Mannheim
Compact Memory

Berliner Vereinsbote · 1897-01-08 · Heft 2 (8.1.1897) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Berliner Vereinsbote
Volume
3 (1897)
Issue
Heft 2 (8.1.1897)
Date
1897-01-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3019627-3019628-3019630--406-3019848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Berliner ^ereinsbde. Pcstzeitungs-Liste 1012. jZenfraf-ön^ar^ für die jüdischer» Vereine ßerlins. Erscheint jeden Freitag. $j&r Bezugspreis BEk. 0,75 Vierteljälirllch, für auswärts 1,00 Mk. Insertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 30 Pfg. Redaktion, Expedition und Annoncen-Annahme; Berlin BO., Kaiserstrasse 39/40. Nummer 2. Berlin, den 8. Januar 1897. II. Jahrgang. Abonnements auf den „Berliner Vereinsbote“ (pro iahr 3,— Mk., vierteljährlich 0;75 Pfg.) werden noch jetzt entgegengenommen. Neu hinzutretende Abonnenten erhalten die bereits erschienenen Nummern auf Wunsch kostenlos nachgeliefert. Die Abonnementsbeträge werden ohne Kosten für die Abonnenten von uns eingezogen. Der Verlag des „Berliner Vereinsbote“ . Kaiserstr. 39/40. Rückschau. Wenngleich gemäss der Tendenz unseres Blattes die Aufgabe einer Rückschau auf das verflossene Jahr nur darin bestehen kann, die Vorgänge innerhalb unserer Gemeinde und der Vereine in gedrängter Kürze zu rekapitulieren und die aus den hieraus resultierenden Erfahrungen für die Zukunft nutzbar zu machen, so können wir doch schlechterdings unseren Blick für das Ergehen unserer Glaubensbrüder im übrigen Teile unseres Vaterlandes, ja des ganzen Erdenrundes nicht verschliessen. Ist ja doch der „Geist der Zeit“ überall derselbe, wiewohl dieser sieh in den verschiedenen Ländern in verschiedener Weise äussert. Haben wir doch nicht nur ein Recht, sondern auch die Pflicht, uns um die Bekenner unseres Glaubens, wo immer sie weilen, zu kümmern, ihre Verdienste zu melden, aber auch ihre Schwächen zu tadeln. Darum haben wir unsere Leser in der „Umschau“ über die wichtigsten uusere Brüder betreffenden Ereignisse unterrichtet und werden dies auch in Zukunft thun. „Kol jisroel arebim se böse“ — alle Israeliten sind in moralischer Beziehung für einander haftbar; denn das Vergeben des Einzelnen wird uns allen zur Last gelegt; das ist ja die bekannte verabscheuungswürdige Taktik unserer Feinde, die keine Mittel scheuen, wenn es gilt, uns etwas am Zeuge zu flicken, deren Hauptwaffen die Lüge und die Verleumdung sind. Man sollte meinen, die Hammerstein, Stöcker und Ahlwardt und wie die „grossen Arier“ sonst heissen mögen, hätten den Judenfeinden die Augen geöffnet und ihnen bewiesen, wie sie geblendet und verführt sind, die Qualität ihrer Führer müsste sie mit Abscheu vor der „Schmach des Jahrhunderts“ erfüllen! Weit gefehlt. . Der sogenannte Radau-Antisemitismus hat sich überlebt. JEs wäre aber ein verhängnisvoller Irrtum, wollte man sich dem Wahne hingeben, der Antisemitismus in Deutschland habe aufgehörfc oder sei im Niedergang begriffen. Wir wollen nicht vergessen, dass die einflussreichste politische Partei die Sache der Antisemiten zu der ihrigen gemacht hat. Geben wir uns daher keinen Täuschungen hin, sondern seien wir auf dem Posten, die Selbstverteidigung weiter zu führen. Aber wir liefern unsern Feinden selbst die gefährlichsten Waffen, wenn wir nicht bemüht sind, ein Geschlecht hevanzubilden, das der Verdienste unserer Väter eingedenk, mit Achtung vor unseren Ueberlieferangen, mit Eifer für unsern Namen und unsere Geschichte, mit Bewusstsein unserer glorreichen Sendung in der Menschheit und mit Zuversicht auf die grosse Zukunft erfüllt ist. Es ist endlich an der Zeit, dass mit dem unseligen Indifferentismus der Menge gegenüber den Interessen der Gesamtheit aufgeräumt werde. Die grosse Zahl und die Rührigkeit unserer Vereine hat bereits einen Wandel zum Bessern angebahnt. Möge das nun einmal begonnene Werk zum erwünschten Ziele führen! In Oesterreich sieht es trübe aus. Die Regierung sieht mit verschränkten Ai’men dem Treiben der Lueger und Consorten zu, und selbst unsere wohlhabenderen Brüder scheinen sich der gefahrvollen Situation nicht bewusst zu sein. Die Not der armen Juden wird immer unerträglicher. Auch in Frankreich scheinen die Antisemiten Fortschritte zu machen. Wenn sie auch bis jetzt keinen sichtbaren Erfolg zu verzeichnen haben, so ist es doch geboten, die Verhetzung rechtzeitig zu hemmen. Unsere Glaubensgenossen in Russland glauben Anzeichen für eine bevorstehende Besserung der Zustände wahrnehmen zu können. Die an hervorragende Juden verliehenen Auszeichnungen sind freilich erfreuliche Symptome. Aber allzu kühne Hoffnungen dürfen die schon so oft Enttäuschten nicht hegen. Die Colonisation Palästinas macht erfreulicher Weise gute Fortschritte. Es hat sich hier kürzlich wieder ein Verein unter dem Namen „Palästina-Verein zur Unten Stützung jüdischer Bauern“ unter dem Vorsitz des Herrn W.Goldschmidt gebildet, wodurch die Colonisierung hoffentlich einen guten Schritt vorwärts kommen wird. In dem letzten Jahre sind hier mehrere Vereine entstanden, die sich vorzugsweise mit sozial-humanitären Aufgaben beschäftigen. Aber auch den Vereinen für Verbreitung jüdischen Wissens haben sich neue angeschlossen. Besonderes Interesse erwecken die Schritte, die zur Einführung des obligatorischen Religionsunterrichts unter-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.