Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 13 (31.3.1893)
- Date
- 1893-03-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 13 Wien, 31. Mär; 1893! "Mrtl X. Jahrgang t Centralorgan für dir gesammten Interessen des Iudenthums. A. kr. Posttzikavkqstnsml DlrsringvrrKrhr Nr. 81V.V76. DedSkUon und AdniinistrsUon: I. Franz Josrfs-Nnai Nr. 8. Telephon-Nr. 6535. -#- Eigentümer: Reichsraths-Adgeordneter Dr. KLoch. --; Erscheint jeden Freitag. Man adonnirt bri allen Pofianflalten des In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 Einzelexemplare 25 kr. «nzeigrn: Die 4mal gespalt Petitzeile 12 kr. S. Inhalt: Leitartikel: Friedrich Spielhagen über den Antisemitismus. — Zum Ahlwardt-Skandal in Berlin. — Das Passahfest und die Frauen. — Adolf Fischhof als Jude. — Das Leichenbegängnis Fischhofs. — Zur Frage der Oberaussicht über den Religionsunterricht an mährischen Volksschulen. — Der Antisemitismus und das freisinnige Judenthum. — Correspondenzen: Wien, Budapest, Prag, Pilsen, Fiume, Berlin, Nürnberg, Posen, Frankfurt a. M., Athen, Marokko. — Vermischtes: Wien, Wr.-Neustadt, Teplitz i. B., Kremsier, Tyrnan, Waag-Neustadtl, Kojetein, Kolomea, Neubidschow, Floß i. B-, Nürnberg, Baden, Oels, London. — Feuilleton: Der Sedrr. — Blutmärchen. — Das Judenschloß (Schluß). — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Friedrich Spielhagen über den Antisemitismus. Von S. Hammerschlag. In der hier erscheinenden ^Deutschen Zeitung" eröffnet ein Mitarbeiter derselben, Hermann Bahr „ein internationales Interview" über den Antisemitismus und bringt als erste Nummer eine Unterredung mit Spielhagen, die dieses Thema zum Gegenstände hat. In den einleitenden Worten, die Bahr vorausschickt, theilt er zunächst seine Anschauung über den Entstehungsgrund des Antisemitismus mit, und wenn auch derselbe gcwiß nicht, wie Bahr annimmt, ausreicht, um alle Erscheinungen dieser geistigen und sittlichen Epidemie zu erklären, fo trifft er doch gewiß eine der ersten und stärksten Quellen derselben. „Der Antisemitismus", sagt Bahr „will nur sich selber. Er ist nicht etwa ein Mittel zu einem Zwecke. Der einzige Zweck des Antisemitismus ist der Antisemitismus. Man ist Antisemit, um Antisemit zu sein. Man schwelgt in diesem Gefühle. Es liegt in der Zeit, daß, um die welken und verwüstelen Nerven zu reizen, künstliche Ansporne begehrt sind. Den holden Rausch, den sonst der den Massen jetzt verlorene Glaube und die entwichenen Ideale gaben, sollen sie ersetzen. Die Reichen halten sich an Morphium und Haschisch. Wer sich das nicht leisten kann, wird Antisemit. Der Antisemitismus ist der Morphinismus der kleinen Leute. Man will Leidenschaft, Schwung und Taumel und ihre natürlichen Quellen sind erschöpft. Sie haben keine große Idee, kein sittliches Pathos, die die Wonnen der Begeisterung erwecken könnten. Und weil ihnen die Wollust der Liebe fehlt, versuchen sie es mit der Wollust des Hasses. Man muß nur selber einmal von ihr mit den eigenen Sinnen und Nerven gekostet haben, um ihr verführerisches Gift zu kennen. Wer gehaßt wird, thut im Grunde dabei nichts. Der Jude ist ihnen nur eben bequem. Die Franzosen haben dafür der Reihe nach zuerst den Preußen und dann den Juden und neuestens den Bankier gebraucht und es char sich ihnen nicht um den Preußen und nicht um den Juden und nicht um den Bankier gehandelt: es handelt sich immer nur um den Haß, um die starken Aufregungen, die er gewährt. Wenn es keine Juden gäbe, müßten die Antisemiten sie erfinden. Sie wären sonst um allen Genuß der kräftigen Erregungen gebracht. Das scheint mir die Psychologie des Antisemitismus bei der Masse. Bei dey „Führern" kommt wohl noch etwas dazu. Es gibt kein handlicheres Instrument des Demagogen. Die antisemitischen Führer, denen es nicht blos um das Geschäft zu thun ist, sind Prätendenten um die Gunst des Pöbels, die herrschen wollen. Sie möchten in ihrem kleinen Kreise so eine Art von Nietzsche'schen Uebermenschen werden, die durch alle Mittel den Genuß der Macht erwerben. Es kitzelt sie, auf den Jnstincten und Begierden der Massen wie auf beweglichen Tasten zu spielen, die ihrem leisesten Drucke gehorchen." Wer die Erscheinungen des öffentlichen Lebens in Mittel- Europa in den letzten anderthalb Decennien mit Aufmerksamkeit und Verständnis verfolgt hat, wird gewiß jedes dieser Worte bereitwilligst unterschreiben. Die Wahrheit und Richtigkeit derselben beginnt jetzt auch in Deutschland den Machthabern und jeneni überwiegenden Theile der sogenannten „staatserhaltenden" Parteien auszudämmern, welche bisher theils kühl und gleichgiltig zusahen, theils es mit geheimer Schadenfreude odergar mit offenem Applaus begrüßten, wenn sich die subversiven Elemente in den Köder des Antisemitismus verbissen. Daß neben dem Haß und Neid auch das novarum rerum studilim einen Bestandtheil der gemeinen Menschennatur bildet, haben sie theilweise schon erfahren und werden es früher oder später noch empfindlicher zu spüren bekommen. Als Zweck seiner Interviews erklärt Bahr, daß er zeigen wollte, „mit welchen Empfindungen und welchen Antworten sich die Gebildeten der verschiedenen Nationen zu dieser Erscheinung im Volke stellen. Vielleicht gibt das für später einmal von der Verfassung des Geistes um 1893 ein ganz curioses Document". Nun, wenn alle Antworten, die er erhalten wird, dieser ersten gleichen, dann werden sie in der That ein ganz curioses Document bilden. Für denjenigen freilich, der den Roman Spielhagen's „Was will das werden?" gelesen und die unmotivirte, grell verzeichnete Charakteristik der dort austretenden jüdischen Gestalten noch in Erinnerung hat, bildet diese seine neue Enunciation eines sublimirten Antisemitismus keine Ueberraschung. Da wird uns zuerst das beliebte Thema vom „jüdischen Wucherer" vorgeritten. Aus Bahr's Einwendung: „Es gibt doch wohl auch christliche Wucherer", antwortet Spielhagen: „Ohne Zweifel — aber täuschen wir uns nicht: die jüdischen sind die Regel. Vielleicht weil die Juden durch ihre Begabung die wirthschaftlich Ueberlegenen sind, vielleicht weil sie keine Scrupel haben, diese lleberlegenheit auszubeuten — ich mag das nicht entscheiden. Aber hier in der wirthschaftlichen Noth, ist die Wurzel des Antisemitismus, und hier, mit der Erstarkung und Gesundung der wirthschastlich Hinfälligen und Verstoßenen, muß die Heilung beginnen. Er ist eine rein ökonomische Erscheinung. Alles das Religiöse und Nationale an ihm ist nur Maske und Schein." Ganz dasselbe, „nur mit etwas anderen Worten," sagt auch Böckel! Wir werden aber die Leser nicht mit einer breiten Wiederholung dessen ermüden, was schon unzählige Male zur Entkräftung dieses Vorwurfes gesagt worden ist. Man eröffne nur den Juden den Zutritt zu allen Lebenswegen, aber nicht blos wie jetzt aus deni Papiere und im Principe, sondern de facto und ohne alle effeckive Einschränkung, und wir wollen nach einigen Decennien sehen, wie viel Juden sich überhaupt noch mit Geldgeschäften abgeben werden. Bahr sucht dann die Behauptung Spielhagens, daß der Antisemitismus nur eine monomische Frage sei, durch die Bemerkung zu widerlegen, daß es ja einen Antisemitismus gebe, der mit der Oeconomie nichts zu thun habe, wie jener der Studenten zum Beispiele. Man könne ja nicht behaupten, daß