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Berliner Vereinsbote · 1897-02-19 · Heft 8 (19.2.1897) · page 1

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 8 (19.2.1897)
Date
1897-02-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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¥erein$b6fe Berliner Postzeitungsliste 1012. jZenirar0־rgar^ für die jüdischen Vereine Berlins. Erscheint jeden Freitag. IM- Bezugspreis Hk. 0,75 vierteljährlich, für auswärts 1,00 HL. 'W Insertionspreis Itir die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. ]Redaktion, Expedition und Annonoen-Annahme: Berlin BO., Kaiserstrasse 39/40 Nummer 8. Berlin, den 19. Februar 1897 11. Jahrgang. IV Bestellungen 'MK auf den ״Berliner Vereinsbote“ nebst ״Israel. Familienblatt“ pro 1 Quartal er. (75 Pfg.) werden noch jetzt angenommen. Neu hinzutretenden Abonnenten werden die in diesem Quartal erschienenen Nummern kostenlos nachgeliefert. Forderungen der Gegenwart. VI. Das jüdische Haus. Es ist eine betrübende Erscheinung, dass selbst solche Leute, die während ihrer ganzen Schulzeit Religionsunter־ rieht genossen hatten, sich dennoch, sobald sie ins Leben hinaustreten, von dem Wege der Religion entfernen, diese wohl gar wie ein lästiges Gewand abstreifen, dem Indifferentismus in die Anne fallen oder — der Verlockung äusserer Vorteile folgend — in das andere Lager übergehen. Diejenigen Familien, in deren Hause die Erfüllung aller Satzungen und Gebräuche mit eiserner Strenge gefordert wird, sind in den Reihen der Fahnenflüchtigen ebenso zu finden wie Angehörige solcher Häuser, denen die religiösen Einrichtungen ein ״überwundenerStandpunkt“ sind. Unter den Gleichgültigen und Abtrünnigen finden wir nicht selten Individuen, die ein hohes Mass von religiösem Wissen besitzen — ein Verdienst des Religions- Unterrichts; aber es ist um einen teuern Preis erkauft: das Gemüt ist darüber vernachlässigt worden. Von beiden Richtungen wird mit Sorgfalt eine Auslese unter den Ungetreuen gehalten, um den Nachweis zu erbringen, dass die andere Richtung ein grösseres Contingent derjenigen stellt, die dem Judentum den Rücken kehren. Der Streit hierüber hat während der Wahlbewegung vor den letzten Repräsentantenwahlen eine besonders wichtige Rolle gespielt, und es war ein wenig ergötzliches Schauspiel, wie die Anhänger der ״positivenu Partei den ״Liberalen“ nachzuweisen bemüht waren, dass der Liberalismus dem Judentum zum Verderben wurde, und wiederum die ״Liberalen“ an mehreren als ״streng orthodox“ erzogenen Personen exemplif!eierten, dass diese wahrscheinlich dem Judentum treu geblieben wären, wenn ihrer Erziehung eine liberale Auffassung zu Grunde gelegen hätte. Man ist zwar gern geneigt, die menschlichen Fehler und Schwächen der Erziehung zur Last zu legen, und man benutzt nicht ungern eine Gelegenheit, dem Lehrer eins auszuwischen; aber die Verantwortung trägt doch zum weitaus grössten Teil das Haus. Wenn aus dem Schosse einer ״strenggläubigen“ Familie, eine Person hervorgeht, dessen Denk- und Lebensweise jüdischen Anschauungen zuwiderläuft, so wird man nicht fehlgehen in der Annähme, dass ein Fehler in der häuslichen Erziehung die Schuld daran trägt. Da sind Gebräuche und Satzungen ihres geistigen Gehaltes entblösst worden, die Form hat die Idee verdrängt, die Hülle hat die Herrschaft über den Gedanken gewonnen, die religiöse Thätigk eit ist zur Werkheiligkeit herabgesunken. Die religiösen Gebräuche des Judentums bedürfen der Vergeistigung; wir müssen ihnen unser ganzes Herz, unsere ganze Seele einhauchen, wann wir sie umbilden wollen zu dem wahren Ausdruck unseres religiösen Empfindens. Und auf der anderen Seite? Da hat man geglaubt, den Pflichten der religiösen Erziehung dadurch nachgekommen zu sein, dass man die äusseren Formen des Judentums aufgegeben hat, um — wie die Vertreter dieser Richtung vermeinten — die höhere Idee des Judentums um so herrlicher zu entfalten. Nein! Die Formen der Religion sollen die religiösen Ideen wie eine schützende Hülle umgeben, sie sollen dem glanbensbedürftigen Gemüt eine sinnliche Handhabe bieten. Im wilden Taumel des Daseins, in dem lärmenden Berufsleben würde die Idee gar leicht verloren gehen, sie würde sich verflüchtigen und in ein wesenloses Nichts verfliessen, wenn sie nicht in greifbarer Gestalt erscheint und so an sich selber mahnt. Erst durch die Formen gewinnt die Idee für uns Leben und Wirklichkeit, Wert und Bedeutung. Die religiösen Gebräuche und Pflichten gehören mit zum Wesen des Judentums, indem sie den religiösen Geist, die Idee des Judentums, tragen, wecken und fordern. Zwar hat sich im Laufe der Zeit vieles leise, unmerklieh losgebröckelt von dem äusseren Bau des Judentums, manches ist von dem Strom der Zeit abgespült worden, aber dasjenige, was mit dem Wesen des Judentums so eng verschmolzen ist, dass es unserem Bewusstsein als untrennbar von unserem Judentum sich eingelebt hat, dasjenige, worin die Idee des Judentums, das Wesen des Judentums seinen geschichtlichen Ausdruck gefunden hat, muss gehalten werden, muss geleistet werden. Freilich erheischt dies Opfer. Aber die Opfer müssen gebracht werden. Wir müssen uns manchen Genuss versagen, manche Unbequemlichkeit mit in Kauf nehmen, so wir nicht wollen, dass die Zeit der Hammer werde, der fort und fort auf das Judentum loshämmert, bis es so ׳breit geschlagen ist, so platt und dünn, dass es zerbrechen

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