Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 9 (28.2.1896)
- Date
- 1896-02-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 170 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 9 bürgern in die Hände, indem sie mit schmunzelndem Wohlwollen die Verheerungen beobachtet, welche der Antisemitismus im liberalen Lager angerichtet hat, und indem sie die Wucht ihrer Agitation nicht gegen die reactior-ären Parteien, sondern gegen die ohnehin hart genug bedrängte liberale Partei kehrt. Ja, man geht kaum zu weit, wenn man von ihrem officiellcn Organe, der „Arbeiter- Zeitung", behauptet, daß sie die antisemitische Hetze geradezu fördert. Dieses Blatt unterscheidet sich überhaupt in sehr ungünstiger Weise von seinem deutschen Schwesterorgan, dem „Vorwärts". Dieses letztere känrpft in einem durchaus anständigen, sachlichen Tone, während die „Arbeiter-Zeitung" von persönlichen Beschimpfungen und Verdächtigungen geradezu trieft. Die deutsche Socialdemokratie vertritt auch in der Judenfrage die Forderungen der Menschlichkeit, während die Führer der österreichischen Socialdemokratie mit hämischem Behagen die Antisemiten beloben, weil sie dem Liberalismus schwere Wunden geschlagen haben. Die leitenden Persönlichkeiten unserer Arbeiterpartei haben es verstanden, aus einer herrlichen Bewegung, wie es der Kampf der besitzlosen Masse um ihre wirthfchaftliche Freiheit und um ihre bürgerlichen Rechte ist, eine christliche Classenbewegung mit stark reactionärem Beigeschmack zu machen. Wären diese Herren wirklich Kämpfer für das Recht und die Freiheit Aller, dann müßten sie in unseren Glaubensgenossen ebenso eine unterdrückte Classe erblicken, wie in den Arbeitern und müßten für ihr Recht mit derselben Entschiedenheit eintreten, wie für jenes des christlichen Proletariats. ' Wir wissen wohl, was uns die Herren Adler und Genossen entgegenhalten werden. Sie werden uns sagen, daß sie ja nur die Großjuden bekämpfen! Aber das ist nicht wahr! Indem sie den Antisemiten Beifall klatschen, bekämpfen sie den armen jüdischen Hausirer und den schwer bedrängten jüdischen Mittelstand genau so, wie die großen jüdischen Capitalisten, die übrigens in der Sorge für Wohlfahrtseinrichtungen zu Gunsten der Arbeiter den christlichen Unternehmern weit vorauseilen! Man verfolge nur die gegenwärtige Wahlbewegung t Mit drohender Geberde gegen die Antisemiten sind die Socialdemokraten in dieselbe eingetreten. Aber ihre Führer geizen nur nach billigen Lorbeern! Sie haben auf die schwierige Arbeit, in die antisemitischen Versammlungen zu gehen und dort die irregeleitete Wählerschaft aufzuklären, verzichtet. Dem Lueger und Schneider treten die Herren Adler und Ellenbogen nicht entgegen. Stack dessen erscheinen sie in den Wählerversammlungen der liberalen Partei, von der sie behaupten, daß sie längst todt sei, und schlagen sie immer auf's Neue todt! Sie nennen die Liberalen Schufte, Ausbeuter, Feiglinge und Cretins, als ob sie von den antisemitischen Führern eigens gedungen worden wären, über die Liberalen heldenmüthig aus dem Hinterhalte herzufallen. Der ganze Effect, den sie mit ihrem bisherigen Auftreten erzielt haben, liegt nicht etwa in einer Schwächung der antisemitischen Partei, sondern darin, daß sie ein paar bürgerliche Ideologen, wie die Socialpolitiker der inneren Stadt, bewogen haben, der liberalen Partei ihre Stimmen zu entziehen, die damit indirect den Antisemiten zu Gute kommen. Unsere Glaubensgenossen werden sich durch diese wahrhaft perfide Haltung der Führer in ihren Sympathien für die Arbeiterschaft nicht irre machen lassen. Ueber den Freiheitssinn und das Gerechtigkeitsgefühl der Herren Adler und Eonsorten aber werden sie sich ihre Meinung bilden, und wenn Herr Victor Adler auf dem Brüsseler Congreß sagte, die österreichische Bourgeosie sei die dümmste und faulste in aller Welt, so können wir es der österreichischen Socialdemokratie sagen: Sie ist in ihrem Kerne durchaus gesund, aber ihre Führung ist so bornirt und perfid, wie nirgends sonst in der Welt! Weshalb mWoniren die Juden nicht? Vortrag, am 8. Februar d. I. in der „Jüdischen akademischen Lese. balle", gehalten vom Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n. Meine Herren! Der Vortrag, den ich auf Ihren Wunsch Ihnen zu halten gedenke, soll die Frage behandeln, weshalb die Juden nicht missioniren. Die Frage scheint mal a propos zu sein, denn wir sollten in der ßtzigen Zeit froh sein, wenn wir unseren Besitzstand behalten und eine mögliche Erweiterung desselben uns gar nicht beifallen lassen. Aber die Frage ist oft besprochen worden und verlohnt auch heute eine Beantwortung, die wir in wissenschaftlicher Weise, fern von dem Treiben und dem wüsten Geschrei des Tages, sine ira et stndio versuchen wollen. Ich verstehe unter Missioniren, was man im christlichen Sinne darunter versteht, die auf die Bekehrung Andersgläubiger gerichtete Veranstaltung, wie dieselbe von den Bibel- und Missionsgesellschaften betrieben wird. Das Christenthum betrachtet das Missioniren als eine religiöse Pflicht, das Judenthum weiß davon nichts und will davon nichts wissen, womit nicht ausgeschloflen ist, daß auch das Judenthum missionirt, aber auf seine Weise, worauf ich am Schlüsse zu sprechen kommen werde. Ich will versuchen, die aufgeworfene Frage aus unserer Geschichte und aus dem Wesen unserer Religion zu beantworten. Dazu ist ein kurzer historischer Rückbl'ck erforderlich. Die Bibel spricht an vielen Stellen von „Gerim", Fremdlingen. Die griechische Uebersetzung der Siebzig gibt das hebräische „Ger" gewöhnlich durch Proselyt wieder, und die deutschen Uebersetzungen des Neuen Testamentes haben für das griechische Wort in der Regel den Ausdruck „Judengerosse". Was hat es nun mit diesen Proselyten im alten Israel aus sich? Das waren keineswegs Maschen, welche die jüdische Religion oder die Gesammtheit der biblischen Gebote auf sich genommen hatten. Dies wurde von ihnen niemals gefordert. Sie waren sowohl in nationaler, wie in religiöser Hn sicht Fremde. Dennoch stellt die Bibel sie, was ihre Behandlung betrifft, mit den Israeliten auf eine und dieselbe Stufe, ja die Bibel schreibt an vielen Stellen für diese Fremden um so nachdrücklicher eine liebevolle Behandlung vor, als die Israeliten selbst in Egypten Fremde gewesen waren und viel zu leiden gehabt halten. Rückert sagt in einem Epigramm, daß die Magd, der es gelingt, Herrin zu werden, sichlr ihre Magd im ärgsten Regen ausschickt, und im Allgemeinen pflegt es ja auch so zu sein, daß die Menschen ihre Untergebenen entgelten lassen, was sie selbst einmal als solche gelitten haben. Solche Menschen haben die Knechtschaft oder das Bediententhum innerlich nicht überwunden. Es gibt auch ganze Völker, welche immer Bediente bleiben, selbst wenn sie eine Grrßn acht sind. Das sieht man an der abschätzigen Art, wie sie die Fremden behandeln. Die Lehre Moses dagegen verlangte von den Israeliten die innerliche Selbstbefreiung, und eine Anleitung dazu sollte die menschenfreundliche Behandlung der Fremden sein, in deren Schicksal sie ihr eigenes früheres Schicksal immer vor Augen hatten. Um dieses wirksame Beispiel hätten die Israeliten sich selbst gebracht, wenn sie von den Fremdlingen ein völliges Aufgehen und Verschwinden im israelitischen Volksthum gefordert hätten. Die Israeliten waren durch diesen Gesichtspunkt vor der Neigung zur Proselytenmacherei geschützt, sie bedurften eines Goflvolkes. um sich als Wirthsvolk von der besten Seite zu zeigen, wie denn noch bis auf den heutigen Tag für den frommen Juden kein Festmahl denkbar ist, das nicht durch die Anwesenheit von „Orchim", von armen Fremden, gewürzt wird. Der Fremde bildet in der Bibel die Ergänzung der Gruppe Bedürftiger, zu welcher außer ihm die Leviten, die Armen, die Witwen und die Waisen gehören, welche bei festlichen Anlässen Gäste des Israeliten sein sollten, und wenn Jhering die ursprüngliche Pflege der Gaflsteundschaft den Phöniciern zuweist, so hat er in der Ferne gesucht, was ihm bei den Israeliten und in der Bibel viel, näher lag. Ganz ohne Pflichten kam allerdings der Fremde oder der Proselyt nicht weg, das wäre eine Betätigung des talmudischen Sprichwortes gewesen, welches einen widersinnigen Zustand bezeichnet: „Der Einheimische auf der Erde und der Fremde in . den Himmel gehoben!" Aber der Pflichtenkreis war klein, er umfaßte die sogenannten sieben Noachidischen Gebote, das waren hauptsächlich