Mannheim
Compact Memory

Berliner Vereinsbote · 1896-01-10 · Heft 2 (10.1.1896) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
2 (1896)
Issue
Heft 2 (10.1.1896)
Date
1896-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3019627-3019682-3019683--006-3020419
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Der Vorein „Jung - Israel4* hat eine Einrichtung getroffen, die gewiss die verdiente Würdigung und Anerkennung aller Freunde der hebräischen Litteratur finden wird. Er veranstaltet nämlich sogen. „Dichterabende", an denen Probon der neuhebräisehen Litteratur in prosaischer, poetischer und musikalischer Form vorgetragen werden. Einen solchen „Diehterabcndu hielt der Verein am 5. d. M. ab. Nach einem einleitenden Vortrag des Herrn Dr. Ehrenpreis über -dieneuhebräische Dichtung im 1!). Jahrhundert1* gelangten Dichtungen von Naphtali, Hartwig Wessel v. Max Lft t eris. Micha Leben söhn, J eh uda Leib Gordon, Rahel Morpurgo, L. I. Min/. Sarah Schapira u. a. m. in gutendeutscher Übersetzung zum Vortrai>r. Den meisten Beifall eriitete die Krzählung „des Windes Heulen" von i * * * j* * / \ -SmollMisk i. -übersetzt.' von N. S;iun\eli, die nach Inhalt und Form von iirrvolYagender litterarischer Bedeutung ist. Auchzwei „( 'irische Licderu, *Miipom<Tt von Fnedlnnd (Breslau», ge.Mingcn von Frl. Müller. fanden eine beifällige Aufnahme. Der Dichterabend war sehr gut besucht. An den offiziellen Teil schloss sich ein Kommers an. In den Bne-brith-Logen hielt Heu Dr. ■ Gustav: Aarpeles am H. d. M. den letzten Vortrag seines Cyclus über ..JüdischeGeschichte". IViescrbehandelte die Zeit von Moses Mendelssohn bis in d?e( regen wart, die Redner als die Zeit der Renaissance bezeichnete. Während das Judentum um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in dertiefsten Erniedrigung schmachtete, steht es jetzt überall an der Spitze der (Zivilisation, ja auf manchen (»ebneten ist es geradezu tonangebend goWhrden. Nach einer Schilderung derZÄ. um welche Mendelssohn nacJi^ftrlin xtan, führte der Vortragende die Entwicklung der Verhältnisse vor,, die diu'cti\das Auftreten und Wirken diese» grossen Philosophen ihre Richtung erhielten. Mendelssohn ist der Reformator des Judentum** und der Germanisator der Juden Ihm ist auch die Geselligkeit zu danken, die die gross! en Geinter Deutschlands zusammengeführt, an der auch Fürsten und gekrönte Haupte teilnahmen. Sein Haus sowie der Salon der Henriette Herz, Rahel Lewin u. a. war der Sammele punkt der grösst en Gelehrten und Schriftsteller damaliger Zeit. Die Renaissance, die von Berlin, von Mendelssohn ausging, nahm schnell ihren Weg fast über den ganzen Erdball. Und als zu Endex.de« | vorigen u. anfangs dieses Jahrhunderts ein; freiheitlicher Hauch die Völker durohj wehte, da wurde auch den Juden der | meisten Länder, denen Englands zuerst I die ihm zustehenden Rechte zugebilligt. \ Das Auftreten Mendelssohns hat aber! eine Begeisterung, ein Feuer entfacht, wodurch hervorragende Juden, besonders I die gebildeten Frauen jener Zeit, dem Judentum untrem wurden. Dr. Karpeles zeigte dann an der Hand der Geschichte wie sich die Ver- haltnisse der Juden in allen Ländern bis auf den heutigen Tag entwickelten, wie die Geschichte der Juden von einer N höheren Macht geleitet werden. Und ywenn auch gegenwärtig ein heisser Kampf tobt, so werde Tsrnel - wie einst dei\ Erzvater Jakob durch diesen Kampf vielleicht geschwächt werden, unterließen wird es jedoch nie. So lange es eine Geschichte geben wird, so lange wird es ein Judentum geben. Reicher Beifall lohnte den um die jüd. Geschichte und Litteratur so sehr verdienten Redner. Zum Zeichen der Verehrung wurde ihm eine kostbare Vase überreicht. Die Vorträge, die Herr Dr. Karpeles in der Letzten Zeit in der Loge gehalten hat, werden den stets zahlreichen Besuchern der Vortragsabende lange in angenehmer Erinnerung bleibon. Die Freunde des Dr. Karpeles wird die Mitteilung, dass seine f> Vorträge über „Jüdische Geschichte44 schon in nächster Zeit im Druck erscheinen, gewiss sehr augenehm sein. Schlagfertig. Der bekannte deutsche Schriftsteller, Baron v. Knigge, war als junger Mann in Hessen - Kassel'schen Diensten im Finanzkollegium als Assessor angestellt, ging aber seiner ausserordentlichen Neigung zu Spässen und lustigen Einfällen eifriger nach, als seinem Amt, ein Umstand, der ihm in höherem Grade den Beifall der lachlustigen Hofgesellschaft, als seiner amtlichen Vorgesetzten eintrug. Freilich fehlte es aucK nicht an gelegentlicher scharfei* Heimgabe seiner Spässe. Einst enthielten die Zeitungen die Nachricht aus Konstantinopel, die Muselmänner hätten!am 10. Mai nach alter Sitte zur Versöhnung des Propheten einen Juden nebst einem Esel begraben. Man las und lachte darüber, und mitten aus einem Kreise von Hofdamen heraus rief Knigge dem beim Hofe sehr geschätztenOberhofägenten Feidel spottend die Worte zu: „Wie gut. Herr Oberhofagent, dass Sie am 10. Mai nicht« in Konstantinopel waren!' „Allerdings", erwiderte Feidel kopfnickend, ohne eine Miene zu verziehen, „ein grosses Glück für mich! Aber auch für Sie, bester Baron, dass Sie nicht dort, sondern in Kassel waren!" „Für mich? Wie so?" antwortete Knigge betroffen. „Ich bin doch kein Israelit!" „Das nicht, aber der Herr Baron1 vergessen, dass ausser dem Juden noch jemand begraben wurde!" Ein betäubendes -.Gelächter des ganzen Hauses brach bei diesen Worten aus, und der geschlagene Witzbold verlor so völlig darüber den Kopf, dass er wütend da* Zimmer verliess.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.