Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3019627-3019682-3019691--063-3020494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jn einer Zeit, in der wir Juden wegen unseres Glaubens angefeindet und geschmäht, wegen unserer Rasse und unserer Abstammung zurückgesetzt werden/ ist es durchaus notwendig, dass alle Juden sich wieder ihrer Zusammengehörigkeit bewusst sind und sich, fest •zusammen־־ schliess.cn, um allen Verleumdungen und Gehässigkeiten unserer Feinde Trotz zu bieten. Aber giebt es denn Mittel und Wege, dem anscheineiVl unter den Juden, besonders, unter der Jugend sich immer mehrenden Abfall vom Glauben ihrer Väter Einhalt zu thun? In unserer so schnelllebigen Zeit mit ihren so materiellen Ansichten gehen den der Schule entwachsenen Jünglingen und Jungfrauen bald alle idealen Anschauungen und vor allem die Religion fast völlig verloren, und ein nichtssagender, wertloser, aber sehr moderner Indifferentismus macht sich besonders in den Kreisen der jüdischen Jugend immer mehr und mehr breit. In Erwägung dieser leider so unerfreulichen Thatsaehen würde• die .Vereinigung Monbijou als erste derartige Vereinigung gegründet, um in allwöchentlichen Sitzungen durch interessant(' Vorträge und anregende Discussionen die Kenntniss der jüdischen Geschichte und Literatur unter ihren Mitgliedern zu fördern und so bei der jüngeren Generation die Liebe , zum Judentum wieder neu zu erwecken und sie stark zu machen in dem uns aufgezwungenen Kampf gegen, musslose Verhetzung, aber auch um sie stark zu machen gegen leichtsinnigen Abfall!\ Nur der Jugend gehört die Zukunft, und nur die dem Judentum treu .-.ergebene Jugend kann verhindern, dass das durch Jahrtausende hoch gehaltene Banner jüdischer Religion und jüdischer Sitte kraft- und machtlos zu Boden sinkt! Aber nicht nur Vorträge über jüdische-Geschichte und aus jüdischer Literatur finden in der V. M. statt, nicht nur alle Juden und Judentum betreffenden Tagesfragen werden hier erörtert, auch alle anderen Gebiete allgemeiner Wissenschaften und schöner Künste und nichtzum wenigsten auch die Geselligkeit werden hier in hervorragender Weise gepflegt. :• Auch besitzt die V. M. eine aus mehreren 100 Bänden bestehende Bibliothek, in der alle Gebiete belehrender, klassischer und belletristischer Literatur zahlreich vertreten sind, und die allen Mitgliedern•'jeder-, zeit zur Verfügung steht. Zu den allwöchentlichen Sitzungen, die.:•streng-parlamentarisch mit feststehender Tagesordnung geleitet werden; haben nur Herren, die activen Mitglieder der V. M. Zutritt, doch auch diel )amen haben Gelegenheit an .den ■Bestrebungen der V. M. teil zu nehmen. In Zwischenräumen von je 4 Wochen werden teils von ■Mitgliedern, teils von bekanntem Rednern grössere Vorträge gehalten, an die sich gesellige Unterhaltungen an sch bessern Wir müssen noch darauf hin weisen, dass die V. M. nicht etwa eine bestimmte Richtung im Judentum(' vertritt, nein jeder ist uns gleich herzlich willkommen, er sei liberal oder orthodox! Wer nur das Bewusstsein in sich fühlt, Jude zu sein, und wer sein Judentum hoehhalten will, ist zu einigen Sitzungen freundlich emgeladeh, um Wesen und Ziele der V. AI. kennen zu lernen. Die Vereinigung zählt jetzt über 100 Mitglieder, die alle nur aus den!)Osten jüdischen Familien Berlins stammen. Auch viele ältere Damen und Herren, die für die Bestrebungen und Tendenzen ״MönbijouV4 Interesse zeigen, haben sich dieser Vereinigung angeschlossen. Der monatliche Beitrag beträgt für aotive Mitglieder (Herren) Mk. 1, für inaetive (Damen) Mk. .0,50, das Eintrittsgeld Mk. 1. Die Sitzungen finden jeden Mittwoch Abend, präs. 9. Uhr, in Cassels Hotel, BurgstrasseJ^,. statt. Mögen unsere wahrhaft guter! Bestrebungen bald alle jüdischen Kreise Berlin s durchdringen׳ und der V. M. die Mitgliederzahl und Grösse bringen, die erforderlich ist. um mit Nachdruck ihr Ideal verfechten zu können, zum Heil und Segen für Juden und Judentum.