Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1897)
- Date
- 1897-10-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Auf die Tage andachtsvollen Ernstes folget nun ein Fest der Freude, ein Fest des frohen und heitern Familienlebens. Mit dem Feststrauss, der in sich die vier Repräsentanten der Pflanzenwelt vereinigt, eilen wir ins Gotteshaus, um in der Freudigkeit eines leichten, geläuterten Herzens, eines frohen entlasteten Gemütes ein Loblied zum Preise des Allerhöchsten anzustimmen. Palme, Myrte, Essrog und Bachweide, so grundverschieden sie sind, sie werden zu einem Strausse vereinigt, andeutend, dass der Vornehme nicht stolz sei auf den Armen, der Gelehrte nicht auf den Unwissenden herabblicke, der Tugendhafte den Lasterhaften nicht von sich stosse; brüderlich vereint sollen wir leben, dem Armen helfen, den Verirrten bessern, niemand geringschätzen, niemand verstossen. Man spricht viel von der jüdischen Solidarität; in wieweit aber die von unsern Gegnern zu ihren schmutzigen Zwecken ausgenutzte Behauptung von unserer Solidarität zutrifft, lassen wir hier unerörtert. Jedenfalls wird unser Zusammenhalten über Gebühr gerühmt, und wo das geschiebt, hat es in der Regel einen verdächtigen Beigeschmack, indem man dabei die Meinung durchschimmern lässt und sogar ausspricht, dass wir nur in selbstsüchtiger Absicht oder deshalb Zusammenhalten, weil wir ein Geheimnis zu hüten haben sollen. "Wir antworten hierauf mit dem Worte Güdemanns: ״Eine Religion, deren Gott nicht in der Nacht und in einer dunklen Hütte auf die Welt gekommen ist, sondern am hellen Tage und auf der Höhe des Sinai, was könnte die wohl für ein Geheimnis besitzen! Wir haben keine Geheimnisse, weder schlechte noch gute, denn was geheim gehalten werden muss, ist nicht mehr gut. Aber wir halten auch nicht in selbstsüchtiger Absicht zusammen. ״Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“, und zu brave Menschen will die Thora uns erziehen. In dieser Absicht rief Moses in der Scheidestunde den in das gelobte Land aufbrechenden Israeliten die Mahnung zu, die er auch an uns richtet: ״Haltet standhaft zusammen im Dienste Gottes, welcher Gott und Vater aller Menschen ist.“ Das sei auch die Mahnung des Sukkothfestes mit dem Symbol des Feststransses. Hätten unsere Gegner Recht, wenn sie uns Solidarität nachsagen, es stände um uns und unsere Sache weit besser. Wir könnten uns einen solchen ״Vorwurf“ gern gefallen lassen. Wir müssten schon deshalb mehr Zusammenhalten, weil wir aufeinander angewiesen sind. Wenn irgendwo der Grundsatz ״Alle für Einen und Einer für Alle!“ Beherzigung verdient, so ist es bei uns. Oft genug und in schmerzlichster Weise haben wir erfahren müssen, dass der Mangel an Zusammengehörigkeit uns die schwersten Folgen gebracht, dass unsere schwachen Kräfte kaum vermögen, den auf uns ausgeübten Druck zu ertragen. Das Sukkothfest ruft uns zu: ״Feiert nnd heiligt das Fest der Hütten, damit eure kommenden Geschlechter inne werden und fühlen, dass ich in Hütten habe wohnen lassen die Kinder Israel, als ich sie herausgeführt aus dem Lande Egypten, ich, der Herr, euer Gott!“ Nicht oft und eindringlich genug kann die Mahnung wiederholt werden, dafür zn sorgen, dass das heran wachsende Geschlecht mit den Lehren und Einrichtungen unserer heiligen Religion vertraut gemacht werde. Die Vorbildlichkeit der Eltern ist der beste Erziehungsfaktor, ganz besonders wenn es sich um die religiöse Erziehung handelt. Als Israel in den Zeiten der Verfolgung und des Druckes, in den Zeiten, da Unwissenheit und Finsternis die Erde bedeckten, wie ehemals in der Wüste, seine Hütten errichtete, um sieben Tage darin zu wohnen, welche Gedanken mögen es wohl da gewesen sein, die sie erfiillten, wenn es an diesen Festestagen sich zurück zog in die niedere schwache Hütte, die es nach dem Gebete der Schrift sich erbaute? War es nicht die Erinnerung an die Geschichte der Vorzeit, die lebendig in ihr hervortrat; es einst tief gedemütigt und gebeugt, auch sie umgab die finstere Nacht der geistigen und leiblichen Knechtschaft, auch sie irrten verfolgt und gehetzt in der Wüste umher, auch sie hatten kein festes, sicheres Haus für das müde Haupt, sie mussten bald hier, bald dort die spärlich schützende Hütte errichten, und dennoch waren sie dem Sturm und Wetter nicht mehr preisgegeben, dennoch fühlten sie sich sicher unter dem Schutze Gottes. Dieses Gefühl der Sicherheit inmitten der tosenden Wogen des Hasses und diese zuversichtliche Hoffnung auf den Hüter Israels, der nicht schläft und nicht schlummert, haben in dem Aufenthalt in der Hätte ihren beredtesten Ausdruck gefunden. Das Gefühl der Sicherheit und die Hoffnung haben sich vererbt von Geschlecht auf Geschlecht, von Jahrhundert auf Jahrhundert, der sterbend© Vater überliess sie dem auflebenden Sohne, die scheidende Mutter übergab sie der zurückbleibenden Tochter, und wie langsam und wie schwer sich diese Hoffnungen auch verwirklichen wollten, sie hat doch niemals ganz getäuscht, sie ist doch niemals ganz zu schänden geworden. Nur unsern Tagen scheint es Vorbehalten zu sein, die Macht der aufrichtenden und aufrecht erhaltende]! Hoffnung als trügerisch zu erachten. Was sonst könnte die Eltern zu dem verhängnisvollen Schritte veranlassen, ihre Kinder dem Glauben der Väter zu entfremden, ihnen jede Gelegenheit, das heilige Erbe unserer Väter kennen und bethätigen zu lernen, geflissentlich zu entziehen, ja sie der Tochterreligion in die Arme zu führen? Verzagtheit nnd Strebertum, Schwäche und Materialismus sind die niederen Motive, die die Eltern zu Verbrechern an ihren Kindern werden lassen. Und dass diese Verbrechen gerade in den Kreisen am häufigsten zu finden sind, die vermöge ihrer Intelligenz, ihrer finanziellen nnd gesellschaftlichen Verhältnisse eine Führerrolle in Israel zu übernehmen geeignet wären, wie es einst bei uns gewesen, müsste uns mit Besorgnis und Trauer erfüllen, wären wir nicht von der festen lieberzeugung durchdrungen, dass der Bestand Israels auch dann gesichert ist, wenn die Zahl der Schwachen nnd Abtrünnigen sich noch weiter vermehren sollte. ״Feiert und heiliget das Fest der Hütten, damit eure kommenden Geschlechter inne werden und fühlen, dass ich in Hütten habe wohnen lassen die Kinder Israel, als ich sie aus dem Lande Egypten, der Knechtschaft geführt habe.“ Möge dieses Fest eine rechte Mahnung sein, mögen unsere Väter uns zum Vorbilde dienen in Gottesliebe und Gottesfurcht, in wahrhaft jüdischer Kindererziehung und Anleitung j zu allem Guten. In allernächster Zeit werden sich die ' Pforten unserer Religionsschulen wieder öffnen. Ob es sich alsdann wohl heraussteilen wird, dass die hinter una liegenden Tage ernsten Gedenkens und heiliger Weihe ihre Wirkung ausgeübt haben auf die geistige Trägheit, den öden Indifferentismus und die strafwürdige Gleichgiltigkeit so vieler Väter und Mütter in Israel? Und wenn das nicht der Fall sein sollte, wenn nicht die eigene Einsicht, das eigene Erkennen der ganzen Schwere und Last der Verschuldung ihren Kindern gegenüber zu Thaten der Besserung führt, ob dann wenigstens der äussere Zwang, die Druck- und Strafmittel nichtjüdischer amtlicher Factoren ihre Wirkung ausüben werden? Im schlimmsten Falle muss man sich eben zufrieden geben, wenn der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe die pflichtvergessenen Eltern ihre Kinder dem Religionsunterricht zuführen. Das ist ein trauriger Notbehelf, dessen wir uns zu schämen haben. Gern und willig, aus freien Stücken und ungezwungen sollte Israels Jugend Zuströmen den Quellen lebendigen Wassers, die jeden Tag sich erneuernd unsere heilige Lehre spendet. Dann Würde Heil und Segen erwachsen für Israel allerorten und für alle Zukunft.