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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-31 · 13 (31.3.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
13 (31.3.1893)
Date
1893-03-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 232 Vrsterreichifchr Wochrnschrifl Nr. 13 der jüdische Student der reichere sei. Darauf antwortet Spiel- Hagen wörtlich: „Der reichere nicht, aber überlegen in der Concurrenz und eine wirthschaftliche Gefahr für unsere faule, langsame Jugend. Der jüdische Student ist pünktlich im Colleg, nimmt die besten Plätze und schreibt schon lange emsig mit, wenn der verdrossene Germane, der noch seinen Kater von gestern in den schweren Gliedern hat, endlich träge auch daher kommt, hinten auf den schlechteren Bänken sitzen muß und dein Vorrrag mühsam kaum zu folgen weiß. Das rächt sich dann beim Examen, wo der Jude mehr weiß und das bessere Zeugniß kriegt — das rächt sich im Leben, wo der Jude für alle Fälle geistig gerüstet ist." Wir wollen es nur einer etwas ungeschickten Stilisirung zuschreiben, daß man aus dieser Stelle ein. gewisses Mitleid mit dem armen „arischen" Studenten herausliest, der, wenn er nach dem academischen Viertel mit verschlafenen. Augen in den Lehrsaal taumelt, die besten Plätze von den fleißigen, Nüchternen „Semiten" besetzt findet. Denn im Grunde haben die christlichen Studenten weit mehr Veranlassung, sich über diesen Passus zu beklagen, als wir. Es wird ja hier er-, barmungslos das idealistische Mäntelchen, mit dem sie ihren Judenhaß verbrämeu, abgerissen und dieser selbst lediglich als das Ergebniß eines ganz ordinären Concurrenzneides hingestellt. Und was das Schönste ist, eines ganz unbegnindeten Concurrenzneides! Denn in Wirklichkeit hat, wie die Dinge jetzt stehen, der verbummelteste christliche Student, wenn er sich nur schließlich mit Ach und Krach durch's Examen hindurchzwängt, ungleich mehr Chancen, als der fleißigste und begabteste Jude. Der Officiersstand, der Verwaltungsdienst sind Letzterem in Deutschland ganz, das Lehramt fast ganz verschlossen, und der Zugang zu den ersten Stufen der richterlichen Laufbahn, der bis jetzt noch nicht ganz verlegt war, ist von dem Geschrei der Conseroatioen nach einer „christlichen Obrigkeit" auf's Aeußerste bedroht. Zuletzt betritt dann Spielhagen das nebelhafte Gebiet der Völkerpsychologie, und weist, den Spuren Treitschke's und E. von Hartmann's folgend, Bahr's Einwendungen in folgender Weise zurück: „An Fleiß sind sie unbedingt überlegen. Auch an gewissen Gaben des Geistes. Nur für die ganz großen Dinge reichen sie nicht. Die» durchschnittliche Intelligenz der Juden ist der durchschnittlichen Intelligenz der Germanen entschieden über. Das Höchste in den Wissenschaften, in den Künsten bleibt ihnen freilich versagt." „Heinrich Heine . . ." „Gewiß ist Herne eine Höhe unserer Literatur, aber die neben den Gipfeln wie Göthe und Schiller doch nur gering erscheint. Das ist es ja gerade, was ich sage." „Spinoza —" „Ich bin Spinozist so durch und durch, in allen Empfindungen und Gedanken, daß ich den Namen des Größten nur mit tiefer Ehrfurcht höre. Aber eine Ausnahme kann doch bloß die Regel bestätigen." Wir wollen nicht erst darüber rechten, ob nicht der eine Spinoza zu dem kleinen Häuflein der Juden genau in demselben Zahlenverhältnisse steht, wie die wenigen „Gipfel" der classischen Periode des vorigen Jahrhunderts zu dem ganzen großen deutschen Volke, daß er also nicht als „Ausnahme" gelten kann. Auch darauf brauchen wir nicht einzugehen, daß es seit Luther Jahrhunderte gedauert hat, bis die deutsche Nation einen Kant und Lessing, einen Schiller und Göthe hervorgebracht hat und daß seitdem das Epigonenzeitalter begonnen hat und noch fortdauert. Denn ein Volk, wie das jüdische, das einen Jesaia, einen Dichter, wie den Verfasser des Hiob aunveisen kann, das in seinen Psalmen für alle Zeiten der civilisirten Menschheit den entsprechenden Ausdruck für ihr Andachtsgefühl gegeben hat, hat seine Fähigkeit zum ,,Höchsten" genügend documentirt und braucht den Vergleich mit keinem Volke der Erde zu scheuen, — wobei wir von den Leistungen der Juden im Mittelalter, von den Schriften eines Maimonides, eines Jehuda Ha-Levi einstweilen ganz absehen. Aber auch die Juden der Neuzeit haben vollen Anspruch auf eine gerechtere Beurtheilung in dieser Richtung. Etwas über ein Jahrhundert ist es, seit sie mit Moses Mendelssohn ihren Einzug in die neuere deutsche Literatur gehalten und dieser gleich mit dem ersten Schritte einen ihrer besten Prosaiker gegeben haben. Seitdem hat das' kleine Häuflein der Juden, die sich der Kunst und Wissenschaft gewidmet haben, eine so unverhältnismäßig große Anzahl von bedeutenden, den geistigen Besitzstand des deutschen Volkes mehrenden Leistungen auszuweisen, daß man kein Recht hat, a priori die Möglichkeit auszuschließen, es könne unter günstigen Umständen wieder einmal aus seiner Mitte ein Genie ersten Ranges hervörgehen. Niemand kann es Vorhersagen, daß es so kommen werde, aber noch viel weniger kann es irgend Jemand auch nur mit dem leisesten Anschein von Berechtigung negiren. Und nun zum Schlüsse noch eine Bemerkung. Nachdem der erste große Schmerz darüber, daß uns anl Ende des neunzehnten Jahrhunderts in so unerhörter Weise mitgespielt wird, überwunden ist, thun wir Juden gut daran, uns über das Treiben der Professions-Antisemiten nicht mehr sonderlich zu echauffiren. Was die Ahlwardt und Stöcker, die Böckel und Liebermann in Wort und That verbrechen, ist weit mehr eine Angelegenheit des deutschen Volkes als der Juden. Die Letzteren werden gewiß weit weniger dadurch geschädigt, als die deutsche Culiur und Gesittung. Es hat sich ja auch in dankenswerther Weise ein Theil der besten deutschen Männer zur Abwehr zusammengefunden. Ungleich schlimmer und gefährlicher für uns erscheint es, wenn die auserlesenen Geister der Nation sich nicht zur Gerechtigkeit und Unbefangenheit uns gegenüber aufschwingen können und durch mehr oder minder gehässige Aussprüche den Jnstincten des Hasses, den blinden Vorurtheilen der Menge eine gewisse Berechtigung zuerkennen, sie gewissermaßen unterbauen und begründen. Und darum haben wir den vorstehenden Aeußerungen eines Mannes wie Spielhagen, die ja im Uebrigen gewiß nicht das Schlimmste und Böseste sind, was gegen und über uns gesprochen wurde, eine besondere Bedeutung beigemessen und sie zu entkräften versucht. Zum Ahlwardt Srandal in Berlin. Die vorige Woche gehörte Ahlwardt. Es ist beschämend, aber man muß zugestehen, daß die Verhandlungen des Reichstages sich seit langer Zeit eines so großen Interesses nicht erfreut haben. Auf die Zuhörertribünen fand ein wahrer Sturm statt; die Abgeordneten ließen die Couloirs und den Frühstückssaal leer; auf den Straßen harrte Stunden lang eine Menschenmenge aus, als ob sie erwartete, daß drinnen im Saale die Geschicke der Menschheit entschieden würden. Ein Act standrechtlicher Justiz wurde von den Führern aller Parteien während einer dreitägigen Versammlung an dem „großen" Ahlwardt vollzogen, den die Wiener „Vereinigten Christen" mit Lorbeerkränzen geschmückt und dessen Ruhm und Preis Herr Lueger in allen Volksversammlungen unermüdlich verkündete. Die ganze Verhandlung wäre vorübergegangen wie eine schlechte Posse, wenn nicht im letzten Augenblicke Herr Stöcker eingegriffen hätte. Indem er die Person Ahlwardt's rücksichtslos preisgab, glaubte er bei dieser Gelegenheit doch die Sache des Antisemitismus retten zu können und veranlaßt dadurch Ahlwardt zu der guten Bemerkung: „Herr Stöcker glaubt, die Früchte meiner Thätigkeit für seine Partei ernten zu können." Indem er Ahlwardt als einen Mann hinstellte, der für die j,höhere Politik" gänzlich unbefähigt sei, suchte er selbst ein Beispiel zu geben, wie man solche „höhere Politik" treibt. Er erzielte einen eigenartigen Erfolg; als der Abgeordnete Richter Ahlwardt und Stöcker als ein par nobile fratum bezeichnet, rief ihn der Präsident zur Ordnung, weil diese Bezeichnung beleidigend für Stöcker und für Ahlwardt sei. Der Präsident hatte ja sehr recht; man beleidigt Stöcker, wenn man ihn mit Ahlwardt vergleicht, aber man beleidigt auch Ahlwardt, wenn man ihn mit Stöcker vergleicht. Diese Interpretation des Richtr'schen Citats durch den Präsidenten hat die Kennzeichnung der Herren Stöcker und Ahlwardt vollendet, die sich in dem einen Falle gegen den Kopf und in dem anderen Falle gegen den Character richtet. Jeder dieser beiden Ehrenmänner darf in Zukunft, wie Bodenstdt's Suleika, „nur mit sich selbst verglichen sein". Die antisemitisch-conservative ultrareactiönäreKreuzzeitung will sich trotzdem Ahlwardt „drei Schritt vom Leibe halten"; sie begründet das wie folgt:

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