Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 14 (1897)
- Issue
- 5 (29.1.1897)
- Date
- 1897-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 92 Vr. Vloch's Wochrnfchrist Nr. 8 von der Welt als unsere armen gedrückten Vorfahren, und die Fortschritte der Wissenschaften und der Technik, an denen wir mitgearbeilet haben, gehören auch uns. Wir dürfen, wir sollen sie verwenden, und wir werden es thun. Der politische Zionismus macht sich, ausgerüstet mit allen Mitteln der Gegenwart, an das Werk. In diesem Sinne ist die Expedition des Mr. Herbert Bentwich von einer nicht zu unterschätzenden Bedeutung. Zum ersten Mal geschieht es, daß eine Schaar modern gebildeter Juden aller Berufszweige mit einem deutlichen Leitgedanken sich auf den Weg macht, das Land unserer Väter in Augenschein zu nehmen. Es ist eine nationale Forschungsreise, einzig in ihrer Art, und geeignet, die Gemüther hochzustimme.t. Dabei wird es gut sein, den Charakter der Expedition Beutwich von vornherein uns und Anderen klar zu machen. Die Reise des Mr. Bentwich und seiner Genossen hat einen rein informativen Charakter. Es sind über das Land unserer Väter so vielerlei thörichte und unwahre Vorstellungen verbreitet, die Juden der Diaspora kennen es so wenig, daß es geradezu wie eine Befteiung der Geister von beschränkten Meinungen wirken wird, wenn die Herren dieser Expedition mit Ernst und Ueberlegung und mit einer vorher festgesetzten Arbeitstheilung über die Zustände Palästinas berichten werden. Die jetzigen Zustände des Landes, das unter einer langen Culturlosigkeit verödet ist, sind wohl traurige, aber keine hoffnungslosen. Wir können es wieder beftuchten durch die Arbeit unserer Massen, die wir — wenn gewisse völkerrechtliche Voraussetzungen erfüllt sein werden — dahin lenken wollen. Die Techniker und Naturforscher, die Kaufleute und Industriellen, kurz die Männer aller Intelligenzen, aus denen die erlesene Schaar bestehen soll, werden sich und uns Rechenschaft geben von den Möglichkeiten, die auf dieses Land zu gründen sind. Und mit je weniger Phantasie dabei vorgegangen wird, desto imposanter wird ihre Arbeit sein. Sie brauchen nur ihre Kenntnisse und Erfahrungen aus den gewohnten Verhältnissen der civilisirten Länder auf Palästina anzuwenden. Sie wollen keine kühnen Pläne entwerfen, sondern tmr solche, die schon anderswo ausgeführt wurden und sich bewährt haben. Diese Pläne, int Reiseberichte veröffentlicht, werden die Möglichkeiten des politischen Zionismus der ganzen Judenheit in's Bewußtsein bringen. Bisher ist nur durch die wohlwollenden Versuche der Colonisation im Kleinen gezeigt worden, daß in Palästina der Ackerbau gedeihen kann. Unsere Pfadsucher werden die industriellen und Verkehrs-Möglichkeiten erforschen und beschreiben. Bei dieser Gelegenheit möchte ich einen Jrrthum, eine bösartige Legende aus der Welt schaffen. Man hat gesagt und glauben zu machen versucht, daß der politische Zionismus dem rein philantropischen schade. Ich habe in Constantinopel sowohl wie in Palästina in umfassender Weise feststellen lassen, daß dies nicht wahr ist. Ich habe von officieller türkischer Seite schriftliche Erklärungen erhalten, welche diese böswilligen Gerüchte in schärfster Weise dementiren. Aitdererseits habe ich die Ergebnisse einer in Palästina vorgenommenen Enquete von einer Anzahl der angesehensten Juden, die dort wohnen, unterfertigt erhalten. Es wurde festgestellt, daß meine Arbeiten der philantropischen Colonisation nicht nur nicht geschadet, sondern geradezu genützt haben. Es ist in der That schon jetzt unsere Aufgabe, die in Palästina bereits angesiedelten Juden durch eine vernünftige Arbeitsunterstützung zu Arbeitern zu machen. Die Schnorrerei in Palästina gereicht uns tlicht eben zur Ehre. Die Schnorrer sollten zur Arbeit hinaufmoralisirt werden. Statt in sinnlosen Spenden für Müßiggänger und Bettelbrief-Industrielle sollte sich der nach Palästina gewendete Wohlthätigkeitssinn der Weltjudenschaft lieber in den modernen Formen der Arbeitshilfe bethätigen. Man sollte das. Geld, das man tmch Palästina schickt, für die Schaffung von Arbeitsgelegenheiten verwenden. Es existireu iir Palästina Comites von ausgezeichneten, ernsten und vertrauenswürdigen Männern, welche diese Aufgabe zu lösen wohl in der Lage sind. Neben den politischen und philantropischen Zionisten gibt es aber noch eine dritte Kategorie, die man die Geschäftszionisten nennen kann. Diese leben von den philantropischen Zionisten und sie Haffen uns, die politischen Zionisten, weil sie fürchten, daß wir ihnen ihre Geschäfte stören. Es ist ein beschämendes Capitel, auf das ich um unserer Judenehre willen ungern und auch jetzt nur flüchtig eingehe. Es geschieht auch jetzt nur, um diesen Leuten eine Warnung aus Anlaß der Expedition Bentwich zu ertheilen. Es sind verschiedene Lügen zu meiner Kenntniß gekommen, die man über mich sowohl in Constantinopel, wie anderswo in Umlauf zu setzen versucht hat. Ich bin darüber bisher mit Verachtung hinweggegangen, obwohl ich die unbestimmte Besorgniß habe, daß diese Jntriguen unserer Sache schon geschah.t haben. Nun halte ich aber die Expedition Bentwich für so werthvoll und wichtig, daß ich im Vorhinein den Leuten, die schon zu schaden versucht haben, öffentlich und energisch »Hands off!« zurufen will. Sie mögen es nicht wagen, diese Forschungsreise zu verdächtigen. Diese Expedition hat keinerlei geheime oder illoyale Zwecke, und wir haben die feste Hoffnung, die wir laut und ehrlich aussprechen: daß die Reise zum Guten führet! wird, nicht nur fiir die Juden, sondern auch für die Türkei, ja für alle Cnltnrintereffen, die an der Lage im Orient betheiligt sind. Diese Türkei, die nicht leben und nicht sterbet! kann, dieses Volk einfacher, tapferer und int tiefsten Grund ihres Wesens gutmüthiger Menschen, deren größter und vielleicht einziger Fehler es ist, daß sie sich in die modernen Verhältnisse nicht zu finden wissen — sie brauchen eine Auffrischung, lvelche die Rückkehr der Juden bieten kann. Die zerrütteten Finanzen können durch die Juden nach einem Plane geordnet werdenden ich unlängst in einer großen Versammlung in Wien skizzirte und der auch vom Londoner „Jewish World" reproducirt wurde. Die Ordnung der türkischen Finanzen bedeutet auch eine Gesundung der vielfach beklagten politischen Verwaltung und somit auch eine gründliche Besserung der Lage der Christen im Orient. Wir alle haben mit tiefstem Schmerz von den Blutopfern gehört, die den traurigen Zuständen während der letzten Monate gebracht wurden. Und jedes Einschreiten der Mächte wäre von noch größeren Metzeleien gefolgt gewesen. Es wird sich im Orient nur durch ein alle berechtigten Empfindungen und Interessen schonendes Vorgehen eine wahrhafte dauernde Besserung schaffen lassen. Die von uns vorgeschlagene Lösung der Judenfrage bietet einen solchen Ausweg dar, von dem alle Betheiligten reichen Gewinn hätten. Wohl die größte politische Action unserer Tage ist der Ausbau der nördlichen Verkehrswege nach Asien. Asien ist jetzt von Europa entfernter als Amerika. Die rttssische Eisenbahn- Verbindung mit dem nördlichen Asien ist etwas Großartiges, wovon wir uns jetzt, glaube ich, nicht einmal annähernd eine Vorstellung machen können. Welche Völkerbewegungen da eintreten werden, wie das tausendfältig im Guten wie im Bösen auf alleLebensverhältnisse Europas zurückwirken wird, das werden die Menschen des kommenden Jahrhunderts an sich erfahren. Wir stehen da vor einem unermeßlichen Problem. Aber das sagt uns unser einfacher Verstand, daß dieser nördlichen Verbindung mit Asien auch eine südliche entsprechen muß und daß die bisherigen kürzesten Verkehrswege nicht genügen können. Ein Blick auf die Landkarte belehrt uns, daß der neue Weg durch Palästina gehen wird, gehen muß. Sie haben sicherlich von dem klugen geschäftlichen Plan gehört, den die Blätter vor Kurzem meldeten. Ein Consortium will sich um die Concession einer Bahn bewerben, die vom mittelländischen Meere nach dem persischen Meerbusen gehen soll. Ich glaube, um die Concession dieser Bahn sollten sich vor Allem Juden bewerben, die doch sonst es verstehen, den Vortheil neuer Unternehmungen zu erkennen. Ja, für Andere ist die Unternehmung gar nicht so vielversprechend, wie für Juden, die den großen Zweck der Nation vor Augen haben. Dieses öde, arme Land braucht zunächst eine verkehrskräftige Bevölkerung, von der die Bahn leben soll, und ich weiß nicht, welche Massen nach Palästina gehen sollen, wenn nicht die Juden. Den Anderen ist es nur ein unsicheres, verwahrlostes Stück Erde, das zur Colonisirung nicht reizt. Es gibt bessere, fruchtbarere Gebiete, die leichter zu erwerben sind. Aber für uns ist es das Land unserer Väter, unser historisches Vaterland, das die Anziehungskraft auf unsere Massen nie verloren hat, wie sich dies im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gezeigt und auch in den neuesten Colonisirungsversuchen bewährt hat. Freilich leugnen manche Derjenigen, denen es zu gut geht, diese alte Thatsache. Wir aber, die wir mit dem Volk der Juden in täglich inniger werdendem Zusammenhänge stehen und die Nothschreie wie die Hoffuungsrufe. der Armen und der Jungen täglich stärker hören, wir kennen die Thatsache genau. Der Ruf nach Zion wächst. Und für uns ist das keine leere Formel, wie für manche lippenfromme und von ihrer Lippenftömmigkeit lebende Leute. Wir glauben nicht, daß es genügt, sich mit Gebeten nach Zion