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Berliner Vereinsbote · 1897-02-26 · Heft 9 (26.2.1897) · page 1

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 9 (26.2.1897)
Date
1897-02-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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weinsbeie Berliner Postzeltungs-Llste 1012. jZenfrQf-0rga1^ für die jüdischen Vereine )Berlins. Erscheint jeden Freitag. Bexagtpretf Mk. 0,76 vierteljährlloli, für answftrt« 1700 Mk. "W inssrtimnprais tor dl• vi«rg«spaft81re Pstttzsita ao fl!. Redaktion, Expedition und Annonoen-Annahme: Berlin BO., KaiserstraMe 39/40. Nummer 9. Berlin, den 26. Februar 1897 III. Jahrgang. DE" Bestellungen auf den berliner Vereinsbote“ nebst ״Israel. Familienblatt“ pro I Quartal er. (75 Pfg.) werden noch jetzt angenommen. Neu hinzutretenden Abonnenten werden die in diesem Quartal erschienenen Nummern kostenlos nachgeliefert. Sociale Streiflichter. a) Wohin steuern wir? (Nachdruck nur mit Quellenangabe gestattet.) Während das Interesse der Völker Europas sich gegenwärtig auf die bedeutsamen Vorgänge im Orient conzentriert, wo das kleine Griechenland in heroischer Initiative es versucht, die sogenannte die europäische Diplomatie seit Jahren viel beschäftigende orientalische Frage zu lösen, jene Frage, welche vielleicht noch für unabsehbare Zeit das enfant terrible der internationalen Politik der Grossmächte bleiben wird und durch den zähen Widerstand jenes kranken Mannes im Osten wegen der Reformvorschläge der Grossstaaten, deren Botschafter und Gesandte seit langen Monaten über das Stadium der Beratungen nicht hinaus und in gegenseitiger Eifersüchtelei zu einer th atkräftigen Action nicht kommen können, sich lebendig zu erhalten scheint, zeigen die neulichen Vorgänge auf dem Gebiete der antisemitischen Hetze, jener socialen Entartung des letzten Viertels unseres Jahrhunderts, dass dieses leider unleugbare charakteristische Erbstück der Aera Bismarck in allen ihren Nuancen trotz der neuesten Zeit noch immer Zugkräftig geblieben ist und in den verschiedenen Gesellschaftsklassen und Vereinen, unbekümmert um die schwere Krisis der Gegenwart bald in der Absicht schnöden Gewinnes, bald auch als vornehmer Sport cultiviert wird. Der Monat Februar des neuen Jahres bot uns nach dieser Richtung hin viel Bezeichnendes und Pikantes; wir hatten Gelegenheit, die Unverfrorenheit jenes mit dem Kainszeichen der Lüge und Ehrlosigkeit gestempelten Radauantisemiten zu bewundern, der nach langer Abwesenheit im Auslande im deutschen Parlament wieder aufbaucht und mit der Naivität der Unschuld eines durchaus ehrsamen Mannes dem Präsidenten des Reichstags seine Hand zum Gruss entgegenstreckt, welche Letzterer ohne anfznblicken mechanisch ergreift und in angeblicher Zerstreutheit schüttelt. Das erste Wort seiner Rede war ©in Epitheton, aus dem reichen Schatze seines Repertoire für absurde Schlagworte, das er zweimal zu verwerten die Genugthuung hatte, und das er sich vermutlich dort angeeignet hat, wo er zu verkehren pflegt im Sinne des Sprichworts: sage mir, mit wem Du verkehrst, etc. Das Selbstbewusstsein um die Freude dieser oratorischen Leistung war in seinen Zügen deutlich zu lesen, gleichsam, als ob er sieh damit einen Empfehlung«- brief ausstellen wollte dafür, dass er trotz der mehr als einjährigen Abwesenheit der alte gebbeben und nicht aus der Art geschlagen sei, und gar mancher seiner Herren Collegen auf den Bänken, die ihn sonst ignorieren und öffentlich abschütteln, mochte sich sympatisch zu ihm hingezogen fühlen und sich mit ihm des gelungenen Affronts gefreut haben. Chacun ä son goüt. Dieses erste Debüt Ahlwardts im Reichstage weckte trotz• des zweimaligen Ordnungsrufes des zerstreuten und anscheinend schwerhörigen Präsidenten den Neid eines ihm an Wert nicht viel nachstehenden Collegen, der gelegentlich der Debatte über das Viehseuchengesetz, die Absurdität seines Gesinnungsgenossen dadurch übertrumpfen wollte, dass er die Juden als Vieh bezeichnet«; gleichfalls charakteristisch für die Verkehrekreise des betreffenden Parlamentariers. Und nun, lieber Leser, ein anderes Bild! Folge mir in jene Räume, wo allabendlich Clowns und Pferde vor versammeltem Publikum ihre tollen Sprünge machen, in den Circus Busch. Dorthin hat der agrarisch - antisemitische Agitator und Hetzapostel, der Herr v. Plötz im richtigen Instinkt seine Getreuen geladen, zum Austausch jener Herzensergüsse, welche diese Gruppe socialer Vereinigungen ganz besonders kennzeichnet. Dort thaten sich alle was zu gute und schwelgten und wetteiferten in Kraftproben antisemitischer Eloquenz, da war die Phrase am Platze, die Phrase von Vaterlandsliebe und Königstreue, welche in allen Tonarten zum Ausdruck kam, aber trotzdem nur zu deutlich erkennen liess, was jene Versicherungen patriotischer Hingebung eigentlich wert waren. Besonders kennzeichnend für den Patriotismus der Herren Agrarier war der Passus der Rede des Hrn. v. PI., wo er den Segen des Himmels für den Kaiser erflehend, mit ganz besonders markierter Betonung pathetisch ausrief: r1Gieb ihm, o Herr, weise Räte“, und der demonstrative Beifall, der diesen Worten folgte, und wer es noch nicht begriffen hatte, der konnte es zum Ueberflusse aus dem Munde des Herrn Vor-. sitzenden hören, dass jetzt Socialdemokratie, Freisinn und : was dazu gehört, die Stützen der Regierung seien und den - . Gesetzen freudige Zustimmung erteilten. Das war fürwahr eine recht deutliche Sprache, und wie schon öfters zeigte ן sich auch wiederum in dieser Versammlung die Sehnsucht nach der Bismarckschen Zeit mit ihren Erscheinungen des

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