Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3041 (18.8.1927)
- Date
- 1927-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis EEBs 1 Redaktion, Administration: Wien, ll.jTaborstr. 1 Telephon 44-0-38. 43-3-19 Telephon ab 6 Uhr abends 31-0-86 Serie, ab f/a9 Ohr abends 38-5-83. Dmckerei: VII,, Lerchenfelderstraße 1 („Inva“) Preise? Wien and Oesterreich darch Post oder Verschleißstellen monatl. 6 Schilling. Bezugsbedingungen für das Aasland im Innern des Blattes. 9lt. 3941 Morgeiyeiluna Wim. Nonnerstag, 18. August 1927 BESUCHET dih Wiener UMm Aifenthaltsort. Di© Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast! IiIMW.-Ml.stSM. Volkstümliche Preise! Mittags - Menüs ä S 1*50 Direktion: OTTO KASERER 9. Fahrgang Wieder eine russische Kriegsrede. „Sie historische Unvermeidlichkeit." Moskau, 16. August. Rykow erklärte in seinem Bericht in der Versammlung der Vertreter der Moskauer Organisation derkommunistischen Partei, daß die Verstärkung der Kriegsindustrie in einer Reihe von Staaten davon zeuge, in welch fieberhafter Anstrengung -die kapitalistische Welt zu einem neuen Kriege rüstet. „In den letzten Jahren sind in den Beziehungen der Sowjetunion und der kapitalistischen Welt radikale Veränderungen eingetreten. Beide Parieren sind erstarkt und zugleich haben sich die Gosenfätze, die in dem gleichzeitigen Nebeneinanderbestehen der beiden Systeme wurzeln, verschärft. Die Schaffung einer feindlichen Einheitsfront j e o e 1t d i e Sowjetunion ist zu einer aktuellen Aufgabe der Politik des Imperialismus geworden. Die Inspiratoren der Organisation eines Feldzuges gegen die Sowjetunion sind die englischen Konservativen, \ die einerseits den Antagonismus zwischen der kapitalistischen Welt und der Sowjetunion auszunützen versuchen, indem sie die Einheitsfront gegen den Sowjetstaat unter -der Flagge der Bekämpfung der revolutionären Propaganda organifiEn)''andererseits die z'w i s ch e n d e n ei nz e l n c n Ländern d u r ch d e n V e nsaill e r Ve rt r a g g -c s'ch affenenGegensätze ausnützen, indem & sie versprechen, auf Kosten der Sowjetunion die Mangel des Versailler Vertrages auszubessern. Diese diplomatischen Kriegsvorbereitungen konnten auf einer Reihe internationaler Konferenzen, insbesondere auf der letzten Völkerbundstagung, wahvgenommen werden." Das Plenum nahm eine Forniel an, worin sowohl auf die historische Unvermeidlichkeit von Kriegen, als auch auf feine Wahrscheinlichkeit in der nächsten Zeit hingewiesen wird. Im Hinblick darauf, daß noch nicht alle Chancen erschöpft sind, stellte das Plenum als Hauptaufgabe den Kampf um den größtmöglichsten Aufschub des Krieges auf. Rykow erklärte, der Sowjetstaat müsse neben den Bemühungen, militärische Zusammenstöße möglichst hinauszufchieben, davon ausgehen, daß die Kriegsgefahr durchaus konkret ist und demnach alle Maßnahmen zur Verstärkung der Wehrfähigkeit des Landes treffen. Trotz» will Stalin stürzen. Kopenhag e n, 17. August. (Havas.) Nach einer Meldung aus Moskau hat Trotzki seinen Parteigängern erklärt, daß er vor dem 1. Dezember, an welchem Tage der kommunistische Kongreß znfammentreten soll, Stalin gestürzt haben werde-. ° Stalin soll den Befehl gegebÄr haben, die O pposit i o n zu entwaffn en. Die Fremdenrazzia in Ungarn. Antisemitische Gemeinheitsakte Aus Budapest wird gemeldet: Boi -den Razzien wurden 321 Personen, die ihre Staatsbürgerschaft nicht Nachweisen konnten, ausgewiesen. In Szerencs wurde die jüdische Bevölkerung nach den: Gottesdienst vor den zivei Synagogen des Ortes zur Ausweisleistung aufgofovdert. Die Szerencser Judenschaft hat sich mit einer-Beschwerde an das Ministerium des Inner,: gewendet, da sie in der Answeisleistung zur Zeit des Gottesdienstes eine Religionsstörung erblickt. Das Ministerium des Innern erklärt demgegenüber, daß sich die Razzia nicht gegen die jüdische-Bevölkerung, sondern nur gegen jene Ausländer gerichtet habe, die ohne Berechtigung im Lande weilen, beziehungsweise trotz der Landesverweisung in Ungarn verblieben sind. Gendarmen und Detektiv« Im Tempel. Budapest, 17. August. (Tel.-Komp.) Entgegen der offiziösen Darstellung, wonach die polizeiliche Razzia in der nordungarischen Gemeinde Szerencs nicht gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet gewesen sei, gibt der nach Szerencs entsandte Sonderberichterstatter des „Az Est" folgende Darstellung der dortigen Ereignisse. Freitag abends erschien in der Gemeinde Szerencs, die etiva 6000 Einwohner zählt, ein rissiges Aufgebot von Gendarmerie und freunden Detektivs. Die Detektive und Gendarmen stellten in den Straßen von Szerencs jeden Passanten von jüdischen: Aussehen und verlangte,: ihm eine Legitimation ab. Die Detektive nahmen bei angesehenen jüdischen Bürger,: Hausdurchsnchnttgen vor. Es wurden ausschließli ch j ü d i s che Ei n w o h n e r zur Legitimierung gezwungen, nicht aber zum Beispiel die zahlreichen ausländischen Arbeiter, die in der Zuckerfabrik von Szerencs beschäftigt sind.' Auch Familien, die seit 60 und 100 Jahren in Szerencs ansässig sind, mußten sich legitimieren,' Die Judeurazzia erreichte ihren Höhepunkt am vergangenen Freitag abends. Gendarmen mit aufgepflanztem Bajonett und ein Heer von Geheimpolizisten umzingelten die beiden jüdischen Tempel von Szerencs, in denen gerade der Abendgottesdienst abgehalten wurde. Der die Polizeiaktion leitende Polizeihauptmalm ArkadiusKitz ließ den im Tempel versammelten Gläubigen sagen, daß nach Beendigung des Gottesdienstes niemand den Tempel verlassen dürfe, weil die Polizei eine allgemeine Legitimierung vornehme,: werde. Der Juden im Tempel bemächtigte sich nicht geringe Aufregung. Der Gottesdienst wurde abgebrochen und sodann mußten die Juden im Gänsemarsch durch das Portal des Tempels, treten, und an der Legitimierungskommission Vorüberdefilieven. Jedermann mußte sich vor der Kommission ausweisen. Als die Judengemeinde den Tempel bereits verlassen hatte, stürmten Detektive und Gendarnren mit aufgepflanztem Bajonett in de,: Teuchel und hielten Nachschau, ob sich nicht jemand noch in den: Inner,: des Bethauses versteckt halte. - Der Vorstand der Kultusgemeinde, David Stern, protestierte bei dem Oberstuhlrichter, der der Razzia beiwohnte, dagegen, daß die Gendarmen bewaffnet das Gotteshaus betreten, aber der ge blich. Erst als die Detektive und Gendarmen sich überzeugt hatten, daß sich niemand mehr im Bethaus aufhält, verließ * die Legitimierungskommission den Platz. Eine Deputation erschien tags darauf beim, Oberstuhlrichter Gosztonyi und forderte Genugtuung fiir die der Szerencser Judenschaft angetane Schmach. Der Oberstuhlrichter erwiderte, daß er an der Razzia vollkommen unbeteiligt sei und daß die Aktion gegen die Szerencser Juden von: Ministerium des Innern -als oberster Polizeibehörde an-geordnet wurde. Lar Erdbeben in Turkestan. Moskau, 17. August, (Wolff.) In Na mangan (Turkestan) dauern die Erdstöße, deren schon über 130 verzeichnet worden sind, an. Ettva 1500 Hauser sind zerstört. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche Mitteilungen sind durch ein voranüesetztes E gekennzeichnet. Rechtsschutz oder Rechts -X. Wien, 16. AugW Die Beratungen der jüdischen Rechtschutzkonferenz YdÄn gestern begonnen. Die Tagung hat sich, im Hinblick auf Knc Nationalitätenkongreß nur eine kurze Frist für ihre Auseinandersetzungen bestimmen können, so daß sie diesmal wenig mehr ist als ein Beginn. Das Werk, das sie-in Angriff nimmt, muß ausgebaut werden undl dies kann nur auf nachfolgenden gleichartigen Konferenzen geschehen; die rechtliche, bürgerliche und soziale Stellung der Judenheit ist nicht überall gleich, ihre Schichtung weist alle Abstufungen eines Volkes auf. /Gehemmt wird die Einheitlichkeit der Übersicht durch die «Einwirkungen des Milieus) und .die Ver- . schiedenartigkeit der Gesetzgebungen. Es ist ein beliebter antijüdischer Kunstgriff, die Judenschaft als eine einheitliche und sozial nicht unterschiedene Masse anznnehmen, die das Gesetz des Handelns von einem versteckten Zentrum erhält. Dies würde eine Art militärischer Organisation voraussetzen und es ist kein Zufall, daß dieses Argument aus militaristisch, gerichteten Kreisen kommt, die sich) eine jüdische Freimaurerei zurechtgeschnitzt haben. Ein Volk ist ein« Summe von verschiedenen geistigen, kulturellen und gesellschaftlichen Kräften und es unterliegt der Entwicklung. Das jüdische Volk kann sich nun; bis heute die Normen seiner Evolution nicht selbst schaffen, es wird von seiner Umgebung beeinflußt und die Art, wie es sich sein Leben einrichtet, war bisher nur zu einem geringen Teil von ihm seihst bestimmt. Dieser Umstand schwächt seine Widerstandsfähigkeit, die Materielle sowohl wie die moralische, und neben der fortschreitenden Verarmung wirkt auch der ,Abfall zerstörend auf sein inneres Gefüge.! Die Züricher Konferenz kann für den erstatt Anhteb nur gewisse Richtlinien schaffen, die spater in ein System gebracht werden und alle Organisationen des Judentums zpr gemeinsamen Arbeit heranziehen. Es sind nicht bloß die im Friedensvertrag, niedergelegten Minderheitsrechte zu sichern. Die von dem unglückseligen, aber doch vorhandenen Rassensentiment beeinflußte Gesetzgebung greift in vielen Ländern über diesen Rahmen hinaus und will das Recht des Juden überhaupt reduzieren. Dies steht im kausalen «Zusammenhang mit den Minderheitsvechjten. -Denn , da diese ungestraft gebrochen werden und keine Instanz sich ernstlich um sie bekümmert, so ist der Griff auf die Stellung des Juden als Bürger eine recht naheliegende Erscheinung. Sie wäre unmöglich, würde zumindest Widerstand finden, wenn die Friedensverträge kontrolliert würden. Es fällt aber niemandem auf, daß das Minoritätenpvoblem einen internationalen Charakter trägt. Es ist in Versailles, in St. Germain und in Trianon ausdrücklich, festgesetzt worden, daß die Vertragsbestimmungen bezüglich der Minoritäten als Gesetze anerkannt werden, an denen kein Staat durch eigene Handlung etwas ändern oder verschlechtern kann. Es sind VerpsWtungen von internationaler Bindung, die -unter der Garantie des Völkerbundes stehen. Würde sich der Garant, also der Völkerbund, an diesen Wortlaut halten, dann gäbe es keine Qual der Minoritäten und auch! dem legalen Antisemitismus — das ist eine unserer modernen Widersinnigkeiten — wäre leicht ein Riegel vorznschieben. i Es wird also klar, wohin sich die jüdische Rechtschutzkonfevenz.zu wenden hat, wenn? sie dem Uebel entgegenarbeiten Witt. Sie kann nichts besseres tun, als öffentlich die Rechitsbrüche festzustellen, die an der jüdischen Bevölkerung begangen werden, und zu erklären,, daß sich der Völkerbund einer groben Pflichtverletzung schuldig macht,, wenn er die Kontrolle noch länger verabsäumt. Der Völkerbund ist eine Instanz, des neuen Rochtes, er ist für alle Menschen geschaffen worden, auch für solche, die nicht staatlich und territorial zusammengefaßt sind. Er würde sich selbst negieren, wenn er sich als Eigentum oder Handlanger bevorzugter Nationen gelten ließe. In seinem Versagen und in seiner Schwäche liegen die meisten Anlässe der heute bestehenden Verhältnisse, die zu einer Katastrophe treiben, zugleich auch die Ermunterungen für die antijüdische Beioegm^, die kein Gesetz über sich verspürt. Wenn die jüdische Konferenz dies anBspricht, so treibt sie positive Politik, indem sie auf die Schäden in der Konstruktion hiniveist, und sie stärkt den jiidischen Willen, wahre Völkerbundsarbeit zu schaffen. Me Konferenz muß für ihre Nachfolger das Programm bestimmen, und je bestimmter sie dies tut, um so größer wird ihre Autorität und ihre Anziehungskraft werden. Sie muß toeniger für Rechtschutz, aber wehr für Recht ihre Stimme erheben. 4668