Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 9 (1892)
- Issue
- 49 (2.12.1892)
- Date
- 1892-12-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 890 Orsterreichifche Wochrnschrist Nr-. 49 1 Wissenschaft, wovon die Construction und Ausstellung des Telescops nur ein vereinzeltes Beispiel geben, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Gelehrten der Astronomie in Frankreich. Seinen Leistungen auf diesem Gebiete verdankt er die Wahl zum Mitglied des Institute de France. Mouaftir in Macedonien. Auf Befehl des Sultans wurden in unserer Stadt, wo es bisher nur wenige Juden gab, hundertundzwanzig jüdische Flüchtlinge aus Rußland angesiedelt, und erhielten sie zugleich die Zusage, daß die Regierung ihnen beim Bau einer Synagoge und einer Schule behilflich sein werde. Binnen wenigen Monaten wird Monastir durch die eben im Bau befindliche Eisenbahn mit Salonichi und somit auch dem civilisirten Europa verbunden sein. Feuilleton. Jugendfreunde. (Schluß.) Am Abende des vierten Tages beschloß Jacob, Gyula um jeden Preis zu sprechen. Sein Geld war völlig aufgebraucht, er hatte bereits den ganzen Tag nichts gegessen und wußte nicht, wo er schlafen sollte. Er fand sich daher an der Thüre des Hauses, wo Gyula wohnte, ein, und bat, man möge ihn vorlassen. Sein Wunsch konnte aber nicht erfüllt werden, weil Gyula sich zu einem großen Balle ankleidete, der an diesem Abend stattfand. Jacob beschloß deshalb, an der Thür auf ihn zu warten, und auf ihn zuzutreten, sobald er herauskommen würde. Nach einer Weile stteg Gyula die Stufen herab, er führte aber seine Frau am Arme. Jacob war von dieser blendenden Erscheinung, von diesem unerwarteten Glanze so überrascht, daß er unbeweglich stehen blieb. Während dessen stiegen die Beiden in den Wagen, der sie erwartete. Jnstinctiv schickte er sich an, der Kutsche nachzueilen. Nach einer rasenden Fahrt kamen sie vor einem großen Palast an, dessen Fenster Garben von Lichtstrahlen ausstrahlten. Der Wagen rollte in das Portal hinein, und Jacob stand wie ein Narr mitten auf der Straße. Inzwischen begann es zu regnen. Um Mitternacht saß Gyula mit einer jungen Dame in einem kleinen, abgesonderten Salon; die schweren Thürvorhänge dampften den Lärm des Festes, die Musik tönte schwach und sanft herüber, die Parfüms durchflutheten das Gemach weniger beißend und wirkten desto angenehmer. „Wenn Ihre Frau uns sähe," sagte die junge Dame lächelnd und zauberte den entzückendsten Ausdruck auf ihrem Gesicht hervor, welches sie durch die Stäbe des Elfenbeinfächers schimmern ließ. „Fürchten Sie nichts, meine Frau befindet sich drüben im Saale mit Ihrem Gemahl." „Und Sie sind nicht eifersüchtig auf meinen Mann?" „Ich, eifersüchtig? Nein, ich kenne meine Frau zu gut. Sie liebt mich bis zur Thorheit; ihr edelmüthiges Herz ist keiner Untreue fähig." „So sind Sie also der Ungetreue!" „Es ist nicht meine Schuld." „Wessen sonst?" „Ihre, meine Gnädige, die Ihrige! Wären Sie nicht so anbetungswürdig, so hätte meine Frau keine Nebenbuhlerin." „Schmeichler!" antwortete die Dame und klopfte ihm mtt dem Fächer auf die Finger. Inzwischen war Jacob auf der Sttaße auf und abgegangen. Er wußte nicht, was er nun thun sollte. Sein von Hunger und von der Uebermüdung gequälter Geist kehrte in die Heimath zurück. Er sah seine Glaubensgenossen in Angst vor einerKatastrophe beben, erhörte ihre Seufzer, ihreSchmerzensschreie und ein heftiges Schütteln durchzuckte ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Wie ist es nur möglich, daß diese Leute die Juden anklagen? Wer zehrt das Mark des Volkes auf? Wer verpraßt in einer Nacht so viel, daß ein ganzes Volk ein Jahr lang davon leben könnte? Um ein Uhr verließ der Wagen Gyula's den dunklen Palast. Seine Frau, die zum Wagenfenster hinaussah, bemerkte einen Mann, der in der Straßenecke ausgestreckt lag und sagte zu ihrem Gatten: „Sieh' nur diesen armen Teufel, Gyula!" Der Gatte aber zuckte die Schultern. Er hatte an ganz etwas Anderes zu denken. Diese entzückende junge Dame! Einige Minuten später kehrte die Kutsche zurück. Gyula hatte seine Frau heimbegleitet und suchte nochmals den Ball auf. Im Begriffe auszusteigen, mußte er innehalten, um einen traurigen Zug an sich vorübergehen zu lassen. Zwei Schutzleute hatten einen Inden in ihrer Mitte, den sie in der Sttaßenecke liegend aufgegriffen hatten. Der Jude warf einen rührenden Blick auf Gyula. Sie erkannten sich. „Brave Leute!" sprach Gyula, die Wachleute lobend, und ttat in das Haus, aus dem noch der Lärm des Ballvergnügens toste. Wieder saß er mit jener Dame allein in dem kleinen Saal, im flüsternden Liebesgetändel. - „Kennen Sie Heine?" fragte die Dame plötzlich. „Lassen Sie mich mit dem Juden!" antwortete Gyula fteundlich kosend. „Donna Clara und der Ritter! ein wunderschönes Gedicht! Es fällt mir jetzt ein. Es ist zwischen uns nur ein umgekehrtes Verhältniß. Ich, Herr Ritter, bin die Tochter eines Juden" und lachend verließ sie den wie von einem kalten Wasserstrahl übergossenen antisemittschen Wüstling. Am nächsten Tage wurde Jacob, der obdachlos aufgegriffen worden war, per Schub in seine Heimat befördert. Es vergingen traurige Wochen für die Juden im Wahlbezirke Gyula's. Die antisemitische Bewegung wuchs von Tag zu Tag und die Katasttophe konnte nicht ausbleiben. Mit Angst und Bangen sahen die Juden der Vernichtung ihres Hab und Gutes durch Raub und Plünderung entgegen und waren nur daräuf bedacht,- in der Stunde der Gefahr das nackte Leben retten zu können. Und sie kam endlich die Katastrophe. Bon Ort zu Ort wälzte sich die entmenschte Schaar raub- und blutdürstigen Gesindels, überall Schrecken und Verwüstung ttagend in die Judengaffen und in die einzelnen Höfe der Juden aus den Dörfern. Vom nächsten Orte her hörten Jacob und die Seinen schon die Sturmglocken läuten. Wenn das Gesindel nicht vom Brantweinrausche auf dem Wege niederstürzt und liegen bleibt, so kann es noch heute ihn besuchen. Er wollte nicht feige taus und Geschäft verlassen, sondern erwartete muthig seine äste und war gefaßt, sein Leben in die Vertheidigung seines Eigenthums einzusetzen. Da ttat ein Mann, in eine Hallina gehüllt und einem Bauernhut auf dem Kopfe, in das Zimmer, wo die Familie versammelt war. Es war Gyula, der von der Hauptstadt gekommen, und der Anführer bei der Zerstörung im Judenhause seines Heimatsdorfes sein wollte. Die Jugendfreunde standen sich gegenüber. „Ich komme, Dich zu retten, Jacob," sagte der Edelmann heuchlerisch. „Das ist sehr schön von Dir, ich danke Dir!" „Aber meinen Wechsel mußt Du mir ausfolgen!" „Welchen Wechsel?" „Stell' Dich nicht so dumm. Den Wechsel, den ich Dir vor drei Jahren auf das Darlehen von viertausend Gulden gegeben." „Den Wechsel Hab ich sofort zeriffen, ich wollte nicht meinen Jugendfreund als meinen Schuldner haben." „Du lügst Jude! Du hast den Wechsel, her damit!" „Bei den Seelen meines Vaters und meiner Mutter! Ich habe Deinen Wechsel zeriffen. Wenn ich ihn noch hätte, müßte er sich ja unter diesen Papieren befinden, wie die anderen Wechsel." Und bei diesen Worten entfaltete er eine Brieftasche, die er am Leibe trug nnd öffnete ein Schriftstück nach dem andern. Ein Wechsel von Gyula war nicht dabei. Mit gierigen Blicken sah aber der Edelmann auf mehrere Wechsel von Bauern, die er kannte und für gut fand. „So wirst Du mir diese geben!"