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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 246 Ar. Vloch's Wochrnfchrifi. Nr. 12 milienwerkstätte, in welcher Judka's Großvater beit berühmten Frack genäht, den einzigen in den Annalen des Städtchens, den Frack, dessen von den ältesten Einwohnern des Ortes noch jetzt mit Stolz und Besriedigung gedacht wurde. Ohne Bedauern verließ Judka den Cheder und ohne Freude ging er an seine neue Thätigkeit. Zuvörderst verrichtete er kleine Handlangerdienste, nähte Knöpfe an, setzte Flecke auf und lernte von feinem Vater, wie man auf den Schultern der Clienten die Falten der Kleider mit den Händen glatt streicht, bei den engen Röcken beweist, daß sie sehr bequem sind, bei den weiten, daß sie vorzüglich liegen und daß alle ehrenwerthen Bürger den Schnitt unbedingt loben müßten, da selbst der Herr Gras aus Wywloka in seiner ganzen, sowohl inwie ausländischen Garderobe keinen feineren Anzug besitzt. Bei dieser Arbeit begann Judka's bis dahin gerader Rücken sich nach und nach zu runden und das linke Schulterblatt, da es die Unmöglichkeit einsah, sich mit feinem Gegenüber auf gleichem Niveau zu erhalten, sich zu senken. In Folge dieser kleinen „Fehler" blieb Judka ein „Civilschneider." Sonst hätte er vielleicht als Held Lorbeeren auf dem Felde der Ehre geerntet, obgleich er keine angeborene Vorliebe für diesen Berus besaß. Schon als Kind hatte er die Nadel dem Schwerte vorgezogen und beim Anblick der in Reih und Glied schreitenden Soldaten immer Schreck empfunden. Während seiner Lehrzeit unternahm Judka mit seinem Vater manchmal Ausflüge in die Umgegend. In solchen Fällen pflegten sie, außer dein Handwerkzeug, auch zwei Säcke mitzunehmen, in denen dann immer Vorräthe für die Speisekammer der Mutter heimgebracht wurden. Nach Verlaus von sechs Jahren war Judka ein vollkommener Schneider und ein vielversprechender junger Mann. Er besaß einen langen Kamlottrock, den er selbst verfertigt, einen wollenen Gürtel und schöne neue Stiefel. Nun sollte er eine weite Reise unternehmen. Es wurde beschlossen, daß er in Gesellschaft seines Vaters und mehrerer Familienmitglieder nach Sokolow fahre, woselbst ein kleines Geschäft zu erledigen war. Judka sollte nämlich heiraten. Zwar hatte er die schöne Bajle Goldwasser, die Tochter des größten Schneiders in Sokolow, welche die Gefährtin seines Lebens zu werden bestimmt war, niemals gesehen, doch war dieser Umstand vollkommen belanglos. Würde eure persönliche Bekanntschaft die Mitgift seiner Braut auch nur um einen Groschen vergrößern? Würde die schöne Bajle, wenn früher kennen gelernt, Erdäpfel besser kochen oder magere Hühner zu billigeren Preisen karrfen? Nichts von alledem — wozu also der vergebliche Zeitverlust und die unnützen Kosten? Der Hochzeitszug, — mit einem Orchester, das arrs Geige, Flöte und Tamborin bestand, — erwartete den Bräutigam bereits. . . . Schrecklich viel Geld kostete diese Hochzeit.! Das junge Paar wurde unter dem Trauhimmel geleitet und für's ganze Leben miteinander verbunden. Dann fand eine reichliche Bewirthung aller Gäste statt und für Judka begann ein neues Dasein. Die schöne Bajle löste den Schleier vom Haupte und zeigte sich den Augen ihres Gatten.Ihr Gesicht war roth und mit Sommersprossen bedeckt, die ganze Erscheinung kurzhalsig und gedrungen. Im Grunde genommen, war sie nichts weniger als schön, indessen kann man mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß, wenn sie selbst die Reize der biblischen Judith oder der Shakespeare'schen Julie besessen hätte, dies für unseren Helden ein ganz nebensächlicher Umstand gewesen wäre. Wenn dieses Kind, — das jetzt doch schon ein Mann war, — überhaupt jemals von irgend etwas geträumt hatte, so war dies sicherlich nicht von Frauen der Fall. Er war noch so jung, hatte in seinem Leben so wenig Schönes gesehen, von Gefühlen so wenig reden hören, daß er nicht die geringsten Anlagen zu einem Romanhelden besaß, noch besitzen konnte. Die Heirat war ein Geschäft, welches Judka's Vater und Schmul Goldwasser, der erste Schneider in ganz Sokolow, mit einander abgeschlossen hatten. Beide Väter erlegten für das junge Paar ein Capital von je dreißig Rubeln; die ersten drei Jahre sollte Judka bei seinem Schwiegervater wohnen, daselbst essen und sich in seinem Fach fortbilden. Nach Ablauf dieser Zeit sollte er mit seiner Gattin in seine Heimatsstadt zurückkehren und dort wieder drei Jahre bei seinem Vater bleiben. Dann würde man ihm sein Capital mitsammt den mittlerweile angehäuften Zinsen auszahlen — und von nun an mußte er auf eigenen Füßen stehen und sich selber durch's Leben zu Helsen suchen. Das Programm wurde buchstäblich ausgeführt. Ich weiß nicht, ob während der ersten drei Jahre das junge Ehepaar einen herzlichen Blick, einen warmen Händedruck oder ein Liebeswort miteinander wechselte, glaube jedoch mit Bestimmtheit behaupten zu können, daß dies nicht der Fall war. Er arbeitete in der Werkstätte seines Schwiegervaters, sie theilte ihre Zeit zwischen Küche, Wiege und Markt, wo sie kleine kaufmännische Transactionen betrieb. Indessen muß man gestehen, daß sich die jungen Leute gegenseitig treu waren und daß keines von ihnen jemals Lnst empfand, in eine andere Richttmg zu blicken. Wozu denn auch? Sehen sie einander doch kaum an.... Als Judka heimkehrte, war er von dem fortschrittlichen, in Sokolow herrschenden Geiste durchdrungen. Sein Rock war um zwei Zoll kürzer als ehemals, seine Stiefel wurden hin und wieder geputzt und über seine Thür hing er ein Schild mit der Aufschrift: „Judka, Warschauer Schneider." Dieser Titel enthielt keine Lüge, da Judka einen Theil seiner Fachkenntniß, wenn auch nicht unmittelbar, so doch mittelbar der Hauptstadt zu verdanken hatte. Die Genesis dieses Wissens war folgende: Die Hochschule der Schneiderkunst hatte Judka bei seinem Schwiegervater, Schmul Goldwasser, durchgemacht. Schmul selber hatte bei Hirsch Fein in Biala, Hirsch Fein bei Jankiel Pilkey in Siedlce gelernt; Jankiel bei Abraham Gelbfisch, einem großen Schneider in Lublin, Abraham Gelbfisch bei Bornch Wlodawer in Praga, und Wlodawer endlich bei Chaim Tabaksblum, der nicht nur eine Werkstätte in Warschau besaß, sondern auch sechsnndzwanzigster Mitinhaber eines großen Trödelwaarengeschüfts auf dem Krasinski'schen Platz war. (Fortsetzung folgt.) Literatur;. Der Judenstaat. Neber Einberufung des Einzelvereines „Wien" des Palästina-Colonisattons-Verbandes „Zion" fand Samstag, den 14. d. M. in Robitschek's Restauration vor einer zahlreich besuchten Versammlung eine Discussion über Dr. Theodor Herzl's Broschüre „Der Judenstaat" statt. Dieselbe wurde mit einem ausführlichen Referate des Herrn Dr. Moriz Schnierer über die Vorgänger Herzl's und den Inhalt der Broschüre, verbunden mit einer objecttven und anregenden Kritik, eingeleitet. Aus der sehr regen Discussion, an welcher sich unter Anderen in hervorragender Weise die Herren Dr. Josef S. Bloch, Universitätsdocent Dr. Feilbogen, Dr. Jacob Kohn und Dr. Alex. Münz betheiligten, ergeht die sehr erftenliche Thatsache, daß Dr. Herzl's Broschüre selbst in solchen Kreisen, die bisnun allein Jüdischen ferne standen, Enthusiasmus für die jüdisch-nationale Sache' erweckt hat. Bis auf wenige Ausnahmen äußerten sich fast alle Redner zustimmend und spendeten dem Verfasser reichliches Lob. So sprach zuerst Herr Docent Dr. Feilbogen, ohne in allen Punkten mit dem Verfasser übereinzustimmen, seine Freude und Anerkennung darüber aus, daß ein Mann von der Stellung Herzl's in so entschiedener Weise für das Judenthum eingetteten sei. Unter fortwährendem Beifall der Versammlung widerlegte Dr. Bloch einzelne gegen die Herzl'sche Broschüre erhobene Einwände und ttat mit warmen Worten für den Grundgedanken Herzl's ein. Vielfach wurde jedoch das Bedauern über den Entschluß des Verfassers ausgedrückt, mit der Publicatton seine Aufgabe als erledigt zu betrachten. Zum Schlüsse wurde nachstehende, von den Herren Dr. Bloch und Dr. Schnierer beanttagte Resolution mit Acclamatton angenommen: „Die am 14. März 1896 über Einberufung des Einzelvereines „Wien" desPalästina-Colonisations- Verbandes „Zion" in Robitschek's Restauration in Wien tagende Versammlung drückt dem Herrn Dr. Theodor Herzl für sein mannhaftes Austreten für die Lösung der Judenftage durch den in seiner Broschüre „Der Jndenstaat" entwickelten Plan den herzlichsten Dank aus und richtet an ihn den Appell, für die Verwirklichung thatkrüftigst mitznwirken."

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