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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1897-04-09 · 15 (9.4.1897) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
14 (1897)
Issue
15 (9.4.1897)
Date
1897-04-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 308 Dr. Block s Wochenschrift Nr. 15 Interpellationen in Bezug auf seine Stellung zum Antisemitismus. Er bezeichnete wiederholt das antisemitische Treiben als ein unwürdiges, unzweckmäßiges und unmenschliches Vorgehen, dem er mit aller Entschiedenheit im Reichsrathe entgegentreten werde. Wir freuen uns, daß Herr Professor R o s ch m a n n im Parlamente Gelegenheit haben wird, durch sein Verhalten die von gegnerischer Seite gegen ihn verbreiteten Vorurtheile zu widerlegen. Zionisten-Congreß. Am 25., 26. und 27. August 1897 findet in München ein Weltcongreß der Zionisten statt. Zweck dieses Congreffes ist, eine Annäherung und Verständigung zwischen allen Zionisten herbeizuführen und, dem gemeinsamen Bestreben einen einheitlickien Zug zu verleihen. Der Kongreß wird die Wünsche unserer an verschiedenen Orten bedrängten Brüder entgegennehmen und die Mittel zur Abhilfe berathen. Wer am Kongreß theilzunehmen gedenkt, hat sich bis spätestens 15. August anzumelden. Die Anmeldestellen in den einzelnen Ländern (Landescomit4s) werden demnächst bekanntgegeben. Vorläufig können Anmeldungen an das Centralbureau des Kongresses (Verein „Zion" Wien, H., Rembrandtstraße 11) gerichtet werden. Die Angemeldeten werden die Eintrittskarten rechtzeitig erhalten. Für Unterkunft der Congreßtheilnehmer in München wird auf Wunsch Vorsorge getroffen werden. Die officielle Einladung zum Kongreße wird, von sämmtlichen Einberufern unterfertigt, an Vereine und Körperschaften verschickt werden, sobald die Tagesordnung endgiltig feststeht. Den Kongreß wird der Alterspräsident eröffnen. Hierauf erfolgt die Constituirung Die Verhandlungen sollen nach den Grundsätzen einer vernünftigen und würdigen Redefreiheit geleitet werden. Für jeden Punkt der Tagesordnung wird ein Referent ausgestellt, an dem schon jetzt direct oder durch Vermittlung des Vereines „Zion" in Wien Mittheilungen gerichtet werden können. Die bisher bestimmten Referate sind: a) die Lage der Juden in den einzelnen Ländern (ein Specialreferent für jedes Land), ökonomische, sociale und politische Zustände. Referent Herr Dr. Max Nordau, Paris (34 Avenue de Villiers) b) die Kolonisation, ihre bisherigen Ergebnisse und ferneren Aussichten. Agrarische, industrielle, commercielle. technische Fragen. Referent Herr Willy Bambus in Berlin (W. Bülowstroße 89) c) die Aufgaben der jüdischen Wohlthätigkeit in Palästina Referent Herr Dr. Hirsch Hildesheimer in Berlin, ä) Fincnzfragen, Referent Herr Dr. Bodenheimer, Köln a. Rh. e) die Judenfrage und der nächste diplomatische Kongreß der Großmächte. Referent Dr. Theodor Herzl, Wie,-, (IX., Berggaffe 6!; f) eine Beschickung der Pariser Weltausstellung 1900 mit jüdischen Colonialproducten. Die weiteren Punkte der Tagesordnung sind später zu publiciren. Die officiellen Delegirten der eingeladenen Vereine und Körperschaften werden zur Conqreßzeit in München eine besondere Berathung auhalten und deren Ergebniß dem Kongresse mittheilen. Biele praktische Fragen, welche den Kongreß beschäftigen werden, enthalten ein Element von Actualität und können deßhalb nicht Monate vorher formulirt werden. , Findet es der Kongreß für nöthig, so wird er ein Ezecutivcomite zur Führung der jüdischen Angelegenheiten bis zu seinem nächsten Zusammentritt einsetzen. So erhalten die gemeinsamen Bedürfnisse ein Organ. Es wird ein Zufluchtsort für die Wünsche und Beschwerden unserer Brüder geschaffen. Die Judensache muß dem Belieben vereinzelter Personen — wie gutwillig diese auch seien — entrückt sein. Es muß ein Forum entstehen, vor dem Jeder iür dgs, was er in der Judensache thilt und läßt, zur Rechenschaft gezogen werden kann. Dem wird sich kein redlicher Mann widersetzen. Wir sind der Theilnahme aller Menschen gewiß, die unseren Gedanken richtig verstanden haben. Es handelt sich darum, eine dauernde, gesicherte Heimat kür diejenigen Juden zu schaffen, welche sich an ihren jetzigen Wohnorten nicht assimiliren können oder wollen. Der Kongreß zu München wird zeigen, was der Zionismus ist und will, daß er etwas ist und daß er etwas will. Dr. Theodor Herzl Wien, IX., Berggasse 6 im Namen der vorbereitenden Commission. Alphonse Daudet und Theodor Herzl. Der berühmte französifche Romandichter hat an Dr. Herzl einen Brief gerichtet, aus dem wir einige interessante Zeilen mittheilen können: „ .. Ich habe unsere Gespräche nicht vergessen, mein lieber Theodor Herzl, und als ich Ihren „Judenstaat" erhielt, habe ich nicht gesäumt, ihn zu lesen." (Folgt eine sehr freundliche Beurtheilung des Buches.) „Wenn der Judenstaat gegründet wird und ich dann noch aufrecht birr, werde ich hinkommen und Euch dort Vorträge halten. Indessen naht jetzt das Passahfest und ich schmause ungesäuertes Brot, das einer meiner Leckerbissen in der Jugend war und in unserem ganzen Süden bekannt ist unter dem Namen coudole. Tibi Alphonse Daudet. Löb Kraus oder Kräusche. Ein berüchtigter Denunckont im 17. Jahrhundert. Wenn wir einen Blick in die Vergangenheit Wersen, so gewinnen wir die Ueberzeugung, daß das Mittelalter den traurigsten Abschnitt in der Geschichte des Judenthums bildet, daß überhaupt die Geschichte der Juden im Mittelalter nichts anderes als eine ununterbrochene Erzählung von Leiden, Qualen und Trübsalen sei; denn man würgte sie zu Tausenden in Spanien, Italien, Frankreich, England und allen Provinzen Deutschlands. Bemerkt aber muß werden, daß nicht immer Edom es war, das diese furchtbaren Judeuschlächtereien und grausamen Judenverfolgungen heraufbeschworen hatte, sondern Renegaten, Convertiten, Apostaten und wie diese Verräther heißen mögen, waren es. die ihren Stammesgenossen furchtbare Wunden schlugen, die lange nicht vernarben konnten, Wunden, die heute noch, so oft sie von den Feinden Israels aufgerissen werden, dem Judenthume unsägliche Schmerzen verursachen. Auf der einen Seite gab es Leute, die, wie R. Salomo Alami sie schildert, von unbezähmbaren Ehrgeiz so sehr beherrscht wurden, daß ihr ganzes Streben dahin gerichtet war, sich in nichtjüdischen Kreisen Ehrenstellen und Ehrenämter zu ergattern. Das Judenthum war ihnen zu klein, die „Judengasse" zu enge, die Ehrenämter in der Gemeinde zu geringfügig, zu unbedeutend; sie wollten in der großen Welt eine Rolle spielen, in höheren Kreisen glänzen und von oben auf ihre Glaubensgenossen, auf deren Schultern sie sich emporgearbeitet, stolz herabblicken. Da sie aber dies als Juden in jenen verhängnißvollen Zeiten nicht erreichen konnten, so gingen sie hin, warfen das Judenthum, das ihnen eine unerträgliche Bürde war, von sich, verhöhnten und verspotteten es, zogen in den Kreisen ihrer neuen Glaubensgenossen jüdische Bräuche, jüdische Sitten und Eeremonien in's Lächerliche und stellten überhaupt das Judenthum als Carricatur dar. Auf der anderen Seite gab es wieder Skeptiker, Gottesleugner, die ostentativ alles Heilige und Religiöse verspotteten — denn Ausnahmen, b! h. einzelne Religionsspötter hat es ja zu allen Zeiten gegeben — und da man damals gegen Religionsspötter nicht so tolerant war als in der Gegenwart, sondern sie vielmehr mit dem Banne bedrohte, aus der Gemeinde Gottes ausschloß und mit der tiefsten Verachtung bestrafte, so blieb ihnen, um sich überhaupt eine Existenz gründen zu können, nichts anderes übrig, als ins feindliche Lager zu flüchten. Sie warfen ebenfalls das Judenthum von sich und suchten sich die Liebe ihrer neuen Glaubensgenossen dadurch zu erwerben, indem sie das Judenthum auslieferten, das jüdische Schriftthum fälschten, ganze Sätze aus dem Zusamnlenhange rissen und lügenhafte Märchen verbreiteten Was Wunder also, daß man in nichtjüdischen Kreisen sonderbare Begriffe vom Judenthume hatte. Aber nicht nur Renegaten, sondern auch ungewässerte Juden hat es hie und da gegeben, die das Judenthum verleumdet, dennncirt, verunglimpft und verrathen hatten, um in nichtjüdischen Kreisen irgend einen materiellen Vortheil erzielen zu können. Solch ein Verräther war Löb Kraus oder Kräusche, der seine Glaubensgenossen in Frankfurt nicht nur während seines Lebens sondern auch nach seinem Tode verfolgt hatte. Der gelehrte C arm o l y .A. theilte hierüber im Hl. Jahrgang der „Ben Ch." folgendes Histörchen mit: „Löb Kraus oder Kräusche, der berüchtigte Angeber von Frankfurt, lebte seit 1608 unbekannt in Bonn am Rhein. Er hatte wohl seinen Wohnort, aber nichtseinen Charakter geändert, denn er Plagte wie vordem seine Religionsverwandten mit Angebereien, die er im Geheimen der Polizei und der Geistlichkeit hinterbrachte. Nicht zufrieden, sie also während seines ganzen Lebens zu quälen, wollte er sie auch nach seinem Tode verfolgen. Er gab sich auf dem Todtenbette der Brüderschaft der Barmherzigkeit, die bei ihm versammelt war, um ihm die letzten religiösen Dienste zu erweisen, zu erkennen. „Ich bin ein großer Sünder", sagte er weinend, „ich habe tausendmal durch meine abscheulichen Angebereien den Tod verdient,

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