Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 3034 (10.8.1927)
- Date
- 1927-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 2Qg [ Redaktion, Administration: Wien, II., Taborstr. I Tolephon 44*0-88, 43-3-19 Telephon ab 6 Ohr abend# 11-0-86 Serie, ab 7*9 Öhr abends 38*5*83. Druckerei : VII., Lerchenfelderstraße 1 („Inva“) Preise* Wien und Oesterreioh durch Poet oder Verschleißstellen monatL 6 Schilling. AnB^l&n’d^nfinneat des Blattes. Wiener .♦ BESUCHET mn Itnff lithuslMlIer Rftistir AifMtbaltiört. Die Gemütlichkeit der guten alten Zeit. Wer kommt, wird wieder Stammgast I Ml.gHL-IUKt.tigtlft. Volkstümliche Preise 1 Mittags-Menüs & S 1*60 Direktion: OTTO KASER ER Ar. 3034 ffiiett, Mittwoch. 10. «uguft 1927 0. Jahrgang Ae Ompörang der Welt. Tliaver lehnt die Begnadigung ab. — Füller kann «och immer entscheiden. — Rene Attentate. - Proteste in allen Lönder«. De dH am (Massachusetts), S. August. (Reuter.) Richter Thayer, der im Prozeß gegen Saeeo und Banzetti die Untersuchung geführt hat, lehnt es ad, daß To des urt eil zu widerrufen oder die Hinrichtung aufzuschieVen. Das Urteil wird daher am Donnerstag v o llstr vckt werden. Borberettnng zur Hinrichtung. Paris, 9. August. (Tel.-Komp.) Die Pariser Ausgabe der „Chicago Tribüne" meldet aäs B o st o n, daß den offiziellen Personen die Aufforderung zngegangen ist, sich für Donnerstag früh zur Hinrichtung SaccoS und Vanzettis bereit zu halten. Nach einer, in letzter Stunde eiugetroffenen Meldung sei jedoch anch mit der Möglichkeit zurechnen, daß di« Hinrichtung fchon heute stattfindet, da der Gerichtselektriker Anweisung erhalten habe, sich heute kurz vor Mitternacht im Gefängnis einznfinden. Roch eine Möglichkeit? Aus Newyork wird gemeldet: Die sozialistischen lind kommunistischen Verbände treffen fieberh a ft e Vorbereitungen für die Kundgebungen und .die Streiks, die heute für Sacco und Banzetti, styttfinden sollen. Veröffentlichen Versammlungen Wurden in New- N o 11 'Ä der Bedingung... gestattet, daß die R u h t nicht gestört werde. In PHilad elphia und in anderen Städten der Vereinigten Staaten wenden gbör Demonstration en untersagt. In Newyork wird betont, daß Gouverneur Füller bis zur letzten Minute die Möglichkeit habe, dije beiden Verurteilten zu begnadigen. Im G.efangnis zu Boston werden Vorbereitungen für die Hinrichtung ge troffen. Die Wache wurde verstärkt. Dedham, 9. August. (Wolfs.) Die Verteidiger Saccos und Vanzettis erklären, der Wortlaut der. Entscheidung Thayers, durch die der Antrug auf Widerrufung des Urteils aögewiesen wurde, berechtige die Anwälte der Angeklagten, die Einwändo geltend zu machen, die sie erhoben hätten, falls di!e Entscheidung in offizieller Gerichtssitzung ergangen wäre. Hierdurch fei die Möglichkeit einer Appellation an den Obeusten Staats ge richts Hof gegeben. 80 Tote und zerftörungen im gtalienerviertel In Newyork wurden durch die beiden BomVenexplosionon im Jtalionerviortol 20 Personen getötet, drei Gebäude zerstört und zahlreiche andere Häuser stark beschädigt. Reue Attentate. , vj# ewyor k, 9.. August. (Tel.-Komp.) Gestern abends Wuschen .in .U.t i.c.a im Staate Newyork durch eine Bomben e x p l o s i o n d r ei Häu s er z e r stör t und 20 Personen verletzt. Chicago, 9. August. (Reuter.) In einem Stadtviertel explodierte eine Bombe in einer katholischen Kirche. Die Glasfenster und verschiedene Säulen wurden zerstört. Nach der Explosion wurden überall Flugblätter verteilt, in denen zu einer Protestkundgebung gegen die Hinrichtung Saccos und Vanzettis *: aufgefordert wird. Set jugoslawische König in München. Ueberrasihuug in Belgrad. Belgrad, 9. August. (Tel.-Komp.) König Alexander ist heute abends nach München abger e i st, wo er sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen wird. Die Nachricht, daß der König sich nach München begeben habe, rief in der Hauptstadt große Ueberraschung hervor, da es zuerst geheißen habe, daß der König nach Paris reist. König Alexander wird bei dieser Gelegenheit zum erstenmal in seinem Leven deutschen Boden betreten. Begegnung von politischer Tragweite. Ätlllescu und Muffollni. Rom 9. August. (SteftlNi.) Nach Blätterrtteldmchan wird der rumänische Außenminister % i tnles e n während seiner Auslandsreise eine Begegnung mit MussolLni haben. Ser Krieg in den Kolonien. m Erfolg der gtlllieaer. Rom, 9. August. (Stefani.) Die von den italienischen KolonialtrUppen gegen. die Duar-Rebellen mder Chrenaiö'a im Gebiete des Gebell- Brass« und Fuaje d durchgeführten Polizeioperationen haben zu einem glänzenden Srfolg geführt. Aus Grund eines grotzangelegten Umkreisungsmanövers ist es den italienischen Truppen gelungen, das letzte Bertei-igungsbollwerk der Rebellen, die sich in fast uneinneAnbaren Stellungen verschanzt hatten, zuvernichten. Die Rebellen hatten über 1500 Tote. Den Kolomaltruppen, die nur unbedeutende Verluste erlitten haben, ist reichliches Kriegsmaterial in die Hände gefallen. BasdeMmpfe an der serbisch-allmnlscheu Grenze. Belgrad, 9. .August. (U. T. K. B.) Aus Pritzren wird gemeldet: Einer Kwanzigköpfigen"KatsHaken-Bandei gelang es, von der albanischen Grenze her m das Land ein- Kudringen, wo sie sich in den Wäldern der Sava-iGivra versteckt hatte. Gienharmerie, die von dem Einbruch der Katschaken benachrichtigt wurde, griff die Bande an, die ßW mit Avwehrfeuer und Bomben verteidigte. Western abends dauerte das Gefecht noch an. 'Zwei jugoslawische Gendarmen wurden verwundet. Me ewige Saudet-AffSre. P a r i s, 9. August. (Tel.-Komp.) Der Direktor des Santq-Gefängnisses, C a t r y, der vor einigen Wochen Leon Daudet und den kommunistischen Sekretär S e m a r d auf Grund eines fingierten Telephonanrufes r o y a l i st i s ch e r Verschwörer aus dem Innenministerium, f r e i l i e ß, Ivurde heute vom Disziplinargericht mit einem Berweisbestraft. Auf Grund dieser Entscheidung des Gerichtes soll Catry überdies zwangsweise in Pension geschickt werden. 2)as spanische Parlament. Paris, 9, August. Aus Madrid wird gemeldet: General Prime de Ri Vera hat angeküEgt, daß die Nationalversammlung endgültig für den 13. September Unberufen worden ist. Im redaktionellen Teil enthaltene entgeltliche MitteUungep sind durch ein vorangesetztes E gekennzeichnet. Das Baseler Dilemma. —y, Wien, 10. August. Zu Ende dieses Monates wird der Zionistenkongveß zu seiner 15. Sesiion zusammentreten. Seine letzte Tagung hatte in Wim stattgefunden und es ist noch in Erinnerung, .wie sehr sich der internationale Judenhaß angestrmgt hatte, das zionistische Krystallisationszentrum der Indenschaft durch dm Terror zu zerstören. Es war gehofft worden, durch Verhinderung der technisch-parlamentarischen Form dm Zionismus, die lebendigste Energiequelle jüdischen Willens, anzugreifm. Wer hinter dieser' Form steht die Idee der Freiheit des jüdischen Volkes, und eine Idee ist stärker als jode Macht und sie ist unerreichbar für die rohe Gewalt der aufgepeitschten Instinkte. Das hatte damals vor zwei Jahren auch die österreichische Regierung erkennen muffen, die doch ihr Streben nach Selbstbestimmungsvecht kompromittiert hätte, wenn sie der brutalen Propaganda nachgegebm hätte, und mit der österreichischen Regierung erschienen sämtliche Wiener Vertreter der auswärtigen Staaten zur feierlichen Eröffnungssitzung, um korporativ der Idee der Mischen Renaissance ihren Respekt zu bezeugen. - Es ist nicht die Aufgabe des Zionismus, wider die antisemitische Strömung zu streiten. .Wäre er im bewußten Gegensatz zu ihr mtstanden, wäre er die Reaktion auf den Haß, so wäre seine Bestimmung negativ und er müßte seine Kräfte in einfm von Vorneherein verlorenen Kampf verzettelnund vergeuden. Der Zionismus hat ein positives Programm aufgestellt, das « für das jüdische Volk die Emanzipation als Nation, fordert, also sich direkt und logisch in dm Gang der Geschichte einsiügt. Die Umwälzungen des 18. und 19. Jahrhunderts hatten das physische Ghetto, die Demütigung des Juden, beseitigt. Mer während sie für die Entwicklung Europas den Nationalbegriff in die politische Geschichtsführung ein führten, unterließen sie dies in bezug auf die Juden. Zum Teil aus mangelndem Verständnis für die im Judentum latenten politischen Bestrebungen, die sich nur in -der Liturgie manifestierten; zum Teil in der Tendenz, die restlose- Aufsaugung des als fremd empfundenen Elementes zu fördern. Das erwies sich infolge des Widerstandes der Juden, aber auch infolge der antijüdischen Grundstlmmungm der Massen als undurchführbar. Dagegen verdichteten sich die in der Mischen Gemeinschaft nach Ausdruck ringenden politischen Antriebe zu einem immer klarer sich ausdrückenden Bewußtsein. Am Ende des, 19. Jahrhunderts formten sie sich zu einer programmatisch positivm und fordernden Bewegung, zum politischen Zionismus. Bor dreißig Jahren hat er sein erstes Wort gesprochen und der zu Ende dieses Monates beginnende fünfzehrÄe Zionistenkongreß wird wieder in Basel tagen, dort, wo zum erstenmal das jüdische Volk als ein einheitliches Volk fern Recht und seinen Pkch verlangt hatte. Wenn man die Streitfragen verstehm will, die heute die zionistische Organisation bewegm und die heute auch schon auf die nichtzionistische Judenschast übergrerfen, so muß man diese dreißig Jahre einer organischen Entwicklung bedenken. Die zionistische Organisation ist in allm Kämpfm, die sie für das Volk, für seine Politische Haltung und für das Stecht auf die Siodelung in Palästina führte, allein gestanden. Sie hat die schwerste Aufgabe lösen müssen, sich als Minorität im eigenen Volk nach außen durchzusetzen. Sie hat die völkerrechtliche Anerkennung für das nationale Programm angestvebt und erreicht. Sie hat von diesem großen Erfolg die stärkste dynamogene Wirkung aus das gesamte Judentum erhofft und.geglaubt, die ungeheuerlichen finanziellen Erfordernisse des Aufbaues nunmehr leicht emfliehen ivevden. Das ist nicht eingetroffen, weil toeite und einflutzwich» Kreise, die früher widerstrebten, ihre Reserve nicht aufgeben. Das Schwerste ist getan, die politische Basis ist gelegt und nun soll die zionistische Organisation für die Mitarbeit der Nichtzionisten den Preis der Selbstentäußerung bezahlen und darauf verzichten, den Aufbau des jüdischen Heimes in seiner Richtung, sin Tempo und Zweck allem zu bestimmen. Es ist vielleicht möglich, daß der Eintritt der Nichtzionisten in die Mische Vertretung das politische Gewicht stärken wird; es ist aber auch möglich, daß neuartige politische Problem« in den Gang der Regenerationsarbeit hineingetragen werden. Das nationale Bekenntnis des Zionismus hat die vielen regionalen, kulturellen und sozialen Einflüsse, die sich aus der Zerstreuung ergaben.