Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2857 (10.2.1927)
- Date
- 1927-02-10
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2857 Wien, Donnerstag Wiener Msrgenzeitrmg ID. Februar!:>-< Ae Hausfrauenarbeit in Mode. .ES ist eine deutliche Abkehr der berufsuchenden Midien von den auherhäuslichen Becufrn zu konstatieren. Die häuslichen Berufe find wieder in Mode. Die Haushaltungsschulen verzeichnen einen intensiveren Besuch der schulentlassenen weiblichen Jugend. Die kurzfristigen Kurse der Fachschulen find geradezu überfüllt und in manchen von ihnen, die sich eines besonderen Rufes.erfreuen, muß man wochenlang vorgemerkt sein, um erüllich an den ersehnten Lehrplatz am Kochherd zu gelangen. Die gute und tüchtige Hausfrau, besonders die Hausfrau, die über hervorragende Kochkenntnisse verfügt, bekommt aus ihrem engeren und weiteren Bekanntenkreis eifrige Kochlehrlinge ins Haus» und so hat sich ganz von selbst aus der wirtschaftlichen Situation heraus, in die wir geraten sind, eine Institution durchgesotzl, die in Deutschland und in anderen Staaten schon längst gang und gäbe ist: der Haushaltungslehrling, die Haustochter. Freilich, vorerst nur für die Vormittagsstunden und in erster Linie für das Erlernen der Kochkunst. Das Interesse für die Haushaltarbeit fängt bei den Zuckerbäckwkursen und Borspeiskursen an. Aber die tüchtige Lehrmeisterin weiß gar bald, das Interesse der lernbegierigen Schülerin für den Einkauf, für die richtige Einteilung der gesamten Küchenarbeit, für vernünftige Zusammensetzung der Mahlzeiten , für die Kenntnis der Qualitätswaren und für die Gesamtheit der Hausarbeit zu wecken. So ist das Lehren und das Lernen der jahrelang sehr zu Unrecht in den Winkel gestellten Haussrauenarbeit wieder in Schwung gekommen. Hinausgedvängt aus den Berufen, in die die Frauen, da Not an Mann war, scharenweise einftrömen konnten, finden sie nun wieder zurück zu Haus und Herd und gehen dabei von der Voraussetzung aus, daß die Berufe, die mit der Haushaltführung zusamMenl)ängeu, in allen Kategorien für tüchtige Kräfte Raum haben, daß man verläßliche und tüchtige Köchinnen, besonders solche mit Spezialkenntnissen für Haushalt und Großbetrieb, sucht mrd daß die Wiener Köchin auch im Auslauid Ibelleibt und gut bezahlt ist. Die Nachfrage nach Kirckermädchen, Kinderpflegerinnen, Heimschwestern, Erzieherinnen mit ausreichender Vorbildung ist immer noch größer als das Angebot, und tüchtige, geschulte Betriebskväfte für Heime, Horte, Pensionen usw. bleiben nicht lange stellenlos. . Ein grundlegender Irrtum ist aber zu beseitigen bei vielen, die diese Berufe ergreifen. Die Berufe scheinen nur leicht und leicht erlernbar, sie erfordern in Wirklichkeit körperliche mib geistige Kräfte, die fachlich geschult sein wollen, sie erfordern volle Konzentration und liebevolles Interesse, strenge Sachlichkeit urü» Ernstes Streben. Wie oft ereignet es sich, daß sich Wkädchen und Frauen um einen Posten als „Leiterin" bewerben, die von den Grundfragen der Betriebsführung nicht die leiseste Ahnung haben und ganz erstaunt find, wenn man ihnen nahe legt, auch hier von der Pike auf zu arbeiten! . Neben all den Lernenden, die in der Hausarbeit den Gelderwerb suchen, kommen aber auch noch jene Lernenden in Frage, für die die HaushaltarLeit jeder Art: das Kochen, das Nähen, die Behandlung der Wäsche, das Flicken und das Putzen — sachgemäß durchgeführt — Berufsarbeit an sich bedeutet, alle jene, die darangehen, immer mehr die Hilfskräfte im Hause zu ersparen und so durch Einsetzen der eigenen Kraft das Einkommen des Mannes indirekt zu erhöhen. So hat die Not der Zeit die Hausarbeit Meder in Mode gebracht. Man erzählt sich im Bekanntenkreise von einer neuen Anlage deö Gasherdes, der der Hausfrau die schmutzige und unrentable Wirtschaft mit der Kohle erspart, man spricht von der Güte eines eigenen oder entlehnten Staubsaugapparates, man berichtet über die Wunder neuer Küchengeräte, diskutiert über die Frage, ob die Hauswäsche oder die Waschanstalt vorzuziehen sei. Kochrezepte gehen wieder von Hand zu Hand und billige und gute Einkaüfsquellen bilden den Gesprächsstoff wirtschaftlicher Beratungen, die mehr als je an der Tagesordnung sind. Handel und Industrie Iverden sich diese Mode zunutze machen müssen, sie werden den Frauen alles bieten müssen, was sie in ihrem Eifer, gut zu Wirtschaften, vorzüglich zu kochen, behaglich zu wohnen, alles sauber und adrett zu halten brauchen, Alles, was zur Kindererziehuug und Kiuderaufzucht gehört, muß frei von Firlefanz — erschwinglich und in guter Qualität den Frauen geboten joerdem Erleichternd und fördernd muß dieser schwerste Teil der Hausfrauenarbeit, der glücklichsriveise niemals so völlig aus der Mode gekommen war, nur etwas ökouomisiert werden, um Zeit und Kraft für den Anteil der Fran an Freude und Muße zu sichern. Menu da§ Haus wieder die Stätte einfacher und froher Geselligkeit »vird, wenn jung und alt im Familienleben Wieder etwas mehr als nur den gastlichen Tisch erblicken werden, dann kann noch die Zeit kommen, wo wieder für Kunst und Schönheit, für ein gutes Puch und für das Interesse an den großen Dingen über den grauen Alltag hinan» durch die Frauen im Hause ein Plätzchen bereitet wird. Es ist für Volkswirtschaft und Kultur von großer Bedeutung, daß in den Zetten wirtschaftlicher Not und Arnmt sich die Frau als Käuferin und Hausmutter auf die reichen Schätze, die in ihr schlummern, besinnt, daß ihre Fähigkeiten wieder voll zur Geltung kommen und daß das Hauskleid wieder ein Arbeitskletd geworden ist! Die Hausarbeit alS Mode wird keine Eintagsmode sein, hier gibt es ja auch Saisonarbeit,, Gelegenheitsarbeit und Lieb-. lingsbeschäftigung . . . Diese Mode wendet sich — zum Heile aller — an die innersten und charakteristischesten weiblichen Eigenschaften, die trotz Sport und Bubikopf nicht verleugnet werden können! wäschl für ganz Wien! Z F N r:) A; - VI WA Ll!, -4 - m. - 5! j £0 S!. PIE wäschl für ganz Wien! Kostenlose Abholuno und Zustellung ln allen Bezirken Aber der kleine Abel, damals sieben Jahre alt, fieberte nach diesen fremden Leuten. Er wußte nicht, dgß es Duft ünd Zauber der Ferne, der offnen 'Welt ivaren, die ihn berückten. Wieder schlug seine Seele die Augen auf. Zwei Gewalten hatte sie schon erfahren. Im Leben des Kindes gab es schon: Liebe! Jude! Jetzt kam die Welt in ihn hinein, die weite Erde, die schweifende Freiheit des Menschen, die Lust am Sein. Und in der letzten Nacht war er wieder erwacht. Es war furchtbar heiß in der Stube, die Eltern schliefen. Und unten, auf der Straße, war das bisher Wunderbarste seines Lebens lebendig. Eines wußte er sofort: es konnten nur die Zigeuner sein, von denen dieses unbekanrtte. Wunder aus-: ging. Eine Geige spielte. Er ahnte nicht, was da tönte. Es war die erste Geige, die er hörte. Ein Zigeuner kam spielend die Straße herauf. Es ivar nicht Zufall, sondern der tiefe Zusammenhang alles Geschehens, daß , Horwath, der Zigeuner, grade unter diesem Fenster stehen blieb, betrunken wie er war, und selbstvergessen spielte. Es war kein Mensch mehr auf der Straße, jetzt, um Mitternacht. Oskretscham wußte nicht, daß es auch in den nächtlichen Stunden von zehn bis fünf Leben, Mensch, Welt gab, Da stand Horwath und spielte. Er spielte nur, wenn er betrunken war, aber dann spielte er, als schöpfte er Musik aus dem Urgrund des Alls. Als übertrüge er das sprachlose Wesen Gottes in Menschen hörbaren Ton. Er spielte sonst nicht mehr, seit sein Sohn tot war. Der hatte Ambros gch ißen. Seine kleine Geige spielend, hingegeben, versunken in das Li d, das er aus seiner Seele schöpfte, war er die Chaussee hinausmarschiert, als hinter ihm her der Herr Bezirksßauptmann mit seinem Schimmelgespann gejagt kam. Er rief, er schrie, der kleine Ambros hörte nur sein Lied. Da fuhr der gewaltige Herr einfach über ihn hinweg und weiter zur Jagd. 9hm, am nächsten Tag lag er selbst auf dem Anstand, eine Kugel im Kopf. Man konnte Horwath nichts Nachweisen und mußte ihn lausen lassen. Und was hatte es Honvath genutzt? Sein kleiner Junge b'ieb tot. Er war auf der Stelle zuschanden gefahren gew<en, ganz und gar zerbrochen mW zerquetscht, auch dis süße, braune Gesichtchen unkenntlich. Aber seine Güge war unversehrt. Er hatte de t Arm ausgestreckt, über den die Hufe und Räder gegangen waren, und sein heiliges Instrument gerettet. Jetzt also stqnd der a'ternde Horwath in der Tosterstraße von Oskretscham und spielte: Mein süßes, geliebtes Kind, Ambrusch, mein Engel, w.ißt du noch Mißt du noch? Ich weine um dich deine Mutter weint sich die Augen aus —- einmal hast du gespielt, bist den Weg mit den Ebereschen gegangen — einen Augenblick sah. Gott weg — da kam der große Herr mit den Pferden und — und- Der kleine Abel stand auf, er schlich ans Fenster. Da war, im «Mondschein, die alte, traute Straße ganz unbe- Mische Speziaii.Sten. Gewickelte Rostbraten. Man nehme die gewöhnlichen Rostbraten, klopfe sie gut, jedoch sehe man. daß sie beisammen bleiben, sodann nehme man einen Löffel Schmalz, Stückchen : 'weichte, ausgedrücktc Semmel, «salz, gehackte grüne Petersilie, Paprika, Blüte, bittere Mandeln, teile, a leS das gut ab, bestreiche die Rostbraten damit, wickle dieselben zulammen, nmäinde sie mit einem Faden, gebe sie in eine Kasserolle nebst Fett, Petersilie, Sellerie, gelber Rübe und laste sie dünsten. Sobald sic weich sind, werde» sie he:ausgenommen, der Faden abgelöst und die Sauce darauf duvchpasfierL. Champignons-Suppe. Einige geputzte und in dünne Spalten geschnittene Champignons werden in etwas Fett mit ein wenig klein geschnittener Petersilie gedünstet, etknas Mehl daran gestäubt und sobald es gut gedünstet ist, gieße man so viel Fleischbrühe daran, daß es einer dünnen Einmä hsauce gleicht, gebe auch wenig Muskatblüte dazu und laste es noch etwas kochen. Man richte die Suppe über gebähte Semmeln an. Schnittlauch-Sauce. . Sechs gekochte Eidotter passiere man durchs Sieb, nehme 70 Gramm (7 Dkg.) Tafelöl, rühre es tropfenweise m die Dotter unter fortwährendem Treiben, wenn das Oel gut verrührt ist, w nehme man etwas weißen Essig, rühre diesen auch langsnn hinein», hieran' schneide man ganz fein ein wenig Schnittlauch rn die Sauce und gebe sie dann zum Fleisch. — Sie kann auch uie Petersilie-Sauce znbereitet werden. Chaudean-Kör^che«. Aus einem viertel Seidel (ein : zwölftel Liter) weißem Wein, 2 ganzen Eiern, 70 Gramm' . (7 Dkg.) Zucker, an der Zitrone gerieben, 105 Gramm i (IOV2 Dkg.) Mehl wird ein feiner Tropfteig gemacht, ein; wenig Salz dazu gegeben und in heißem Fett auszebqcken, dann mit Chaudeau gefüllt: ein drittel Liter Wein, 10Dovter, 140 Gramm (14 Dkg.) Zucker. (5. Fortsetzung.) : kamst, die kleinen Häuser in seltsamem Licht, alle Fenster: - funkelten, und die Leere war dem Kinde rvie Gespenst. Die Musik quo.ll unsichtbar aus diesem märchenhaften Raum" ’ empor. Der Gnger lehnte rülpsend am Haustor. Es zog den.Knaben, sein Schicksal.war über ihm. Im : Hemd, mit bloßen Füßen, sonst furchtsam vor Finsternis, husche er aus dem Zimmer, die enge Treppe hinab. Der Schlüssel steckte innen im Tor. Er drehte ihn, er öffnettt Da taumelt der Mann mit der Geige ihm entgegen, , hielt .sich mühsam auf den Beinen, lache ihn an, immer spielend. Und Abel faltete die Hände vor dem Betrunkenen, und hätte < er Gedanken fassen können, hätte, er dieses spielende Wesen : für.Gott gcha'ten. Er hatte vom Hrmmel gehört, diesem Be-, i Halter der Seligkeit. Jetzt war er. in ihm. Er streckte die Hände aus, zitternd. Horwath sank auf die Schtvelle, zog das Kind an sich. „Ambrusch?" flüsterte er. Er fragte das Kind, sein Herz, fragte Gott, den Tod. , Er legte die große Gsige in den Arm des Knaben, der sie nicht zu berühren wagte. Ein wildes Beben ging durch den kleiner! Menschen. Die Musik in ihm tönte an, noch tonlos, doch alle Satten schwangen, daß er stchvaMe,schwindelte, an den Zigeuner sank. . Der nahm ihn auf den Arm und ging. Sie gingen über den Ring, durch die Nkkolaivorstadt, auf d'e Gleinnhä- Chaussee. Da lagen auf der Wiese an der schmalen Kwdnitz,, dem Flüßchen, die Zelte, Magen standen träumerisch mtt klemm bstunden Fenstern. Pferde grasten gemächlich. 9kur das Rupfen der Kräuter klang in der unendlichen Stille. Ueber dem Turm der alten Piaristenkirche stand der volle Mond, mitten in ihm der Hahn der Wetterfahne. Auf dem Treppchen eines Wagens saß eine Frau. Die stand auf,.als der Mann mtt dem Bude kam. Er rief schon von weitem schluch end wenige Worte. Sie schrie laut auf. stürzte hin, nahm ihn: das Kind ab, bedeckte es mit Küssen. „Ambrusch, Ambrusch," stöhnte sie, lachte, seufztesie. Aber Abel griff nur nach der Gnge. Er hörte nicht, daß die beiden ficb'rnd miteinander redeten, auch verstand, ex ihre Sprache nicht. Da kniete, weinend, die Frau neben ihm nieder, küßte seine Hände und Füße, rief, winkte dem - Mann. Er stieg in den Wagen, kam wieder, hüllte eine kleine Geige aüs einem seidenen Tuch. Sie war hellrot, der Steg leuchtend weiß. Er legte sie dem Knaben in den Arm. Seinen Fingern fügte sich die Hand des Kindes wie in ^obnte, längst geübte Lage. Abel hob den Bogen. Und der Erste Ton se'nes iigmtlihen Lebens, brr erste AtemM feiner Musik, das erste Wort seiner Seele drang in die unendliche Nacht. Da schluchzte er auf. „Mamuschkä!" rief er und warf die GeigeAn, {ferö sie schon wieder hoch. „Mamuschka!" noch einmal und ihfufr JUDE ANS KREUZ! ROMftN VON KURT MÜNZER Cojprighfc 1827 by B- Löwit Verlag,'Wien — Leipnlg.