Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Charakterbilder. ° Nach Erlebnissen aus seiner Jugendzeit erzählt von Julius Hosenthal L Die alte Meiern. ' (Sei ו luss.) Wer die alte Meiern so in ihrem■ Wirken ׳und Schaffen sah, musste mit Rührung auf die Frau blicken, und mir schwebt.besonders das Bild so lebendig• vor Augen־, wie sie sich in ihrer Standhaftigkeit durch die Strassen der Stadt schleppte, liier und dort einkehrend, um zu kaufen oder zu verkaufen. Sie hatte einen schlorrenden Gang, den mau schon von Weitem hörte, und gar oft schaute man die Gassenjungen, wie sie sich an dem Strassenpfosten vörsammelten, um die Trödlerjüdin gaffend zu empfangen, wenn sic um die Ecke .schlicfi. Man that das nicht in spottender Absicht, nein, man fühlte geradezu Pietät mit der Alten, und es lag eine gewisse Scheu darin, wenn der eine Junge dem andern zuräunte: ״Du. dort schleicht die närrische Jüdin, woll’n wir hören, was sie mit sich redet!14 Oft näm- ..lieh, wenn die Alte sich allein glaubte, bei ihren Besch äftigungen zu Hause, öder wenn sie durch die Strassen der Stadt schlürfte, sprach sie mit sich selbst, sie kleidete in Worte, was sie eben bei sich dachte. ״Die narr sc he Jüdin11 nennten sie wohl auch bisweilen die Gassenjungen und das besonders, da sie seit einiger Zeit verschlossener als je war, fast mürrisch, und unausstehlich. Jede körperliche Unter-!Stützung, die ihr von Seiten der Töchter zu teil wurde, י schlug sje ab, jede fremde Hülfe wies sie schroff zurück. ..Schlecht, alles schlecht14, rief sie dann leidenschaftlich aus, und man wusste nicht, was man von ihr halten sollte. Allein, mit sich allein durchlebte sie die Woche, jeder Tag gab ihr neue Arbeit. Nur der Sabbath und die Feiertage waren für sie Ruhetage, wie es das Gebot vorschrieb, und getreu den Farniliensatzungen schloss sie bei Sabbath-Eingang abends düs Lädelteft, zündete oben die Kerzen an und las a!|s der vergilbten* Haüsbibel im frisch überzogenen Lelm־־ stuhl sitzend, still für sich, und erst wenn man sich zum Abendbrot versammelte, legte sie die Brille, deren sie sich heim Lesen bediente, und die Postille zur Seite. Die Svnagoge, ״die Schule11, wie sie sagte, besuchte sie seit Jahren nicht mehr. Während die Töchter, glauben streu wie die Mutter selbst, in frommem Bedürfnis zum Gottesdienst gingen, war es ihr das Beste, am Sabbath für ein Stündchen ins Freie zu wandern, hinaus aus der engen Stadt. An einem Sonntag Morgen traf ich die Jüdin vor . den Thoren des Städtchens. Sie war festlich gekleidet und mit reiner Perrücke angethan, die duftete und glänzte. Sie sprach wieder mit sich allein, kurze Sätze, unzusämmen- ]längende Worte. Am Thore kauerte ein armes Mütterlein, zur Seite lag eine Krücke. Es warf einen flehenden Blick auf die Jüdin, so dass diese stehen blieb. Nach kurzem Besinnen ging sie zu der Armen. Sie sprachen lange miteinander. Ich sah beide weinen, die Reiche wie■ die ■Arme, die Jüdin und die Christin. Was mochte sie wohl bewegen‘? Schliesslich gab die Trödlerin dem Mütterehen ihren Geldheute!: er war von Ueder, und eine Schnur verschloss den schweren Inhalt. ״Behalt’ es 41,sagte die Jüdin, ״und vorgiss nicht die alte Meiern44. Das Mütterchen weinte noch lange, als die Trödlerin weg war. —Einige Wochen später nach dieser Begebenheit/ deren ich mich mit grosser Freude?erinnere, erzählte inan sich in der Stadt geheimnissvolle Gerüchte aus dem Hause der Trödlerjüdin. Man׳ ■sprach von der Verlobung des Sohnes, der vor kurzem sein Staatsexamen glänzend bestanden und in Berlin eine Anstellung gefunden hatte, von der Verlobung mit einer ebenso schönen, wie reichen Christin, der Tochter eines einflussreichen Justizbeamten. Ja man wusste sogar genaue Einzelheiten von dem. erschüttcmdernJEmdmck^-dcn-dia§cr^^rfall''anf die -alte'.Mutter gemacht. Städtchens verdanke ich die genaue Kenntniss der Einern Freunde des Rabbiners unseres ganzen Geschichte, die er mir wahrheitsgetreu erzählte. Demnach war der Sohn unerwartet zur Mutter gereist, die ihren Jungen das Herz drückte,lange,lange, und seineWange mit Küssen bedeckte. Tags darauf eröffnet# er ihr seih Vorhaben. .״Mutter44, sagte er, ״ich muss etwas Grosses werden, ich will kämpfen, ich will glücklich werden, ich will zudem Ruhe und viele Liebe haben, ich ■werde heiraten, Mutterfr 'Dev Alten Blick glänzte, und die Augen der Mutter perlten in Thränen der Freude. ״Mutter,14 sprach er in hoher Erregung weiter, ״ich habe ein Mädchen gefunden, das ich liebe und das mir seine Liebe geschenkt, und ich kam, um dich um deinen Segen zu bittend1 Und sie erhob ihre Hand und wollte den - anihre Brust' gesunkenen Sohn segnen, als er auffuhr und stammelnd rief: ..Mutter, Mutter, ich darf kein Jude meinsein, das Weib, das ich liebe, ist eine.'־Christin!״ Wie jäh der , Blitz, die• Wolke durchfährt, 80 schrie die Frau auf und sank kraftlos zu Boden. Langsam erholte sie sich wieder; aber sie war bleich wie die kahle Wand, und nur manchmal zuckte ein roter Hauch über ihre Züge. Lange sassen Mutter und Sohn an einem Tische, kein Wort.kam über ihre Lippen. Um so deutlicher war aber injkr&n.,.Zügen zu lesen, was sich in ihrem Innern absyneltJeT Der Sohn bebte vor Erregung, plötzlich fing er heftig "zu Nehluchzeit an und presste seine Hände an die thränen den Augen. Vergeblich suchten ihn die Schwestern zu trösten. Jahre waren dahin gezogen, und die alte Meiern lebte noch; noch immer kramte sie in ihrem Laden, wie wenn sie täglich Inventur machen wollte. Einstmal suchte ich sie in ihrem Trödlerladen auf. ״Gute Frau,41 redete ich sie an, und sie neigte ihren Kopf tiefer und hielt die Hand an die Ohrmuschel. ״Gute Frau14, sagte ich lauter, denn ich merkte, dass ihr Gehör geschwächt war. ״ich suche eine alte Violine, vielleich eine ^Italienerin, eine Amatie, oder eine Stradivari,’4 setzte ich scherzend hinzu. Hihi, lachte sie heiser und fast verlegen, dann fuhr sie mit ihrer grellen, spitzen Stimme fort■..mit starkem jüdischen Tonfall: ״Wollt ich könnt Euch dienen mit einem Instrument, -80 alt wie ich bin, junger Herr, oder mit einem neuen, so alt wie Ihr seid; ich habe ausverkauft darin meine ganzen־ Bestände. Und sie lachte wieder,, da sie glaubte, witzig gewesen zu sein. Das welke Gesicht ward dabei stark gerötet, und der zahnlose Mund verzog sich }lässlich. Sie sah aus wie eine Sybille, auf dem Kopfe Trug sie eine tiefschwarze Haarperriicke, die mit einem fein markierten Scheitel versehen war, ihre Augen waren schmal und hervorstehend, von dicken. Brauen verdunkelt. ״Ich ■habe ausverkauft meine ganzen Bestände,11, sagte sie nochmals, im nächsten Augenblick aber hatte sie schon eine Leiter an ein verschmutztes Regal angelegt und war mühsam die Sprossen emporgestiegen; vielleicht ist doch, noch ein Geschäft zu ■machen, dachte sie. Es war vergebens,, sie murmelte beim Absteigen genau, wie vorher: ״Schlecht, alles schlecht,14 und dann sagte sie mit einer eckigen Verbengung: ״In einigen Tagen, junger Herr, kann ich besser dienen.11 Es war ein beunruhigender Eindruck, den ich mit nach Hause nahm, und ich dachte noch manche Stunde nach über diesen Besuch bei der Trödlerjüdin. Ich weiss es noch genau,׳ sie that mir damals in der Seele wehe,, die. alte Frau! Acht Tage darauf, .und ich ging wieder nach■ dein kleinen Hänschen der Wittwe Meier. Der Laden unten war verschlossen und ich stieg die Treppe .hinauf nach dem oberen Stockwerk, der Wohnung Vier Jüdin. Ich hörte lachende Kinderstimmen.■ das Trampeln von jungen Fässchen und schon streckt mir oben ein kleines Mädchen• durch die Gitterthür sein Händchen entgegen und rief: ' ״Grossmama, Besuch Grossmama.14 Die alte Meiern .kam herangeschlürft, sie erkannte mich und führte mich in das Zimmer, wo mich liebliche Kinder umringten. Ans dem Nebengemach kam eine stattliche Dame, gefolgt■' von den freudestrahlenden Töchtern der Meiern. Sie lächelte und nannte sie ״alte Mama.11 Ich verstand, was vorgegangen war. Die Witwe Meier hat seit jenem VbagenVfdrt wfedtu7 ilirem Laden ^eöffnetr sitr d111־fte, sie wollte nicht mehr arbeiten, da sie sich . nun in ,.der״' Rühe wohl ■fühlte, der sie sich mit neuer Reseligüng -hmgebei 1 konnte. . Ja, sie 'war versöhnt mit sich seihst, und einige Tage . noch - vor ׳ihrem- Todesagte sie zu mir: ..Die. Fnkelkiiulerohen Indiens mir angethan. und seine liehe gute Frau, sie sind wohl Gpjim, aber sie haben doch alle ein koscheres Herz**.