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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-03-17 · 11 (17.3.1893) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
11 (17.3.1893)
Date
1893-03-17
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 602 Orsterreichisürr Wochenschrift Nr. 11 war schon etwas dunkel, als ich mich um den Weg dahin erkundigte. Die Gegend war flach und ein scharfer Märzwind trieb nur einzelne Schneeflocken in's Gesicht. Eine Stunde niochte ich so getrabt haben, hie und da kam mir ein Aechzen von Wagen entgegen, die Getreide auf den morgigen Wochenmarkt nach N. führten. Ich frug einen der Fuhrleute, ob ich recht gehe und wie weit ich noch bis zum . . . Hof babe. Die Auskunft war wenig tröstlich. „Gehen Sie nur immer fort gerade, noch eine gute Stunde bis Sie zu einem Wäldchen rechts kommen, neben dem Sie einen Seitenweg finden, der Sie nach k t .hos führt". Ich stapfte wacker darquf los. Die Swaße schien kein Ende zu haben. Ich bedauerte schon tief, nicht doch vorher mich angemeldet zu haben. Endlich war das Wäldchen da und ich betrat den Seitenweg. Hinter mir ging Jemand mit einem schweren Bündel auf dem Rücken schon eine Viertelstunde in derselben Richtung. Der Seitenweg schien auch endlos zu sein. Wie verzagt blieb ich stehen und ließ den Menschen hinter mir passiren. Gott sei Dank, es war ein Jude, denn ich fürchtete mich beinahe schon. Auf meine Frage nach dem . . . Hof, sagte er, daß auch er dahin gehe, aber nicht in's Schloß selbst sondern in ein abseits davon gelegenes Wirthschaftsgebände, wo er wohne. Wir gingen eine Strecke nebeneinander und ich erfuhr von ihm, daß er für die Herrschaft Mazzas und Fleisch von Cs.. . bringe, aber damit erst morgen früh in's Schloß gehe. Endlich zeigte er mit der Hand nach einer Seite: „Hier haben Sie den . . . Hof!" Bor mir lag ein altertümliches Kastell vom Vollmond beglänzt, aber unwillkürlich schauderte ich, wie vor einem verwunschenen Schloß. Es war doch schon Abend und. kein einziges Fenster war beleuchtet und ringsherum todtenstill, wie in einem Friedhof. Der Mann mit dem Bündel verabschiedete sich von mir und sah mich dabei, wie mir schien, etwas mitleidig an. Ich trat an das starke Thor und zog die Klingel. Es dauerte lange ehe ich von innen Schritte vernahm und eine kleine Thür im Thor geöffnet wurde. Ein alter Mann, ganz der Typus eines Wiener Hausmeisters, frug mich kurz: „Sie wollen?" — Zu Herrn Josef . . ." — „Nicht zu sprechen!" — „Bitte, melden Sie mich, ich heiße ..." — „Darf nicht!" — „Aber ich werde erwartet." — „Nein!" Zum Glück hatte ich dm Brief bei mir, den ich rasch hervorsuchte und dem Cerberus gab. Erhielt die Schrift zur Laterne, die er in der Hand trug, sah mich noch einmal scharf an und mit einem barschen: „Warten Sie!" warf er wieder die Thüre zu. Nach wenigen Augenblicken hörte ich einige rasche Schritte, die Thür flog auf, und mit den Worten: „Bist Du es wirklich?", zog, schleppte mich Josef, deffen Stimme ich sofort erkannte, in den Hof, in's Haus, in's Wohnzimmer. Ach! wie behaglich, wie warm wars da, wie -heimisch sah hier Alles aus- Spiegelblanke Dielen ii.it geblümten Laufteppichen von Thi-r zu Thür, einfach blau getünchte Wände mit schönen Kupferstichen in glatten Goldleisten, lichtgelb politirte Eichenschränke mit Messingbeschlägen, lichtbraune bequeme Sitzmöbel, weiße Spitzenvorhänge an den Fenstern — Alles frisch und blank wie zu Peffach .in den reichen jüdischen Häusern zu unserer Väterzeit. Man sah dem Ganzen an, daß eine fromme Jüdin hier im Hause walte. Ich hätte aufjaüchzen mögen wie ein Kind in dieser Heimatsluft. Äber ein Blick auf Josef machte mir das Herz erstarren. Der einst so ftohgemuthe, kräftige Mann war düster, bleich und hager geworden. Ein langer schwarzer Vollbart umrahmte sein von Leid durchfurchtes Antlitz. Lange ließ er meine Hand nicht los. Hastig bestellte er dann ein reichliches Mahl und frug mich nach tausend Dingen, als ob er mich abhalten wollte, nach seinen Erlebniffen zu fragen. Endlich aber frug ich doch dazwischen: „Wo ist Deine Frau?" — „Todt!" — „Deine Mutter?" — „Krank!" Aber frage mich heute nicht weiter, ich will Dir ja Alles sagen und danke Dir, daß Du gekommen bist, daniit ich vor einem Freunde mein Herz Ausschütten kann. Aber heute sprechen wir nur von Dir und dann gehst Du schlafen, denn Du bist sehr erkältet und mußt ja todtmüde sein. Morgen sollst Du mir helfen, die Erinnerungen an die einzige glückliche Zeit in meinem Leben, unsere Bachurim-Jahre, aufzu frischen, und ich werde leichter tragen, was ich zu tragen habe". Ich erzählte ihm also von.nrir, was ihm nur interessircn könnt. Er hörte zerstreut zu. Und dann — obwohl ich gerne noch dieen Abend seine Mutter begrüßt hätte, die nnr wie eine .Mutter war — sehnte sich mein fiebernder Körper nach Ruhe. Josef trat mir sein eigenes Schlafzimmer ab, weil wieer sagte, die anderen Gemächer für einen Gast nicht taugen. Also, gute Nacht! Ich war allein in der Schlafstube, in der Alles zeigte, daß eine sorgliche Frauenhand hier walten mußte. Auf dem Nachttischchen neben dem Bette fand ich einen Choboth-Halbaboth und darin aufgeschlagen „Die Pforte des Gottvertrauens". Die Lectüre meines Freundes zeigte mir sein jüdisches Fühlen, um dessen Abhandenkommen ich mich mit ihm vor 10 Jahren entzweite, aber ich erkannte auch daraus, welcher schwere Kummer sein Herz bedrücken müsse, daß er so nach Trost sucht. Nachdem ich einige Seiten in dem Buche gelesen hatte, verlöschte ich das Licht und sank tiefermattet und schwer in die Kissen. Aber kein Schlaf wollte kommen. Es lag etwas Schwüles, Beklemmendes, Beängstigendes in dieser Luft. Oh! wahrscheinlich, weil nicht nur die Doppelfenster, sondern auch die Läden draußen dicht geschlossen waren und ich es gewohnt war, selbst im Winter bei offenen Fenstern zu schlafen.. Ich stand auf und öffnete Fenster und Läden. Die Landschaft lag ruhig vor mir ausgebreitet vom milden Lichte des Vollmondes zauberhaft beschienen und die klare kalte Nachtluft wehte wohlthuend herein. Dann legte ich mich wieder ins Bett und was mich jetzt umfing, war kein Schlummer, sondern eine Art Betäubung, eine halbe Ohnmacht. Ich sah jeden Gegenstand des Zimmers und hörte das Tiktak meiner Uhr. Die Stockuhr am Schrank schlug 11—11V2—12—127-,. Da hör' ich draußen auf dem Gange etwas, wie langsam schleichende Tritte. Sie nähern sich meine-- Thür und es bleibt einen Augenblick mäuschenstill, dann bewegt sich die Meffingklinke der Thür, die geht auf und in der dunklen Oeffnung steht eine weiße Frauengestalt. — der Luftzug bewegt ihr Gewand. Sie schließt lautlos die Thür und geht auf mein Bett zu. Es ist nicht so hell, daß ich ihr Gesicht ausnehmen kann. Jetzt steht sie dicht vor mir und lauscht. Ich kann und will mich nicht nicht regen. Dann zieht sie sachte die Decke über meine Brust, zupft an den Kopfkissen, streichelt lind meine Hände und mein Haar. Dann schließt sie unhörbar die Fensterflügel, bleibt noch eine Weile vor mir stehen und lispelt: „Hin« lo jauim welo jisehon schoiner Jisrael". Ich will jetzt ihre Hände erfassen — denn jetzt erkannte ich die liebe, sanfte Mutter Josefs — sie aber zieht sich zurück und lächelt: „Pst, schlafen, gut schlafen!" und geht gegen die Thür, nickt noch einmal zurück und lautlos, wie sie gekommen, geht sie wieder fort. - (Fortsetzung folgt? Wochenkalend er. Adar-Nissan 5658. -— März 1893. Freitag 29 17 1 E. d. N. 6>> 12.9™ Samstag 1 Kl,TI 18 Sabb. hachodefch Sonntag 2 19 1 Montag 3 - 20? Dienstag 4 ' 21 : Mittwoch 5 22 : Donnerstag 6 ■ 23 j Freitag 7 21! i Briefkasten. Schönwerter, Krakau: Der Betreffende ist ein Christ. Clara Kabane Stiftnng zur Heirats-Ausstattung, Es wird hiemit zur Kenntniss gebracht, dass am 14. Thamus die Zinsen der obgenannten Stiftung zur HeiratsaUSStattUIlg zweier mittelloser anständiger Waisenmädehen, israel. COüfeSSion im Betrage von je fl. 210 ö. W. zur Verleihung kommen. Die Bewerberinnen haben nachzuweisen, dass sie-: 1. der israel. Confession angehören; 2. streng sittlich, mittellos und verwaist sind; Z. sich im Brautstande befinden; Bewerberinnen, die sich vor der Verleihung verehelichen' verlieren den Anspruch auf die Verleihung. Die Gesuche sind bis 31. März 1893 im Secretariate der Israel. Cultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, II. Stock einzureichen, woselbst Gesuchsblanquette während der Amtsstunden von 9—12 Uhr unentgeltlich zu beheben sind.

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