Berliner Vereinsbote
- Journal
- Berliner Vereinsbote
- Volume
- 3 (1897)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1897)
- Date
- 1897-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Berliner feeinsbefe. Postzeltungs-Liste 1012. jZeflfrof-OrgQ^ für die jüdischen Vereine ßerlins. Erscheint joden Freitag. PT Bezugspreis Uk. 0,75 vierteljährlich, für auswärts 1,00 Mk. "•S Insertionspreis fflr die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Redaktion, Expedition und Annoncen-Annahme: Berlin BO., Kaiserstrasse 39/40. Nummer 3. Berlin, den 15. Januar 1897. II. Jahrgang. Mit der nächsten Nummer bringen wir eine periodisch erscheinende Beilage unter dem Titel „Israelit. Familienblatt“. Diese Beilage wird interessante Essays, fesselnde Erzählungen, Gedichte, Anekdoten u. s. w. bringen. Unsere werten Abonnenten erhalten die Beilage gratis. Abonnements werden noch jetzt angenommen. Zu Bestellungen beliebe man beiliegende Karte — unfrankiert — zu benutzen. Neu hinzutretende Abonnenten erhalten Nr. 1 u. 2 kostenlos nachgeliefert. Der Verlag des „Berliner Vereinsbote“ Kaiserstr. 39/40. Forderungen der Gegenwart. i. In richtiger Würdigung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse unserer Glaubensgemeinschaft haben thatkräftige und warmherzige Männer und Frauen Vereine gegründet, die schon vielen Segen ausgestreut haben und dem Judentum zum Heile und zur Ehre gereichen. Wer nun glaubt, seiner Pflicht als Jude genügt zu haben, wenn er diesen Institutionen seine Aufmerksamkeit zuwendet, gar auch Opfer an Kraft, Zeit und Geld dafür bringt, der verkennt seine Aufgabe, der versteht nicht die Forderungen der Gegenwart, der ist sich der Mission Israels in der Mitte der Völker und Religionen nicht bewusst. Es ist an dieser Stelle schon oft betont worden, dass der Vorzug unserer wie jeder positiven Religion darin besteht, dass sie sich in herzergreifenden, zu Aug und Ohr sprechenden Formen ausprägt, und dass sie der wichtigste Erziehungsfaktor ist. Es wäre ein schwerer Fehler der Erziehung, wollte sie der Religion entbehren. Die Gegenwart zeichnet sich besonders dadurch aus, dass ihr ein positiv-religiöses Gepräge verliehen wird, und mit aller Macht, welche Ueberredung, Beispiel, Lehre, äussere Vorschrift und äussere Vorteile verleihen, wird auf Positivität in der Religion gehalten. Ist es da nicht unverantwortlich, wenn wir in einer Zeit wie die jetzige unsere Kinder ohne positive Religion lassen? Sollen wir sie in den Nebelgebilden ihrer eigenen Vernunft herumflattern lassen, ohne festen Halt in den Gefahren und Stürmen des Lebens, sie der Verachtung ihrer Umgebung preisgeben, weil sie keine Religion haben? Wohl hört man ab und zu Stimmen, die keine jüdische, keine christliche, nur eine humane, eine allgemeine menschliche Erziehung unserer Kinder wünschen. Und gerade unter uns Juden wirbt man Anhänger für diese Theorie, indem man uns unsere völlige Emanzipation als Lockspeise in Aussicht stellt. Natürlich verlangt man von uns, dass wir alles besondere Gepräge unserer Gemeinschaft abstreifen. Aber wir haben eingesehen, dass unsere bürgerliche Gleichstellung nur da eine dauerhafte ist, wo man sie ohne alle Bedingung als unser natürliches Recht, oder besser als das. vom Begriff des Staates gar nicht zu trennende Recht aller in ihm geborenen und ihm angehörigen Glieder anerkennt, dass aber anderswo wir uns zu ganz und gar „Gattungsmenschen“ uniformieren könnten,undman würde uns dennoch den Vollgenuss aller Rechte versagen und uns zurückdrängen, wo und wann auch immer es sei. Nein! Gerade weil die Religion Israels den humansten, universellsten, die Liebe gegen die ganze Menschheit predigenden Lehrinhalt hat, darum sind wir berechtigt, ja sogar verpflichtet., die concrete Gestalt unserer Religion zu erhalten und unsere Kinder in ihr zu erziehen. Den Jahrtausende hindurch bewährten Schild unserer heiligen Religion fleckenlos zu erhalten, das Panier unseres heiligen Glaubens, um das unsere Väter mit den mächtigsten Feinden auf dem Erdball gekämpft und gestritten, in unserer Mitte wieder aufzurichten. das heranwachsende Geschlecht um das Banner Israels zu scharen — das sind die dringenden Forderungen der Gegenwart, denen sich niemand entziehen darf, wenn ihm seine eigene Ehre und die Ehre des Judentums am Herzen liegt. Die Mittel und Wege, unseren angestammten Glauben in unserer eigenen Mitte wieder zu Ehren bringen, dass er als der unversiegbare Quell alles Edlen, Wahren und Guten besonders bei den von einer gewissen Strömung angekränkelten jüngeren Glaubensgenossen wieder geschätzt werde, sind mannigfach. Und zumal die Residenz ist so reich an geeigneten Mitteln hierzu, dass eine Vernachlässigung der Erziehung und Befestigung in unserm Glauben unverantwortlich ist und sich nur durch den unheilvollen Indifferentismus, der in unserer Mitte in erschreckender Weise um sich greift, erklären lässt.