Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3056 (2.9.1927)
- Date
- 1927-09-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Är. 3Ö6B Wien, Freitag MieLter Morgerrzeitung Z. Sk>pt''mb!'r 1927 Seite 9 FILM UND KINO „Re Liebe vom Zigeuner stammt." Nun ist bie Geschichte der kleinen Zigarrem «von -Sevilla auch schon verjUmt un>d das große Werk Bizets wird ins Volk dringen. Es ist ja eine Geschichte, wie sie 'das Volk KM: Liebe, Romantik,, Mord und Tod, eingehüllt in die brennende, alektrisierervde Mn-stk des fm-nzötstsch^üdischen Meisters. Daß 'der Film sich diese Oper nicht entgehen läßt, ist seWstvevstänidlich. Sie bietet Stosf zur Entfaltung aller Künste -der Kamera, aber auch der großen Kunst. Dolores «de!l Rio spielt die Carmen, das Fabrilsmädel, -das in den Dag hinein lebt und liebt, urwüchsig, voll eines diskreten Humors. Den Jose, der hier zum Leutnant «avanciert ist, gibt Dort A-lvarado, ein wenig zu weich und zu zärtlich, während der Escam'Äo Victor Mac Laglens ganz naturburcheuhaft und so volkstümlich a-us-gefaßt. ist, wie er eben i-n Spanien lebt. tPvachtlvvlle Aufnahmen, darunter emo sehenswerte Stie-rkampfszene, haben d>ie Operateure fertiggeib-racht. Die Fox- Film-'CorPoratl-on, die die Carmen-Tragödie zur Feier 'des fünfjährigen Bestandes auf den Film gebracht hat, verdient vielen Dank «für diese Leisttk-ng. Re Filme Ser Woche. Mt dem europäischen Fox-Film „Der Sohn der Ha gar" hat der überaus «begabte Regisseur Dr. Fritz Wen-dh>guf,en nach dem Buche von Paül K etile r eines «der besten VEsstücke, die jemals auf der Leinwand erschienen, geschaffen. Ein -Werk, -das soviel echte Stimmung wie «dieses atmet, das so lebenswahr und lebensvoll wie «d>itzses ist, verdient, jedem noch so reichen' Ausstattungsfilm vorgezogen zu werden, der nichts anderes als nur «die Schaulust befriedigen will. Uebersichtlich, sauber und ideenreich, hat hier die Regie im Geiste des Autors gewaltet, ließ Bilder voll tiefer Wirksamkeit entstehen und führte mustergültig das überaus sorg-- Mtitz ausgewählte Ensemble zu vollem Erfolge. Mau -darf Der erste rnssisobs Sensationsfilm «SSMUWLLSVLSSNMW ab heute im SCBffiWEIMBFH - MIN® II. Taborstraße 1 Tel. 49-0-60 Beginn der Vorstellungen: 6, r/s8, 9 Uhr .diesen Film darum als ein vollkommenes Meisterwerk in allen seinen Teilen ansp rechen. In der wc-Michen Hauptrolle brilliert Mady Christians, diesmal als kokette Dorsschönhei-t, und zeigt sich so viel s-yiupathischer und auch an Können reicher, als sie es -bisher in ihren anderen Filmen vermochte. Werner F ükt erer war ihr ein -ebenbürtiger Partner und auch von ihm mutz man sagen, «daß er noch nie so gut tvar wie hier. Vollstes Lob «verdienen auch die übrigen Darsteller, von denen weiters noch in erster Linie Lya Ei bensch-itz, Valk, ein neues Gesicht im Mm, Hermann Balle nti n und Sokol-osf genannt werden müssen. Gegen Schluß zu bringt -der Film eine große Sensa-tion, einen Dammbruch, «der das Gelände rings umher überschwemmt. Man darf hier mhig sagen, daß auch die Amerikaner, ansonsten die u-numstMen-en Meister in solchen Ausnahmen, derartiges nicht besser hätten -machen können. * Nach mehreren Novellisten hat sich nun auch der Mlm «des romantischen Lebenslaufes -der Tänzerin und Abenteuerin Mata-Hari bemächtig, und es entstand unter der ziel« bewußten Regie Friedrich Fehers ein Drama, das sicherlich sehr «publikumswirksam ist, wenn es auch auf eine wahrheitsgetreue Schilderung des Lebens dieser berühmten Kokotte Verzicht -leistet«. Magda S o n ja, ihrem Vorbild« absolut -unähnlich, hat 'hier eine gute Rolle gefunden, in der sie ihre gereifte Fraulichkeit angenehm entfalten kann und in der ste manchmal etwas eigentümliche Tanzkünste entwickelt. Man muß trotz allem sagen, -daß sie hier viel Gutes.leistet und daß sie in ihrer an -die zwölf Jahre zurückreichenden Tätigkeit beim Film kaum Besseres geleistet hat. Fritz Kortner, als russischer Großfürst verkleidet, ist -auch in dieser Rolle sehr gut und weiß oft -wirklich zu packen. Das übrige Ensemble «bietet ebenfalls das Bste, was es bieten kann. Man sieht hier auch viele Uniformen herumlaufen, die, wie das Buch, auf Worische Treue in der großmütigsten Art Verzicht leisten. Aber immerhin — ist'dieser Film auch in der Art des Kolportagestiles gemacht, so muß man ihm nachfagen, -daß er bestimmt -geschickt gemacht ist. Weiters «bringt diese Woche noch den russischen Abenteuerfilm „Himmels stürm er", den -in Polen hergestellten Kriminalfilm „Der rote Narr" nn-t Helene Makowska in der Hauptrolle, die beiden amerikanischen Filme „Feilte Manieren", ein licbcnrwnrdigcs Lustfp:e>k, und das Schauspiel „Die Di e bi n von Ve ne«d ig". Weiters erscheint der ausgezeichnete Kulturfilm „Abenteuer i n Alaska", -das 'deutsche Lustspiel „Die tolle Prinzessin" und das französische Schauspiel „D i e Sc h u s u ch-t nach dem Weibe". Igo S y m, der bekannte Star der Sascha, spielt «die Hauptrolle «in dem großen österreichischen Filmwer-k „Die Beichte des Fc-l'dküraten", «das Hans «Otto inszeniert hat. Der Film -ist ab 0. -September in «den Wiener Knros zu sehen. * Xen-ia Des ui und Harry L-iedtke spielen die Houptvollen «in dem Filmwerk „Kaiser Josef und die Schufte r s«t och lex", dessen Premiere am 16. September in den Wiener Kinos stattfindct. Der Film wird hier ztve-iseUos ganz besonderem Interesse -begegnen. * Ms erster Film der United->Art«ists--Produktion, bekanntlich sine Ki'mstlergemei-nschaft der berühmtesten amerikanischen Darsteller und Regisseure, erscheint am 26. September „Das Rätsel der Fledermaus" mit Andre -Vcranger und LoikiS Fazenda. Jgkr König der Könige" in Wien. Wir «erfahren, daß d» P. D. C. (Producers di-stvibuiting Corporation) beabsichtigt, mt Wiener Umu-fführung des Fil-ms „D e r König der Könige" im Jänner zu veranstalten. Der Film erscheint sodann im Verlage der «Sascha--Film-Industrie Mtrengescllschast. * Die sensationellsten Abenteuer und Erlebnisse bilden die Handliu-ng «des großen Fülmwerkes „Die Frau ohu« Na.m^n", das ab 9. September in den Wiener Kinos zu sehe» ist. Ein ganzes Jahr lang war eine Schauspie'lergruppe, bestehend aus einer Reihe «der «hevvorvage-ndsteu Filmkünstler -der Weih unterwegs, um an Ort und Stelle die Aufnahmen zu „Die Frau ohne Wanten" zu filmen. Neben einer ungemein spannenden Handlung bringt der prachiwolle Film Bilder au- Ehina, Japan, Amerika und Afri'ka. Rotenturm-Kino— | I., Fleischmarkt i 1 Von betete bis 5^ September: Seine Manieren 8 Beginn d. Vorstellungen an Wochentagen: 4,6, 7*8 u. 9 Uhr 8 Sonn- und Feiertage: 7*4, */45, x!ü, V*8 und 9 Uhr Der Sohn der Itagcir Nach dem meistgelesenen Roman gleichen Namens von Paul Keller. bringt das Meisterwerk deutscher Filmkunst Erscheint in den Wiener Kinos i ‘Wf&sm L. &is 5. #<epteOTKfwer: Kruger-Kino, I. Abbazia-Kino, XV. Eos-Lichtspiele, III. Astoria-Kino, XVII. Stafa-Kino, VII. Kalvarienberg-Kino, XVII. Kino Mariahilf, VI. Vom» G. LLs s. FLvtttemnGer '- 8chrveden-K!no, 11. -Elleger-Kino, IX. Atlantis-Kino, V. V/e!tb!ograph, IX. Kino Schaffer, VI. Hindenburg-Kino, XIV. Phönix-Kino, VII. Kino Weltspiegel, XVI. (3. Fortsetzung.) fleln erster ks§tt«L Ans den Jngenderinncrungen des alten Professor, Von ssinjaniln Setzei. „In früheren Zeiten," meinte unser Zehrer, „als die Menschen noch wahrhaft fromm imd gottsssftirchtig warm, ging «ihnen der Schmerz um die Zerstörung des Tempels so sehr zu Herzen., daß sie beim Singen der Trauerlieder Gefahr liefen, die Seele auszuhauchen. Da kam das junge Volk auf den Gedanken, durch allerlei Schabernack die Trauer abzulenken. Das hat sich denn von einem Geschlecht auf das arrdere vererbt." „Die Erklärung ist ein bißchen gezwungen," bemerkte mein Vater. „Auf jeden Fall sind wir Heutigen leider nicht so gottesfürchttg, wie unsere -Altvordern, und bedürfen nicht des «Mutwillens der Jungen, üm vor einer Ohnmacht geschützt zu werden." Reb Chajkel, dessen zottiger, «ewig ungekämmter Bart die beliebteste Zielscheibe unserer Geschosse sein sollte, hielt es auf alle Fälle für angezeigt, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Er zog fein riesengroßes, fettiges, mit Spuren von Schnupftabak über und über bedecktes Taschentuch hervor und sing an, es in Falten zusammenzulegen. Er wollte es sich zur größeren Vorsicht um das Kinn binden. Das sah nicht schön aus, aber auf das -Aesthetische legte er nicht viel Gewicht. Da er sich vor der Gefahr geschützt wähnte, machte er sich zum Verteidiger dev Distelköpfe. Israel ist ein heilig«es Volk," fing er an. ,Zeder Brauch Wenn er uns' mich noch so widersinnig erscheint, hat einen tiefen Sinn, pflegte der große Magg«id zu sagen. Wer daran -rüttelt, «stört die göttliche! Weltordnung und dreht die Zinovoth*) um, durch« die die himmlische GnÄ>e auf die sündige Erde hinabträufelt. In dem Minhag am> neunten M Diftelköpfe zu werfen, lehrte der heilige Zaddik Reb Uri Wolf von Stretyn, den man dm Seraph nannte, in *)4fcwiä&. diesem Minhag stpckt ein großer Svd-*). Der Bart des Juden ist ja bekanntlich eine heilige Sache, darum hat die Thora verboten, -ihn zu scheren. Wirklich fromme Männer achten streng daraus, daß nicht ein einziges Haar daraus verloren gehe, mrd wenn eines herausfällt, legen sie es in ein heiliges Buch. Die Keippoth)**- jedoch tragen geralde nach den heiligsten Dingen das stärkste Gelüste. Darum nisten sie sich gerade im Bart des Juden ein. Die Distelköpfe verscheuchen nun die Kelippoth. Darum soll man den Knaben nicht wehren. So sagte Reb Uri Wolf, dm man den «Seraph nannte. Ihr könnt euch darauf verlassen. Er hatte recht." „Gewiß Hütte Reb Uri Wolf, der Seraph, vollkommm recht," versetzte unser Lehrer. „In gewissen Bärten nisten viele unreine Dinge. Allem, um sie zu verscheuchm, würde ein einfacher Kamm genügen." „Ihr sprecht wie ein Ketzer," erwiderte Reb Chajkel. „Wer sich erst den Bart kämmt, der kann sich,«er sein, daß sein Sohn sich den Bart scheren wird, und sein Enkel wird ihn rasieren. So sagte Reb Feiwuschl von Berzan. Ihr könnt Euch darauf verlassen. Ach habe allm Respekt vor Eurer Gelehrsamkeit, Rabbi Akiba, aber was nützt Thora ohne Chassiduth? Das ist auch nur so eine Art Kelippa. Man sieht es ja. . Er seufzte tief, dann kratzte er sich bekümmert. Mr Jungen waren indessen viel zu Unverständig, um von dem Mgemeinm und Historischm dieses Trauertages ergriffen zu werden. Mich beschiaftigten mchr die ergreifenden Melodien, mit denen die Magelieder vorgetragen tvurden, als deren Inhalt und dier großm Ereignisse, auf die sie sich behogen. Tief erschüttert wurde ich erstals ich in die Stube meiner Großmutter kam; dort saßen die Frauen aus dem' Boden, lasen bei' mattem Kerzenschein; aus dem Teutschi- Chumesch die Geschichte von der Verbrennung des Tempels und der Zerstörung Jerusalems und zerflossen in Tränen. „Säuglinge wurden aus den Armen der ^Mütter fleriffm *) Mysterium. und aufgespießt. . . Kinder und Greise wurden nicht geschont . . ." Meine lleine achtjährige Schwester saß daneben und weinte herzbrechend. Mich verfolgte das Bild dev ausgespießten Kinder und der gemordeten Greise bis in de» «Schlaf hinein. * «An: folgenden IMvrgen versammelten füf alle zum Gottesdienst. «Seltsam und Lellemmend wirkte auf mich der Anblick der Männer, die an einem, Wochentage ohne Tephillin das Movgengebet verrichteten. «Schmuck durste ja am heutigen Tage nicht angelegt rverden. Nachher setzten sich alle wie am vorigen. Abend zur Erde und man sang Klage-« lieber. Hirsch Dorfnmnn, der eine schöne SttmMe hatte, trug zum «Schlüsse das „Eli Zijjon^ nach der alten «Melodä vor, die wie «ein feierlicher und erschütternder Tranernrarsch klang. Dann gingen die Erwachsenen, später und gelassener als sonst, zu ihrer Mllagsarbeit, aber wir Knaben hatten frei. Ich stürmte hinaus in den wunderschönetr Sommertag, der so gar n«ichts Trauriges hatte und alsbald vergaß ich ganz meiner Würde als angehender Barmiztvch. Ich lief durch den Garten; ringsum atmete alles die Frische des «Sommermvrgens. Die von Tautropfen glitzernden Mederbüsche verbretteten einen berauschenden Dust. Die allen, mächttgen Birnbäume prangten in ihrem schneetveißen Blütenschmuck; aus dem Laub der ApfelbÄune winkten verheißmtgsvoll die zartgrünen heranreifenden Früchte. Die Krrschbäume hingen vollbeladen wie nrtt tausenden und tausenden blutwter Korallen. An der Hecke, die unseren Garten einsäumte, blitzten aus dem grünen Dickicht die reifen Johannisbeeren wie aufgereihte Glasperlen an zahllosen «DchMren; blasse, rotgeäderte Stachelbeeren schaukelten an den feinen -.Aesten des Gebüsches, Durch das friedliche Schweigen ringsum rauschte nur der nahe Strom mrd es dröhnte ans dem Walde das Rasen eines Kuckucks. GS war eine besondere Grausamkeit von diesem Böselvicht UtuS, just au einem so schönen Sommertag den Tempel **» zuzünden und die heilige Stadt Kt verbrennen, dochte ßH bei mir. /SftwHWutMwyMahX , Wlffl ^“AMltn'URWvT/i