Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 12 (1895)
- Issue
- 34 (23.8.1895)
- Date
- 1895-08-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 624 Dr. Blvch's Wochenschrift. Nr. 34 Anhalt. Im Herzogthum Anhalt, in dessen Hauptstadt nn >zahre 1890 im Beisein des gesammten herzoglichen Hofes rc. dre Einweihung des Denkmales Moses Mendelssohn statt - finde» konnte, scheint jetzt leider dem Judenthum gegenüber eme andere Stellung eingenommen zu werden. So hat man jüngst dem einzigen jüdischen Rechtsanwalt im Lande die erbewne Ernennung zum Notar verweigert und hiebei eröffnet, daß die abschlägige Bescheidung allein wegen der Confession des Petenten erfolge, und daß eine Aenderung des einmal vom herzoglichen Staatsministerium eingenommenen Standpunktes nicht zu erwarten sei. Und das Gesetz?? — Glah. Cardinal Graf Schönborn, der Fürsterzbischof von Prag, zu dessen Diöcese auch die Grafschaft Glatz gehörte, stattete vor Kurzem den Glatzern einen Besuch ab. Es wurde ein festlicher Empfang bereitet, und zu demselben erhielten der Vorstand und der Prediger der dortigen jüdischen Cultuszemeinde Einladungen, denen sie auch entsprachen. Der Kirchenfürst, dem die Herren vorgestellt wurden, gab seinem Dank für die ihm erwiesene Aufmerksamkeit und seiner Freude über die schöne Harmonie, welche zwischen den beiden Confessionen in Glatz herrscht, Ausdruck. Constautinopel. ändere Länder, andere Sitten. In der Türkei herrschen aber in jeder Beziehung ganz andere Zustände und die ottomanische Hauptstadt unterscheidet sich ungemein von allen anderen Capitateu Europas. Doch liegt es nicht in meiner Absicht, ein Reisevild von Constantinopel zu entwerfen oder gar das politische Getrübe ins klare Licht zu stellen. Man hat diese Stadt schon zur Genüge geschildert, und Jedermann weiß, daß sie in ihrem äußeren Anblick ebenso schön und großartig, wie sie in ihrem inneren Aussehen schmutzig und häßlich ist. Was hier die Politik betrifft, so wissen alle Blätter mehr oder weniger richtige Nachrichten <u bringen. Uns interessirt in der türkischen Hauptstadt die jüdische Bevölkerung, das Judenthum. Und da ist viel zu sagen und zu schreiben; denn in dieser Hinsicht walten hier ganz verschiedene und sonderbare Verhältniffe ob, die einzeln kennen gelernt und besprochen zu werden verlangen. Vielleicht gelingt es mir, dieselben nach und nach zur richtigen Darstellung zu bringen. Diesmal nur ein allgemeines Bild. Im Gegensätze zu den meisten Ländern macht in Constantinopel der fremde Jude die angenehme Erfahrung, daß er hier jener wildbr rufenden Bewegung, die sich gegen die Juden immer breiter und breiter macht, weit, weit entrückt ist. Er empfängt vielmehr den wohlthuenden Eindruck des guten Einvernehmens zwischen den verschiedensten Nationalitäten. Türken, Juden, Grieche,,, Armenier, Franzosen, Deutsche, Alle leben sie in Frieden und Freundschaft mit und neben einander. Vom tosenden Sturme des Antisemitismus ist im öffentlichen Leben nichts wahrzunehmcn, wenn er auch schon hie und da Eingang gefunden. Die antisemitisch Angehauchten hüten sich aber wohl, etwas von ihrer anfwachendcn Judenseindlichkeit merken zu lassen; denn Keiner möchte sich lächerlich machen. Wenn schon, dann thut er es auf Umwegen. Einen solchen eigentlich versteckren Antisemiten lernte auch ich dieser Tage kennen. Ich kann mich nicht enthalten, die kleine Episode, die ein Seebad im Bosporus zum Schauplatze hatte, mitzutheilen Kennen Sie hier das israelitische Gasthaus? fragte ich den in Rede stehenden Herrn nach einiger Unterhaltung. Sie meinen den Juden gast Hof? Ich bejahte. Er ist hier in der Nähe. Sie werden ihn schon am Lärm, der darin herrscht, erkennen. Bitte, wollen Sie mich nicht vielleicht bis in's Gasthaus begleiten? E' ging mit mir hin. Draußen und drinnen herrschte völlige Ruhe und Stille. Es war Mittag, also Epzeit. Beim Hause angekommen, sah ich den Herrn an. Wie mir schien, hatte er meinen Blick verstanden, denn ohne rin Wort zu sagen, verabschiedete er sich von mir. Ob er wohl jetzt eine andere Meinung von der „Judenwirthschast" hat? Doch dieser Mann ist ein Ausländer, ein Franzose, der seine Ansichten über Juden und Judenthum natürlich aus Drumont's Werken schöpft. Inländischen Antisemitismus gibt cs Gott sei Dank bisher nicht. Das hat seine Gründe. Die äußerste Toleranz der Türken gegen Inden, wie überhaupt gegen Andersgläubige, ist ja sprichwörtlich. Aber auch das Wohlwollen des Sultans und der Regierung den Jsraelitetr gegenüber ist allbekannt, denn die tiefe Dankbarkeit und treue Anhänglichkeit der Letzteren, stehen hier ganz außer Zweifel. Noch niemals hat sich hier ein Glaubensgenosse einer verliehenen Auszeichnung unwürdig gezeigt, noch steht man je hohen Ortes an, einem Juden eine besondere Ehrbezeigung zu erweisen. Dieses innige Verhält,,iß zwischen der tür-- kischen Obrigkeit und den jüdischen Unterthanen braucht man nicht erst zu suchen. Es besteht, und man weiß hier so Manches darüber zu erzählen. Doch warten die Juden nicht, bis die Türkei, wie in allerletzter Zeit, mit schwierigen Zuständen im Innern und mit großen Besorgnissen nach Außen zu ringen hat, um ihren, Vaterlande ihre Liebe zu bekunden und ihre Aufopferungssreudigk.it zu bezeugen, schon an diesem Kampfe nimmt die Judenheit theil, denn sie theilt voll und ganz seine Sorgen und Bekümmernisse. Ja, wie der Türke, wünscht auch der Jude die Erhaltung des ottomanischeu Reiches, wünscht er sein Wohl und Glück, und er thut das aus Erfahrung. Hier allein genießt er volle und wahre Gleichberechtigung. Schon darum kann der Antisemitismus keine Wurzel fassen, aber auch darum, weil hier die Jugend, die im Auslande bekanntlich große Schuld au diesem Nebel trägt, gänzlich ohnmächtig ist, demselben Nahrung zuzuführe». In den Schulen ist es ausdrücklich bei Strafe verboten, einem jüdischen Mitschüler „Jude" zuzurufen, da dieses Wort zuweilen auch in beleidigendem Sinne gebraucht wird. Auch in den Verwaltungen kennt man die Bezeichnung „jüdisch" nicht; da heißt es mosaisch oder israelitisch. Es scheint jedoch, daß der Hauptgrund, warum man hier von der sonst fast in allen Ländern gewaltigen Strömung gegen die Juden nichts merkt, darin besteht, daß sie in Constantinopel noch nicht so weit sind, beneidet zu werden. Denn in der Geschäftswelt kommen sie erst nach den Griechen und Armeniern, die meistens sehr reich sind. Auch dieser Umstand hat seine Gründe. Doch alles Andere künftighin. Oscar Horowitz. Hebron. Trotz aller erhobenen Gegeneinsprüche erhält das Tobte Meer dennoch eine Dampfschifffahrt, da sich nun der General-Gouverneur von Syrien für die Schaffung eines solchen Verkehrsmittels zwischen Moab und Palästina ausgesprochen hat. In seinem diesbezüglichen Berichte an die Hohe Pforte weist dieser Staatsbeamte auf die großen Bortheile hin, welche die Errichtung von Dampfschifflinien auf den Wogen des Tobten Meeres nicht nur für die an dessen Ufer gelegenen Ortschaften, sondern auch für das ^anze südliche Syrien zur Folge haben würde. So würden u. A. dann rings um dieses Meer herum verschiedene Etablissements zur Verwerthung des Harzes oder Pechs, das dieses Meer hervorbringt, entstehen und so der armen Bevölkerung daselbst neue Erwerbsquellen eröffnen. Auch würde sich die Bauthätigkeit in allen Ufer-Ortschaften daselbst ungemein heben. Schließlich würden dann neue Straßen zu diesem Meere hin und auch längs desselben gebaut werden müssen, was wieder dem Handel in Palästina und in Moab zugute kommen würde. Vermischtes. Wien. Herrn Sigmund Thalberg, Großhändler in Wien, wurde vom Sultan das Officierskreuz des ottomanischeu Osmanie-Ordens verliehen. Herr Med. Dr. Isidor Reiniger, gewesener Secundararzt im Wiener Rudolfsspital, derzeit Gemeindearzt in Deutsch-Kreutz bei Oedenburg, hat sich mit Frl. Sarah Ticho, Tochter des Kaufmanns Herrn Ignaz Ticho in Boskowitz (Mähren), verlobt. — Der Bräutigam entstammt einer alten mährischen Rabbinerfamilie und genießt in seinem gegenwärtigen D-.'micil wegen seiner wahrhaft jüdischen Lebensführung, beruflichen Tüchtigkeit und Humanität hohes Ansehen. Fräulein Alice von Taussig, die Tochter des Dircctors der Bodencreditanstalt und des Präsidenten der Staatseisenbahn-Gesellschaft Herrn Theodor Ritter von Taussig, hat sich in St. M o riz mit Herrn Dr. Gustav Wassermann, Assistenten des Professor Koch in Berlin, verlobt. Der Leiter des Ministeriums für Cultus und Unterricht hat die Beschlüsse der betreffenden Profefforen-Collegien auf Zulassung des Phil, und Jur. Dr. Samuel S t e i n h e r z als Privatdocenten für österreichische Geschichte an der philosophischen Facultät der Universität in Wien und des Dr. Arthur Klein als Privatdocenten für interne Medicin an der medicinischen Facultät der Universität in Wien bestätigt. Wien. (Todesfall.) Der Obercantor der israelitischen Cultuszemeinde, Herr Joses Gold st ein, hat einen schweren Verlust erlitten. Seine Gattin, Frau Katharina Goldstein ist ihm nach 37jähriger Ehe durch den Tod entrissen worden. Wien. Zur Feier des 18. August fand in dem Tempel des IX. Stadtbezirkes ein Festgottesdienst statt. Herr Rabbiner und Prediger Dr. Gelbhaus hielt eine erhebende patriotische Rede. Herr Obercantor Kläger trug die Festgesänge in erhebender Weise vor. Hierauf öffneten Herr David Bloch, Obmann-Stellvertreter des Tempelvereines, und Herr Vorsteher Goldschmidt die Bundeslade, wobei der Rabbiner ein Gebet für den Monarchen und das kaiserliche Haus vortrug. Mit der Absingung der Bolkshymme schloß die erhebende Feier. Sonntag den 18. d. M. 10 Uhr Vormittags im israelitischen Vereins-Bethaus „Brigittenau" II/5 Webergaffe 20, ein Festgottesdienst mit Festprediqt abgehalten. Herr Obercantor I. Romann leitete diesen Festgottesdienst, worauf der Religionslehrer Herr Adolf Mauthner die Festpredigt hielt. Das zahlreich anwesende Festpublicum lauschte der patriotischen