Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2904 (29.3.1927)
- Date
- 1927-03-29
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 6 Men, DieEay SS. MSktz 1SS7 M. SS04 KRIEG GEGEN CHflJE TURTELTflUB Der Inszenierung fehlten Schnnmg und Einfälle: es war Schablone von anno neunzig. Trotzdem war es ein Erfolg des großen Namen Oskar Straus. or. Von SCHftLOM ASCH Beethoveasrier de« rheater an der Me«. Autorisierte Oebersetrunx aus dem 1»7 by B. Löwlt Vertag, Wien — Leipctg Die Stobt nannte die beiden Herren: „Herr Dalles und Comp.", lvobei es unentschi^en blieb, wer „Herr Dalles" und wer „und Comp." war. Herr Piesoski hatte ebenso wie sein Freund Schwischinski keinen festen Berns und man wußte auch von ihm nicht genau, wovcn er lebte und womit er sich beschäftigte. Der Unterschied ivar nur, daß Herr Piesoski einen Titel hatte und sich auf diesen Titel bei den Juden Geld ansborgen wollte. Und fo oft Oser, der Geldverleiher es ablehnte, ihni ein Darlehen zu gewahren, indem er bei seinem Bart und seinen Schläfenlocken schwor, er habe kein Bargeld, wurde der Assessor wütend und begann zu schreien: „Was, mir, einem Assessor, einem königlichen Assessor, »vagst du nein zu sagen — weißt du, was ein Assessor ist?" Doch Oser, der Geldverleiher wußte nicht, was ein Assessor ist und daher hatte er auch keine Angst vor Herrn Piesoski. Abgesehen von dem Titel loo^eu Herr Piesoski und Herr Schwrschmfli in ihrer Lebenshaltung einander mehr a's ähnlich. Hatte Herr Schwischinski einen Feuerwehrhelm, mit dem er durch die Stadt spazieren konnte, so hatte dafür Herr Piesoski einen blauen Beamtenftack mit Medaillen. Und wenn es rn der Stadt einen Feiertag gab, so zog Herr Piesoski seinen blauen Rock mit Samträdern an; ztvciselhafte 'Medaillen aus zlveifelhaftcm Metall klirrten auf >e.ner Brust und ein Zweispitz von napoleonischem Schnitt schmückte sein Haupt; so stolzierte er zusammen mit seinem Freunde, Herrn Schwischinski, der den Feuerwehrhelm trug, durch d'e Straßen der Stadt. Statt des Stockes, der zu Herrn Schwischinski gehörte, besaß Herr Piesoski einen Hund; es war ein alter Pudel mit gestutztem Schweif und einer Stntznase. ähnlich der seines Herrn. Beide, Herr und Hund, liebten es, die Haare mtt fetter Pomade dick zu bestreichen. Wenn sie beide des Sommers am Morgen frisch pomadisiert auf die Gasse kamen, so waren sie bald in eine Wolke von Fliegen, Mücken und anderem Kerfgetier gehüllt, das von dem süßen Dust der Pomade angelockt wurde. Herr Piesofli führte mit diesen Flügelwesen Krieg mit Hilfe eines bunten Taschentuches; so oft er mtt dem bunten Taschentuch die Fliegen von seinem pomadedustenden Haar verscheuchte, besorgte er das auch für seinen Hund; der Hund war seinem Herrn für diesen Liebesdienst sehr dankbar, drrm er selbst besaß ja keinen Schweis mehr, mit dem er die Fliegen hätte vertreiben können. Beide Herren trafen einander jeden Morgen anr Tor des Rathauses und von dort begannen sie ihre Jrrspektionstour durtch die Stadt. „£), mein Kompliment, dem hochmögenden Herrn Assessor," begrüßte Herr Schwischinski Herrn Piesoski mit tiefer, fast bis auf den Boden reichender Verbeugung und der dazu gehörigen Handbewegung. „Ah, Ihr ergebener Diener, hochmögender Herr Schwischinski," erwiderte der andere mit dazugehöriger Verbeugung und Handbewegung. „Me geht es Ihnen heute, Herr Assessor? Wie haben Sie geschlafen? Hatten Sie angenehme Träume? Hat Ihnen das Frühstück geschmeckt?" — fragte Herr Schwischinski Herrn Piesoski. Herr Piesoski beantwortete diese Fragen nicht, sondern revanchierte sich mit einer Frage: „Me geht es Ihrer entzückenden Frau Gemahlin? Ich küsse ihre Hände und Füße." Das alles war jedoch noch gering im Vergleich zu den Höflichkeiten, die ausgetauscht wurden, da es galt, den ersten Schritt zu machen. Jeder wollte dem anderen den Vortritt beim Beginn des Spaziergmrges lassen. „Prosze pana!" — Herr Schwischmfli verbeugte sich tief vor Herrn Piesoski und machte eine bedeutsame Geste, die ausdrückte, daß der andere den ersten Schritt machen sollte. ,/O nein, nein, nur nach Jhuen, prosze pana!" — Herr Piesoski verbeugte sich und machte die dazu gehörige Gesk. „O nein, Herr Assessor sind ja der Aeltere, Ihnen gebührt die Ehre, prosze pana!" „Nein. Nein! Prosze pana!" Es dauerte eine gute Weile, bis endlich beide Herren sich entschlossen, zu gleicher Zeit den ersten Schritt zu machen, und ihren Rundgang durch die Stadt beg.nnrn. Der erste, den sie trafen, war Leibel der Dorfgänger, der ein Kalb aus dem Dorfe brachte. Das Kalb wollte nicht weiter und Leibel hob es auf seine Schultern. Die Last drückte ihn, er >var fast ohne Atem, unter dem Hut rannen Bäche Schveißes hervor uitb rollten über sein Gesicht. Ms er die beiden vornehmen Herren sah, gab er hastig den Weg ftei und hatte gerade noch Zeit, mit einer Hand ängsüich den Hut vor ihnen zu ziehen. ER SOHN OES MOSES MAOTNER DER NEUE ROMAN DER „WIENER MORGENZEITUNG“ Jiddischen von SIEGFRIED SCHMITZ (2. Fortsetzung.) Beide Herren blieben stehen und sahen Leibel rmch: „Sehen Sie, Herr Assessor, ba schleppt er unser Kalb, ans unserem Polen. Und wer tut das? Ein Jnd'!" „Er wird es sicher zum jüdischen Schächter schleppen, das arme Tier, geschlachtet wird es werden, damit die Inden Fleisch für ihren Schabbes haben." „Und wir, zwei polnische Edelleute müssen zusehen, wie der Jude unser Kalb schleppt, aus unserem Polen, dmnit es die Juden am Schabbes mrsessen — das müssen wir zusehen und schtveigen," — seufzten beide. Plötzlich blieben sie stehen; sie konnten nicht iveüer — ein langer, eiserner Balken versperrte ihnen den Weg. „Was ist das? Was untersteht er sich? Vor polnischen Edelleuten!" (Fortsetzung folgt.) Bühne und Kunst. „»iquett«.' Ratnmnvtheater. Dem kleinen, reizenden Telephonfvaulein vorn Pariser Postministerium muß man es glauben, daß sein Wog zur Ehe mit den entzückendsten Tugenden gepflastert ist. Riquette steht mitten im Zauber von Intrigen, im Zauber schüchterner Liebe, im Zauber einer Mondanität, der ihr eigener Reiz gewachsen ist. Schanz er und Welt sch lieferten ein zartes Lustspiel, das pariftrisch anmutet — auch ohne das Pariser Milieu, aber nöit etwas lässigem Tempo, so daß Aug' und Ohr bald ermüden und jeder verschwindenden Oase sehnsüchttg nachblicken. Oskar Straus ging in der Wahrung des Lustspiercharakters so weit, daß er jeden Auftakt zu einem „Schlager" unterdrückte und mit nobler Hand Salonmusik schuf, moussierende Walzer, Polkas, Buffonummer, modern instrumentiert, immer geschmackvoll und für Gourmets bestimmt. Der Walzer im ersten Akt „Ich Hab' eine zarte Beziehung", das Buffoduett Tautenhayn-Polly Koß, die Polka im zweiten Akt „Ja, die Polka tanz' ich gern" und das Brieflied „Schwarz auf Weiß" werden trotz ihrer Noblesse populär werden. Eine neue Soubrette, Annie Coty, kämpfte iftri die Gunst des Publikum. Sie gehört nicht zu den starken, sortreißevden, aus den ersten Blick fesselnden Temperamenten: blond, schlank, blauäugig, nrit jenem angelsächsischen Profil, das tausend Zuschauer im Kino entzückt; ein bißchen krampfhaft im Affekt, aber lieb, aber lieb ist sie doch. Tauten Hayn spielte wieder sein Solo, riß mit seinen Drolerien die Widerspenstigsten mit. Frau Gisa Bergmann verstand, elegant zu sein. Herr Flenvming spielte sich selbst in Pension. Mit bewunderungswürdiger Ruhe leitet Kapellmeister Holzer das Orchester. Vier Beethovenwerke, die im Theater an der Wien .die Erstaufführung erlebten (Klavierkonzert C-Moll, 5. April 1803, die zweite Leonoren-Ouvertüre, 20. November 1805, Violinkonzert, 23. Dezember 1806, C-Moll-Sinsvnie, 82. Dezember 1808), wurden zu einem Festkonzerte aus Anlaß der Beethoven-Zentenarfeier vereinigt, das Sonntag unter Mitwirkung des Wiener Sinfonie-Orchesters (Dirigent Prof. Martin Spörr), ferner von Prof. Guido Peters (Klavier) und Pros. Huzo Gottesmann (Violine) stattfand. Sehr eindrucksvoll rvar die Gedenkrede, die Prof. Ernst Decsey hielt und alle Mitwirkenden, Dirigent, Orchester und Solisten vereinigten sich zu einer weihevollen, künstlerisch hochstehenden Feier, zu tvelcher Bundespräsident Hainisch, llnterrichtsminister Schmitz und in Vertretung des Bürgermeisters Stadtrat Richter erschienen waren. Dem vornehm ausgestatteten Programm des Festkonzertes war eine Kopie des Theaterzettels vonr 20. November 1805 beigefügt, an welchen: Tage die Urauffiihrung von Beethovens „Fidelio" im Theater an * Wien stattfand. Aus deu rheater». Du rgikheate r. Morton, 7 Uhr, „Dve Komödtz«- der Verführeny". (Tb-ea^rMinMi.e Seriie G rat.) Aludernilethea'ier. Morigsn,, %8 Uhr, ^Komteslse Mlzzi". H'.'Äva>u,f „Das Veilchen". Operntheoiter. MorZsp, 7 Uhr, Ballpkivibe'nd: .Miiener Walzer", „Die Puppensee" umd ,^3al coftume". — In dar Galbavorstellmdg fidelio" am DannerSkvg, den 31. Ä. M., stinigt Frau KammersäntzerUn Lehmann ziuiin evslnrmiall die Lernove, Harr Kammersänger Päccaver z>um ersten,mal don Fll-ovcistcm. Deutsches Volkstheater. Sv'mZriaig, östovvaichische Urxrn'f.fühvumy des Mit dem Klcchstpvei'sc, a>us»sez-e':chnio!«n 'Schauspiels. „Der Patr'iot" von Wsatzd NciMnainar. Theater in der Jolsesstadt. Morgen^ Uhr, Pvomiere der KamMv ,>Nirckei und Llle sechsu-nddreißitz Gerechten" von Hains I. Nehstisch. Modernes Theater. Daninersidqg, Evstviulsführuinig dos Schauspiels ,-H>inter Mauern" van Naiihamslon. Neue Wiener Wuhne. Heute Una: i'sühvuntz van Hermann Hcimitz Ordners „Päpstin Jaffaln-rra Arv» geliea". Rachel Feigenberg, die Verfasserin des berühmiven Daye» buches „Die «rate Sivijit", welches die ukrainkschsn J'uden- .Pogrome!behand:lt, hat ein Driamra ,TLchber" vollendet. DcN Bühwsnwevk tzii-lt tvm tragiUschein Problem des jüdischen Mädchens der Geyenwa-vh, «welches zwischen zwei Eni!!w:Mmysepochen answachst und übte amIläWch der Borlchung in Warschauer EchvistlsteAerkvcÄsen «iofe MörlSumy. Vereine. VorttSge und Versammlungen. Jüdischer Frauenbund. Houüv, H8 Uhr, 2; Dez^ UnSeve AuMmienistuatze 35, Biibs'lvordmg der Fr. Esther MieseS: „Me Sprüche". — Zionistische Sektion 6—8, 8. Bez^ Genno- Platz 1a. Houibe, 6 Uhr abends, Vemtraig Dr. Fritz Löhner- Be»a>: „Der Flüuch des JaurnalüSlnius, Judemtium und Presse". — Wiener Bech-Hjam'Ärasch, 2. Bez^ TemPÄMsse 3. 6 Uhr, Do. S. Gold haus: ,>HHstvr-Iische Psalmen". — — Moadsn iwri. SvmSdcvg, den 2. April, Yxl Uhr abanbs, Sitzrorog des Waad; 8 Uhr: Vovtruig. CKXXXXXXXgOCXXXttOCOOOOOOOCOOOCXSOCOOOCOOOOOOOCXXXXXlOOOCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX» II VOEBiSWIRTSCiiAfT Sesterrekchische Ratkonalbank. Ein neuer Rekordtiefstand des Wechselporteseuilles. — Weiteres Abströmen von Devisen. Der Ausweis der Oesterreichischen Nattonalbank vom 23. Mürz verzeichnet einen noch nicht dagewesenen Tiefstand des Wechseleskonts. In der dritten Märzwoche ist das Wechselportefeuille um zirka 6,2 auf 37,5 Millionen Schilling znrückgegangen. Zum Ultimo Dezember 1926 belief sich der Wechseleskont auf rund 133,5 MiMonen Schilling, es sind somit in den elf Wochen des Jahres 1927 96. Millionen Schilling zurückgeströmt, ein bedenkliches Zeichen der Lähmung der Wirtschaftsenergien infolge der langjährigen Wirtschaftskrise, zum Teile aber auch eine Wirkung der Herabsetzung des Diskonts, da der geringe Geldbedarf der Wirtschaft auch anderweitig zu einem niedrigeren Zinsfuß befriedigt werden kann. Noch stärker konrmt die Zinsfußermäßigung in einer Verminderung der Devisendeckung zum Ausdruck. Der Deviserrschatz hat sich in der Berichtswoche um 12,4 auf 496,7 Millionen Schilling vermindert und erreicht damit den tiefsten Stand in diesem Jahre, und zwar beträgt der Rückgang seit dem Ultimo Dezember 40,5 Millionen Schilling. Dagegen weist der Goldschatz eine mäßige Zn- >mhme um 7000 Schilling auf rund 57,2 Millionen Schilling auf, während die N o st r o d e v i s e n mit 146,4 Millionen Schilling unverändert geblieben sind. Der Tieilmünzenbestand hat um ztttza 6,2 auf 37,5 Millionen Schilling abgenommen, von der Darlehensschuld des Bundes sind neuerdings 2,4 Millionen Schilling zurückgezahlt worden. Eine Verschiebung weisen auch die anderen Aktiven sowie die anderen Passiven auf; während erstere sich um 2,3 Millionen Schilling vermindert haben, sind letztere nur 3,7 Millionen Schilling zunickgegangen. Auf Girokonto sind wieder im Zusammenhänge mit dem geringen Geldbedarf der Wirtschaft 10,8 Millionen Schilling erlegt worden, so daß der gesamte Stand der Giroverbindlichkeiten sich auf 79,7 Millionen Schilling erhöht hat. Aus allen diesen Veränderungen resultiert eine Abnahme des Notenumlaufes um 31,6 auf 780,8 Millionen Schilling. Seit dem Ultimo Dezember 1926 ist der Notenumlauf von 947,3 auf 780,8, also um' 166,5 Millionen Schilling zurückgegangen. Sine ungarische Beamten-Wohnbauauselhe. Aus Budapest, 26. d. M., wird telegraphiert: Wie das „Nyolcz-Orai-Ujsag" meldet, hat Volkswohlfahrtsminister Baß eine Vereinbarung mit mehreren leitenden Finanzinstituten betteffend die Aufnahme einer Anleihe von 24 Millionen Goldkronen zum Bau von 3000 Beamtenwohnhüusern getroffen. Tausend davon sollen in Budapest, 2000 in der Provinz errichtet werden. Den Beamten wird eine Anleihe in der Höhe des zwanzigfachen Jahresmietzinses gewährt, die sie durch Bezahlung ihres Mietzinses in zwanzig Jahren amortisieren. Die finanzielle Abwicklung der Kreditaktwn wird die Finanzinstitutszentrale überuchmen. Mit dem Ban der Häuser soll schon im Mai begonnen werden. Ler deutsch-polnlsche zollkri-g und die Naphthaiuduftrie. Die Dschechoslowakei größter Abnehmer polnischer Naphthaprovukte. Der polnische Naphthaexport hat infolge des Zollkrieges mit Deutschland dieses als Abnehmer von 30 Prozent seiner Gesamtproduktion verloren. Nach den veröffentlichten Daten des Warschauer Statistischen Haupt amtes ist dieser Entgang durch Vergrößerung des Absatzes nach anderen Ländern, insbesondere nach der Tschechoslowakei, ausgeglichen worden. Von den 1926 ausgeführten 446.170 Tonnen Naphthaprodukten im Werte