Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 47 (22.11.1895)
- Date
- 1895-11-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 47. Dr. Bloch’s Jahrgang XII. Centrslorgsn für die gefammten Interessen des Iudenthums. K. k. Poysparkalsrn-Amt Clraringberketzr Nr. 8i0.976. Ardsrtion und Rdministralion: Wien II., Vulrrr Arigailrnfirahr 1a. Telophon-Nr. 6535. - Wien, 22, November 1895. "E8"* Erscheint jeden Freit-ag. --4- Man abonniri bti allen Postanllalirn des In- und Auslandes. U Seprgavrrts für Sesterrrtch: Halbjährig 4 fl. — 8 Ar. Einzelexemplare 25 fr. Xür’s Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Jtr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die 4 nnl gespaltene Peiitzeile 12 fr. MM Inhalt: Leitartike l: Zur Lage. — D:e Reichsrathswahl in Kolomea. — Bekenntnisse einer schönen Seele. — Das Fischhof-Denkmal. — „Das Fest der Sonnenwende und die Juden." — Ein Seminar für jüdische Religionslehrer in Galizien. — Die Juden der türkischen Hauptstadt und die Wirksamkeit der Pariser Alliance. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Zur Schachthetze. Aus unserem Citatenschatz. „Reißt Euch den Schmuck vom Leide." Dr. Lueger's Eidestreue. Beleidigung der Kaiserin Friedrich. Zu Gunsten der verfolgten Juden in Rußland. Die Expensnote eines Massaverwalters. Blutaberglanb? in Italien. Ein Julsestgeschenk. Herr Stöcker. Die Garam Kis-Salloer Blulbeschuldigung. Feststellung der israelitischen Matrikenbcziike in Tvhnun. Eine jüdische Handlung. Praktischer Antisemitismus. Zur „christlichen Nächstenliebe." — Musterstatut für die israelitischen Cultnsgimeind.n in Galizien. — Berichtigung — Correspond enzen: Ischl, Prag, Breslau, Dortmund, Paris, Rom, Genua, Constautinopel. Lodz, London. — Vermischtes: Wien, Baden, Butschowitz, Eisgrub. — Feuilleton: R. Ezechiel Landau und der erste jüdische Soldat der .österreichischen Armee. — Briefkasten. — Inserate. Zur Tage. Seht Ihr sie und hört Ihr sie? Sie sind heraufgestiegen von der Gasse, aus dem Dunste der Kneipen, aus der stickigen Luft der Volksversammlungen, um Euch ihre Macht fühlen zu lassen. Seht nur ihre Fäuste und horchet auf die Kraft ihrer Lungen! Unter ihrem lobenden Beifallsgeschrei hat Danton-Lueger drohend seine Hand gegen die Ministerbank ausgestreckt und ihr mit dem „Berge" gedroht. Das Wort ist chrakteristisch nach zwei Seiten. Es weckt die Erinnerung an den zügellosen Terrorismus der Jakobiner, dem vor mehr als hundert Jahren schon ein großes, starkes und hochgesinntes Volk sich willenlos auslieferte, und es bezeichnet anderseits den Berg von Gemeinheit und Brutalität, den man seit Jahren durch übel angebrachte Nachgiebigkeit sich hat aufthürmen lassen, bis er so hoch gewachsen ist, daß er bereits an die höchsten Gewalten im Staate hinanreicht. Es ist ein sehr charakteristisches Moment, daß bei der jüngsten Scaudalscene im Abgeordnetenhause auch die vornehme erste Galerie in den Spectakel miteingestimmt hat, elegante, blaublütige Herren und zarte, anmuthige Damen! llnd nun vergegenwärtige man sich nur, gegen wen schließlich und endlich dieser Spectakel, dieser donnernde Ruf: „Hoch Lueger, hoch unser Bürgermeister!" gerichtet war. Da unten saßen die Gesetzgeber des Reiches, saßen die Minister Sr. Majestät des Kaisers! Nicht die Fäuste der Vorstadt allein, auch die feingantirten Hände der adeligen Salons haben da mitgeklatscht, und wir hörten einen schlanken, jungen Grafen zu einer blassen, jungen Comtesse sagen: „Ohne eigentlich der antisemitischen Partei anzugehören, fühle ich doch lebhafte Sympathien für diesen Lueger, weil er die Juden nicht mag; ich mag sie nämlich auch nicht!" — worauf die blasse Comtesse mit lieblichem Augenaufschlag und holdem Lächeln erwiderte: „Ich auch nicht; sie sind so präpotent!" Und während er klatschte, fächelte sie mit ihrem Taschentuche, dem „Berge" ihre Grüße zu. Der junge Graf und die blasse Comtesse haben sich von der Erhabenheit des Momentes zu sehr impressioniren lassen. Trotz ihres blauen Blutes sind Beide noch recht grün und sie ahnen nicht, daß der heillose Lärm neben und über ihnen sich schon längst nicht mehr gegen die „Präpotenz" der Juden, wohl aber gegen „Potenzen" richtet, an denen sie selbst sehr stark betheiligt sind. Der „Berg" hat so seine Mucken! Wie einst der wahnsinnige Saint - Just den zielbewußten und retardirenden Robespierre tyrannisirte, so haben die heulenden Korybanten der Straße dem Prinzen Liechtenstein und dem Dr. L u e g e r längst den Führerstab entrissen und der Letztere ist der Sclave „seines" Volkes geworden. O ja, es gab eine Zeit, in welcher der „schwarze Prinz" vermeinte, durch die Hetze gegen die Juden den Haß von sich und Seinesgleichen abwenden 51t können. Aber das ist vorüber! Der Feuerbrand hat weiter und weiter gegriffen und sein greller Widerschein leuchtet heute erschreckend in die hohen Bogenfenster der adeligen Schlösser und Paläste hinein. Der junge Graf und die blasse Comtesse werden dessen bald inne werden. Der „Berg" — sagten wir — hat seine Mucken! Zu dieser Erkenntniß sind heute schon noch andere Leute gelangt als die armen Juden! Das weiß bereits die liberale Partei und das weiß bereits die conservative Partei! Die alte Fabel vom Fuchs und dem Hühnerhofe ist da wieder einmal zur Wahrheit geworden. Der Fuchs beschleicht einen Hühnerhof und holt sich ein kleines, zappelndes Hühnchen aus der Schaar des Federviehs. Tie Hühner gerathen selbstverständlich in große Aufregung und piepsen die starken Enten und noch stärkeren Gänse um Hilfe an. Diese aber schnatterten höhnisch, es sei dem Hühnchen ganz recht geschehen, das so keck und vorwitzig ihnen die besten Körner wegpicke, und es wäre eigentlich am Besten, wenn der Fuchs alle Hühner holen wollte. Eines Tages nun kommt wieder der Fuchs und schnappt sich - - man höre und staune! — eine Ente! Darob entsetztes Geschnatter unter dem Entenvolke, welches sich ob der Frechheit des Räubers gar nicht zu fassen vermag und schließlich den Schutz der Gänse anruft. Eine Gans bleibt aber unter allen Umstünden eine Gans und so wendeten sich die Häupter des Gänsevolkes hochmüthig von den watschelnden Enten ab, bis der Fuchs eines Tages auch unter sie fuhr und sich die. fetteste und dümmste unter ihnen holte. Jetzt piepste, krähte und schnatterte das ganze Federvieh in heilloser Augst und Verzweiflung durcheinander.