Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 52 (29.12.1893)
- Date
- 1893-12-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 52. Mir«, SS. Deremder 18SS. Jahrgang X. Centralorgan für die gefarmnten Interessen des Iudenthums. M. ft. PostsPsai-klssrnsmt ClrarrngvrrKrtzr Nr. 810.076. Redgrlton und NdniiMstraNon: Wien Franr Jofrss-Nnai Nr. 6. Telephon-Nr, 6535. * ■—&— Eigrnihümrr: Rrichsraths-Avgeordneter Dr. Ktach. —s*®— Erscheint jeden Freitag. Man avomrirt bei En Postanflallrn dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 2» kr. Aazetgra: Die 4ma1 gespaltete Petttzeile 12 kr. Inhalt: Leitartikel: Zehn Jahre des Kampfes. — Aus Rußland. — Die „jüdischen Geheimgesetze" vor dem Badischen Landtage. — Teutobolds politische Uebersicht. — Ein Nachwort zum Stiaßny-Jubiläum. — Vom Prinzen Krapotkin zum Zuchthäusler Vaillant. — Gesammt-Lehrplan für den Religionsunterricht der Pester israelitischen Cultusgemeinde. — Corres pondenzen: Wien, Prag, Berlin, Ferrara, Montreal, London, Indien, Bombay. — Vermischtes: Wien, Brünn, Mähr.-Schönberg, Proßnitz, Graz, Prerau, Prag; Hannover, München, Marburg a. d. Lahn, Paris, Stockholm, London. — Fürstengunst XXXIX. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Zehn Jahre des Kampfes. (Ein Wort an unsere Leser.) Mit der heutigen Nummer vollendet die „O e st erreich i s ch e Wochenschrift" ihren zehnten Jahrgang. Wir stehen vor einem bedeutsamen Abschnitte in der Entwicklung unseres Blattes, und das erste Wort, das wir hierüber zu sprechen haben, gehört unseren Lesern. Wir sagen ihnen Dank, innigen und freudigen Dank für das Interesse, welches sie unserem ersten Schritte in die Oeffentlichkeit entgegengebracht, für die stets wachsende Theilnahme, mit welcher sie unser Unternehmen aus seinem schwierigen Wege.begleitet haben. Dieser Dank gilt nicht der materiellen Unterstützung allein, welche die „Oesterreichische Wochenschrift" in allen Kreisen unserer .Glaubensbrüder gefunden, er gilt vor Allem der treuen und tapferen Kampfgenossenschaft, welche sich um das von uns entfaltete Banner geschaart hat. Denn als eine Wehr und Waffe im Kampfe gegen einen furchtbaren Feind ist die „Oesterreichische Wochenschrift" vor zehn Jahren gegründet worden. Der Antisemitismus, in seinen ersten Aeußerungen als eine Narrethei belächelt, hatte sich mit erschreckender Raschheit zu einer geistigen' Seuche entwickelt, welche das wirthschaftliche und gesellschaftliche Dasein des Judenthums in ganz Mitteleuropa bedrohte. Offen und geheim betrieb diese moderne Vehme ihre grausamen Verfolgungen. Von den Gewalthabern geduldet und gefördert, wendete sie sich an die brutalen Jnstincte der Massen und entzündete die Begierlichkeit zu fanatischem Hasse. Das Unrecht wurdezum Rechte und all die herrlichen Gesetze, auf welche sich unser Jahrhundert der angeblichen Humanität so viel zu Gute that, erwiesen sich unwirksam zum Schutze der Bedrängten. Mit der dumpfen Verzweiflung des Schiffbrüchigen, der auf einem morschen Wracke inmitten der sturmgepeitschten Wellen des Oceans treibt, blickten unsere Glaubensgenossen in die Zukunft. Je höher die Fluth stieg, je wilder der Sturm brauste, desto weniger wurde an Rettung und Abwehr gedacht, desto mehr schwand ihre Thatkrast. In diesem Augenblicke erschien die erste Nummer der „Oesterreichischen Wochenschrift". Sie rief die Kleinmüthigen und Verzagten zu thätiger Selbsthilfe, zur Organisation des Kampfes, zu muthiger Abwehr auf. „Wer sich seiner Haut nicht wehrt", hieß es in ihrem ersten Artikel, „dem wird sie abgezogen. Wer auf seinen eigenen Schutz nicht bedacht ist, für seinen Schutz keine Opfer bringt, der bleibt in den Zeiten der Noth schutzlos. Wir stehen dem einmüthigen Zusammenwirken unserer Gegnereinsam gegenüber; wir sind zersplittert, während sie fest zusammenstehen; wir sind getheilt, gespalten, sie sind trefflich organisirt. Wohlan denn, lernen wir von unseren Gegnern! Auf zur Arbeit, zur Abwehr, zur Vertheidigung!" Unser Ruf fand Gehör, das Beispiel muthigen Selbstvertrauens wirkte. Nicht in unbescheidener Ueberhebung, sondern im Bewußtsein glücklich vollbrachter That dürfen wir heute sagen, daß die „Oesterreichische Wochenschrift" den aufgenommenen Kampf furchtlos und unerschrocken gefüf*^ und daß die Lausende ihrer Leser zu wackeren Mit, lueru in diesem Kampfe geworden sind. Die „Oesterreichische Wochenschrift" ist von kleinen Anfängen ausgegangen, wurde aber zum Vorbilde für die Methode der Vertheidigung in ganz Oesterreich und Deutschland. Das ist vielleicht weniger unser eigenes Verdiesst als die natürliche Folge des Umstandes, daß die antisemitische Bewegung in Wien ihre häßlichsten Formen annahm und der Kampf auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens am heftigsten entbrannte. Aus den wechselvollen Zufällen des Krieges, in den wir eingetceten waren, Lernten wir selbst erst und mit uns unsere Glaubensgenossen die Handhabung der wirksamsten Waffen. So hat sich durch unser Blatt eine Apologetik des Judenthums herausgebildet und die „Oesterreichische Wochenschrift" ist allmälig zu einer Encyklopädie für die Wissenschaft der Apologetik geworden, sie ist zu einem Kriegsmagazin emporgewachsen, zu einem wissenschaftlichen Arsenal, wo Alle aus Nah und Fern, welche an unserem Vertheidigungskrieg theilnehmen, sich Waffen und Munition, Rath und Belehrung, Behelfe und Auskünfte holen. Unserem Beispiele folgten andere Zeitschriften innerhalb der österreichischen Reichsgrenzen und jenseits derselben, und das Solidaritätsgefühl der Juden in aller Herren Länder erfuhr einen mächtigen Aufschwung. Aus dem Schlachtgewirre dieser zehn ereignißvollen Jahre heben sich einzelne gewaltige Episoden hervor, deren siegreiche Durchführung der „Oesterreichischen Wochenschrift" und ihrem Herausgeber beschicken war. Aug. Rohling, von welchem der Geheime Kirchenrath Franz Delitzsch sagte, „er hat den hervorragendsten Antheil an dem Ausbruch mittelalterlicher Judenverfolgungen in Deutschland", wurde des Meineides überführt, Brimanus wurde entlarvt, Rotkinson unschädlich gemacht, der Wundarzt T ü r k der öffentlichen Lächerlichkeit überliefert, Paulus Meyer und Pfarrer Deckert dem Arme der strafenden Gerechtigkeit überantwortet und Ernst Schneider durch die erste Veröffentlichung seines Briefes an Akten berger als Besteller falscher Zeugenaussagen ge-