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Berliner Vereinsbote · 1896-03-06 · Heft 10 (6.3.1896) · page 5

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 10 (6.3.1896)
Date
1896-03-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jüdische Charakterbilder. .Nach Erlebnissen aus seiner Jugendzeit erzählt von ׳.ש . J tili us Rösmithal I. Die alte Meiern. Nicht weit von der Strasse, in der ich wohnte, in einem, alten engen (Fässchen, lebte eine seltsame Persönlichkeit, die'Wittwe Meier. Wer kannte sie nicht, die ״T '/' L wie sie im Städtchen hiess. oder die ..alte Meiern", wie sie sich wohl öfter selbst nannte? Die alte Meiern! Sie lebte wohl schon an seohszig Jahre im Städtchen lind war mit ihm anfge־wac!1sen; j sie kannten, sich also sehr gut die Beiden. Das Haus, das sie •bewohnte, war einstöckig mit grauem Anstrich und einem Dach, das grün und rötlich schimmerte. Man erzählte sich manches Eigentümliche von diesem Haus und der Familie Meier; von den Töchtern der Jüdin, die so weltfremd, so abgeschlossen lebten, trotzdem sie‘ in den besten Jahren standen, von dem Sohne, der früher ein schmucker Student, seif Jahren das־■׳'Städtchen mied, und erst von der Mutter selbst, die4 oben ina ersten Stocke in Kisten und Kasten das Gold in der Fülle verwahrte, wie unten im Laden die Läppchen und Fetzen Hebst ׳ anderem Trödelstand. Ja, unten im Erdgeschosse des Hauses war das Ladengeschäft der alten Meie Di. Da standen zusammengestellt die Ballen und Koffer, buntbemalte Schränke und Betten, die mit Schnörkeln und zierlichen Leisten versehenen Kommoden, bestaubte Bilder und Spiegel, manch’ gutes echtes Stück, von seltenem Werte. Dort waltete und schaltete die Frau und wartete der Kunden, die Bedarf hatten in dem einen oder anderen Gegenstände. . Und das kam oft vor,, denn man wusste, dass man für billiges Geld eine preisweife Waare erhielt, man kannte die Jüdin in ihrer Ehrliehkeit. Es war aber auch schon eine gar lange 'Zeit her,■ als zum ersten-Mal* der Trödler-Larhui geöffnet ward und ein junges Weibchen im Verkaufsraum’ stand, das ordnet** und schaffte ״und ..dabei ward. cs unterstützt \v<»1 miiem stattlichen Mann, mit offenen, verständigen Airgmi. Das war Herr Meier. Die* Jahre zogen dahin und dir Beiden׳ hatten es zu etwas gebracht, dm־ Hausstand blühte und ,-s lag Segen in der/Familie. Die Kinder wuchsen aut‘ und wurden' gut und streng erzogen, dem Satze getreu, dmi Meier in die Bibel des Hauses einschrieb am ׳ Debfirt stage des Sohnes: ״Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen.u Aber auch bittere Stunden kamen, schmerz] ich*• Krankheit warf den ■Vaterlange auf das Krankenbett und hin es Tages sehlief er. ein zum besseren Erwachen.' . Das war zur Zeit, als der Sohn nach München zog, um die Universität zu ־besuchen.: er wollte Jurist werden. Kr war ein junger Menseh mit gediegenem Wissen und edlen hochfliegenden Gedanken; er hatte in sich den Drang zu arbeiten' und zu schaffen, etwas Grosses Achtung gebietendem zu leisten.י Das Trauerjahr war für die Wittwe langsam und schmerzlich ׳verflössen, sie trug ihren Kummer allein und fand nur? Trost in ihrem Glauben, der ihr das Teuerste ihrer Sehnsuchtverliiess. Aber dennoch ward sie still und ver-■ schlossen und die Kinder, die mit grosser Liebe an dm* Mütter hingen, sorgten sich, um ein zweites, teures Leben. Monate schwanden und Jahre kamen und jedes neue* .fahr sah die Wittwe Meier, wenn auch älter, so doch in zäherer Kraft, strebend und schaffend: es lag etwas Wunderbares. Seltsames in ihrem Wesen, ein Gemisch von Manneswille und weiblichm Schwachheit. iFortsetzung -־folgt.) 754274

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