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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-09-04 · 35 (4.9.1891) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
35 (4.9.1891)
Date
1891-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Oestrrrrichifchr Wochenschrift. Seite 637 die rein „jüdischen Wissenschaften", Wissenschaften, deren Urheber- Juden waren? Jst's die Gesch'chte? Die Philosophie? Moderne Naturlehre oder Chemie? Jst's die Physiologie? Wir sehen wohl jüdische Gelehrte, doch keine jüdische Wissenschaft, ltnb zu den verschiedenen, wechselnden Systemen übergehend, in die der moderne Gedanke sich zu sormuliren versuchte — welches von diesen Systemen ist ein „jüdisches System"? Jst's der Posilivismns eines (5omtes, eines Stuart Mills, eines Scbelling? Jst's die Lehre von der Evolution eines Darwin? Jst's die uralte, doch von Schopenhauer, jenem leiden chaftlichen Judenchasscr, zum erstenmale in Worte gefaßt, zum Ausdruck gebrachte Idee des Pessimismus? So schmiegsam und so robust, so geduldig und so vielfältig das jüdische Genie auch sein mag: auf die Bildung der modernen Gesellschaft hat es nur einen ganz sekundären und, Alles in Allem genommen, sehr unbedeutenden Einfluß gewonnen. Ob die Schuld daran an den Verfolgungen und Deniüthigungen liegt, denen der Jude Generationen hindurch ausgcsetzt gewesen, ist nebensächlich — das Resulmt steht fest. Freund und Feind des Juden thnn ihm zu v el Ehre und zu viel Unrecht an, wenn sie ihm e ne Rolle zuweisen, die ihm en schieden nicht gebührt, wenn sie in ihm den dunklen Gährstoff sehen, der in der Welt das „aufgehen" machte, was wir die „modernen Ideen" nennen: der Geist der Verneinung. der Geist der Revolte, des Skept cismus, den wir dem Juden znfchreiben — er mag davon durchdrungen, er mag für die Fortpflanzung demselben ein vorzügliches Subjert sein, sein eigener Geist mag durch jahrhundertelanges Studium des kritischen, grübelnden, „spimisirenden" Talmud seitens seiner Ahnen dazu gewissermaßen vorbereitet erscheinen — der Jude ist aber nicht der Urheber jenes verneinenden Geistes. Er hat ihn von den Männern „arischen" Blutes mit katholischer oder protestantischer Erziehung überkommen. Unser Jahrhundert ist das direcie Product des vorigen, und dieses war von seinem Beginn an von jenem Hauch durchdrungen, den ein Stöcker, ein Treitschke „den jüdischen Geist" nennen Einer der hervorragendsten niodernen französischen Historiker, der rein „arische" Taine, sagt darüber : „Das plötzliche Erlöschen der christlichen Idee, die allmalige Abnahme der Vaterlands-Idee sind die zwei charakteristischen Merkmale der ganzen Epoche von 1700 bis 1790." Sind nicht in diesen wenigen Worten die ganzen Beschuldigungen moralischer, religiöser und politischer Natur kondensirt, die man aus den Juden häuft? Glaubt man nicht in dem kritischen Geschichtsschreiber des XVIII. Jahrhunderts den Antisemiten zu hören, der den jüdischen Geist, die semitische Presse, die Verjudung der Gesellschaft verflucht? — Die große Revolution, das Kind der Ideen des vorigen Jahrhunderts, ist die fruchtbare Mutter der Ideen unserer Zeit: was aber hat der Jude zur Herbeiführung dieser, 1789 zum Durchbruch gelangten völkerbefreienden Bewegung beigetragen? Ein geistreicher Enthusiast semitischen Blutes mochte erklären, .„die Offenbarung habe aus dem Berge Sinai wie in den Salons der Revolution dieselbe Sprache gesprochen"; er mag behaupten, die Revolution sei nur die Erfüllung biblischer Prophezeiungen gewesen; er mag uns zeigen, wie schon Jesaias im fernen Nebel künftiger Jahrhunderte eine Aera allgemeiner Brüderlichkeit aufsteigen sah; man mag uns aus den „Propheten" beweisen, daß die Sprache Jerusalems jene des modernen Europa ist: das macht aus Israel noch nicht den Verwirklicher der mysteriösen Visionen seiner alten Seher. Gewiß, das Judenthum, oder, besser gesagt, der Mosaismus, mag gern seinen Theil an der langsamen Erschließung jener Ideen beanspruchen, die Israel, nach vielhundertjähriger Knechtschaft, emancipirt haben. So ist die „gesellschaftliche Gerechtigkeit" ein von Israel der Welt mitgetheiltes Ideal. Die Ankunft der Gerechtigkeit aus Erden war Jnda's Traum. In diesem Sinne ist cs wahr, daß der neue Dekalog, die Erklärung der Rechte des Menschen, in den zehn Geboten des Berges Sinai seinen Ursprung hat. Doch dieser Antheil Israels an der Bildung der neuen Gesellschaft fällt nicht dem Juden des Mittelalters, nicht dem verachteten, unterdrückten, geschmähten Juden des XVIII. Jahrhunderts zu — er gehört dem Gesetze Moses, das zum Erbtheil der christlichen Völker geworden ist. Die Revolution ist nicht durch Juden vorbereitet worden, und unter den Männern, welche sie durchgeführt, waren keine Abkömmlinge Jesaia's, Jeremias', Ezechiel's zu finden, jener großen Revolutionäre der alten Zeiten. Und wenn die Reformation selbst und mit der Reformation die englischen und amerikanischen Freiheiten sich an den Judaismus anlehnen, so geschieht das durch die Bibel, — nicht durch den Inden, — durch das alte Buch der Bücher, das am Abend im Familienkreise laut verlesen wurde, nicht burdi die übriggebliebenen Trümmer der zwölf Stämme. Weder England noch Amerika haben zur Zeit ihrer Revolutionen Juden unter sich gehabt. In der Bibel haben zwar die al:en protestantischen Pastoren — die Lehrer Rousseau's — das Princip von der Souveränerät der Völker entdeckt, um es aber zu finden, mußten sie nicht erst in die „Jndengasse" gehen. Und wenn der ehemalige Ver. Staaten-Gcsandte in der Türkei, Herr Oskar S. Strauß, in seinem Werke über den „Ursprung der republikanischen Regierungsform in den Ver. Staaten von Nordamerika" sagt, daß die Gründer der Union das Vorbild der Bundes-Berfassung der Bibel, d.h. dem Pentateuch, den „Richtern", entlehnt haben: so mußten die Adam's und die Mad son's dazu nicht erst in den Judengassen Europa's Unterricht nehmen. -Nein, nicht aus der Jndengasse bat der Geist geweht, der den Juden zum modernen Menschen gemacht hat; dort selbst, rvo die Mauern des Ghetto gefallen waren, hat der moderne Geist erst den zähen Widerstand der Rabbiner zu brechen und zu besiegen gehabt. Baruch Spinoza wurde von der erleuchtestcn Judengemeinschaft des XVII. Jahrhunderts in die Acht erklärt. Moses Mendelssohn, das Vorbild von „Nathan der Weise", sah im XVIII. Jahrhundert seine deutsche Uebersetzung des „Pentateuch" und der Psalmen von den deutschen und polnischen Rabbinern verdammt. Die Synagoge von Berlin vertrieb eines ihrer besten Mitglieder, weil es ein deutsches Buch gelesen hatte. In allem sich selbst überlassenen jüdischen Gemeinschaften haben die Ultra-Konservativen, die „Obskuranten", stets die Oberhand gehabt. Verkehren wir deshalb nicht die Rollen: ganz im Gegensätze zu Dem, was uns diese „Semiten" oder jene „Anti-Semiten", die Beide in gleicher Weise geneigt sind, Israel ungebührlich zu vergrößern, glaubcn machen wollen — es ist nicht der Jude, welcher den christlichen Gedanken emancipirt hat, es ist der christliche, oder, uni es modern auszudrücken, der „arische" Gedanke, der den Juden emancipirt hat. Ohne Descartes hätte es vielleicht keinen Spinoza gegeben, ohne Voltaire und Lesst'ng vielleicht keinen Moses Mendelssohn. Und gehen wir weiter zurück: der große jüdischhellenische Philosoph Philon hat Plato's Ideen zur Grundlage seiner Lehren genommen. Und Maimonides ist das geistige Kind des Aristoteles und der Araber. Man fühlt sich förmlich zu dem Schluffe gedrängt, daß überall und zu allen Zeiten das jüdische Genie, um sich auszuschwingen, durch Andere erst gehoben werden mußte, daß seine Flügel sich nicht von selbst zu entfalten vermögen, daß es, um sich zu entwickeln, äußerer Hilfe bedürfe. * * * Der Jude also soll die christliche Civilisation in Gefahr bringen! Welcher Jude? Der gläubige? Der „jüdische" Jude? Kennt ihr den Juden, der in den großen Judengemeinden Böhmens, Galiziens, Lithauens, Klein-Rußlands, der Moldau, more judaico lebt? Soll der polnische, der russische, der rumänische Jude der verpönte Fabrikant von „Nouveautes“, von „Novelties“, von „Modesachen" sein? Er und seinesgleichen sollen die Welt in neue, ungebahnte, gefährliche Wege gestoßen haben? Der Unglückliche! Dazu ist er zu arm, zu unwissend, zu gedrückt, zu religiös, zu devot, zu konservativ, zu sehr Jude. Und das muß hier besonders betont werden: Es gibt auf Erden kein hartnäckiger, unversöhnlicher konservatives Element, als den talmudischen Juden Er, den man als den natürlichen Feind der Ueberlieferungen hinstellt, er kennt keine größere Sorge, als sich

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