Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 9r. Vloch's Wochenschrift. Seite 291 DiePegimisten und die Optimisten. „Ausw andern Zum zweiten Male innerhalb weniger Tage schlägt das Wort an unser Ohr! Fast "gleichzeitig mit der Theodor Herzl'- schen Broschüre „Der Judenstaat." mtb unabhängig von derselben ist in Berlin (Fr. W e s e m a n n's Verlag) eine Schrift von Dr. Bernhard C v h n unter dem Titel: „Bor dem Sturm. Ernste Mahnworte an die deutschen Inden" erschienen, deren Kern gleichfalls die Frage der jüdischen Auswanderung bildet. Diese nlerkwürdige, vielfach selbst auf's Detail sich erstreckende Uebereinstimmnng zweier Schriftsteller, deren Wirkungskreise sonst weit anseinandergehen, gibt zu denken. Sie beweist aus's Neue, daß unter dem Drucke des Antisemitismus gerade die stolzesten und edelsten Geister sich hoch über die Niederungen des Alltagslebens emporheben zu weitem 'Ausblick in die Ferne, auf das Schicksal kommender Geschlechter. Dr. Theodor H e r z l und Dr. Bernhard C o h n — Beide zählen zu den Besten unseres Stammes, Beide gereichen dem Judenthum zur Zierde, und je tüchtiger, je vorurtheilslvser sie sich fühlen, je größer der Drang in ihnen ist, die Kräfte ihres Geistes der bürgerlichen Gesellschaft, dem Staate, der ganzen Menschheit dienstbar zu machen, unrso tiefere Wunden muß der Antisemitisnlus ihrem Stolze schlagen. Das ist der psychologische Proceß, der diese beiden Männer, unabhängig von einander, dazu geführt hat, nach einem Auswege zu suchen, auf welchem sie sich und ihre Glaubensgenossen allen weiteren Demüthigungen entziehen könnten. Man kennt den Inhalt der Broschüre H e r z l's ans der eingehenden Analyse, welche der Verfasser selbst in unserem Blatte gegeben hat. H e r z l hat ein vollständiges, sorgfältig und gründlich durchdachtes System der Auswanderung aufgestellt. Er hat ihren Zielpunkt und die Schaffung eines eigenen Judenstaates fixirt, er hat die Organe für die Propagirung der Idee, für die moralische und materielle Cvntrole, wie für die finanzielle Liquidation bezeichnet und sogar dem neuen Staate schon seine fester: Umrisse, seine bestimmte Verfassung gegeben. Die Kritik, welche H e r z l an die gesellschaftlichen Zustände Europas legt, ist darauf angelegt, die eherne Nothwendigkeit eines selbstständigen Judenstaates zu erweisen. Nicht so bei Dr. Bernhard Cohn! Bei diesem wächst die Auswanderungs-Idee noch form- und systemlos, aus der Betrachtung der socialen Wirkungen des Antisemitismus heraus; Herzl will orgauisiren, führen, Cohn mir mahnen, belehren, H e r z l verwirft die Möglichkeit eines dauernden friedlichen Zusammenlebens mit den arischen Völkern, fiir C^o h n ist die Auswanderung nur das letzte der mannigfachen Mittel, welche er den Juden anräth, um sich der antisemitischen Bedrängung zu erwehren. Ehe er die Expatriirung vorschlägt, betont er die Berechtigung der Juden, sich als treue Staatsbiirger zu fühlen. So gut wie Protestantismus und Katholizismus, welche ausgesprochenermaßen Deutschland in religiöser Beziehung in zwei feindlich gegeniiber stehende Lager zerreißen, in strengster Ausschließlichkeit ihre religiösen Standpunkte betonen dürfen, ohne daß ihr deutscher Patriotismus angezweiselt werden darf, ebenso wird man es uns, der verschwindenden Minderzahl, nicht verübeln dürfen, wenn wir unser Judenthum heilig halten, und doch dabei die Forderung anfftellen, daß man uns die Treue, die wir fiir den Glauben unserer Väter bewahren, nicht als gegnerische Haltung dem nationalerr Volksbewußtsein gegenüber anrechnen solle. Wir müssen streng daraus sehen, daß wir als ebenbürtige Brüder des deutschen Vaterlandes betrachtet werden, und ernst betonen, daß uns nichts ferner liegt, als der Wohlfahrt der Gesammtheit und Einheit des Staates entgegenzuwirken." Da haben wir den principietten Gegensatz zu Herz l, der von dem Grundsätze ansgeht: „Wir sind ein Volk, ein Volk" und direct leugnet, daß die arischen Völker uns, das jüdische Volk, jemals verdauen lernen, sich mit uns affimiliren könnten, llitb trotz dieser Verschiedenheit der Ausgangspunkte gelangen doch beide Männer zu überraschenden gleichartigen Consequenzen — der Eine vom Standpunkt der Nationalität, der Andere vom Standpunkte der Ethik. Wie Herz l, so muß schließlich auch Cohn bekennen: „Man will uns nicht halten, wir sind überall im Wege, diese Thatsache ist nicht wegzuleugnen." Und an dieses Bekenntnis schließt er den Satz: „Darf dann der Gemiedene es mit seiner Ehre vereinbar halten, in dieser Gemeinschaft auch nur als G e d u l d e t e r zu fignriren? Nein!" Und nun steht er vor der «ltima ratio : „Was bleibt uns unter solchen Umständen weiter übrig als — das Feld zu r ä u m e n?" Bei H e r z l ist die Auswanderung eine Sache der Vernunft, bei. C o h n Sache der Empfindung des beleidigten Stolzes, des verletzten Ehrgefühls. Dem entspricht auch die Richtung, welche der Eine oder der Andere der Judenwanderung geben will. H e r z l will in dem selbstständigen Judenstaat unseren Glaubensgenossen das Recht der Selbstbestimmung, die volle Souveränität für alle Zeiten zurückgewinnen, Cohn Null nur eine neue Gesellschaft ohne confessionelle und nationale Vvrurtheile aufführen, in welcher man sich die Juden als gleichberechtigte Staatsbürger gefallen läßt — das wäre die nordamerikauische Union. Freilich mnß er zngestehen, daß sich dort auch schon antisemitische Regungen zeigen, nur meint er, daß sie mehr gegen die Ueberschwemmung mit den verarmten, in der Cultur etwas zurückgebliebenen Brüdern aus Rußland, als gegen die Einwanderung bemittelter und gebildeter Juden gerichtet sind. Aber just um die armen Juden, die vom Antisemitismus am schwersten betroffen werden, handelt es sich doch! Wir kommen aus diesen Punkt zurück und lassen zunächst Dr. Cohn selbst sprechen. „Wir meinen", sagt er, „es ist der Erwähnung werth, ob es nicht wirklich angebracht wäre, daß wir uns zu bemühen suchen, selbstverständlich so weit es für den Einzelnen unter den gegebenen Verhältnissen innerhalb der Grenzen der Möglichkeit liegt, dem Vaterlande den Rücken zu kehren, wenn es uns noch so schwer fallen sollte.Niemand wird uns der Treulosigkeit bezichtigen können, wenn wir uns unter den herrschenden Verhältnissen zur Auswanderung entschließen. Wir haben selbstredend nicht eine plötzliche allgemeiire Auswanderung in großartigem Style im Sinne, sondern eine solche, wie sie instinctiv zu allen ft,eiten seitens der europäischen Völker nach den anderen Erdtheileu, that sächlich ununterbrochen mit wechselnder Intensität, stattgefuudeu hat und noch iminer ftattfiubet, jedoch in einem erheblich schnelleren Tempo, auf dem Wege der Organisation und nach einem reiflich durchdachten Plane . . . ." „Wir leben in der sicheren Hoffnung daß, wenn wir erst mit Ernst eine planmäßige, wenn auch langsame Expatriirung in Fluß gebracht haben und diese einigermaßen gut functionirt, unsere Gegner dann bald die Verkehrtheit ihrer feindlichen Gesinnungen gegen uns einseheu, den von ihnen selbst angerichteteu Schaden aur eigenen Leibe verspüren und vielleicht aus eigenem Antriebe uns selbst zum Verbleiben im Lande veranlassen werden." „Da wir nun einmal klar sehen, daß die Bevölkerung, und zwar der sehr maßgebende Theil derselben, uns fortwünscht, und die Regierung diese Bestrebungen wohlwollend begünstigt, so ist es unsere Pflicht und liegt auch in unserem Interesse, diesen Wünschen entgegenzukommen, indem wir selbst eine allgemeine Judenauswanderung zu veranlassen suchen und die Staatsregieruug um ihren Beistand angehen. Dieselbe wird nicht verfehlen, uns recht gern behilflich zu sein, denn ihr Verhalten uns gegenüber ist eigentlich auch nur ein „Herausgraulen" zu nennen .... Wer soll nun zuerst das Land verlassen? Diejenigen natürlich, welchen ein Dvmicilwechsel am wenigsten schwer fällt. Wer von seinen Renten lebt oder so viel erworben hat, daß er davon leben kann, thut nicht nur im allgemeiner jüdischen Interesse, sondern auch zu seinem rrnd seiner Kinder Wohl am besten, wenn er zuerst den Staub von seinen Füßen schüttelt . . „Eine zweite Kategorie jüdischer Auswanderer würden diejenigen abgeben, welche als Söhne der besser situirten und mittleren Stände im Judenthunr sich über das Meer begeben könnten, um, mit ausreichendenr Capital, guter Ausbildung und Unternehmungslust ausgerüstet, die gewisse Zuversicht haben können, jenseits des Meeres sich eine gute Lebensstellung sowohl in materieller als auch in socialer Hinsicht zu erwerben . . . ." „Weiter! Da der jüdischen ärmeren Bevölkerung durch die 'Agitation der Antisemiten, welche in dem Geschrei: „Kaust bei keinem Juden!" ihren häßlichen Ausdruck findet, das Leben sehr erschwert wird, so ist es auch wünschenswerth, wenn auch fiir diese Unglücklichen, denen man hier nicht das geringste Stückchen Brot gönnt, wo anders eine Gelegenheit geschaffen wird, wo sie sich in ehrlicher Weise, unbeneidet ihren kärglichen Unterhalt erwerben können.... Ein zu genanntem Zwecke gegründeter jüdischer Verein würde großen Segen stiften, namentlich wenn er mit Vereinen in Amerika gleicher Tendenz Hand in Hand ginge." So weit die 'Ausführungen des Herrn Dr. Bernhard Cohn. 'Auf den ersten Blick erkennt man, daß die Vorschläge Tr. Co h n's sich im Ursprünge wie im Endzwecke von jenen Herzl's wesentlich unterscheiden. Den selbstständigen „Judeustaat" würde die Masse der armen, aber glaubenstreuen Juden zuerst bevölkern, weil man vor Allem Arbeitskräfte brauch:; die reichen