Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 2 (13.1.1899)
- Date
- 1899-01-13
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Vr. Bloch's Wochenschrift« Seite 43 f Nr.' 21 Gesichter ihrer Eltern, die unter dem Drucke kaum nufathmen konnten. Bei manchen Eltern zeigte sich das Streben, die Kinder auch in deutscher Wissenschaft unterrichten zu lassen. Die Erreichung dieses Ideals trat besonders am Ende des 18. Jahrhunderts stark hervor, war aber schwer zu erreichen. Jüdische Schulen mit deutschen Lehrpersonen fehlten gänzlich — sie wurden auch von den Orthodoxen beanständet; diese meinten, die Beschäftigung mit profanen Wissenschaften werde die religiösen beeinträchtigen. Strebsame und geweckte Kinder lernten nun dasDeutsche ganz allein aus irgend einem Buche und fragten den oder jenen, und wenn sie es zum Lesen gebracht, holten sie sich von allen Ecken und Enden Bücher und verschlangen Alles, was sie nur unter die Hände bekamen. All dies war Geheimniß; Eltern und Rabbiner durften davon nichts wissen. So erzählte man einst, der polnische Gelehrte Mieses lernte lesen dadurch, daß er in Krakau bei einem Trödler Mendelssohns Phädon vorfand. Er buchstabirte mit Fleiß diese seine Fibel, wie er das Werk scherzweise später nannte. Oberlehrer Elsässer in einem Nekrolog des 1856 verstorbenen Lehrers Maison in Oberndorf bei Bajsingen erzählte: Nach zmückgelegtem 13. Jahre kehrte er mit dem Rabbinatsdiplom in der Ta,che zur Confirmation nach Hause zurück, uni gleich nach derselben als fahrender Schüler wieder zu gehen Der Vater gab ihn: ein weißes Säckchen auf die Schulter und sagte, die Hand segnend auf sein Haupt legend: „Hier hast du die Reisekleider, Heiratsgut und deine Erbschaft — ich kann dir nicht mehr geben. Stammvater Jakob hatte nur einen Stab und Gott hat ihm geholfen und Gott wird auch mit dir sein." Maison kam nach Mannheim und trat in die Klause eines Rabbiner-Seminars ein. Er war sehr fleißig. Als er 15 Jahre alt war, erinnerten ihn seine Lehrer, daß er nun sür sein Fortkommen allein sorgen nüisse. Jung und von schwächlicher Constitution, wie er war, konnte er nirgends ein Unterkommen finden, bis endlich eine jüdische Familie in Dasenheim in der Pfalz ihn als Lehrer für den hebräischen Unterricht ihrer Kinder anncchm. Der junge Mann trat sein Amt freudig an. Die Leute waren arm und hatten viele Kinder. Vormittags war er Lehrer — Nachmittags Ziegenhirt. Der junge Gelehrte war dennoch geduldig. Bei allen seinen sonstigen Kenntnissen konnte er weder deutsch lesen noch schreiben. Ein christlicher Knabe, der auf der Weide sich ihm anschloß, las die Volksschrift „Der gehörnte Siegfried". Dem Jungen war das ein Feenmärchen; er ließ sich das immer und immer wieder vorlesen. Der Knabe zeigte ibm die Buchstaben und endlich lernte er selbst lesen. Der christliche Dorsschulmeister hörte von dem jüdischen Collegen, der neben seinem Lehramt ganz patriachalisch die Ziegen hütete. Erließ ihn zu sich kommen und unterrichtete ihn. Sein unermüdlicher Fleiß und Eifer brachte es bald so weit, daß er unter anderen auch seinen großen geliebten Dichter Schiller lesen konnte. Aber er las noch so viel ohne Auswahl und saugte Alles wie ein Schwamm in sich ein. Er war ein Autodidakt, ein Universalgenie auf allen Gebieten, besonders als Lehrer. Hauptsächlich aber war zu allen Zeiten das Interesse der jüdischen Eltern für die Fortschritte der Kinder in religiösen Büchern und ihre Mitwirkung sehr wohlthätig zur Entwicklung des frommen Sinnes der Jugend. Der jüdische Vater, der die ganze Woche arbeitete wie ein Sclave, er hatte den Sabbath dazu verwendet, um sich von den Fortschritten der Kinder zu überzeugen, und die Mutter war stets bereit, wenn das Kind entsprach, es zu belohnen, wenn auch nur mit einem schönen Apfel oder Kuchen, der auf den Tisch kam. — „Das, mein Kind, schickt dir der Engel!" — Sie selbst, die liebe gute Mutter, war dieser Engel. Die Eltern zu erfreuen, war so das höchste Glück des Kindes und seine Ehre, sein Stolz. Ein Moses wurde wieder der Welt gegeben, und er brachte Bildung und Aufklärung nicht nur seinen Brüdern, sondern der ganzen gebildeten Welt — Moses Mendelssohn, der Unsterbliche, der Freund Lessings. —Sein Lieblingsthema war Erziehung und Menschenbildung; für sein Volk aber erstrebte er Verbesserung des Unterrichtes und Empfehlung der gründlichen Erlernung der deutschen Muttersprache. Das Toleranzedict des unsterblichen Kaisers Josef war ein. zweiter Sonnen- und Hoffnungsstrahl sür die Juden. Er verlieh ihnen freien Zutritt zum öffentlichen Unterricht in Gymnasien und hohen Schulen. Die Freiheit, das Ghetto zu verlassen und sich Wohnungen außerhalb desselben zu wählen, eine beträchtliche Anzahl der Nahrungszweige zu ergreifen, zur Anlegung von Fabriken, Führung der Großhandlung. zur Ausübung der Künste, Wissenschaften und endlich zum Betrieb des Ackerbaues war ein gewaltiger Fortschritt. So wurden denn allenthalben Schulen gegründet und allenthalben machte sich der Segen derselben geltend. Lehrer- und Rabbiner-Seminare entstanden und wie ein Phönix aus der Asche erwachte an allen Orten eine Begeisterung und eine Liebe sür die treue, oft verdammte Mutter, die jüdische Religion und ihre Bekenner. Doch seit neuerer Zeit ist mit dem Besuche der höheren Schulen eine Ueberbürdung in den profanen Gegenständen eingetreten. Mit der Hebung der Bildung sank die religiöse Bildung. Der jüdische Vater der Jetztzeit sorgt mit einem lobenswerthen Eifer für die allgemeine Bildung seiner Kinder, aber die jüdische religiöse Erziehung liegt chm nicht am Herzen. Der wegen seines Sohnes besorgte Vater meint, daß die 2—3 Stunden Religionsunterricht — hebräische Sprache und Bibel — für die Carriäre noch vortheilhafter verwendet werden könne. Und die jüdische Mutterd Ach, die hat die Hände voll zu thun, um chrer Tochter durch die entsprechende Anzahl der Stunden von Lehrern und Gouvernanten das sür jedes gebildete Mädchen nothwendige Französisch, Clavierspiel u. s. w. beibriugeu zu lassen, als daß sie noch Zeit fände, für die jüdische Erziehung derselben zu sorgen. Bei musikalischen und allen sonstigen Talenten kann sie selbst nicht hebräisch lesen und beten, hat keine Ahnung von den Pflichten, die ein jüdisches Weib zu erfüllen hat. Alles wird angeschafft zur Bibliothek im Hause, aber es fehlt die Bibel, es fehlt die Geschichte des Judenthums, wie sehr sich auch große bedeutende Männer, wie sehr sich auch Rabbiner bantut bemühen. In jedem Hause fvllten sich Grütz' „Geschichte der Juden" befinden, ebenso Güdemann's „Geschichte des Jndenthums" und „Erziehungswesen", Briefe von Herzfeld, die „Glöckeln von Hamel" von Professor Kaufniann, „Stimmen vom Euphrat" von Sachs finden. Man könnte ganze Bogen füllen des Guten, Schönen und Belehrenden, was in den letzten fünfzig Jahren dieses Jahrhunderts auf diesem Gebiete geleistet worden ist: „Die Ethik" von Lazarus, Steinthal „Die Uebersetzung der Psalmen". Da würden dann Kinder und Eltern nach solchen Studien cinmüthig fest geharnischt dastehen gegen alle Anfeindunge n und mit Stolz würden die Semiten die Antisemiten bekämpfen durch ihre Frömmigkeit, ihr schönes Familienleben, ihre Redlichkeit im Handel und Verkehr und endlich durch ihr Streben nach Wissen und Erkenntniß. DaS wäre unsere Freiheit! Das ist der Beruf Israels, das wird es verbinden mit der ganzen Menschheit, und die Zeit wird dann kommen, wo wir alle einen Gott anerkennen, uns als die Kinder Eines VaterS die Hände einander reichen zum Frieden. Als einst eine englische Dame ihren Bischof fragte, wann sie mit der Erziehung ihres vierjährigen Töchterchens beginnen sollte, antwortete er: „Madame, wenn Sie nicht schon damit begonnen, so haben Sie viel verloren. Mit dem ersten Lächeln, das auf den Antlitz des Kindes erstrahlt, beginnt Ihre Ausgabe." Unsere Zeit hat viel versäumt, was häusliche Erziehung und religiösen Schulunterricht betrifft, und darum viel, sehr viel nachzuholen. Väter und Mütter, Haus und Schule müßten sich aufraffen und mit vereinten Kräften ihr erhabenes Werk vollbringen und das herrliche Gut, das uns die Ahnen vererbt, für das sie gekämpft und gelitten, aufrecht zu erhalten und wieder unseren Kindern zu geben. Die ewige Wahrheit — sie bricht sich ja Bahn, aber durch unser eigenes Verschulden wird sie getrübt und verunglilnpft. Wenn wir jetzt die Chanukalichter angezündet und den Kindern die Heldengeschichte der Makkabäer erzählten; wenn wir mit dem ersten Lichtchen das Licht des Glaubens, mit dem zweiten das Licht der Liebe und weiter der Hoffnung, der Barmherzigkeit, Pflichttreue, Begeisterung, sittlichen Lebens und Fortschrittes fördern, so sind die acht Lichter alle Tage im Steigen und die Vollendung naht. Sie brannten alle und erleuchteten jeden Winkel des jüdischen Hauses und Herzens und alle Kinder und Eltern bildeten einen Herzensbund der Liebe, des Friedens, und aus solchem erleuchteten jüdischen Hause kommt die Liebe zu Freunden und Verwandten. Ein Band umschließt ganz Israel: es steht fest und einig miteinander— kein Zwist im eigenen Lager! Keiner will frömmer, bester sein — will erleuchteter sein durch die Wissenschaft und Bildung, sich überheben. Alle Eins mit ihren Fortschritten auf allen Gebieten zum Wohle ihres Volkes, zum Wohle der Menschheit und des einig einzigen Gottes. — Ihr sollt alle sein Ein Volk von Priestern — jeder nach seinem Berufe und seinen Anlagen. Der größte englische Staatsmann sagte: „Das Volk Israel war ein kleines Volk, doch welches große Leben entfaltete es, und welchen mächtigen Einfluß übte es auf das Geschick der Menschheit aus. Ihre Energie, ihre Mäßigkeit, ihr Patriotismus, das Etnstehen sür ihre Ueberzeugung und das Festhalten an dieser ist Volkscharakter und daher unvermeidlich." Es sind nicht mehr Scheiterhaufen und Inquisitionen, wie sie unsere Väter zu erdulden hatten. Die Zeit brachte allenthalben Aufklärung. Edle Herrscher, große Geister aller Confessionen stehen auf dem hohen Standpunkt des Rechtes für alle Menschen. Wenn auch die neueste Plage, der Antisemitismus — wie sich der Unverstand und die Hohlheit, kurz die Finsterlinge nennen — noch hervortreten. Doch auch diese Plage ist ein Fingerzeig, eine Lehre für uns. Wir stehen nicht so fest und einig, so geharnijcht und mit aller Energie, Ausdauer, Pflichttreue, Frömmigkeit, Einigkeit unseren Angreifern gegenüber. Wir halten sie nicht mehr hoch die Fahne des Glaubens — wir lassen sie auch nicht von unseren Kindern erhalten und fordern. Sie kennen nicht ihre Geschichte, nicht ihren Glauben, nicht das Familienleben — sie haben nicht das edle Beispiel der Eltern vor Augen — sie äffen Allem nach, was das Gegentheil der echt jüdischen, das heißt menschlichen Tugenden war. In der Enthaltsamkeit, in dem steten Forschen, in dem Drang nach Wissen, das sich mit der erhabenen Idee des einzigen Gottes vollkommen verträgt, ja, durch das Wissen zur höchsten Erkenntniß, zu Ihm gelangt, sollen wir streben, leben und kämpfen. Mögen diese Gedanken, die in bescheidenster Weise ein kleines Streiflicht über das werfen, was berufene große Geister, was Denker, Lehrer und Rabbiner gesprochen und vorgeschrieben haben, uns zum Denken und zum Handeln auffordern, so werden wir auch den Sieg davontragen und würdig Eines bewahren: die Nachkomme i zu sein der großen Makkabäer, der siegreichen Kämpfer für Glauben, Recht und für Lesen, Denken, Forschen und Handeln. _ , . 1 ' ' IdaLppenhei nt,