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Berliner Vereinsbote · 1897-09-24 · Heft 39 (24.9.1897) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Allen lieben Lesern, Freunden und Mitarbeitern entbieten /׳um Jahreswechsel herzliehe Glückwünsche Redaction und Verlag des ״Berliner Vereinsbote“ Rückblick, Einblick, Ausblick. (Eine Betrachtung zur Jahreswende.) Nicht gleich seiner Umgebung begrüsst Israel den Beginn des neuen Jahres in lärmender Lust und oft genug in wüster Schlemmerei. Sein Jahresanfang ist der ernsten Betrachtung gewidmet, ist ein heiliges Fest, von Gott, seinem Schöpfer und Führer eingesetzt, von ihm bestimmt als Vorbereitung für den ernstesten und heiligsten Tag des Jahres. Selbst der laueste und lässigste Jude, der das ganze Jahr hindurch keinen Augenblick Müsse findet, zu Gedanken, die über das Alltägliche und Gewohnte hinausgehen, an diesem Tage geht ihm das Bewusstsein auf, dass der Mensch dennoch zu etwas Höherem und Edlerem geschaffen und berufen sei. Und nicht nur der Einzelne, auch Israels Gesamtheit wendet den Blick rückwärts auf den Weg, den es im vergangenen Jahre durchmessen, hält Einkehr in sich selbst, prüft Herz und Gedanken, mustert mit prüfendem Blick die vor ihm liegende Wegesstrecke, die in der nächsten Zeit sein Fuss beschreiten soll. Mit Dank gegen Gott, den Allgütigen, erinnern wir uns seiner Gnade, die er jeden Morgen neu hat leuchten lassen über Israel. Und dabei muss uns unwillkürlich der Gedanke überkommen, wie oft und wie sehr wir uns der göttlichen Gnade unwert gezeigt haben, und wie wir alles daran setzen sollen, in der kommenden Zeit unsere Pflichten als Juden und Menschen besser und nachhaltiger zu erfüllen. Der Mensch prüfe sich selbst, an der Vergangenheit messe er die Gegenwart, und die Gegenwart gebe ihm den Ansporn für sein Handeln in der Zukunft! Wir aber, die wir im Dienste des Judentums stehen und ihm unsere Kraft geweiht haben, auch wir wollen Umschau halten, wollen rückwärts unsere Blicke wenden, wollen arbeiten an der Besserung unserer Zustände, auf unserer Wacht stehen und Auslug halten auf das Stück Leben und Wirken, das die kommende Zeit uns vorbehalten. Und da sagen wir mit dem Dichter: ״Nicht rühmen kann ich'8. nicht verdammen, Untröstlich ist's noch allerwärts. Doch sah ich manches Auge flammen, Und klopfen hört' ich manches HerzU / Die Plage des Antisemitismus, die uns seit Jahrzehnten keimsucht, sie ist nach wie vor unverändert geblieben. Mag auch der eine oder der andere der Hauptschreier an anderer Stätte einen Kursus in der Schweigsamkeit durchmachen, mögen auch innerhalb des politischen Parteigetriebes des Antisemitismus, trotz aller so oft und laut in die Welt hinausposaunten Einigkeit, die einzelnen auseinanderstrebenden Faktoren einander ankrakelilen. für uns Juden liegt kein Grund vor. deshalb den Judenhass als absterbend oder gar als bereits abgestorben zu betrachten. Der gemeinsame Hass gegen das Judentum hält jene Gesellschaft noch immer zusammen, auch wenn sie anscheinend zu. zerfallen droht und ist völlig einig in dem Memdttte,; w» es gilt, gegen das Judentum einen Schlag zu führen. Und unsere ]Regierenden, wenn sie sich auch zu vörriehüi' dünken, um sich mit den! Antisemitismus in der Gosse gemein zu machen, in ihren bureaukratischen Vorurteilen gegen Juden und Judentum sind sie nach wie rör Ubefangeny nach wie vor ist für den Juden, der im I)|,enst׳e der Allgemeinheit seine Kraft beteiligen will, die beste Empfehlung der Taufschein. Und leider, leider sind jene sozialen- Schichten, welche hier in Frage kommen. innerlich noch immer nicht gekräftigt und gefestigt genug, um lieber Alles zu erdulden, als dem Glauben der Väter zu entsagen. Leider, leider, lernen unsere Kinder das Judentum noch viel zu wenig kennen, um es mit ganzem Herzen lieben zu können, um gerüstet und gewappnet zu sein gegen die Kränkungen und Anfechtungen, denen Israel ausgesetzt ist bis auf den heutigen Tag. Der Antisemitismus hat neben der unendlichen Fülle des Bösen, das er über uns gebracht, doch auch das eine Gute mit sich geführt, dass er in vielen von uns das fast gänzlich erstorbene Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentum zu neuem Leben erweckt hat, aber es hat den Anschein, als ob es noch viel schlimmer und viel heftiger kommen müsse, bevor das Judentum ganz und gar auf seine Ehre und Würde sich besonnen hat. Immer und immer wieder aber muss darauf hingewiesen werden, dass es nur besser werden kann, wenn wir selber besser werden, wenn wir wieder Juden werden voll und ganz, wenn wir unsere Kinder wiederum einführen in das Heiligtum, das Israels Gott eingesetzt in Israels Mitte. Es würde den ]Raum dieses Aufsatzes überschreiten, wollten wir in unsere Betrachtung alle diejenigen Länder hineinziehen, in denen Juden leben. Dasjenige Land, das die meisten Juden in seinen Grenzen hat, das Zarenreich, es erweist sich seinen jüdischen Landeskindern gegenüber noch immer als eine recht böse Stiefmutter. Von Zeit zu Zeit mag es ja dem Beobachter scheinen, als ob auch im Machtgebiete des mächtigsten Herrschers Europas die Sonne seiner Gnade auch über seinen jüdischen Unterthanen heller und wärmer erstrahlt, doch nur kurze Zeit, und das Licht verschwindet, Dunkelheit und Finsternis lagern wieder über den Häuptern unserer unglücklichen Glaubensbrüder. Auch in Oesterreich, namentlich in Wien, haben die Juden noch immer schwere Zeiten durchzumachen. Wenn wir an den kommenden Festestagen unsern Blick nach oben richten und Israels Schöpfer und Leiter ver* trauensvoll unser Geschick aus Herz legen, so mögen wir denn auch in unseren Gebeten ganz besonders derer unter unseren Brüdern gedenken, die unter schwerem Druck und harter Verfolgung lebend, ein kaum noch menschenwürdiges Dasein zu verbringen gezwungen sind. Von unseren Feinden wenden wir uns zu unseren Freunden. Das sind alle diejenigen, die gleich uns in diesen schweren Zeiten ihr Judentum nicht vergessen haben, sondern trotz alledem und gerade um dessentwillen Zeit, Kraft und Mittel einsetzen für Alles, was dem Judentum Stütze, Heil und ]Rettung bietet. Vor allem gedenken wir der jüdischen Vereine und ihrer Thätigkeit. Vieles ist von ihnen gerade im vergangenen Jahre gebessert worden, noch viel mehr harrt in der Zukunft der Lösung. Wohl uns, wenn auch in dem vor uns liegenden Jahre in Israel die Bestrebungen nimmer aufhören und müde werden, die darauf gerichtet sind, Israels Namen und Judas Ehre wieder mit neuem Glanz zu umgeben, Israels berechtigten Stolz und rechtmässigen Anspruch wieder zu Ansehen zu bringen, Israels Mildthätigkeit und Wohlthätigkeitssiim wirken zu lassen unter allen denjenigen, die des Trostes, der Hilfe und der Labung bedürftig sind. Gott segne und stärke Alle, die Grossen und die Kleinen, die Jugend und das Alter, den Reichtum wie die Armut! Gott stärke und kräftige uns Alle, die wir seinem heiligen Namen vertrauen, segne das Werk unserer Hände und lasse uns Heil und Frieden erblühen allerorten. Die Gemeinde-Verwaltung. Gemeinde־V orstand. ai) Vorsteher. Meyer, Siegmund. Justizrat, Vorsitzender. Jacobv, Julius. Lachmann, Edmund. Dr. jur. Rechtsanwalt. Bamberger, Louis M. Fuchs, Eugen. D1*. Rechtsauw. Isaac, J. E. Simon, Martin. b) Stellvertreter. Boas, Julius. Dr. Geh. Sanitätsrat. Lilienthal, L. Rechtsanwalt. | Goldschmidt, Wilhelm J.

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