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Berliner Vereinsbote · 1897-08-20 · Heft 34 (20.8.1897) · page 4

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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nur falle Jnicht Jder Wohlthätigkeit zur Last,“ sagt der Talmud{ » Dass jene oben angegebenen Verhältnisse sich einmal derartig verschieben würden, dass die Juden in unserem Vaterlande — und dies haben wir bei dieser ganzen Dar- Stellung besonders im Auge — zum Handwerk und der Landwirtschaft ein grösseres Kontingent stellen als zum Handel, ist wohl nicht anzunehmen. Was ein Jahrtausend hier verschuldet, werden auch mehrere Jahrhunderte voraussichtlich nicht umgestalten können. Damit wird man sich also abfinden müssen. Und wenn die Söhne jener Kreise, denen des Glückes Gunst materiellen Besitz verliehen, Kaufleute werden, wie es ihre Väter waren, so wäre dagegen nicht viel zu sagen. Sie haben wenigstens die Aussicht, im Leben vorwärts zu kommen und eine selbstständige Existenz zu erreichen. Auch die Söhne Christlieber Kommerzienräte und arischer Fabrikbesitzer pflegen in der Regel nicht Schuster oder Schneider zu werden. Aber an jene sozialen Schichten denken wir, die in der Auswahl ihrer Erzeuger weniger vorsichtig Waren und denen voraussichtlich auch kein reicher Schwiegervater ein gesichertes Dasein ermöglichen wird. Sollen auch diese, wie das heute vorwiegend leider noch immer der Fall ist, sich dem Kaufmannsberufe widmen? Darauf antworten wir mit einem entschiedenen Nein! Es ist ein löbliches Bestreben, das namentlich unter den Juden im Schwange ist, seinen Kindern eine angenehmere Existenz zu schaffen, al$ man sie selbst durchlebt. Der arme Hausierer, der im Schweisse seines Angesichts um eines geringen Gewinns halber die Dörfer und Städte durchtrabt, er hält es für das höchste Glück, wenn sein Sohn in der Gressstadt vor Wind und Wetter gesichert hinter dem Ladentisch stehen kann. Der bescheidene Krämer, der im kleinen Landstätdchen in ärmlichen Räumen seinen Kunden Band und Zwirn verkauft, es erscheint ihm ein beneidenswertes Lebenslos, seinen Sohn in der Residenz als stolzen Kaufherrn hinter glänzenden Spiegelscheiben zu erblicken. Ach, wie oft wird dann später aus dem Sohn des Medinegeiers ein Pleitegeier! Da kommen die jüngeren Leute aus der Provinz nach der grossen Stadt und hoffen, dort ihr Glück zu machen. Arbeitskraft und Arbeitslust ist wohl da, aber es fehlt in der Regel am Besten, und ״quis non habet in nummis“ nützt ihm nichts, dass er fromm ist. Dem Einen oder anderen glückt es vielleicht und er gelangt zu einer halbwegs sicheren oder gar glänzenden Position. Aber 80 viele, viele Andere, denen das Schicksal weniger hold ist, wo bleiben die? Dieser und jener wagt den grossen Coup, mit wenig Geld und etwas Kredit, mit vielem Hoffen und starkem Wagemut macht er sich ein selbständiges Geschäft auf. Wie oft erweist sich dann jene Hoffnung alsbald als trügerisch, das Geld fliegt in alle Winde, die Käufer bleiben aus, bis dann eines Tages der Mann mit der blauen Mütze erscheint und die Ladenjalousien sich senken über ein vernichtetes Menschenschicksal. Und nun heisst’s wieder anfangen, seine Füsse unter fremder Leute Tisch zu strecken. Glücklieh der, dem das noch gelingt, aber wie viele sinken hinab ins Proletariat! das ist ein Fall von vielen. Andere stehen bei geringer Bezahlung lange Jahre hinter dem Ladentisch, ohne jemals die geringste Aussicht begrüssen zu können, ihr eigenes Brot zu essen, sie mühen sich für fremde Rechnung hinter den Geschäftsbüchern, ohne jemals daran denken zu dürfen, ihr eigenes Kontos ich zu eröffnen. So lange der junge Mann noch Stellung hat, die oft genug wenig eiubriugt, gehts ja noch an. Aber wenn das nicht der Fall ist? Der stellenlose Kaufmann, dem der Verfall in Gliedern und Kleidern auf dem ersten Blick anzusehen ist, der Offerten und Offerten absendet und zu Jammerlöhnen seine Arbeit anbietet, eine elende, bedauernswerte Erscheinung! Mit tiefstem Mitleid muss man an jene Bedauernswerten denken, an den Stellenlosen, der durch sein billiges Angebot seinen Berufsgenossen die Lage erschwert, indem er den Wert der Arbeitskraft herunterdrüokfc, der grüngewordene Buchhalter, der für ein Sündengeld für halbe Tage und Abendstunden sich als Aushülfe anbietet, > der geplagte Stadtgaul, pardon Stadtreisende, der um einige Mark zu verdienen, in unermüdlichem Rennen täglich ein Paar Stiefelsohlen zerreisst, den Agnaten und Commissionair, der, ehe er 18 Mark Provision verdient, sich zehnmal am Tage muss rausschmeissen lassen, und endlich den bis zur untersten Stufe bereits Gesunkenen, der als Bettler von Laden zu Laden, von Comtoir zu Comtoir streicht, um einige Groschen für die Volksküche und die Penne zusammen zu scharren. Mit welchen Aussichten und Erwartungen hatten sie die kaufmännische Carriere ergriffen, und wie ist alles so ganz* anders gekommen! Wahrlich, wir glauben nicht zu viel zu behaupten, wenn wir sagen, dass diejenigen unter uns Juden, die ohne genügende Mittel und ohne die Aussicht menschlicher Voraussicht nach jemals solche zu besitzen, dem Handelsgewerbe sich zuwenden, sich versündigen an ihrem Leben und an ihrer Zukunft. Und weiter behaupten wir, alle diese Leute hätten besser daran gethan, in ihrer Jugend ein Handwerk zu erlernen oder als Arbeiter Spaten und Schippe zu gebrauchen, als so als Kaufleute ohne Geld und Credit sich und anderen das Dasein zu erschweren. Man wird hier vielleicht einwenden, dass im Handwerk und in der Arbeit die Dinge nicht viel besser liegen, dass auch hier eine schwere Krisis vorhanden ist, auch hier viele Kräfte brach liegen, viel Not und Elend herrscht! Gewiss ist das richtig, und doch möchten wir behaupten und haben es tausendmal durch die Erfahrung bestätigt gefunden, dass in solcher Lage derjenige, der als Handwerker oder einfacher Arbeiter über mechanische Handfertigkeit und ein paar kräftige Fäuste verfügt, viel eher und viel leichter sich durchs Leben schlägt als der Kaufmann, der in einseitiger Thätigkeit herangebildet zu mechanischer Hand- und Kraftarbeit viel weniger sich eignet. Leider kommt dazu noch häufig der verfluchte Dünkel bei vielen dieser Leute, der die Thätigkeit der Hand als tief unter seiner kaufmännischen Würde, als ächtend und entehrend ansieht. Der Handwerker, wenn er in seinem erlernten Berufe im Augenblick kein Fortkommen sieht, greift zur Not schliesslich zu jeder anderen Thätigkeit, und wenn es Strassenreinigen oder Schneeschippen wäre, und die anfangs ungewohnte Arbeit geht ihm von Statten, weil seine Hände in mechanischer Arbeit geübt sind. Der Kaufmann wird viel schwerer damit fertig, denn in seinem bisherigen Berufe hatte er keine Gelegenheit, seine Hand zu manueller Fertigkeit auszubilden. _ Seit den Juden gestattet wurde, ihre Kräfte und Fähigkeiten in allen Zweigen menschlicher Thätigkeit zur An- Wendung zu bringen, ist es das Bemühen wohlmeinender Glaubensgenossen geblieben, bis auf den heutigen Tag, die jüdische Jugend wieder dem Handwerk und Landbau zuzuführen. Vieles ist auf diesem Gebiete bereits erreicht, noch viel mehr aber bleibt zu erreichen übrig. Und da richten wir noch einmal die dringende Mahnung namentlich an alle diejenigen jüdischen Eltern, die an Geld und Gut ihren Kindern wenig oder gar nichts auf den Lebensweg mitgeben können: ״Erziehet Eure Kinder zum Handwerk. Lasset sie nicht verkümmern in einem Berufe, der heute mehr denn jemals einer materiellen Basis bedarf, die Ihr und Eure Kinder nicht besitzet.“ ,,Heil dem Handwerk, es macht seinem Meister Ehre“, ruft ein Weiser des Talmuds aus, der selber ein Handwerk betrieb. Ja, Ehre bringt das Handwerk dem, der es ausübt und zumal dem Juden! Ob aber auch immer den Gewinn, der seiner Arbeitsleistung entspricht? Unsere jüdisehen Handwerker klagen, wie wir glauben, nicht mit Unrecht, dass gerade in der jetzigen Zeit, wo der Antisemitismus so manchem Juden die Lebensbedingungen erschwert, die eigenen Glaubensgenossen dem jüdischen Handwerker nicht diejenige materielle Förderung zu teil werden lassen, die sein fleissiges und redliches Mühen verdient. Wir möchten wirklich unseren Glaubensbrüdern dringend ans Herz legen, hierin Wandel zu schaffen Und dem schwer sich plagenden jüdischen Handwerker die Existenz nicht zu erschweren. Wenn wir ihm nicht helfen, wer soll es dann thun?

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