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Berliner Vereinsbote · 1896-07-02 · Heft 27 (2.7.1896) · page 2

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 27 (2.7.1896)
Date
1896-07-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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das Auge täuschen und den Sinnen schmeicheln, ohne die- ןenige Befriedigung zu gewähren, nach welcher das Herz verlangt; es ist dies hiernach nicht schwer zu begreifen, dass jene Verfassungsbestimmungen meisthin nur einen theoretischen Wert haben, d. 11. dass sie im Gegensatz zur Praxis nichts weiter erkennen lassen, als das Vorhandensein einer Gedankenrichtung von Rechten und Gesetzen, •ohne. Rücksicht auf die Anwendung derselben, ein wesenloses Etwas, ohne die betätigende Kraft der Lebenspraxis, vier Buchstaben und Gedanken, die■ auf dem Papier ein erstarrtes Dasein fristen. Freilich widerspricht ein solches Verhalten dem Geiste des Gesetzgebers, mich dessen! Sinn die Verfassung der oberste und berufenste Hüter von Gesetz und Ordnung sein soll.und der vornehmste Faktor im konstitutionellen Vorfassungsstaate; man hat es eben vor- -זenden, durch das famose Mittel der administrativen Praxis diesem Willen des Gesetzesgebers ein Schnippchen zu rhingen und die Gegensätze von Theorie und Praxis mögliehst zu verwischen, so dass nicht erkennbar werden sollte, da ss. man• damit tluitsärhlicliirn beständigen Konflikt mit dem Geset z und der öffentlichen Moral, mit.,""Recht׳' und Billigkeit sic 11 beiin der. Lange Jahre hat man sieh über < יc^etz und Rechte rücksichtslos hinweggesetzt und auf den versöliiedenouGebieten des Verfassungslebens von diesem Mittel den ergiebigsten Gel »rauch gemacht. Mit Hülfe dieses Mittels hat man dem Juden trotz seiner ׳Befähigung und der Makellosigkeit seines Namens und Benehmens jene Berufe verschlossen, welche seit Olims Zeiten d!d3 Domäne der• Söhne jenes feudalen. Junkertums sind, das in seinem ITebemmted den Menschen erst mit dem Baron beginnen lasst: nachgerade■ aber scheint man in gewissen höheren Verw alt. ungskreisen zu der Erkenntnis gelangt zu sein, dass diese Art und Weise, missliebige Kandidaten von Amt und Würde fernzühalten, im Gmnde genommen eine fortlaufende Verfasst!ngs- und Rechtsverletzung ist, ein System, das arg gegen das Gesetz verstösst׳ und deswegen illegitim ist: hier und da mögen nach dieser Richtung hin Skrupel entstanden sein, welche den Wunsch nahe gelegt haben, diese uu~ beVmeme Empfindung der Rechtsverletzung durch ein Gesetz zu beseitigen, das dem discretionären Ermessen des massgebenden Beamten'den weitesten Spielraum lässt und ihn in den Stand setzt, in seinem: amtlichen Verhalten gesetz lieh legitimiert zu sein. Das war. .Zweck und Aufgabe ries vielbesprochenen A^sessorenparagraplien, der nun zwar vorläufig zu Grabe getragen wurde, dessen Inhalt alter für die betreffenden Interessenten zu verlockend ist. um eines schönen Tages nicht wieder aufzuerstehen׳' und lebensfähig zu werden. Wir befinden uns ja seit Jahren auf der abschüssigen Bahn eines retroversen Kurses, dunkle Wolken umschliessen den Horizont immer mehr und. mehr und. ziehen die Perspokftve einer toleranten Denkungsart in immer engere Kreise. ״ Wer diesen Wahrnehmungen ••immer noch gleichgütig gegmiüborsteht. sei es, dass er vor purem Optimismus nichts mehr ...hören und sehen ■will, oder seine ganze Kraft und Intelligenz 'nur dem Materialismus des täglichen Erwerbes widmet, der versündig( sich an dem Genius des Menschengeschlechts und verdient die Rute, die ihn züchtigt, und darum ergeht der Mahnruf an alle die Säumigen und Gleichgültigen, aus der Lethargie ihres bisherigen Verhaltens endlieh zu erwachen und mit geistiger und physischer Kraft den gemeinsamen Kampf gegen die Uebermacht des Feindes aufzunehmen, welcher die Menschheit entwürdigt und Kultur, Fortschritt, Humanität und Aufklärung in Fesseln schlägt. Lasset uns führen diesen Kampf mit der Kraft der Begeisterung für Recht und Wahrheit, Bildung und Aufklärung im Glauben an den ׳Allerhöchsten, der uns schützend bis hierher geführt und •in der' zuversichtlichen Hoffnung an die Morgenröte jenes Tages, an dem von hohe!* Warte das erlösende ״Bis hierher und nicht weiter“ ertönen wird und unausbleiblich ertönen muss. Die Zeiten ändern sich, ein sanfteres Jahrlufndert verdrängt die Zeiten eines Stöcker, Förster, Buckel, Ahlwardt und aller anderen vornehmen und geringen Judenfresser, und Menschlichkeit, Wahrheit und Liebe werden wiederum der Gradmesser sein für den idealen Wert des Menschengeschlechts. Bis dahin wollen wir freu zusammen halten und unermüdlich ausharren in dem Martyrium dieses Kampfes. Diejenigen' aber, die den hehren Mut nicht haben, das Martyrium des Judentums zu tragen, sind des jüdischen Namens nicht wert, sie mögen ihm den Rücken kehren und liingehen und sich taufen lassen. Das ist der letzte und beste Dienst noch, den sie dem Judentum erweisen können und für den es ihnen jeder Zeit dankbar sein wird, auf dem Wege zur Taufe aber mögen sie zum Geleite nehmen: Und ist das Becken noch so gross. Darinnen sie Dich taufen, Das Wasser in der Höhlung Schoss Voll bis zum Ueberlaufen. — Den Juden wirst Du doch nicht los, Nichts wäs ht Dir rein die Bude, Du bist und bleibst so lang, wie gross, Nur ein getaufter Jude. Viel nobler ist'8, sapienti sat, Das Dichterwort zu nützen: Was man ererbt von Vätern hat, Erwirbt inan zu besitzen. Dies teure durch die Tradition der Jahrtausende geheiligte Erbe der Väter wollen wir hochhalten, schützen und verteidigen bis an das Ende der Tage, ohne auch nur einen Augenblick irre und wankend zu werden in der Treue für Kaiser und Reich, die uns der Glaube lehrt und in der Liebe zur Menschheit, die eine der vornehmsten Glaubenssätze des jüdischen Bekenntnisses ist; Mit diesem sittlichen Bewusstsein wird das kleine Häuflein den Mut und die Kraft ■haben, dem Anprall der feindlichen Massen zu widerstehen, voll des wärmsten Dankgefühls für diejenigen, die es,uneigennützig und selbstlos in diesem ungleichen Kampfe hochherzig unterstützen, in dem Kampf für das Licht der Aufklärung, das der Zeitgeist fördert und mit dessen hochgehobener Fackel er dem Jahrhundert leuchtend voranzieht. Jüdische Gemeinde. Gottesdienst. Freitag» den 3. Irrli!n allen Synagogen ■ abends7 ׳G Uhr. Honnadend» den I. Juli in der rüren Synagoge rnorg. 82/ו Uhr, in 'den übrigen Synagogen morgens 9 Uhr. . predigten Vorm. 10 Uhr:Lindenstr. Synagoge. Herr. ■Rabbiner Dr. Stirn־. Nachmittag* ■t Uhr, Alte Synagoge Herr ■ Candidat Dr. ,Leopold Luchs. Adendgottesdienst 914 Uhr. Gottesdienst an den Wochentagen in allen Synagogen morgens 6*/2 Uhr und abends 672 Uhr. Verein für Arbeitsnachweis. Kloster-Strasse 44. Fernsprecher 5, 3366. Geschäftsstunden 9 1 und A 6 Sonntag 16—12 Wir erbitten dringend Arbeitsgelegenheit für folgende Kräfte: Commis und Expedienten verschiedener Branchen. — Confectionär für Herrengarderobe. Calculator für Oamenconfection. — Stadt* reisende. Buchhalter. — Comptoiristen auch für fremde Sprachen. Schreiber. Buchbindergeselleik» — Kellner. Schlächtergesellen. Klempnergesellen. - Schriftsetzergehülfen. Conditorgehülfen. Uhrmachergehülfen. Glasergehülfen Malergebülfen. — Tapezierergebülfen. — Sattlergehülfen. Zuschneider und Bügler für Herren- und Oamenconfection. — Handwerkerlehrlinge. -- Cigarrenarbeiter. - Verheiratete Männer für jede Beschäftigung Hausdiener. Cassenboten, auch mit Cautionen. — Buchhalterinnen, auch erste Kräfte, mit Sprachkenntnissen ~ Verkäuferinnen verschiedener Branchen — Lehrmädchen für engros und detail mit höherer und Volksschutbildung. Die Vermittelung von Stellen durch unseren Verein erfolg voll ständig kostenlos. vor Vorstand. Jüdische Lesehalle und VolksbibHothek Münchener Hof Spandauerstr. 1113־ für jedermann geöffnet: Wochentags 1—4, und 7J/2—10. Sonnabend 2—5. Sonntag 10—2. Vereinigung Monbijou. Die für Sonntag, den 5. Juli augesagte Dampferpartie findet nicht statt. Der Vorstand.

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