Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2938 (3.5.1927)
- Date
- 1927-05-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982026--29915-3018088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'«eite 2 Wien, Dienstag Wiener MorgenzerLnug 3. M«r 1927 Nr. 2638 Weltwirtschaft. P, Wien, 3. Mai. Morgen beginnt in Genf die Tagung .der vom Bölkerdund einbcrufenen Weltwiltschaftskvnjcrenz. In allen Staaten Europas nxrr ihr eine lebhafte publizistische Propaganda vormrgegmlgen, um den Völkern die Bedeutung dieses ersten „Wirtschaftsparlamcnts" so recht eindringlich zu Gemüte zu führen und den Boden für eine ersprießliche Tätigkeit der Delegierten zu bereiten. Aber es zeugt für die Zwiespältigkeit der Bestvebiurgen, die Welt ans dem Chaos, das der Kampf aller gegen alle heransbeschworen hat, in die lichte Otdrmng des freien Güteraustausches der Staaten zu führen, daß den Beschlüssen dieser Konferenz keine unmittelbaren Folgen znkommen können, dr die Regierungen in die Beratungen ün vorhinein mit dem Vorbehalt eintreten, daß ihrer Souveränität nicht präjuhiziert lverden jdürfc. Das heißt mit anderen Worten: die Konferenz soll beraten, sie soll das für den Wirtschaftsverkehr Zweckmäßigste ersinnen, das Gute Vorschlägen dürfen; aber ob es auch in die Tat nmgesicht werden darf, soll lveiterhm nirr von dem Machtwillen der die einzelnen Staaten beherrschenden Faktoren abhängig bleiben. Die Regierungen Europas wollen cs gairz gerne sehen, daß der Moral in den Beziehungen der Völker ein weiter Spielraum zu ge standeil werjde, aber beileibe nicht dieser Moral auch die entsprechende Sanktion verleihen. Denn es könnte: fiirwahr zu allzu grundstürzenden Verschiebungen in der: Machtverhältuissen führen, wenn das, worüber kein Streit entstehm kann, ob es zweckmäßig sei, in der realen Welt sich durchsetzen sollte. Jeper Staatwird der Konferenz ein stattliches Bouquet von Forderungen und Klagen hinsichtlich der Beseitigung der von anderen verschuldeten Hentnrnffsen des Wirtschaftsverkehrs vorlegen, in sich selbst will kein einziger einkehren wird mit dem guten Beispiel vorangehen. Das ist die charakteristische Mentalität dieses aus den Friedensverträgen in seiner gegenwärtigen Gestalt hervorgegangenen Europa. Es ist in sich selbst zerklüftet Und es hat aufgehört, werbend, führend/ gestaltend tätig zu sein. 'Seine Wirtschcrftskonferenz wird genau so aussehen wie sein Völkerbund, denr ganze Kontinente ferngehalten tverden und in dem nicht einmal einer der wichtigsten Bestandteile Europas, Rußland, Vertreter: ist. , Es wird schon als großer Erfolg dieses Völkerbundes gepriesen, daß Rußland an seiner Weltwirtschaftskonferenz irgend einen Anteil nehmen wird- Aber die große Union der amerikanischen Staaten wird wieder einmal bestenfalls Nur als Beobachter bei den Beratungen vertreten sein. In Wahrheit ist die Weltwirtschastskonserenz nrrr eine Konferenz der europäischen! Staaten, die einmal zur Abwechslung nicht über politische «oder finanzielle Fragen, sondern über wirtschaftliche Probleme einen unverbindlichen Gedankenaustausch pflegen sollen. Die, Vereinigten Staaten von Amerika haben dieses Europa, dessen Frichrnsverträge sie durch ihre Haltung sanktionierten, seit dem offiziellen Friedensschluß sich selbst überlassen, ohne etwas zu unternehmen, und jenen Ideen, in deren Namen sie in den Krieg gezogen waren, Geltung zu verschaffen. Die Völkerbundidee war wohl ein der urewigen silbischen Ethik entnommener amerikanischer Vorschlag; als es aber galt, sich zu ihr auch äußerlich zu bekennen, entstanden bei den maßgebenden anrerikanischen Faktoren allerlei Bedenken, an denen sie bis auf den heutigen Tag festhalten. Durch ihre' tätige Mitarbeit an der Festigung der friedlichen Beziehungen der Staaten beizutragen, fiel ihnen nicht mehr ein, da sich die Amerikaner darauf besannen, daß ihnen die europäischen Nationen gar za vier schuldig! seien. Auf das Recht des Gläubigers pochend, wellten sie keine neuen Beziehungen emgLhen. ehe nicht das Verhältnis von Gläubiger und Schuldner geklärt würde.-', sei. Und wie immer fcmid llh wrch in diesem Falte die bequeme moralische Begrändmrg für diese Haltung: Die europäischen Völker seien noch gar zu sehr in der Kriegsideologra befangen, sie geben viel zu viel auf die Steigennrg - Und den Ausbau ihres RüstiiNgsapparates aus, so daß nicht einzusehen wäre, warum Amerika zugunsten eines solchen Wahnsinnes Schrrldennächläffe gewähren soll. Das SophiSma, das in solchen Betrachtungen enthalten ist, ist ganz durchsichtig. Gerade die Tatsache, daß die europäischen Staaten Amerika gegeuüber die schwache Haltung von Schuldnern errmehmen, wäre ein brauchbares Mittel gewesen, run ihnen von Amerika aus gewisse Verhaltungsmaßregeln aufzuerlegen, soferne.es den Vereinigten Staaten wirklich ernst darunr zu tun wäre, Ordnung in die Nachkrregsverhältnisse zu bringen. Mer dieser Wille würde vormrssetzen, daß die Friedensverträge, die nicht nur pvm Volkerbunde, nicht nur von den siegreichen Staaten, fordern auch von Amerika als ein Noli me tangere angesehen werden, einer Revision unterzogen werden. Um dieses Problem drücken sie sich herum, da das Offenlassen einer stäirdr^ blrrtcndcrr Wunde dem zur Heilung berufcrren Arzt Vorteile schasst, die er nicht gerne missen möchte. Diese Vorteile sind die fnranzielle und die lvirkschastliche lleberlegenheit Amerikas über Europa, die sich wohl nicht mehr aufrechterhalten ließe, sobald Europa von jenen selb.stgeschuriedeteu Fesseln eines Friedcnsvertrages befreit würde, der tüt Bösen enchfangen und im Bösen geboren, fortzeugend Böses muß gebären. Dieses Europa tut sich schon gar viel darauf zugute, daß eS im Laufe einer zweijährigen.Vorbereitungstätigkeit dazu zrr bringerr eine Wirtschaftskonferenz abzuhaüen. Aber es ist bezeichnend für den Geist, in welchem die einzelnen Staaten in die Beratungen treten, daß int Oster: und in der Mitte Europas die Handelsbeziehungen derart gespannt sind, daß cm einzelnen Fronten offene Handelskriege sich anstoben können, andere an anderen Fronten zum Ausbruche zu kommen drohen. Im Laufe von mehr als zrvei Jahren konnten Deutschland und Polen nicht zu einer Einigung über einen normalen, ja nicht einmal über einen provisorischen Handelsvertrag gelangen. Und' an dein Tage, an dem die österreichischen Delegierten zur Genfer Konferenz abgereist sind, führt die Wiener Kausmanustvelt lebhafteste Beschwerde über den vertraglosen Zustand mit der Tschechoslowakei, derr der österreichischen Bevölkerrmg das für die Wahlen mit ihrer Einheitsliste ausgeheckte neue schutzzöllnerrsche Programnr beschert hat. Infolge der Ungewißheit über die Gestaltung der handelspolitischen Beziehungen zu der Tschechoslowakei, denr wichtigsten Abnehmer österreichischer Wären itnb den größten Verfrachter von Waren nach Oesterreich, ist es unmöglich, nicht nur mit diesem Staate, sondern auch mit anderen Staaten Geschäfte abzuschließen, da an den Handelsvertrag mit der Tschechoslowakei die ollsätze für WarZen anderer Staaten gebunden sind. Ein solches Programm einer handelspolitischen Jsolirung zur Zeit einer Weltwirtschaftskonferenz, die über die Freiheit des Wirtschaftsverkehrs beraten soll, kann nicht anders, denn vernunftwidrig bezeichnet werden. Diese Bernunftwidrigkeit wäre nicht möglich, wem: der gute Wille zum friedlichen Handelsverkehr tatsächlich vorhanden wäre. Ern Uebel, an dem picht nur Oesterreich allein leidet. Das Lippenbekenntnis zur Wirtschastsfreiheit ist auch anderswo zu beobachten und darum dürfte wohl die Weltwrrtschaftskonferenz nichts mehr Hervorbringen als ein Programm von Empfehlungen, die nur .Empfehlungen bleiben weiden. Znlaud. Re nationalen MnorMen in de» österreichischen Bertretungskörpern. Gleichzeitig mit >den Nationalvatswahlen wurden auch für eine Reihe von Landtagen am 24. April die Neuwahlen durchgeführt. Von den nationalen Minderheiten, Juden, Tschechen, Kroaten, Slowenen und Magyaren, bc-teiligten sich an ddn Wahlen nur die Juden und Slowenen mit.eigenen Listen. Die Tschechen stellten in W i e.n zwar keine Kandidaten aus, doch schlossen die sozialdemolratischen und nationalsozialistiischen Dschechoislolvaken mit der deutschen Sozialdemokratie ein WahM'lndnis ab und erhielten so drei Landtags- (Gomeimderats-) Mandate. Gewählt wurden in den Wiener Landtag die tschechischen Sozialisten, Machat, Vavrousek und S a Hane l; daneben etwa ein Dutzend Tschechen in die Bezirksvertretungen. Im Burgenland nahmen sowohl die Parteien der Einheitsliste wie die Sozialdernokr-aten Kroaten in ihre Listen auf. Gewählt sind auf der Eimheitslbrste zwei Kroate n-(Dr. Karal und Krues) und die Sozialdemokraten T o m s i ch und Prob st. Die Vertretung der Kroaten «n burgenländischen Landtag ist jetzt um ein Mandat schwächer als im früheren Landtag. Die Magyaren ha'öen keine offizielle Vertretung, doch sind einige der auf .der Einheitsliste gewählten Landtagsabgeordnete -und Na-tlonalräte magyaronisch gesinnt. In Kärnten, ist. zwar ein Stvmmenrückgang der Slowenen von 9668 auf 9556 zu -verzeichnen, doch behalten die Kärntner Slowenen ihre bisherigen zwei Landtagsabgeordneten Doktor Petee und Pfarrer Poljanec. Die Ungerechtigkeit des -für den Wiener Landtag geltenden Wahlrechtes Mt tm Vergleiche mit Kärnten besonders auf. Die Jüdische Partei erhielt im Wien weit mehr Stimmen als die Kärntner Slowen e n,. ging aber bei der Mandatszuteilung leer aus, während. die Slowenen trotz Stiimnenverliustes ähre zwei Landt-gsmandate behaupten konnten. Nicht An«! nach recht«, sondern Ansgleich zwischen Uni» und recht«. Unter dem Vorsitze des ehemaligen Minifterpräsi- ■ deuten Dr. Max Wladimir Beck veranstaltete die Politische Gesellschafteine Diskussion über den Ausfall der Wahlen. Der Hauptrefereut Dr. Kurt Schechnev beantwortete die Frage, ivarrrm jene zehn Prozent, um die der ganze Kampf ging, dem Rufe nach rechts nicht gefolgt seien, mit der Feststelluing, die Jn- . tellektuellen, die kleinen Gewerbsleute und diejenigen, die eine Wahl des Dr. Riehl ablehnen muhten, hätten sich nicht nur von der Mieterschutzfrage, sondern auch von der Haltung der Christ! ichsozialen in den Kulturfragen leiten lassen. Sie hätten Bedenken gehabt, sich in Kultursragen auf ein .christlichsoziales Programm festzulegen. < In die Debatte, in der u, a. Stimmung für die Gründung einer neuen fortschrittlichen Partei gemacht wurde, brachte der Präsident des Reformvereines der Hausbesitzer Dr. Stark eine Note^ die von der Dersammlmig sehr energisch zurückgewiesejn nmrde. Dr. Stark verlangte, daß die Mehrheitsparteien in der Mietenfrage viel energischer Vorgehen müßten. Gegen die technische Obstruktion fotfteu sie die Hundspeitsche nehmen. Dr. Schechner schloß die Aussprache mit einer Wamung vor Gewaltmaßnahmen. Ein Ausgleich zwischen links und rechts sei die Aufgabe der nächsten Zukunft für alle Bürger. Tagesbericht. Der Schöpfer der Antisepsis. Sum hundertsten Geburtstag Lifters. Bon Dr. Sancl Beer. Kürzlich waren es hundert Jahre seit der Geburt eines der größten Wohltäter der Menschheit. Die ganze medizinische Welt feierte den 100. Geburtstag des englischen Arztes Josef Lists«.- Aber die großen Massen der Menschen dürften kaum viel von Lrster gehört haben, der ob seiner epochalen Leistungen ein dauerndes Denkmal im Herzen der Menschheit, verdient.; Listen, der jrm Jahre 1827 zu Upton in England geboren wurde, beschäftigte sich schon als junger Arzt mit dem Problem der Wundbchandlung, die seit Jahrhunderten eigentlich keinerlei Fortschritt« aufzuweisen hatte. Man stand vor etwas Unabwendbaren. Unzählig waren die Opfer von Wundinfektion, Rotlauf I und Hospitalöbrand. Anknüpfend an die Pasteurschen Versuche, . erkannte dev geniale Geist ListerS, daß die in der Luft enthaltenen Keime niederer Organismen die eigentlichen Erreger der Wundinfektion sind — was später ja auch durch das Experiment bestätigt wurde — uud inaugurierte eine neue Methode der Wundbehandlung. Durch seinen sogenannten „a n t i fs p 1 i s ch e n V erfjanb" wollte er die Luft von der Wunde fernhalten. Wenn es ihm so gelänge, die gefährlichen Keime an dem Eindringen in die Wunde zu verhindern, so würde die gefürchtete Wundinfektion aufhören. Sollten die aus der Luft kommenden Eitererreger bereits die Wunde verunreinigt haben, so wollte er sie durch einen Karbolspray abtöten. Tatsächlich tvar der Erfolg seiner neuen Methode überwältigend. Die Wundheilung erfolgte nunmehr ohne Eiterung und ohne Fieber. Der erste, im Jahre 1867 veröffentlichte Bericht über die stistersche Wundbehandlung und die folgenden Mitteilungen über die Modifikationen seiner neuen Behandlungsmethode erregten zuerst einen Sturm der Entrüstung in der konservativen Aerztewelt. Aber bald fand die neue Methode schnell Eirrgang, besonders die deutschen Aerzte haben ListerS, Behandlung tvürdigen gelernt. Bon Deutschland kam die Wundbehandlung Lifters, erläutert und modifiziert, nach Erigland zurück und fand hier begeisterte Aufnahme. Als „aseptische Methode" trug ListerS Lehre segensreich zur Erweiterung chirurgischer: Wagens und Könnens bei. Nachdem die Wundkrankheiten verschwunden waren, war dem technischen Können ein großer Spielraum eröffnet. Die Aerzte trauten sich an die kühnsten Operationen heran, die früher einfach undenkbar waren. Freilich war unterdessen auch die Methode der Unempfindlichmachung der Operationen durch die Narkose ausgebaut worden. Wenn man aber der hervorragenden Leistungen Lifters gedenkt, muß auch der Name Semmelweis' erwähnt werden, den wenig« Jahre vor Lifter gleichfalls der heftigsten Opposition begegnete, als er in' Wien durch seine Offenbarung von der Uebertragung deö ,Kindbettsiebers durch die ungereinigten Hände der Aerzte zum größten Segenspender der leidenden Menschheit wurde. ' , - Während SelnmelweiS' Entdeckung erst viel später voll erfaßt wurde, als er längst verbittert in geistige Umnachtung verfiel, hatte Lister das Glück, seine Lehren schließlich von der ganzen Welt anerkannt zu seheir. Geehrt wie keiner d^r Aerzte WIENER STADTBRAU DIE FÜHRENDE MARKE