Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 4 (26.1.1900)
- Date
- 1900-01-26
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 4 Dr. Bloch's Wochenschrift^ Seite 79 die Leitung des Geschäftes überlassen — zur Erwägung anheim gegeben, ob es für sie nicht angezeigt^wäre, sich um diese Lieferung zu bewerben. Brack blickte verwundert auf. Das von Michael proponirte Geschäft überstieg bei Weitem die mäßigen Mittel, die ihnen zur Verfügung standen. Er erkannte sofort das letzte Ziel, das Michael zu erreichen strebte und erwiderte traurig: „Mein lieber Sohn, ein solches Geschäft können nur so reiche Leute wie Zacharias Wanefried und Sohn übernehmen. Hierzu ist ein so großes Capital erforderlich, daß unser unbedeutendes Vermögen demselben gegenüber verschwindend erscheint. Wir sind gewiß nicht in der Lage mit Zacharias Wanefried und Sohn zu concurriren." „Ich habe mich in Brünn eingehend und an der besten Quelle über diese Angelegenheit erkundigt," erwiderte Michael. „Ich bin dort am Markte einem alten Bekannten, Simon Pollak, der zur Zeit als ich in Nikolsburg war, dort den Schiur besuchte, begegnet. Er ist, wie ich, zum Handelsstande übergegangen und ist jetzt erster Buchhalter bei Zacharias Wanefried und Sohn. Er beging keinen Vertrauensbruch, als er mir die in Proßnitz allgemein bekannte Thatsache mittheilte, sein Haus werde sich nicht mehr um eine ärarische Lieferung ^bewerben. Es hat bei der ersten nichts gewonnen und wie Simon Pollak versicherte, nichts zu gewinnen beabsichtigt und hatte in der That sehr niedrige Preise gestellt. Seine Concurrenz haben wir nicht zu fürchten." „Selbst wenn wir auch eine andere Concurrenz nicht zu befürchten hätten, wären wir nicht in der Lage, ein so großes, umfangreiches Geschäft zu übernehmen, ein solches erfordert ein namhaftes Capital, das wir nicht besitzen. Ich will Dir einräumen, daß böhmische und mährische Fabrikanten, die uns gerne unseren mäßigen Bedarf an ihren Erzeugnissen borgen, wenn sie wissen, daß wir sichere und gesicherte Absatzquellen für ihre Artikel gefunden, auch große Quantitäten anvertrauen würden, aber das allein genügt noch lange nicht. Der Staat fordert eine Caution von mindestens zehn Procent des Werthes der zu liefernden Maaren, diese allein übersteigt schon bei Weiten unser ganzes kleines Vermögen; ferner müßten wir den Fabrikanten, die ja wissen, daß wir gezwungen sind, ihren Credit in Anspruch zu nehmen, so hohe Preise zahlen, daß wir nicht billig liefern und trotzdem unsere Rechnung nicht dabei finden könnten. Man muß, um bei diesem Geschäfte günstige Resultate zu erzielen, nnt baarem Gelde einkaufen, um zur billigsten Quelle zu gelangen. Auch müßten wir uns den Fabrikanten gegenüber zu festen Zahlungsterminen verpflichten, die ivir nicht immer einhalten könnten. Der Staat ist ein sicherer, aber ein sehr anspruchsvoller Kunde. Man kann von demselben keine sixen Uebernahmsfristen erlangen; die er selbst nach seinen Bedürsnii'.en, oft auch nur nach der Bequemlichkeit der betreffenden Monturscommission, ganz ohne Rücksicht auf den Lieferanten bestimmt. Bei einer ärarischen Lieferung ist es nicht wie bei einem andern Geschäfte, wo Käufer und Verkäufer gleichberechtigt erscheinen; da muß man sich dem unberechenbaren und unbezwingbaren Willen Anderer blindlings unterwerfen. Wir könnten, fast möchte ich sagen, wir müßten in Zahlungsverlegenbeiten gerathen, wir würden unfern ehrlichen Namen verlieren. Zu dem Geschäfte genügt auch ein unbeschränkter Waaren-Credit nicht, dieses erfordert ein großes Capital, das erst nach vollständiger langwieriger Abwicklung zurückgezahlt werden kann." „Ich war derselben Absicht,'noch bevor Du sie ausgesprochen," erwiderte Michael. „Ich habe eben unter Deiner Leitung eine gute Schule gehabt. Ich wagte Dir's nicht eher zu sagen, allein jetzt da ich zu erkennen glaube, daß Du unter günstigen Umständen nicht abgeneigt wärst, das große Geschäft zu übernehmen, will ich Dir's gestehen. Ich habe in Brünn mit drei reichen Männern, Reb Koppel Bärmann aus Rausnitz, Reb Susman Tauber aus Holleschau, und Reb Refoel Kohn aus Kremsier gesprochen. Diese Männer kennen Dich persönlich, sind von Deiner Redlichkeit und kaufmännischen Umsicht überzeugt, und sind bereit, mit Dir einen Gesellschaftsvertrag,über das Lieferungsgeschäft abzuschließen. Sie stellen Dir das ' nöthige Capital zur Verfügung, überlassen Dir die ganze Leitung des Geschäftes und verpflichten sich das hierzu nöthige Capital zu geben. Ich habe," fuhr Michael zögernd fort, „zur Vermeidung von Weitschweifigkeiten mir gestattet, einen Vertrag mit ihnen abzuschließen, mir jedoch ausdrücklich Deine Genehmigung Vorbehalten, so daß, wenn Du lieber Vater, dieselbe aus welchem Grunde immer verweigern wolltest, wir nicht gebunden sind." So sprechend zog Michael eine Schrift aus seiner Brusttasche und legte sie vor seinen Pflegevater auf den Tisch. Brack las sie mit großer Aufmerksamkeit, dann sprach er: „Ich erkenne es als eine besondere Gnade Gottes, daß er mir und meinem Kinde an Dir eine so kräftige Stütze sandte. Was würden wir ohne Dich beginnen? Du hast auch diesmal mit jener Umsicht und Klugheit gehandelt, welche in der Regel nur die Erfahrung des Alters verleiht. Nachdem Du uns den Weg zu dem Geschäfte in musterhafter Weise gebahnt, können wir es wohl versuchen, es mit Gottes Hilfe zu unternehmen. Ich weiß es, lieber Michael," fuhr Brack fort, „Du strebst das Geschäft nicht um des voraussichtlich großen Gewinnes allein an, Dich verlockt vielmehr das glückliche Resultat, welches die Wanefried's erlangten, ulai jerachem') .... Wie ich aus dieser Schrift ersehe, müssen wir uns binnen vierzehn Tagen entschieden haben. Ich hoffe, wir werden schon früher in bejahendem Sinne antworten. Es wird sich für uns zunächst darum handeln, die ohngefähre Quantität der Waare, die geliefert werden soll, zu erfahren. Die diesbezügliche Ausschreibung, die dem Vertragsentwürfe beiliegt, spricht sich darüber sehr undeutlich aus, und läßt überdies hierbei einen großen Spielraum. Es sollen, heißt es, 10—20.000 Mann bekleidet werden. Du, lieber Michael, besitzest Twias Eijilch, Du wirst bei genauerer Betrachtung eines Reiters bestimmen können, wie viel Ellen Tuch ohngefähr ein Mann zu seiner Bekleidung bedarf." „Wenn Du es gestattest, lieber Vater," sprach Michael ehrerbietig, „werde ich bei dem morgen stattfindenden Einzuge des Regimentes anwesend sein, und glaube dann die gewünschten Angaben machen zu können." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Rahel. ~ In einem jüdischen Hause in Berlin wurde am 19. Mai 1771 Rahel Levin. die älteste Tochter des Kaufmanns Levin Markus geboren. Ein schwächliches, zartes Kind, war die Neugeborene kaum zum Leben befähigt, und doch klingt ihr Name zu uns herüber und ist uns werth und theuer als der einer Lebenskünstlerin ohne Gleichen, als der, einer der anmuthigsten und geistvollsten Frauen, die die Größten ihrer Zeit entzückte, und den Geringsten ihre Ueberlegenheit nie fühlen ließ. Wissensdurstig und begeisterungsfähig, dabei von rührender Anspruchslosigkeit fand Jeder bei ihr wärmstes Interesse und herzlichstes Verständniß. Nichts charakterisirt sie wohl treffender als die Zeile die sie an Ludwig Deck schrieb: „Mir ist's immer, als müßte ich die Honneurs machen von dem was ich liebe und vergöttere." Nun werden von ihr die „Honneurs gemacht" in einem prächtigen Werke von Otto Berdrow: Rahel Varnhagen. Ein Lebens¬ und Zeitbild. Stuttgart, Greiner & Pfeiffer, 1900, und was an diesem Buche besonders fesselt, was die Lectüre zu einer so angenehmen gestaltet, ist der Enthusiasmus, den der Verfasser für seine Heldin empfindet und der in der gut geschriebenen Vorrede beredten Ausdruck findet. Allerdings ist es auch gerade dieser Enthusiasmus, der den Verfasser zu einer Ausführlichkeit verleitet, die seinem Werke nicht immer dienlich ist. Er will uns viel, will uns alles von seiner geliebten Rahel sagen, citirt Briefe und Schriften von ihr und über sie und überschreitet dabei zuweilen das Maß, das für den Schriftsteller aller Weisheit Anfang ist. Sein Buch ist das Buch eines Dichters, nicht eines Kritikers. Wie schon der Titel es ankündigt, bietet Berdrow nicht nur eine Biographie Rahel's, es schildert uns auch die jüdische Gesellschaft Berlins, die damals die einzig gute war, und erzählt, wie sich die hervorragendsten Männer Deutschlands und des Auslandes in den Salons der Jüdinnen Henriette Herz, Dorothea Veit und Rahel Levin versammelten, wie in diesen Häusern eine geistige Geselligkeit herrschte, die selbst eine der anspruchsvollsten Französinnen, Frau von Stael, entzückte, und wie diese Frauen, erzogen in den Ideen Moses Mendelssohn's, voll scharfen Geistes und warmen Gemüthes in edlem Wettstreite einander zu überbieten suchten in der Pflege und Liebe zur Kunst und Wissenschaft. -) Vielleicht erbarmt sich Gott! 3) Den richtigen Blick, rasche, scharfe Auffassung.