Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 2 (1896)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1896)
- Date
- 1896-01-31
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3019627-3019682-3019685--021-3020446- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton. Des Windes Heulen. UebarsetsBt aus dem Hebäischwi des P. Sinolensky. Das Heulen des Windes, das wie eine Klage klingt, erregt in uns nicht selten ein Gefühl tiefer Wehmut, ohne dass uns dabei in den Sinn kommt, was der Wind oft für erschreckje he Dinge in seinen Fittichen führt: den Sterbeseufzer eines armen Vaters, das Wehklagen einer verzweifelten Mutter, der ein Despot den einzigen Sohn aus den Armen reisst, das Stöhnen unglücklicher, rechtberaubter Menschen, den Jammer umher irrender Waisen, und wie sonst alle die schrillen Töne heissen mögen, die sich zerrissenen Seelen und o־ebrocheneu Herzen entringen. — Wer denkt wohl an derlei Dinge? Es ist ja nur des Windes Heulen! Auch Fürst׳ B. dachte nicht im Entferntesten' daran, als der Wind einen von Schmerz durchzitterten Ton durch die halbgeöffnete Tür hereintrug, bei dem seine Geliebte unter den glühendsten Küssen ängstlich zusammenzuckte. ״Närrchen!“ scherzte er. ״es ist ja nur des Windes Heulen!“ und. fuhr fort, sie an seine Brust zu schliessen und aus dem schwellenden Rosenkelch ihrer Lippen feurige Küsse zu schlürfen . . . . . aber es war doch noch etwas mehr als das Heulen des Windes. Hören wir: Die Bewohner des kleinen Städtchens G. bei Prag wollu11־ es insgesamt nicht glauben, dass es Sara, die schöne Tochter des Rabbiners, mit dem Aussprache, den sie einmal gethan, so ernst nehmen werde. Wie hätte man es auch glauben sollen, wenn man die jugendfrische Sara sah, mit ihren vollen, blühenden Wangen und ihren im Liebesfeuer erglänzenden Augen -- wie Hätte man es nur glauben sollen, , dass sie dem Liebesglück© für alle Zeiten entsagen und den j flüstern Witwenschleier demselben vorziehen werde? Freilich hatte sie während der fünf Jahre des Zusammen- ״ lebeus mit ihrem Manne viel der Freuden genossen und viel des Glückes, so dass sie in dieser kurzen Zeit mehr aus dem beseligenden Becher holder Liebeslüst geschlürft hatte, als vielleicht andere ihr ganzes Leben hindurch. Ragte ja doch auch ihr Mann an .Wissen und Kenntnissen weit über die Köpfe aller anderen hervor, und als er noch ein Jungling war, klang schon sein Name und seine jüdische Gelehrsamkeit weit über die Grenzen Böhmens hinaus. 80 maneher der begüterten, reichbemittelten Glaubensgenossen wiegte sich in der süssen Hoffnung, dereinst dieses ״Juwel4״ als Eidam heimzuführen, und alle blauleuchtenden und schwarzblitzenden Augen der ״Gasse“ sahen ihm mit geheimer Liebesgier nach, wenn er so morgens und abends, des Weges kam, um in die Synagoge zu gehen — denn er war, wie man sich in der Sprache vergangener Zeiten auszudrücken pflegte, köstlicher Wein in kostbar goldenem Gefässe. Die Glückliche indes, die er unter allen Mädchen zur Braut erkoren, war Sara, die holdäugige Tochter des Rabbiners. Niemand missgönnte ihr jedoch dieses Glück; sogar Etel Wermuth, die alle Welt mit den galligen Augen des Hasses und des Neides ansah, Etel, welche jedes Glück eines Anderen als etwas ihr Geraubtes betrachtete, müsste zugeben, dass Sam die Perle aller Mädchen sei, züchtig wie ein Täubchen, holdselig wie die gute Stunde selbst und schön wie der leuchtende Morgenstern. Kann es noch mehr echtes Glück geben, als in einem Hause, wo zwei solche Wesen sich vereinen? Allein das Glück hat ein beschränktes Maass, das Leben eine enggezogene Grenze. Da das Glück, das überströmende, masslose Liebesglück, von Saul — so war sein Name — nicht weichen wollte, so wich das Leben. Sara blieb als Witwe, ihr Töchterchen Julie als Waise zurück. Niemand, nicht die reichsten Männer des Ghetto, und nicht die gelehrtesten der Rabbiner vermochten die schöne Sara durch ihre Sendlinge dazu zu bewegen, dien Witwenschieier mit dem Ehering zu vertauschen. Ihr Entschluss war fest, war unerschütterlich, so lange Witwe zu bleiben, bis sie Gott dereinst zu sich rufe, um sie mit ihrem Gatten zu vereinen. Sie konnten und wollten es nicht glauben, alle die reichen und gelehrten Männer, die auf sie ein Auge geworfen hatten, und sie trösteten sich damit, dass sie doch : Früher oder später ihre Liebessoufzer erhören werde ״ denn die Seufzer stiller Liebe sind nicht blos in den Museutempeln zu hören; solche Seufzer steigen oft hinter dem grossen, alten Ofen in der ״Klaus“ aufwärts und wallen iin Rauche empor, sie fliessen mit den Wellen des kleinen Bächleins dahin, nachdem man am Neujahrstag seine Sünden hineingebröckelt hat, und wer weiss, ob nicht manchmal dem reuigen Sünder sogar am Versöhnungstag ein solcher Senfzer entschlüpft* Wie selten dringen jedoch diese Seufzer bis an das Ohr derjenigen, die sie hervorgerufeii hat. Die schöne Sara, die keinen Wurm zu ihren Füssen sehen konnte, ohne ihn mitleidig aufzuheben, hätte diesem Seufzem vielleicht nicht widerstanden, wenn sie nur den Weg zu ihrem Herzen gefunden.hätten. Uebrigens war sie auch jetzt glücklich. Wenn sie ihr Töchterchen ansah, das wie ein holdseliges Knöspcheri auf blühte mit vollen rosigen Wangen, mit Aeuglein, die wie zwei schwarze Diamanten durch seidene Wimpern hervorblitzt eil und dein sanften Engelsgesichtehen da ging ihr ein ganzer Himmel im Herzen auf und sie war überzeugt, dass ihr Gatte mit einem seligen Lächeln zu ihr herunterblickte. Konnte sie es auch nicht sehen, dieses selige Lächeln, sollte sie sich dadurch das Leben verbittern lassen? Sab nicht auch sie, als er noch lebte, oft genug durch die Gardinen ihres Stübchens zu ihm empor und hielt den Atem an, um ihn ja nicht in seinem Studium zu stören, ohne dass er dies merken konnte warum sollte es jetzt auch nicht umgekehrt sein können? Kaum zehn Jahre alt, zeichnete sich Julie schon durch ihre leuchtende Schönheit, ihre Klugheit, Herzensgute und durch ihr musikalisches Talent aus. Etwas, wie eine lachende Lerche klang aus ihr, wenn sie ihre Rosenlippen öffnete. Sara liess sie denn auch im Singen unterrichten, wenn־ gleich es zu jener Zeit als eine Sünde und als eine grosse noch dazu galt, dass ein ״Weibsbild“ seinen Mund zum Singen aufthat. War sie ja doch sicher, dass diese heitere Kunst einem keuschen Wesen nur erhöhten Liebreiz verleihe, und sie pflegte nicht ohne Mutterstolz hinzuzufügen, sie glaube fest, dass ihre Julie nach Prag heiraten werde, sie sei ja ganz für die grosse Stadt •geschaffen.־ Julie machte auffallende Fortschritte in Sprachen und Musik und verkehrte mehr und' mehr in nichtjüdischen Kreisen, in welche sie ihre christlichen Lehrer, die ihr Lob überall ausposaunten, eingefiihrt hatten. So geschah es denn, dass sich Sara, verblendet durch die Liebe zu ihrem Kinde, zu einem Schritt verleiten liess, der unter' ihren Glaubensgenossen allgemeines Aergernis hervorrief. Sie liess nämlich ihre Tochter in fremder Gesellschaft Theater- Vorstellungen besuchen, ja sogar solche, wo man ״gottlose Gesänge“ hört und ״ausschweifende Tänze“ sieht. -- Nicht die Verdienste ihrer Eltern, nicht der Ruhm ihres Mannes, nicht ihr eigener guter Ruf vermochten sie diesmal gegen "״ die Lästerzungen zu schützen, ja alle diese Vorzüge wurden ihr vielmehr übel angerechnet. — Würde eine Frau von dunkler Herkunft sich an der altersfrommen Sitte versündigt haben, das Beispiel wäre nicht so ansteckend, nicht so verderblich gewesen aber sie, die fromme, musterhafte Sara, die Tochter solcher Eltern, die Frau eines solchen Mannes unerhört! beispiellos! Zu jener Zeit verschlossen sich die Juden׳ ■noch mit einer chinesischen Mauer gegen jede Neuerang, jeder weltliche Hauch galt als etwas Verpestendes. Ein Schritt, wie ihn Sara gewagt, rief allgemeine Entrüstung hervor, erbitterte die ruhigsten Gemüter. Die Vorsteher der Gemeinde gerieten in nicht geringe Verlegenheit. Eine Frau wie Sara massregeln? Das könnte das ganze Volk, das vor dein Andenken ihrer Eltern im Staube lag, zur Empörung gegen sie, seine Vorsteher, reizen! Sich passiv verhalten? War ihnen nicht das Wohl und Wehe ihrer Gemeinde an vertraut? Sie hielten Beratungen ab und beschlossen endlich, sieh noch einige Zeit ruhig zu verhalten. (Fortsetzung folgt.!