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Berliner Vereinsbote · 1897-01-22 · Heft 4 (22.1.1897) · page 1

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Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 4 (22.1.1897)
Date
1897-01-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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raiiiiP׳ Berljner Vereinsbefe. Hcstzeitungs-Uste 1012. ^Zenlraf-0rgar^ für die jüdischen Vereine!Berlins. Erscheint jeden Freitag. MW- Bezugspreis Mk. 0,75 viertelj ähr lieh < für auswärts 1,00 Mk. "MG Insertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Redaktion, Expedition und Annoncen-Annahme: Berlin 170., Kaiserstrasse 39/40. Nummer 4. Berlin, den 22. Januar 1897. II. Jahrgang. Noch jetzt werden Bestellungen auf den ״Berliner Vereinsboten“ nebst der ״Israelit. Familienblait“ (jährlich 3 Mk., vierteljährlich 0,75 Pf.) angenommen. Die in diesem (III.) Jahrgänge erschienenen Nummern werden nachgeliefert. Der Verlag des ״Berliner Vereinsbote“ Kaiserstr. 39/40. Forderungen der Gegenwart. n. Wahre Herzensbildung ohne religiöse Bildung giebt es nicht; wollen wir unsern Kindern eine möglichst allseitige, besonders aber eine gute Herzensbildung angedeihen lassen, SO müssen wir die Erziehung der. Kinder in der Religion des Judentums als die erste und wichtigste Forderung der Gegenwart betrachten. Ein eifriges Mitglied der Gesellschaft für ״Ethische Kultur“, das ganz im Banne der ״neuen Aerau steht, richtete einmal an mich die Frage: ״Warum confessionellen Religionsunterricht und nicht einen allgemein menschlichen fordern, warum nicht einen Unterricht in der allgemeinen Menschheitsreligion, die nur Ethik ist und ihre Ethik nicht auf göttlichem Willen, sondern auf sich selber als einzigem Grund beruhen lässt? Und wenn es schon eine Confession sein muss, warum gerade Judentum? Warum nicht die herrschende Confession? Warum das alte, abgeschabte Kleid, in welchem die Hunde auf allen Wegen mich ankläffen, nicht abwerfen? Warum meinen Kindern die Herzenskränkungen und Lebensbeschwerden nicht ersparen? Muss ich da stehen bleiben, wo meine Väter «mich hingestellt, und hätte nicht das Recht der Selbstbestimmung?“ Die erste Frage, warum wir den Unterricht in der sogenannten allgemeinen Menschheitsreligion nicht erstreben, ist dahin zu beantworten: Es giebt keine allgemeine Menschheitsreligion! Was man so Menschheitsreligion nennt, ist nichts weiter als eine ״Summe philosophischer Lehrmeinungen, abstrakter Ideen ohne befruchtende Lebenskraft, ohne Herzenserquickung, ohne Seelenerhebung.“ Jede confessionslose Religion ist keine Religion, die wir unsere Kinder lehren, an der wir uns selber wärmen können; sie versagt im Sturme des Lebens, sie erquickt nicht und befriedigt nicht, sie tröstet und begeistert nicht. Die zweite Antwort auf die Frage: ״Warum gerade die Religion des Judentums lehren?“ giebt Herr Dr. Seligmann in Hamburg in seinem Aufsatz ״Religion, Confession, Judentum*). Sie lautet etwa: Der Vorzug der positiven Religion vor der sogenannten Allerweltsreligion liegt in der Vergangenheit, in der ausgestaltenden Thätigkeit der Geschichte, in der ergreifenden Macht der Erinnerungen, in den andachterweckenden Gebräuchen. Ist denn unsere Vergangenheit keine jüdische, sind unsere heiligen Erinnerangen nicht Schätze aus jüdischem Geistund jüdischen Herzen gegraben? Waren es nicht Propheten aus jüdischem Blute, Sänger mit jüdischen Herzen, Gottesgelehrte mit jüdischem Geiste, die unsere Religion ausgestaltet? Waren es nicht jüdische Väter und Mütter und Lehrer, die uns unsere Religion gelehrt haben? Wenn uns die Mutter die Händchen falten und zum lieben Gott im Himmel beten lehrte, war’s nicht der Gott unserer Väter, den ein Geschlecht dem andern kündete? Warum gerade Judentum? Aber fragen wir doch: Warum nicht Judentum? Hat man seinen Glaubensinhalt geprüft, und es hat die Probe nicht bestanden? Hat man gewogen mit der Wage und andere Weisheit besser gefunden, dass man sich halb von ihm wendet, dass man seine Kinder fremdem Glauben zuführt oder zuzuführen trachtet? Weise man nicht, was das Judentum ist. oder will man es nicht wissen? Die höchsten Gesetze der Sittlichkeit sind die höchsten Gesetze des Judentums. Das Judentum lehrte zuerst der Welt und kann ihr heute noch lehren, dass der Geist soll herrschen, nicht der Naturtrieb, dass Gerechtigkeit soll herrschen, nicht rohe Macht, dass Sittlichkeit soll herrschen, nicht Zügellosigkeit, dass Liebe soll herrschen, nicht Hass, Duldsamkeit nicht Unduldsamkeit, dass Frieden soll herrschen, nicht Streit und Krieg. Gottesherrschaft über die und in den Menschen. — Das ist die Idee des Judentums. Und mögen sie es hundertmal leugnen, und mag die Tochter die Mutter geringschätzen, — alles wahrhaft Grosse und Edle in der Menschheit, alle Wahrheit, alle Sittlichkeit, alle Menschenliebe, die heute die Welt beherrschen, sind Geburten dieser jüdischen Idee, sind Geist vom jüdischen Geiste. Wohlan denn, ihr jüdischen Väter und Mütter, wollet ihr euren Kindern eine wahrhaft gute Bildung, vor allem *) Dr. A. Brälls Monatsblätter.

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