganze Menschheit und wollen von Allen anerkannt sein! Und unsere Gebete; das Heiligste das wir kennen, es ist das stille Achtzehngebet, da wird alles einzeln angeführt, was wir uns erbitten, Weisheit und Kraft, Gesundheit und Glück, und auch auf die idealen Güter der Vergangenheit reflectirend, wünschen wir die Wiederaufrlchtung Jerusalems' und die Erhebung des davidischen Stammes auf den alten geheiligten Boden, und der Schluß, der alles zusammenfaßt, klingt nur ein nationaler Laut in demselben aus!? Da wird erbeten „Friede, Glück und Segen, Gunst, Güte und Barmherzigkeit", obwohl wir im Schlußgebete die Hauptmomente zusammenfassen sollten. Und im „Olenugebete", welches das Endergebniß aller Gebete Israels in sich schließt, es erwähnt weder Zion noch Jeruscholaim, und schwelgt nur im Zukunftsbilde der Gotteserkenntniß der gesammten Menschheit, „daß Gott König werde über die ganze Erde". Diese Menschheitsreligion dem Nationalismus gegenüber zu erkämpfen, mit dieser weltumfassenden Mission betraut „lagert Israel am Berge", gegen den Berg von Vorurtheilen und nationaler Beschränktheit, der sich unübersteiglich vor dasselbe aufthürmt. Es ist dies aber nicht nur theoretisch, sondern auch geschichtlich in der Vergangenheit Israels begründet. Es belehrt uns hierüber ein historisches Ereigniß, welches fast unbeachtet, vergessen erscheint, und doch eben für die gegenwärtige Zeit von actueller Bedeutung ist. Da ist in den Psalmen das Cap. 78 ganz den geschichtlichen Vorgängen gewidmet, wie sie sich vom Auszuge aus Egypten bis zum goldenen Zeitalter der davidischen Königszeit entwickelten. Eine höchst feierliche Einleitung geht demselben voran und als Begründung für die Wiedererweckung dieser historischen Ereignisse wird angeführt „damit sie — die kommenden Geschlechter — nicht seien, wie ihre Väter, ein widerspenstiges Geschlecht, welches sein Herz nicht aufrichtet und mit Gott nicht treu ist". Kinder sollten es in den spätesten Generationen ihren Kindeskindern erzählen und unvergeßlich sollte es aufbewahrt bleiben, was früher geschehen war. Und was wird da als Erstes erwähnt? Etwas rätselhaftes, unverständliches: „Die Söhne Ephraim's, die kämpfenden Bogenschützen, verschwanden am Tage der Entscheidung." Wer sind diese, fragen wir erstaunt. Die Antwort 'erhalkett wir erst, wenn wir die Bücher der Chronik aufschlagen. Da werden aufgezählt die Ephraimssöhne, von denen da die Rede ist, und wird hinzugefügt: „Es sind jene, die erschlagen wurden von den Einwohnern Gaths, die im Lande einheimisch waren, Und Ephraim, ihr Stammvater, trauerte nach ihnen lange Zeit, und seine Brüder mußten ihn lösten". Wie dies nun gekommen war, erklärte uns erst der Midrasch: „Als die Juden in Egypten so sehr geknechtet waren, da waren es die Ephraimssöyne, die anfänglich noch verschont blieben und ruhig lebten, bis eines von den Enkelkindern hervortrat und kund that, Gott sei ihm erschienen. Wir sind Königskinder — nämlich Abkömmlinge Josef's — wir sind tapfere Männer, sprachen sie. Dann nahmen sie sich ihre Kinder und zogen mit ihnen weg aus Egypten, und auf diesem Auszuge wurden sie von den Egyptern erreicht und erschlagen." Erkennen wir nun nicht im Bilde der heutigen Zeit das uralte erschütternde Ereigniß wieder,dem der Psalmist solche Wichtigkeit beilegt!? Das Goluth von Egypten hat wohl nur 400 Jahre gedauert, aber die Ungeduld hatte sich gewisser Kreise schon viel früher bemächtigt gehabt. Gewiß war es auch nicht plötzlich über Israel hereingebrochen, sondern nach und nach hatte es sich gesteigert; erst „mit heuchlerischen Reden" über die Arbeitsscheu des Juden, mit allen daranhängenden Borurtheilen, bis es sich „bis zur Unerträglichkeit" — bephorech — steigerte. In diesem Entwicklungsgänge des Goluth waren es die Ephraimssöhne, die noch am längsten verschont blieben, da sie ja doch als von königlicher Abstammung bekannt waren, und als diese die steigende Mißachtung und Verhetzung vor sich sahen, wie ihre Brüder immer mehr litten, da bemächtigte sich ihrer die Entrüstung. Die Tradition lebte wohl in Israel, es werde zur bestimmten Zeit ein von Gott gesandter Mann erscheinen, der sie mit Hilfe Gottes erlösen werde: „Gott wird eurer eingedenk bleiben." Dieser Glaube war jedoch nicht mächtig genug in ihnen, ihr Selbstbewußtsein riß sie fort und sie wollten selbst sich die Erlösung bringen, selbst das Land der Väter sich erobern, so brach das traurige Ende über sie herein — sie selbst büßten es mit dem Leben — ganz Israel aber mit noch unerträglicherer, erdrückenderer Knechtschaft.