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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Date
1898-01-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 68 Nr. 4 Dr. Vlmtz's WmhrnMrM. von mir öffentlich (in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" vom 10. December 1897) in Vorschlag gebrachten Besprechung in Berlin thcilzunehmen. Daß oder ob Herr Dr. Herzl diese seine Erklärung etwa wieder zurückgenommen habe, darüber ist mir bis heute keiuerlei Mittheilung Zugegangen. Ich kann also, da ich bei dem Befreier des jüdischen Volkes keine unschönen Motive voraussetzen darf, nur annehmcn, daß Herrn Dr. Herzl sein Gedächtniß einen Streich gespielt hat, wenn er in der „Welt" vom 21. Jänner behauptet, er habe meine Rathschläge, auch die öffentlichen, abgelehnt. Ich habe bisher öffentlich keinen anderen Rathschlag ertheilt als den, daß sich die Berufenen aus allen Parteilagern, also auch aus dem zionistischen, zur Entgegennahme meiner Vorschläge an einem er st noch zu b e st im menden Tage in Berlin einfinden mögen und kann nur meiner Freude darüber Ausdruck verleihen, daß neben anderen Herren auch einige Zionisten, darunter kein Geringerer als Herr Dr. Theodor Herzl, an dieser Besprechung theilnehmen zu wollen erklärt haben. Herr Dr. Herzl hat dabei ganz gewiß im Sinne vieler seiner Gesinnungsgenossen gehandelt, insbesondere derjenigen unter ihnen, welche die absolute Aussichtslosigkeit der palästinensischen Pläne und die Nothwendigkeit zu erkennen begonnen haben, sachverständigen Vorschlägen die Wege zu ebnen, zum Heil der ganzen Bewegung, deren Erfolg auch anderen Leuten am Herzen liegt, nicht blos den Herren Nordau und Herzl. Zum Schluß möchte ich den Zionisten eindringlichst das mannhafte Beispiel Emile Zola's empfehlen, das sie entschieden außer Acht lassen zu wollen scheinen. Dieser ch r i st l i ch e Schriftsteller tritt m i t seinem Namen nicht blos für das ein, was er schreibt, sondern er setzt sich sogar auch, und zwar gleichfalls mit vollem Name n, gegen die vermeintlich oder möglicherweise ungerechtfertigte Verurtheilung eines ihm sonst völlig fremden — Juden ein. Angesichts solch wackerer Haltung des christlichen Schriftstellers erscheint es ja fast als eine lächerliche Kleinigkeit, daß auch ich für das, was ich im Interesse der Aufklärung des jüdischen Volkes schrieb, einzustehen den Muth habe, selbst vor Gericht, und ich würde eine bescheidene Dosis Zolismus auch bei den Zionisten noch lange nicht als etwas Besonderes betrachten; denn gerade bei Männern, die ein ganzes Volk aus Notb und Knechtschaft befreien wollen, wäre eine ganz tüchtige Portion Zolismus sehr am Platze. Ich fürchte aber sehr, daß die bevorstehende Gerichtsverhandlung, bei der die Herren Herzl und Nordau in der Rolle von Unbetheiligten oder gar von Zeugen glänzen werden, besser als alle meine Artikel dem civilisirien Publicum die Augen öffnen wird über die „höheren Motive", den „Mannesmuth" und ähnliche Grundpfeiler der zionistischen Bewegung. München, am 22. Jänner 1898. Dr. Eduard Glaser. Russische Philosophie und semitischer Geist. Von Leon Andreas-Salom6 (Berlin). Wer heute in Rußland lebt und der heutigen Culturbewegung folgt, wird davon überrascht, wie stark der russische Mensch nach einer vollen Entwicklung in religiöser und philosophischer Beziehung ringt. Die Religion, als das Erste und Gegebene, woran die übrigen Culturerrungenschaften zunächst anzuknüpfe.l Pflegen, hat dem russischen Gemüth immer nahegelegen und sich in Kunst, Dichtung und Volksleben früh einen nationalen Ausdruck geschaffen. Dagegen gelingt dem Russen die Erhebung von der naiven religiösen Metaphysik zu einer philosophischen Klärung des Geistes nur schwer, und alle seine Versuche in 'dieser Beziehung sind lediglich Nachahmungen fremder Vorbilder geblieben — vorwiegend Nachahmungen deuffcher Philosophie aus den Zeiten Schelling's, Hegel's und Anderer. Einstweilen ist jedoch der deutsche philosophische Geist ganz besonders wenig geeignet zu einer wirklichen Befruchtung des russischen, weil die abstracte Begriffsanalyse, die Richtung auf rein erkenntnißtheoretische Fragen eine viel ältere, differenzirtere Cultur voraussetzt, als das Land sie bis jetzt besitzt. Hierfür liefert einen interessanten Beleg das Schicksal der slavophilen Schule, die ursprünglich aus Schelling hervorwuchs und dann ihre specifisch deutsche Philosophie in so naiver Weise mit typisch russischen Gefühlselementen durchsetzte, daß Niemand sich mehr zurechtfand. Dies traurige Resultat ist an die Namen Kiereewsky, Chomjakoff, Samarin geknüpft. Ueber den gegenwärtigen Stand der akademischen Philosophie in Rußland entnahm ich bei meinem letzten Aufenthalte in meiner Heimat persönlichen Gesprächen mit A. L. Wolinsky ungefähr Folgendes: Am stärksten treten hervor die Universitätsprofessoren Koslow, ©rot und W. Soloview. Koslow, der Aelteste davon und durch seine dialectische Begabung der glänzendste, hält in Folge von Kränklichkeit keine Vorlesungen mehr, ist aber noch schriftstellerisch thätig. Er begann seine philosophische Laufbahn als Commentator Ed. von Hartmann's, wurde dann Positivist und schließlich überzeugter Spiritualist und Leibnizianer. Als solcher machte er Propaganda für Leibniz' russischen Anhänger, den Professor Teichmüller, und führte eine langjährige Polemik gegen das Ueberhandnehmen des Neukantianismus und Positivismus in der Wissenschaft. Von ihm kann man sagen, was leider auch von seinen Collegen gilt, daß sich nämlich seine Philosophie darauf beschränkt, daß er bei dem einem oder anderen großen Philosophen der Gegenwart oder Vergangenheit gut gelernt hat, wobei es sich ziemlich gleich bleibt, bei welchem. Professor Grot ist jünger; -er ist Vorsitzender der Moskauer psychologischen Gesellschaft und redigirt die von ihr herausgegebeuen „Fragen der Philosophie und Psychologie". Anfänglich war er Positivist und schrieb eine Abhandlung „Die Gefühle", sowie eine „Reform der Logik", dann aber entwickelte er sich zu einem Metaphysiker etwas unbestimmten Genres. Am populärsten geworden ist der ehemalige Professor Wladimir Soloview, vielleicht eine der charakteristischesten Physiognomien des eigentlichen byzantinischen Rußland. Seine Begabung ist eine vorwiegend theologische, und eine Zeit lang agitirte er für die Vereinigung der griechisch-russischen Kirche mit der katholischen, weshalb manche seiner Aufsätze französisch erscheinen mußten. Auch im politischen Leben ist er als Agitator ein wenig hervorgetreten; bekannt wurde er hier durch seine nach der Ernrordung Alexanders II. gethane Aeußerung, der Kaiser müsse den Mördern verzeihen. Soloview ist ein unklarer Kopf und opferte daher als Philosoph auf den verschiedensten Altären; eine zeitlang war seine Thätigkeit die eines Anhängers von Kant und Schopenhauer, und er übersetzte Kant's Pcolegomena, dann erfolgte ein Umschlag in vollen Mysticismus, und schließlich begnügte er sich mit einem etwas nüchternen Moralismus. In seinem letzten Werke „Schutz des Guten", bricht er eine Lanze für den Staat und den Krieg und fällt über Nietzsche und den Anarchismus her mit einem völligen Mangel an kritischem Scharfsinn. Augenblicklich gilt er für Rußlands berühmten Philosophen, der aber in geistreichen Damenzirkeln weit besser zu glänzen versteht, als unter den Vertretern strenger Geistesarbeit.- Um die besprochenen drei Sonnen kreisen manche kleinere Sterne: in Petersburg liest ,der noch junge Professor Wedensky in neu-kantischem Sinn, in Moskau L o p a t i n und Trupetzkoi, die Beide Soloview nur wenig variiren, in Odessa Wundt's Schüler Lange; bekannt sind ferner noch Karinsky, Radlow, Deroberti (in Paris), Lessewitsch, Tschelpanoff und Andere. Die Werke aller dieser Philosophen stellen nur ebensoviele compilatorische oder eklektisch-chaotische Erzeugung dar, wovon keine Vorwärtsbewegung in der russischen Philosophie ausgeht und die daher auch keinerlei Einfluß auf die russischen Talente gewinnen können. Man könnte meinen, die Philosophie in Rußland gliche einem stagnirenden Wasser, wenn nicht mitten aus dem russischen Publicum hin und wieder Blasen aufstiegen, die zwar wunderbar aussehen, aber aus der Tiefe kommen, Bücher von Laien und Autodidakten aller Art, von Grüblern und Mystikern, denen man das im Volk vorhandene große, drängende Bedürfniß ansieht. Zwischen diesem Bedürfniß und der Wissenschaft Westeuropas, wie diese von den Kathedern herab verkündet wird, liegt eine Kluft, die nicht ohneweiters überbrückt werden kann. Rußland bedarf zu seiner culturellen Entwicklung einstweilen noch einer philosophischen Erziehung, die zwar den Verstand übt, sich aber dabei zugleich an das Gefühl wendet, die nicht damit beginnt, religiöse Gemüthsideale zu erschüttern oder gar zu zerstören, sondern die dem Volke gewissermaßen seine Gottheit nur um Einiges weiter und höher zeigt, als sie es bisher sah — immer weiter und höher, bis es ihr mit immer angespannterem Geiste zu folgen vermag und sich dadurch in einen feineren Aether der Erkenntniß erhebt. Nun gibt es ein Volk, das dies Talent abstracter Gotteserkenntniß bis zur Genialität in sich entwickelt hat, dem in der Bethätighng des einen Talents alle Kräfte zusammengeflossen sind, denen im bürgerlichen Leben durch lange Zeit jeder Ausweg, jede Entladung versperrt war. Dies Volk ist das jüdische. Der Jude in Rußland könnte als philosophischer Lehrer einen viel ftuchtbareren und segensreicheren Einfluß gewinnen, als auf irgend einem anderen Gebiete. In den wenigen Berufszweigen, die dem Juden in Rußland offen stehen: dem'kaufmännischen, dem ärztlichen, unter erschwerenden Umständen dem literarischen

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