Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 24 (11.6.1897)
- Date
- 1897-06-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 494 Dr. Vloch's Wochenfchrist. Nr. 24 ihrem Hause brennt. Redner schließt mit dem Appell an die Anwesenden, den Muth nicht sinken zu lassen. Hoffentlich werden die Verhältnisse uns unterstützen, und was wir durch u n s e r W i r f e n n i dj t e r r e i dj e n, b a§ werden An dere vollbringen, die, wenn sie stets auch das Böse wollen, schließlich das Gute schassin. (Lebhafter Beifall.) Nachdem noch Gemeinderath Seiler in scharfer Werse gegen de» immer mehr überhandnebmenden Geschäftsantisemitismus gesprochen, wurde der Rechenschaftsbericht einstimmig genehmigt und in die Vereinsleitung per Acciamation gewählt: Gustav Gundaccar Freiherr v. Suttner als Präsident, Professor Eduard S u e ß und Dr. Carl Reichsritter v. K i e tz l i n g als Bicepräsidenten, August Beiling als Cassier, E. B. Zenker und Balduin Groller als Schrifisührer. Dr. Guido Freiherr v. C! a n e r, Franz Frauenberger, Ludwig H e t s e y, Reichsrarhsabgeordneter Dr. Ferd. Kronawetter, Dr. Josef Freiherr .von Seil lern und Reichsrathsabgeordneter Carl Wrabetz als Vorstandsmitglieder. Von Carneri aus Graz war ein Begrüßungsschreiben eingelangt. Wien. (Die Cult u r g es ch icht e von Tr a utenfl u.) Die „Trautenaner Zeitung", eine bekannte Ablagerungsstätte des Schönererffchen „b'uror tentovieus'*, ist darüber unzufrieden, daß uns der gegenwärtig wieder in Hellen Flammen emporlvdernde Sprachenstreit ziemlich kühl läßt unb daß wir bei Besprechung der Güdemaun'schen Brochure ..Nationaljndenthum" den Satz niederschrieben: „Israel ist der natürliche Feind der Nationalitätsidee". Diese Deutschnationalcn sind doch sonderbare Heilige! Auf der einen Seite geben sie sich alle Mühe uns als einen „fremden Blutstropfen" aus dem „deutschen Volkskörper" auszuscheiden, und auf der anderen Seite werden sie wütchend, wenn wir aus diesem Vorgehen die natürliche Conseguenz ziehen und uns nicht als Deutsche, sondern als Inden fühlen. Nun denn, logische Folgerichtigkeit ist nicht Jedermanns Sache und am allerwenigsten jene der Extrem- Nationalen; darüber mit den Herren zu rechten, wäre die reine Zeitvergeudung. Die Ignoranz aber, die mit dem Applomb der Gelehrsamkeit auftritt. muß zurückgewiesen werden. Die „Trautenaner Zeitung" schreibt: „Wenn wir die Cultur- und Kunstgeschichte aller Völker der Erde lesen, so werden wir bei dem kleinsten Volke eine Cultur finden. Von einer „I u d e n cultur", „Jude n knnst" und „Jud enschule" in kulturellem und künstlerischem Sinne hat noch Niemand etwas gehört. Die bedingende Form dieses Satzes ist ganz am Platze. „Wenn wir die Culturgeschichte lesen" — aber die Gelehrten der „Trautenaner Zeitung" lesen sie offenbar nicht und haben sie nie gelesen, sonst müßten sie vcn den Psalmen David's, dem Hohenlied, dem Tempel Salomonis, den wissenschaftlichen Leistungen der Juden namentlich aus medicinischem Gebiete im Mittelalter, von Spinoza, Moses Mendelssohn, Heinrich Heine, Schopenhauer, David Heinrich Müller, Sanders, Joachim rc. wohl Einiges gehört haben. Oder gibt es eine eigene Culturgeschichte für — Trauten au? Berlin. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthmns" publicirt nachstehendes Communiquö der Redaction (Dr. Gustav Karpeles), um dessen Nachdruck wir ersucht werden: Aus der „Kölnischen Zeitung" haben viele deutsche Blätter eine Notiz übernommen, wonach hauptsächlich von jüdischen Kreisen in Amerika die Begründung eines „Königreichs Juda in Palästina unter Oberhoheit des Sultans" angestrebt werde, und da diese Bestrebungen auch in Kreisen deutscher Juden Sympathien fänden, so solle am 25. August in München eine constituirende Versammlung für das neue Reich abgehalten werden. Unsere Leser kennen bereits den Zusammenhang der Sache. Aber es ist mehr als traurig, das; solche Mittheilungen in politische Blatter kommen können. Thatsächlich findet in München allerdings eine Versammlung statt, welche aber hauptsächlich nur jüdischen Ackerbaucolonien in Palästina eine bessere materielle Grundlage schaffen will. Was hat das mit jenem phantastischen Unsinn eines neuen Reiches, dessen Nationalpanier, blauer Grund mit einer weißen Taube, nach anderen Blättern schon in Chicago in einer jüdischen Loge feierlichst geweiht sein soll, zu thun? Angeblich soll das neue jüdische Reich allen Israeliten, d^e a.tü irgend einem Grunde irgendwo verfolgt werden, eine Zufluchtsstätte bieten. Selbst wenn ein solches Asyl denkbar wäre, fehlte in jener Nachricht, die ernsthaft politische Blätter ihren Lesern auf1i,chen, noch immer jede Miltheilung darüber, weshalb diese Zufluchtsstätte ein eigener suceräner Staat sein werde; ebenso wie es an irgend einer thatsächlichen Grundlage hierfür fehlt, wird auch die Nennung irgend eines Namens bei der sensationellen Ente vermißt. Man könnte lachen, wenn wir nicht erlebt hätten, daß die lächerlichsten Wahnbilder schon auf unsere Kosten Verbreitung und Glauben gesunden haben. Darum möchten wir an jene schwärmenden Phantasien, die sich mit Emphase Zionisten nennen, die Mahnung richten, sich anläßlich des Wochenfestes daran zu erinnern, daß das Judenthum der Welt einen neuen Gottesgedanken geofsentart hat, daß aber alle vom Nationalitätenschwindel getragenen Phantastereien den Juden schweren Schaden bringen. Berlin, 29. Mai. Die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums" beging gestern das Fest ihres s ü n f u n d z w a n z i g j ä h r i g e n B e st e h e n s. Aus diesem Anlasse veröffentlichte das Curatvrium der Anstalt eine Festschrift, welche einen Rückblick auf die innere Geschichte derselben, einen Bericht des Curatoriums, sowie eine Uebersicht der literarischen Thätigkeit der Docenten und ehemaligen Hörer darbietet. In dem ersten Theile wird zur Vorgeschichte der Anstalt auf die Bestrebungen A. Geige r's und L- Philipps o n's verwiesen, welche schon in den Dreißiger-Jahren dem Gedanken einer jüdisch-theologischen, freien Facultät das Wort redeten. Im Mai 1869 nahm dieser Gedanke greifbare Gestalt an und, nachdem die Mittel zur Gründung der Anstalt gesichert waren, wandte sich das Cnratorium an zahlreiche jüdische Gelehrte, unter ihnen Z u n z, I o e I, Iellinek u. A., mit der Bitte um ein Gutachten, welche Gegenstände in den Lehrplan anfznnehmen wären. Im Mai 1872 wurde dann die Anstalt eröffnet, und zwar war es, wie der „Bericht des Curatoriums" hervorhebt, Herr Stadtrath Moritz Meyer, der thatkräftigst für ihre Gründung wirkte. Das erste Lehrercollegium bildeten: D. Cassel, A. Geiger, I. Lewy und H. Steinthal; für Geiger trat später P. F. Frankl und dann S. Maybanm ein; aus Lewy folgten I. Müller, später El'B'aneth und als Nachfolger Cassel's wurde M. Schreiner berufen. Die Gesammtzahl der Hörer war 168, von denen ein Drittel ans Deutschland entfällt, während der Rest vorwiegend aus Oesterreich-Ungarn und Rußland sich recrutirte. Von 75 aus der Anstalt Abgegangenen liegen Nachrichten über ihren späteren Beruf vor: 52 amtiren als Rabbiner und Prediger, 21 im Schulfach, 2 sind anderweitig beamtet. In Deutschland wirken als Rabbiner und Prediger 14, die übrigen im Anslande, vornehmlich in Oesterreich. — Die Feier des Jubilämnstages fand in den festlich geschmückten Räumen des „Brüdervereins", wo vor 25 Jahren auch die Eröffnung vor sich gegangen ivar, unter zahlreicher Betheiliguug der Freunde und Wohlthäter der Anstalt statt. Dieselbe wurde durch den vom Männerchor der Synagoge Lindenstraße unter Leitung des Herrn William Wolf vorgetragenen Psalm „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" eröffnet. Im Namen des Curatoriums sprach sodann Herr Sanitätsrath Dr. Neu m a n n den Dank für die rege Theilnahme aus, wie er sie für eine Feier zu Ehren jüdischer Wissenschaft seit fünfzig Jahren noch nicht erlebt habe. In kurzen Zügen führte er die Bestrebungen vor, die zur Gründung eines Instituts, wie die Lehranstalt es ist, geführt haben. In der Mahnung, daß jeder Jude, welcher „ein historisches Ehrgefühl" sich bewahrt hat, der „die furchtbare Verwüstung im Innern des Judenthums" wieder gut machen will, die Wissenschaft des Judenthums fördern solle, klang die Rede aus. Hierauf nahm Herr Prof. Dr. Steinthal das Wort zur eigentlichen Festrede. Mit müder, matter, kaum vernehmbarer Stimme wies derselbe noch einmal auf die Entstehungsgeschichte der Anstalt hin. Wenn auch nicht verwirklicht werde, was L. Philippson und Abraham Geiger zumal vorgeschwebt hatte — eine theoretisch-jüdische Facultät zu schaffen, so sei man doch über den Rahmen eines engbegrenzten Seminars hinausgegangen, das nur „abgerichtete Beamte", nicht aber Männer mit glühender Begeisterung für das Jndeuthum in die Welt hinaussenden könne. Sodann ging Redner auf, die Charakteristik der früheren Lehrer über, von denen er allein fünfundzwanzig lange Jahre ununterbrochen an der Hochschule gewirkt, Dr. Israel Lev y schaffte jetzt in Breslau, Frankl, der „treffliche Redner und strebsame Forscher," David Cassel, „der Besonnene und Charakterfeste,