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Wiener Morgenzeitung · 1927-02-13 · Heft 2860 (13.2.1927) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2860 (13.2.1927)
Date
1927-02-13
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Men, Gomriay 13. Februar 1987 Wttver wrsrgenzettmrs llDISCHE WElf .tzktt Bllrsermeister, geben Sie LodiKlosettei^ Ei» Srtivel Schalom «sch' in der Ladzer Gemeiwrebuvgowebatte. Äl8 der Dichter Schalom Ass'ch das letztemal Polen bereiste, schrieb er im Warschauer ,^Hajnt" eine Anzahl köstlicher Artikel über seine Reise ei ndrücke. Besonderes Aussehen erregte seine Artikelserie über Lodz, in welcher er an der Lodger Sta-dtverwaltun-g scharfe Kritik i&te und liauptsä^llich die desolaten sanitären Zustände in 5Lodtz rügte. Irr der in den letzten Tagen ahgeführten Budgetdebatte des Gemeinderates von Lodz bildeten nun se-n-deribarettveise diese Artikel vor: Schalem Asch -den Gegenstand einer hsftigen Debatte. Die jüdischen Mitglieder des Gemeinderates bemängelten wie alljährlich die stiefmütterliche Behandlung der jüdischen Wohlfckhrts- und Kulturanstalten durch den Stadtrat, und in diesem Zusammenhang berief sich Gemeinderat L i ch t e n st e i n auf die berechtigte Kritik Schalom Asch' wegen der unhaltbaren sanitären Zustände, durch welche Lodz mit Recht in den Augen der Welt als rückständige Stadt beurteilt werde. Gemcinderat Lichtenstein schloß seine Rede unter allgemeiner Heiterkeit mit dem Zitat des Schlußsatzes von Asch' Artikel: „Herr Bürgermeister, geben Sic Lodz Klosette!" ' Nun entspann sich eine Debatte über Schalom Asch, seine dichterische Bedeutung und die Berechtigung seiner Kritik. Der antisemitische' Gemeinderat Nowocki griff auch in die Debatte ein und tat Schalom Asch' schließlich mit folgender Bemerkung ab: „Der große Schriftsteller, auf den Sie sich, Herr Lichtenstein, berufen, ist wahrscheinlich genau so ein großer Schriftsteller wie Sie Nationalist find." Wozu zu bemerken ist, daß Lichtenstem der Fraktion des „Bundes" angehört. Ob Lodz nunm-ehr von seinem Bürgermeister die so ' notwendigen Klosette bekommen wird, ist noch nicht sicher, daß aber die Juden mit ihren Forderungen auch nicht durchgedrungen sind, steht,bereits fest. «röffmmg bu Mischen Stndentenheimer in Prag. Aus Prag wird uns berichtet: Bor kurzem wurde - hier das..neuerlich ausgeöaute und erweiterte jüdische Slujj bentenfeim eröffnet und dem Kuratorium zur Berwaltiyrg übergeben. Das Studentenheim wurde von der j ü d i -, s ch e n Fürsorgezentrale im Jahre 1923 evwor- ■ Len und befindet sich in einem Gebäude, das ursprünglich ' eine Synagoge war. Das neue Heim bietet 25 Stubent e n eine wohnliche Unterkunft und verfügt über alle modernen Einrichtungen. An der Eröffnungsfeier nahmen Vertreter des Ministeriums, für Kultus und-Unterricht, der Fürsorgezentrale und mehrerer jüdischer Organisationen teil. In den Ansprachen wurden die Verdienste der Fürsorgezentrale und des F r a u e u v e r.b a n d e s ' um die Schaffung dieses Heimes hervorgehoben und die Notwendigkeit eines weitere n..A-u s b a u e s des Heimes dargetan, da i n P r a g g e g e n w ä r t i'g' z w'e i t a u s e n'd f ü n sh u n d e r t jüdisch S t ud e y t e n studieren, von denen ein großer Prozentsatz mittellos und außerstande ist, in Privatwohnungen unterzukommen. . Las Senser „Bond". Archiv. Das weltbekannte Genfer Museum der jüdischen Sozialdemokratie.Rußlands („Bund"),,, das Dokumente zur jüdischen Arbeiterbewegung in Rußland aus den letzten 50 Jahren enthält, ist kürzlich nach Berlin überführt worden. Ein kleiner Stab von Fachleuten unter Leitung von Franz Kürski sichtet zurzeit das reiche Material. Man hat zunächst die ältesten Kisten geöffnet und fand.darin einen umfangreichen Briefwechsel des in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bekannten jüdischen,Revolutionärs Su.ndelew.it sch, der in London lebte.. Im Archiv sind auch die ersten Nummern der Illegalen sozialistischen Propagandapresse Rußlands aufbewahrt. Eine Sonderabteilung bilden Originalbriefe bekannter Sozi-alistensnHrer, darunter Lenin, T s ch itscherin, Trotzki, Sinowjew, Plechanow, Martow. Auch Briese an und über den Priester Gapon sind im Archiv vorhanden. Sehr umfangreich ist die Korrespondenz über P i l s u d s k i, die unter anderem Briefe Dsexsh instis und Marchlewskis aufweist. Sensationell mutet heute ein Originalbrief Mussolinis an, worin dieser bestätigt, von Angelica B a l a- Lanowa revolutionäre Literatur für einen jüdischen Arbeiter erhalten zu haben. Ferner liegen Hunderte von Briefen gefangener Revolutionäre aus den Kerkern Rußlands und aus Sibirien an das Auslandskomitee . des ^Bundes" vor. Interessant find überall die gelben Flecken ln diesen Schreiben; sie rühren daher, daß Mischen harmlosen Zeilen mit chemischer Tinte geschriebene geheime Mitteilungen standen. Um den Text sichtbar zu machen, mußten diese Stellen über einer Flamme erwärmt werden. Auch Bildnisse Hingerichteter russischer Revolutionäre und Andenken an sic bewahrt die Sammlung aus. Ein dünnes, in schwarzes Leder gebundenes Heft birgt das Original der Gründungsurkunde der ersten jüdischen sozialistischen Gruppe vom 20. Mai 1878 in London. Enthüllung einer Herzl-Büste von Professor Boris Schaß. Aus Chicago wird uns geschrieben: Am 26. Jänner fand im Festsaal der hiesigen Herzl-Public- Schoot in Anwesenheit eines zahlreichen Publikums die Enthüllung einer vom Gründer und Leiter der Bezalei- Kunst'lchule ln Jerusalem, Professor Boris Schatz, verfertigten Herzl-Büste statt. Der Bürgermeister von Chicago, der die Büste in die Obhut der Stadt üvernahn und sie dann dem Rektor der Herzl-Schule überreichte, hielt eine längere Rede Über die Bedeutung Dr. Herzls für das . Judentum und die Geschichte der Menschheit. Jakob de Haas, der Verfasser eines demnächst erscheinenden großen biographischen Werkes über Herzl, schilderte Leben und Mrken des unsterblichen Zionistenführers. Am Schlüsse der Feier wurde auch ein von dem bekannten Mischen Maler N. P. Steinberg angesertlgtes Oelportrat Dr. Herzls, eine Widmung des Redakteurs der „Chicago Chronicle", H. L. Mates, . enthüllt. . StorrS tn einer jüdischen Kolonie in Supern. Aus Nikosia, wird unS geschrieben: Der englische Oberkommissär von Chpern, Sir Ronald Storrs, der bekanntlich bis vor ku^em Gouverneur von Jerusalem war, stattete aus seiner Rundfahrt duvch die Städte und Dörfer seines neuen Amtsgebietes der j ü d i sch e n K o konie Margoa einen Besuch ab. Die Kolonie war festttcy geschmückt. Die Vorsteher der Kolonie sowie die Lehrer mit chren Schülern tvaren zum Empfang ausaerückt. Die eigentliche Feier vollzog sich im großen Saale der jüdischen Schule, wo der OVerrommisiär'bon Herrn I. L. Günsburg mit einer hebräischen Ansprache begrüßt wurde. StorrS dankte gleich» strlls in hebräischer Sprache und sagte dann, englisch fortsahrend, daß das jüdische Dorf WZ erste sei, das er in Chpern besucht - habe, und er freue sich, feststellen zu können, daß ihn alles, was er hier zu sehen bekam, mit großer Freude erfülle. Im. Gespräch mü den Festgästen gab Oderkommiffar Storrs seine aufrichtige Teilnahme an dem durchs den Tod Arhad HaamS erlittenen Verlust des jüdischen Volles Ausdrück und übergab dem Schulleiter ein mit eigenhändiger Widmung versehenes Palästina-Album. Am Schluß der Feier intonierte der Oberkommissär selbst vlk Bühne und Kunst. Sine HSndel-Sper im Koniertkaal. Im Jahre 1725, da G. F. Händel als Opernkomponist bereits auf der Hohe seines Ruhmes stand, schrieb er seine Oper „Rodelinde", mit deren Aufführung bei den Festspielen in Göttingen im Jahre 1920 die deutsche. >Händel-Renaissance einsetzte. Die „Rodelinde", welches die^ , fejl&em wiedererweckten Opern „Ottone", Julius 'Caesar"! und „Tamerlano" im.Opernschaffen des Meisters voräüs- .gingen, ist wie diese eine Gesangsoper im Stile jener - Zeit, eine Vorstufe zu Handels gewaltigen Oratorien. Ihre; Dramatik ist innerlich, vettiest in den Iveit ausgesponnenen Rezitativen, welche gerade in der „Rodelinde" besonders kühn Und charakteristisch sind, die Dramatik lebt in den Koloraturen der Arien, in der Landschaftsschild-erung, in der musikalischen Gegensätzlichkeit der Charaktere. Wundervoll eigenartig ist Pie Charakteristik der Titelheldin, die durch Freude und Trauer, durch Liebe und Verzücktheit hindurchgeht und in der großen Arie des dritten'Aktes mit ihren modernen Harmonien und blitzschnellen Modulationen zu Beethoven'scher Höhe emporwachst. Die Pattitur ist eine Schatzkammer musikalischer Kleinodien und doch läßt uns die Muritat aus der Zeit der Langöbärdenkömge auf die Däner unbefriedigt. Die Musik und ihr Buch sind eben doch 200 Jahre alt. Möbelfabrik J. SPIRA Feine °» Wi*lt, VII., 1~2 Wohnungseinrichtungen ■ (Ecke Karl-Schweighofergasse) SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale: IX., Bezirk, Berggasse 19, Telephon 17-3-99 n. 16*9-34 Lieferant kür Heilanstalten Abteilung für 1^-Fleisch Unter Aufsicht des EhiwQrdigen ' Rabbinats der Isr. Kultus. gemeinde Wien 40 IX., Berggasse 15 XVlll., Währlngerstreße 97 la. Boxkalf genäht. 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An Stelle der englischen Kostüme der Häudol'eit wären Trachten aus der Langobardenzeit, aus dem frühen Mittelalter, vorzuziehen. Mit der Händel-Renaissance, die in Wien nicht recht vorwärts kommt — trotz Julius Caesar", „Xerxes" und und Herakles" —, geht es wie mit jeder Auffrischung älterer Kunst, welche im Grunde auf ein Kompromiß zwischen einst und heute hinausläuft. Um ein solches Kompromiß erfolgreich durchzusctzen, bedarf es erstklassiger Kräfte, Ivelche die Wiener Staatsover im eigenen Hanse endlich beistellen sollte. slb. Franz Werfel über sein Paulus-Irama und feine Stellung zum Fuventum. Um die seit dem Erschoinou von Frarig Werfels Drama „Pa.u!lus unter den Juden" immer wieder auftauchenden Gerücht«, die von einem a-ngoblichen Austritt des Dich.ers auS rem Judentum oder gar von seiner Taufe wissen wollen, auf ihre Stichlhäütigkeit zu prüfen, ha>: sich das „Jsraol'itische Familiendlatt" an Franz Wcrlfei sel-bst mit einer Anfrage gewendet. Franz Werfel antwortete: „Ihr freundliches Schreiben kommt mir sehr erwünscht, da eS mir Gelegenheit gibt, gegen alle falschetl oder feindseligen Gerüchte öffentlich zu er- Aa-ren: Ich bin nicht gerauft! Ich werde mich niemals taufen lassen! Ich habe niemals vom Judentum fortgcftrdfr. Ich bin im Fühlen und Denken bewußter Juide! ' Daß mein PaUluL-Drama in jüdischen Kreisen so viele Zweilfe! an meiner.Treue hat aufkommen lassen, kann ich nicht verstehen. Ich glaube min diesem Werke eine nationale Tragödie geschaffen zu haben; denn welcher Moment innerhalb der jüdischen Geschichte wäre tragischer und bedeutentter als -der von mir gewählte?! Scilbst die Zerstörung des Tempels ist ‘tu« unbedeutende Katastrophe diesem Augenblick gegenüber. Die ungeheure Frage, die sich Israel damals selbst stell:: ,Jst Messias gekommen?" und die Antwort, die darauf'die.Geschichte gibt, —' ist das nicht -der tragischste Vorwurf der jüdischen Historie? Sind die Menschen meines Dranras, die unter dieser Frage zusammenbrechen, micht alle Juden? Unp der. wahre Held, die lichteste Gesta/V:, Gamaäel? ...Man setzte für Christus eine - vielen Moschiach-Gesta«lteu späterer Zeit und kei n Vien sch wird sich über meine Abtrünnigkeit ereifern. — Also nur meine Voraussetzungslosigkeit und innere -Freiheit dem Thema gegenüber ist schuld an den M-ißverständnissen ... Warum sollen wir Juden nicht ont-lich zur größten Tatsache unserer Geschichte (zur Mel-teroberung durch unser Wesen und unseren Geist) ohne Voruvwile stdhcn? Atheist, Materialist. N-ihU-ist darf ein Jude heute ruhig sein, ohne gescholten' z-u werden, aber nult «freier Seele die Tragödie der christlichen Loslösung schreiben, darf er nicht! W-ic ghettoeng und dumpf ist dies! Vor Mißverständnissen und Herabwürdigung kann ich m-rch ntch: schützen. Ich: will mich an die vielen Menschen halten, die mir nach Lektüre.nm>> Aufführung des „Paulus" gesagt haben, sic hätten' iii meinem Drama nichts stärker vernommen, als die M-Irdie - des Judentums." Aus den Theatern. Burgtheater. Morgen, halb 8 Uhr, „Die Stützen der Gesellschaft" (Thcatergemeinde, Serie E, gelb). Operntheater. Morgen, 7 Uhr, „Rigole'tto" mir Kammersänger Georg Baklatlosf (Mephisto) als Gast. — Dienstag (Theatergemeinbe, Serie C, rot) „M a d a m e Butte rf l Y". Akademietheater. Morgen, halb 8 Uhr, „Die Fahrt ins.Blaue", — Freitag, den 18. d. M-, neu eiustudiert Sardous Lustspiel „C y p r i e n u e". Ka m me r f p i e l e. Für die Hauptrolle .der Nvvitm „Oskar laß dich nicht verführen", Baudaville vorr Beda, Musik von Ralph Erwin, .wurde. Frau Mimi Kö t t verpflichtet. Raimundtheater. Freitag, den 18. ds., findet im Rahmen einer Festvorstellung die 350. Aufführung der Operette „Die Zirkuspr inzessin" statt. Im Jobann-Strauß-Theater findet übermorgen (Dienstag) unter persönlicher Leitung des Konlponisten und in Anwesenheit der Texoichter Leopold Jacobson und Felix Dörmann die 1000. Aufführung der Operette „Ein Walzer, träum" von Oscar Straus statt. -- Heute nachmittags drei Uhr wird bei ermäßigten Preisen „Der Rastelbinder" gegeben. Modernes Theater. Heute findet die letzte Nachtvorstellung von „Die schwarze Messe" statt. BolkSoper. Morgen, Dienstag und Mitbvoch „O x* pheus in der Unterwelt". Jüdische KünstlergefeUfchast „Hafumir", 2. Bez.. Tabor» strasre 8 a lCeutrarttNer). Heute Sonntag findet ein Abend mit reichhaltigem Programm zu Ehren des Schailspielers M. H er sch ko wicz statt. Zur Aufführung gelangt unter anderem „Wie Frauen Neben", Schauspiel von H. Markus. Es wirken die prominenteste» Kräfte der beiden jiidistheu Theater mit. Agnes Torma, die große deutfä-o Sä-aufpielerin, ist am 11. Februar in Amerika gestorben. Die Künstlerin, welche ein Alter, von 63 Jahren erreichte, war die bedeutendste Darstellerin von Ibsen-Gestalten und errang insbesondere als „Nora" einen internationalen Erfolg. Im Jahre 1890 heiratete Agnes Sorma einen italienischen Grafen, folgte ihrem Gatten später nach Amerika und trat »seit zwanzig Jahren nicht mehr auf. < 193^99

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