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Berliner Vereinsbote · 1897-10-15 · Heft 42 (15.10.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 42 (15.10.1897)
Date
1897-10-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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OberbemdenReparatnrWerkstatl, ah« 40. Halspriesen 20, Paar Handprieaen 25,!*einen-Eins&tz m. Einsetzen 50 Pfg. JTeuanfertlg־. z. büllg-st. Preisen. Abholung frei. Synagoge. Noch heute nach langen Jahren steht der mächtige Eindruck vor meiner Seele, als ich die weissgekleideten Männergestalten erblickte, die langgezogenen, klagenden, herzerhebenden Töne der alten Kolnidrei-Melodie zum ersten Mal vernahm. In scheuer Ehrfurcht richtete sich mein Herz nach oben und die schluchzenden Laute der betenden Gemeinde fanden ihr Echo in meinem Innern. Und wie verstand es das alte Judentum in seinen Gebräuchen und seinem Oeremoniell das jugendliche Gemüt zn rühren! Welch ein rührendes Bild war es, wenn׳ am Freitag Abend die jugendlichen Häupter in Liebe und Ehrfurcht sich neigten, um von den Eltern den traditionellen Segen zu empfangen! Wie musste die Teilnahme an der Sederfeier, das Sitzen in der Laubhütte einwirken auf das Kindergemüt! Und gar erst das Simchas-Thorafest mit seinen Fähnchen und Lichtern, seinen Umzügen und Prozessionen, schien es nicht eigens für die Jugend geschallen zu sein? Wir wollen diese längst entschwundenen Bilder unserer Jugend nicht weiter ausspinnen. Wohl uns und dem jüngeren Geschlecht, wenn solcher Geist auch heute noch in unserer Mitte waltete. Doch die Zeiten haben sich geändert. Vieles, an dem das Herz unserer Väter mit inbrünstiger Liebe hing, ist im Wandel der Dinge und Zeiten untergegangen und lebt nur 1n der Erinnerung fort. Unsere Jugend ist eine andere geworden, nicht immer zu ihrem Vorteil. Der alte traute Familiensinn, wenn auch keineswegs gänzlich erloschen, hat vor dem Drängen und Stürmen der modernen Zeit andere Formen annehmen müssen, die Teilnahme der Kinder am Gottesdienst der Gemeinde, an der Andacht der Erwachsenen ist heute namentlich in grossen Gemeinden ein frommer Wunsch geworden. Unter diesen Umständen muss es schon mit Freuden begrüsst werden, wenn von Seiten der berufenen Gemeinde- Organe wenigstens das Notwendigste geschieht, damit unsere jüngere Generation wenigstens nicht ganz und gar religiösem Leben und seelischer Erbauung entfremdet wird. Selbst wenn der beste Wille vorhanden wäre, die Kinder hineinzuführen in die Gebetsstätten ihrer Väter, an den Umständen und Zeitverhältnissen würde diese Absicht scheitern. Und gar erst an den hohen Feiertagen, wo sämtliche Synagogen nicht aasreichen, um die Erwachsenen aufzunehmen, wo Dutzende von improvisierten Betlokalen wie die Pilze aus der Erde emporschiessen, ist es vollständig unmöglich, den Erwachsenen auch noch die Kinder hinzuzugesellen. So muss denn anderweitig Ersatz geschaffen werden, und Gott sei Dank, ist der auch geschaffen. Bereits seit einigen Jahren findet am Sabbat nachmittag Jugendgottesdienst statt; ausser Gebet und Gesang wird eine kurze dem kindlichen Verständnis angepasste Ansprache gehalten. Dieser Gottesdienst hat ausserordentlich günstig und segensreich gewirkt. Das sollte unseren Gemeindebehörden den Ansporn bieten, auf diesem Wege nicht inne zu halten und sich nicht mit dem bis jetzt Erreichten zu begnügen. An jedem Sabbat Nachmittag und in jeder Synagoge sollte eine solche Andacht, abgehalten werden, die erforderlichen Mittel aufznbringen, kann ja unserer Gemeinde nicht allzuschwer fallen. Und selbst wenn es nötig sein sollte, weitere Opfer an Geld, Zeit und Mühe zu bringen, für unsere Jugend, für das heran wachsende Geschlecht der Zukunft und der Hoffnung sollte uns nichts zu viel, nichts zu kostspielig werden. Zum ersten Male überhaupt fand an den hohen Feiertagen ein besonderer Jugendgottesdienst statt. Wenn wir über diese Institution unser Urteil abgeben sollen, so kann dasselbe nur im höchsten Grade lobend und beifällig ausfallen. Die beiden Gottesdienste waren aussergewöhnlieh stark besucht;, die Liturgie mit liebevollem Verstandnis ausgewählt, der überall herrschende Geist der Andacht und Erbauung ein vorzüglicher, die kindlichen Töne der Gebete und Gesänge mussten mit Notwendigkeit auch das Herz des Erwachsenen mit Rührung erfüllen. Besonders ein Umstand hat uns ausserordentlich gut gefallen. Die religiösen Ansprachen wurden von den Lehrern der Kinder abgehalten. Und so ist es recht. Der Lehrer, der das ganze Jahr hindurch das schwere Werk des Unterrichts und der Erziehung an den Kindern zu verrichten hat, der das jugendliche Herz kennt, der jugendlichen Sinn auch bei dem Einzelnen in seiner Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit zu beurteilen versteht, er ist der richtige Mann, der auch in der Stunde der Andacht und Herzenserhebung zu dem kindlichen Herzen sprechen soll. Nicht dass wir auf unsere Rabbiner und Prediger damit ein ungünstiges Licht werten wollten. Aber wir glauben, diese Herren haben zumal an den hohen Feiertagen genug und überreichlich mit den ihnen obliegenden Pflichten zu thun und werden ohne Zweifel es nicht ungern sehen, wenn ihnen durch den oben angegebenen Modus ihre Amtsbürde ein wenig erleichtert wird. Sicherlich werden sie auch mit uns übereinstimmen in dem Gedanken, dass schon vom pädagogisehen Gesichtspunkt aus betrachtet, gerade der Lehrer und nur der Lehrer die geeignetste Persönlichkeit ist, mit schlichten ungekünstelten Worten und einfacher, kräftiger und erbaulieber Ansprache die Herzen der Kinder zu rühren, deren Pflege und Kultivierung ihm ohnehin während des ganzen Jahres an vertraut ist. Möge unsere Gemeinde nur fortfahren auf dem einmal beschrittenen Wege! Möge auch in Zukunft der Jugendgottesdienst läuternd, erbauend und segnend auf unsere Kinder ein wirken! Möge vor allen Dingen das gegebene Beispiel auch über Berlin hinaus viele, viele Nachahmer finden! Dr. B. Aus der Gemeinde Berlin. lieber den sephardischen Gottesdienst, veranstaltet am Roscli ha-Schana in Cassels Hotel von Glaubensgenossen aus Palästina und den Balkanländern, ist folgeudes zu berichten: Ausser den hier ansässigen spaniolisehen Familien waren auch mehrere orientalische Kaufleute erschienen, die aus Anlass der Transvaal-Ausstellung in Berlin und der Landes-Ausstellung in Leipzig, in Deutschland weilen. Das Aeussere der Versammlung bot ein buntes Bild: Neben dem abendländischen Cylinderhut der morgenländische Fez, neben der Berliner Modedame die orientalisclie Tracht. Dagegen zeigte der Cultus eine völlige Einheitlichkeit: alle Anwesenden, ob sie aus der Türkei oder Serbien kamen, bedienen sich einer einheitlichen Ausspräche des Hebräischen, mit Ausnahme des Buchstaben p den die Vorbeter aus Jerusalem etwa wie g oder cli (in ״doch“) zugleich aussprechen. Die Melodieen, oder riehtiger: die Melodie, — denn es wird so ziemlich die ganze Liturgie mich einer Melodie vorgetragen, — haben keinerlei Verwandtschaft mit den aschkenäsisclion oder polnischen Synagogen weisen, sondern tragen einen rein orientalischen Charakter; sie gleichen in ihrer halb lässigen, halb sentimentalen Verschnörkelung ausnahmslos den Weisen, die man hierzulande in Schaustellungen von Türken und Arabern zu hören pflegt. Am ersten Tage Rosch ha-Schana sprach Oberrabbiner Arwas zu der Gemeinde auf Wunsch nicht in arabischer Sprache, sondern in klassischem Hebräisch. Es war keine ״Predigt“, sondern das Produkt tiefer Gelehrsamkeit, das zum Vortrage gelangte. Bibel, Talmud, ja selbst kabbalistische Deutungen kamen zu ihrem Rechte. Der Vortrag dauerte eine volle Stunde. Als Vorbeter amtierte ein Herr aus Jerusalem, der Sohn eines dortigen Rabbiners, der hier — die Schneider-Akademie besucht. Obwohl Handwerker, besitzt er grosses talmudisches und angemessenes profanes Wissen. Um die würdige Aus-

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