Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 8 (21.2.1896)
- Date
- 1896-02-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Feuilleton. ,,Ein tüchtiger Reisender (Christ) gesucht/ Einä kleine schmucklose Erzählung aus dem Lehen V von Adolf Landau. \ ■ ״Da seh’n Sie mal, Unger, das ist doch auch wjeder nichts, nicht wahr?44 sagte ein junger Mann׳; zu. seinem' TischgenossöiU undHielt ihm ׳'die■ Zeitung hin, indem er mit dem Finger! auf ein Inserat deutete, das so begafin, wie der Titel dieser Erzählung. ״Zeigen Sie doch einmal, Roth44 meinte der mit Unger Angeredete upd las aufmerksam die bezeiclmete Annonce. ״Na hören Sie mal, ich Will Ihnen .was sagen: Sie können so etwas schon riskiren hei Ihrem ,germanischen Aussehen; es ist־ ja auch am Ende nichts Sündhaftes bei. JVas Sie nicht gefragt werden, darauf ^brauchen Sie keinen Bescheid zu geben und schliesslich werden Sie ja sehen, ob find wie lange es geht, falls man Sie engagieren sollte. Ich an Ihrer Stelle würde mich entschiedet melden. Wollen Sie sich erst lange noch miissig herumdrücken? Ich, freilich könnte so etwas nicht riskiren**, schloss lachend Enger, der ein hübsches, aber den orientalischen Tvpiis nicht vorleugnendes Abussere hatte, seinen Sermon. Der mit Roth angeredete stattliche junge Mann mit blondem Haar und blaugrauen, lustig d t ־e inbli ck eil 1l e n Au ge 11 war das gerade Gegenstück seines Freundes und konnte wohl für einen ״Vollblutgermanen״ gelten. Er überlegte noch ein Weilchen hin und her, und als die Beiden sieh schliesslich vom Tisch erhoben, war er nach einigem* Zureden entschlossen, sich für die betreffende Stellung zu melden. Die jungen Deute trennten sich nicht, ohne dass Unger zuvor dem Freund anriet, ihm den Brief am Abend vor Absendung noeji einmal zu zeigen. Dies geschah mu h. Die Freunde trafen sich nach beendigtem Tagewerk und das Schreiben, welchem die günstigsten Zeugnisse, feine־. Ein piehlungen und die! gewünschte.Photographie beigefügt worden waren, ging ״sub W. A B.44 zur Post. Nach 'Verlauf einiger Tage kam ein Schreiben an ״Herrn Carl R<ffhu von der Finna Wernerund Bergmann. Manufacturwaaijen-Grossliaus in L.. worin dieselbe sich hereit erklärte. den Adressaten zu baldigem Antritt als IMsenden unter sehr annehmbaren־ Bedingungen zu engagieren, um baldmöglichste Rückäusserung ersuchend. Da Freude mitteilsam macht, was war natürlicher, als dass unser Roth denn auch nichts Eiligeres zu thun ־hatte, als seinem Freunde die angenehme Botschaft zu übermitteln und 80 besprach man nach gemeinsam eingenommenem, Abendbrot mit poch weiteren, ins Vertrauen gezogenen Bekannten die eventuell aus diesem Schritt sich ergebenden Consequenzen fesp. das weitere Verhalten des Freundes, der, die Zuschrift des Hauses beantwortend, zur Annahme der Stellung wie zum Antritt in wenig Tagen sieh bereit erklärte. Auch dip Bestätigung dieses Briefes'und seines Inkaltes traf ein und somit war das Engagement abgeschlossen. Ein vergnügter Abend vereinigt^ noch einmal den Scheidenden mit seinem engeren Freundeskreis und es fehlte la ebensowenig: an gut gemeinten Ratschlägen wie an scherzhaften Anspielungen auf den ״germanischen/4 Reisenden. Dass sich dieser einer geflissentlichen Täuschung schuldig jemacht, das wollte den etwas übermütigen jungen Leutchen vohl nicht so recht in der! Sinn kommen, oder sie machten sich darübe!4 wenig Skrupeln. — Etwa drei bis vier Tage später stand "im pomtoir der Gross-Firma Werner und Bergmann der neu engagierte Reisende, welcher auf die Chefs einen günstigen Eindruck machte, wohingegen in unserm Freund ein gewisser geheimer Verdacht aufstieg, den er indess vorläufig wieder unterdrückte, und beschloss, bezüglich desselben eine beobachtende Stellung anzunehmen. # Das Geschäft war ein ziemlich umfangreiches, das Personal dementsprechend .zahlreich urzd, was Roth befremdete, er bemerkte unter demselben Einige, die siel! entschieden als Glaubensgenossen dokumentierten, während er selbst diefe©!Gemeinschaft durch den an solche Bedingung geknüpften Schritt, den er nun einmal gothan, zu verleugnen .gezwungen war. ׳ Dje Principal© selbst waren schöne, mit stattlichen Vollbäften geschmückte Männer weltmännischen Benehmens. Besonders des Einen blitzende schwarze Augen kennzeichneteu einen hervorragenden, lebhaften Geist, während des Anderen schärfere Züge hiebt minder durchdringenden Verstand verrieten, besonders wenn er mit seinen kleinen grauen, ipit Gläsern bewaffneten Augen dem gerade vor ihm Stehendefi bis ins Innere zu blicken seinen. UnsepFreund konnte sich übrigens einer sehr freundliehen Aufnahme rühmen und hatte sich in kürzester Zeit׳ so eingear^eitet, dass er seine eigentliche Tliätigkeit, den Besuch der auswärtigen Kundschaft resp. die Anwerbung solcher aufnehmen konnte. Das Glück begünstigte ihn und unterstützte seinen Eifer; das Haus durfte, wohl mit seiner Requisition Zufrieden sein. Nach Beendigung der ״Tour44 in seinem nunmehrigen־־ Domicil wieder eingetroffen, blieb er* redlich bemüht, die günstige Meinfing, welche seine Tliätigkeit bei seinen Chefs erweckt hatte, \veiter zu befestigen. Gleichzeitig aber nahm er Gel egen 11 eit ,\ die oben erwähnten Beobachtungen wieder aufzünohmon und fühlten dieselben ihn zu seinem höchsten Erstaunen bald \ zu der Erkeimtniss. dass seine Prinzipale selbst dem angenörten, das er vor ihnen zu verleugnen sich genöthigt. ge Muni. 11/ — Judentum. Aus gelegentlichen, mit seinen ■׳Geschäftseodlegen angeknüpften.Gesprächen entnahm er die Bestätigung dessen und beschloss, bei nächster Gelege!dieit׳ auf das /Factum fussend, seine, weniger durch den Druck und Zwäng der Verhältnisse, als durch seinen leichteii Sinn, worifi ihn seine Freunde noch bestärkt'hatteil, angenommene \Maske fallen zu lassen, und sich den Herren als י Glaubensgenosse erkennen zu geben, - Diese Gelegenheit stand in )Gestalt der höchsten Feiertage, des Neujahrs- und Versöhpungsfestes, vor der'Thür. ״ יHören Sie mal, Herr Roth44, sagte eines Tages Herr Bergmann zu dem jungen Mann, ״Sie können nächsten Donnerstag und.' Freitag einen (gesckäftlichei!) Abstecher machen oder — wenn feie wallen - auch einen kleinen Urlaub erhalten׳." Wir werden an diesen Tagen unsere Gesehäftsräume geschlossen halten4*. Ja, nun war •er da, (k\r erwartete und doch gefürchtete Augenblick, •jetzt Iness es). .der Wahrheit die EI vre •geben. Roth,, der sonst so flotte .!finge, der so keck in die Welt hineinblickte, ward doch etu\as verbogen und seiiu* Gesichtsfärbe zeigte eine merkwünlig^Uebereinstimmung mit seinem Namen. ׳ . , . 'M ״Geeinter Hetr .Borgman.fi,. wenn Sie gestatten, mache ich von Ihrer gütigen Erlaubnis tun so lieber Gebrauch, als Sie damit meinen Wünschen entgegenkommen. Ich winde mich, dem Beispiele des Hauses ansehliessen) ebenfalls an den;;beiden Tagen nickt nur der geschäftliehen Tliätigkeit enthalten, sondern auch, gleich Ihnen, die Synagoge besuchen.4, \ »;; ׳ ״Ah, mein ■Lieber, wie ich aus Ihren Worten entnehme, sind Sie d ׳von unterrichtet, dass wir Feiertage halber unsere. geschäftliche Tliätigkeit sistireüc. erwiderte Bergmann ״und ich finde es nur billig, dass. Sie, Ihrem Wunsche entsprechend, ebenfalls an diesen Tagen frei sind : ganz eigen aber berührt es mich, offen gestandene, und hierbei blickte der Redner den vor ihm' Stehenden .'forschend an. U dass Sie auch an unserm Gottesdienst teiizunekmen beabsichtigen. Ist dies aus Interesse au fremdartigen Bräuchen oder eine weitgehende Rücksichtnahme, weine ich fragen darf?״ *Keines von Beiden״, antwortete der Gefragte. *Und mm muss ich eine in keiner tadelnswürdigen Absicht begangeue Täuschung bekennen, in welcher? ich die Herren bisher gelassen; und mich, so gut es eben angehen wird, bei Ihnen zu entschuldigen versuchen. Ich bin nicht; wie Sie annah men, und worin Sie meine, äussere? Erscheinung bestärkt haben mag, Christ, sondern Uir Glaubensgenosse,״ ••■{•.Schluss folg{). .