Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1891-08-14 · 32 (14.8.1891) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
8 (1891)
Issue
32 (14.8.1891)
Date
1891-08-14
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020847-3020880--00609-3024607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 588 Oestrrreichifchr Wochenschrift. Nr. 32 schlug ihn das junge Mädchen aus, indem sie auf seinen Buckel wies. Mendelssohn sagte zu ihr: „Glauben Sie, Fräulein Gu gen heim, daß Ehen im Himmel geschlossen werden?" woraus sie die Frage bejahrte. Da sagte Mendelssohn: „Bei der Geburt eines jeden Mannes wird im Himmel ausgerusen: Dieser Mann bekommt jene Frau. Auch bei meiner Geburt hörte ich ausrusen: „Moses Mendelssohn bekommt Fanni Eugen hei m zur Frau, dieser ist aber ein Buckel bcschieden." Da sagte ich zum lieben Gott: „Herr, was soll ich mit einer buckligen Frau! Soll die Frau den Alaun glücklich machen, so muß sie schön sein." Gott aber sagte: „Es steht in meinem Rathschlusse fest und ich mag ihn nicht ändern. Jedoch, wenn Du willst, so will ich ihn Deiner Frau abnehmen und ihn Dir geben." Ich war damit zufrieden. Und so bekam ich, sagte Mendelssohn, statt Ihrer, mein Fräulein, den Buckel, den ich hier trage. Durch diese geistreiche Erfindung gewann Mendelssohn das Herz der Dame, und Fanni Eugen heim wurde seine Frau". „Aber Papa", sagte das Mädchen unter Thränen lächelnd, „Herr Jeiteles besitzt ja auch keinen Geist; er ist troeien, wie das Einmaleins." „Trocken, trocken — — — geh' mir mit Deinem verdorbenen Geschmack! Wie können einem denkenden Mädchen die Fadesfcn eines jungen Mannes gefallen? Ein charaktervoller Alaun muß wahrhaftig sein. Ich rechne aus Deine Vernunft. Geh' und mach' Toilette. Du weißt, unsere heutige Gesellschaft gilt in erster Reche Deinem künftigen Verlobten". Noch immer weinend entfernte sich das Mädchen. Sie hatte den Eltern nicht die ganze Wahrheit zu sagen gewagt. Ein Anderer füllte ihre Seele aus. Die Eltern hätten sie für närrisch erklärt, würde sie ihnen von diesem Andern gesprochen haben, denn sie hatte ihn niemals mit Augen gesehen — sie „ahnte" nur, daß er der Mann ihrer Liebe sei. Cs war auch gar zu märchenhaft. Im Mai, gleich in den ersten Tagen ihrer Uebersicdlung aus's Land, da fand sie ein Briefchen an einem kleinen Rosenbusch gebunden. Sie versteckte es in ihrer Kleidertasche und erst am Abend in ihrem Schlafzimmer, wagte sie, cs zu össncn. Es enthielt liebeglühcnde Verse. Seit drei Monaten schwelgte sic nun in diesen Versen und unaufhörlich erhielt sie seitdcni Zeichen von der Nähe ihres Ideals. Fast täglich fand sie ein Sträußchen auf ihrem Lieblingssitz im Garten. Einmal, als man sie des Jeiteles wegen hart bedrängte, faßte sie sich doch ein Her; und hinterlicß des Abends auf ihrem Sitze ein Zetteichen mit verstellter Handschrift: „Erscheinen Sie mir doch ein einziges Mal, ich bedarf Ihres Rathes". Am nächsten Morgen fand sie in dem Sträußchen die Antwort: „Ich kann nicht kommen — ein Fluch ruht auf mir! Laß es ein Traum sein! Aber ein Traum, den man nie vergißt!" Von jener Stunde an, zweifelte sie nicht mehr: Er ist ein Dichter, eine schöne, hohe Seele doch arm. Und sic faßte den Entschluß, tapfer gegen die ihr aufgedrungene Ehe mit Herrn Jeiteles zu kämpfen. Wenn der Unbekannte, mit der hohen, schönen Dichtcrseele ihre Standhaftigkeit sehen werde, müsse er ihr nahen, trotz des Fluches seiner Armuth, der auf ihm laste. Mit diesen Gedanken war sie jetzt bei ihrer Toilette beschäftigt, und von diesen Gedanken erfüllt, erschien sie später in der Gesellschaft. Herr Jeiteles war bezaubert von ihrem Anblicke, aber er konnte ihr keine Complimente machen. Um ihn zu kränken, nahm sie ein Album von einem Seitentischchen und sagte zu ihm schnippisch: „Wollen Sie mir einige Verse hineinschreiben?" „O, esswird mir kaum im Augenblicke gleich'etwas Passendes einfallen!" „So improvisiren Sie doch!" meinte sie beharrlich. „Haben Sie mir denn nichts zu sagen?" „Mein Fräulein, ich glaube, das ist wie in der Handekswelt. Die Geschäfte, welche große Reclame machen, sind selten etwas nütze, die reellen schweigen. Ich glaube mit einer reellen Neigung ist dasselbe." Hätte er nur nicht das Wort „reell" gebraucht! Es schwebte ihr die hohe, schöne Seele ihres Ideals vor, und sie lächelte höhnisch, was Herrn Jeiteles nicht entging. Er verbeugte sich und zog sich zurück. Ihr aber wurde recht beklommen zu Muthe. Sie schlüpfte in den Garten. Das nächtliche Schweigen, der blinkende Sternenhimmel, das that ihrer poetischen Seele wohl. Plötzlich schrack sie zusammen, es raschelte in ihrer Nähe, eine dunkle Gestalt regte sich im tiefen Schatten der Laube. Das Mädchen stieß einen Schrei aus, sie wollte fliehen. Aber die dunkle Gestalt warf sich ihr in den Weg, sank ihr zu Füßen ... „Verweile doch, schönes Traumbild meiner Tage und Nächte, nie vermochte ich den Muth zu finden, vor Dir zu knieen, ich zitterte vorder enorrnen Größe dieser Stunde, aber die Nacht ist meine Schützerin." Wie betäubt stand das Mädchen unter diesem Schwall von hohlen Worten. „Ich darf und will Sie nicht weiter anhören," rief sie zitternd; er aber hörte sie nicht und faselte unaufhörlich weiter: „O, Königin", declamirte er beschwörend, „das Leben ist der Güter Höchstes nicht! Doch Deines Kleides Saum zu küssen" — und er macht eine entsprechende Bewegung — „das wär' meine höchste Seligkeit!" Entsetzt wich sie zurück, er folgte auf den Knieen rutschend. Da — plötzlich fiel vom Hause her ein Lichtstrahl auf sein Gesicht — das Mädchen war dem Niederlinken nahe. Sie erkannte die Gestalt mit dem geleckten pomadisirten semmelgelben Scheitel. Es war der Commis im Laden des Herrn Jeiteles. Und der also war die hohe schöne Seele ihres Ideals! Sie schämte sich vor sich selbst. Sie riß sich los. Fast athemlos gelangte sie in das Gesellschaftszimmer. Schon suchte man sie, denn Herr Jeiteles wollte sich empfehlen. „Ich habe Ihnen einige Verse ins Album geschrieben, die mir doch einfielen. Vielleicht entsprechen dieselben Ihren stark poetischen Neigungen, mein Fräulein?" Das Mädchen schlug das Album auf und las. „Von wem sind diese Verse?" fragte sie mit einem Schrecken, denn es waren dieselben, mit denen „die hohe, schöne Seele ihres Ideals" ihr Herz zu allererst einnahm. „Von einem meiner Anverwandten, der leider zu jung gestorben. Ich greife immer wieder nach dem Bändchen Gedichte, das von ihm erschien". „O, könnten Sie cs mir nicht leihen?" „Ich habe es monlentan nicht zn Hause. Mein Commis hat es mir abgeborgt, aber ich muß cs ihm ohnehin wegnehmen, denn ich habe ihm gekündigt". „Weshalb denn?" brachte sie gesenkten Hauptes hervor. „Es stellte sich heraus, baß er ein enragirter Antisemit ist". Ihre Wangen brannten im Fieber tiefster Beschämung. Wie männlich, wie wahrhaft erschien ihr jetzt Herr Jeiteles. Das Wort „reell", sic fand es nicht mehr abgeschmackt, er ist reell, ihr Ideal war eine Parodie. ' Sic nölhigte mm Herrn Jeiteles noch zu bleiben. Und er blieb noch lange bei ihr. Am nächsten Tage erhielt sic ein schmächtiges Bändchen in Goldschnitt, die Gedichte eines — Jeiteles. An der Stelle, wo das Gedicht stand, mit dem „die hohe schöne Seele ihres Ideals" sic gefangen, fand sie ihr eigenes Zettelchen: „(Erscheinen Sie mir doch ein einziges Mal!" und darauf ein Fettfleck, l wahrscheinlich Tropfen des lostbarcn Saftes eines — Schweinseottelelsi und an der Seite mit Bleistift geschrieben: „Hah — Triumph — sie hat geschrieben! — Ein reizendes Geschöpf diese'Jüdin — der Spaß ist köstlich!" Zornig zerriß das Mädchen den häßlichen Zettel. An Herrn Jeiteles schrieb sie aber ein Bitletchen, die Gedichte hätten ihr einen „reellen" Genuß bereitet. .Und den Namen Jeiteles auf der Adresse schrieb sic so schön und zierlich, als wollte sie ostentativ andeuten, wie lieb und theuer ihr dieser Name ist. Briefkasten. Leop. Löblowitz, Jablunkau. Wir bestätigen den Abonnements? betrag bis 15. Dcccmber l. I. Für die unglücklichen aus Rußland vertriebenen Inden sind uns aus Rum bürg zugekowmcn: von Jul. Oesterreicher, Fabr. fl. 20.—; von Löw & Hertzka, Brauer, fl. 5.—; von Sam. Popper fl. 10.—; von Adolf Bock fl. 3.—; von D. Jerusalem fl. 3.—; von Adalbert Deutsch fl. 2.—; von Theodor F u ch s fl. 2.—; von Med. Dr. Straus fl. 3.—; von Emil Löbl fl. 5.—; von Emanuel Kraus fl. 3.—; von Albert Kraus fl. 3.—; von Eduard Bäudler fl. 3.—; von Julius Lederer fl. 2.—; von Röderer fl. 1.—; zusammen fl. 65.— Concurs. Bei der israelitischen Cultusgemeinde in Reiehenberg i./B. gelangt die erledigte Stelle eines Rabbiners unter nachstehenden Bedingungen bis längstens 1. Jänuer 1892 zur Besetzung. 1. Muss der Bewerber um diese Stelle das österr. Staatsbürgerrecht entweder besitzen oder erlangen. 2. Ist der Nachweis über das abgelegte Doctorat der Phylosophie zu erbringen. 3. Soll derselbe in der Lage sein, den Religions-Unterricht an den höheren Klassen der Volks-, Bürger-, sowie au der k. k. Staats-Mittelschule zu ertheilen. 4. Alle Functionen eines Seelsorgers zu versehen und auch die Matrikenführuug zu übernehmen. 5. Ist erwünscht, dass der Bewerber nicht über 40 Jahre alt sei. Als Einkommen wird * ein fixer Jahresgehalt von 1400 fl. zugesiehert und erhält auch der Rabbiner noch weiteres für den Unterricht an der k. k. Staats-Mittelschule und den oberen Volksschullklasseu eine Remuneration ca. 300 fl. Ueberdies erwachsen für den Rabbiner bedeutende Functionsgebühren und Emolumente von mindestens 700 fl. da die hiesige Ünltasgemeindc 1000 Seelen zählt. Bewerber um diese Stelle haben ihre ordnungsmässig gestempelten Gesuche unter Beibringung ihrer Stndienzeugnisse und ihrer bisherigen Verwendung, an den Vorstand der hiesigen Cultusgemeinde bis 5. September 1 J. zu richten und behält sich der Cultusvorstand, nach Ablauf dieser Frist das Recht vor, über die Aufnahme zu entscheiden und diejenigen Herren Bewerber, welche demselben für diesen Posten als befähigt erscheinen, zu einer Probepredigt einzuladen. Später eingegangene Gesuche können nicht berücksichtigt werden. Dem Acceptirten werden die Reisespesen vergütet. Yom Vorstände der israelitischen Coitusgemeinde zu Reiehenberg. Der Vorsteher: Heinrich Langstein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.