Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2798 (11.12.1926)
- Date
- 1926-12-11
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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N. Dezember 1996 Sette S M.SW flJKRf ^GlufnlR^ Wie«« Mvr^ettzeltvttg 'EB»S^SeSL?-?:i8^SS»SL8»SSL-i»«.SSS>MSS>LS°^ , DER MODESPIEGEL sMWUHWWMj ft feft^Sfeä ft sSSSä 8 E M*m* m ' 777 ll Sj*Bjgjjjy;,~ ,JS Wlitterfresde». ttnfne Ansicht über die rauhe Jahreszeit, von der lma« einst — wie von der Nacht — sagte, sie sei keines Äienschen Freund, hat sich sehr geändert. Mit der immer i veiterd ringenden Erkenntnis, daß Lust und Natur des Menschen wichtigster Lebenssaktor seien, hat man gelernt, sich auch mit dem Winter zu befreunden. Me einzige Möglichkeit für den Städter, die Winternatur in irgendeiner Form zu genießen, wird durch den Sport gegeben. Me Ausübung jeglichen Sportes aber wird zur Lächerlichkeit, zur Farce, wenn man .in mangelhafter Ausrüstung dazu antritt. Nur in wirklich gediegener, der Witterung und der körperlichen Bewegung gerecht tverdender Kleidung kann man zum Genüsse der winterlichen Natur gelangen. Die Wintersportdreß, die stets aus Jacke und Hose (Norweger oder Knickerbockers) besteht, wäre gänzlich unvollkommen ohne die Wollweste, den Pullover, den Lumberjack. Und die Hall des Sporthotels würde nüchtern und farblos sein, wenn nicht die vielen, retzend-bunton Blusenkleidchen sie belebten. Die jetzige blusig-geschoppte Form deS Kleides ist in Wolle außerordentlich gut wiederzugeben. In besonderer Feinheit wird heuer das Strickkleid aus Kaschawolle hergestellt, dar in Naturfarbe und auch in Paflellsarben mit bunter Krawatte getragen wird und unendlich kleidsam ist. — Für die Tour oder die UebungSwiese ist der blusige und doch herrenmäßige Lumberjack bei alt und jung beliebt. GS ist dies eine Fasson, die ganze Familien trage» können (in Amerika ist eS längst der Fall!) und die ganz ungemein praktisch ist. Man arbeitet den Lumberjack mit bauschigen Aermeln, oft mit Rollkragen, drei tiefen Taschen und Zipverschluß. Auch für zweijährige BabieS schon sieht er — in bunter Arbeit — entzückend ans, und man erspart das oft nicht leichte Ueber-den-Kopf-ziehen. — Der Lumberjack des Herrn ist im allgemeinen ruhiger Schatten und kräftiger ausgeführt, hat häufig vorne keine separate Knopflochleiste, wird aber meist von einem Paar gleichbestrumpster Beine begleitet. Wie denn überhaupt die Strickmode mehr und mehr auf altt' Telle der Gewandung übergreift und dabei der Phantasie des einzelnen weitesten Spielraum gewährt. Grete Oberländer. Merle! Model«,e«. Da ist zunächst einmal Die Alltagsüeidung der Dame, des Schulkindes und dos Kleinkindes. Für sie alle schafft das Strickkleid eine wirklich praktische, wirklich hübsche Möglichkeit, stets schick, adrett und billig gekleidet zu gehen. Das geschoppte' Krawattenkleid mtt der ombrier- . Gestrickte Kleider ist die Mode. Reichhaltige Auswahl aus ersten Wiener Werkstätten. Albert Mahner i.. aohlmeflirgosse ». 1., Neuer Markt 9. m.. Sandstrabe Hauptprobe S. jV., Httiebner Hauptprobe 8. XVL, Lhaliastrabe 17. 148 ten Stteichluje, das naturfarbene Kascha tleid, sie sind bei uns schon fast zur Tracht getvorden; zur Tracht, die doch der Phantasie und Erfindungsgabe des einzelnen allerwetteste Möglichkeiten eröffnet. Auch als Oberkleidung ist Strickwake für Sport, Reise und Alltag jetzt Schoßkind der Mode. Gin Jaquardmantel oder ein Paletot in weiter Glockenform, in bizarrer Beige-Braun-Musterüng an antike Webftoffe gemahnend, ist ungemein apart und hochwertigstes Erzeugnis. Speziell in Wien werden diese Sachen vollendet schön gearbeitet und gehen als Exportgüter lveit übers Meer, wo sie — in Amerika gleicherweise wie in England — Zeugnis ablegen von der hohen Wiener Geschmackskunst. — Was die Damen Albions und der neuen Welt BllfRtfer Abverlcauf sämtlicher Lagerbestände STDICKWARmABRIH!ouiuÜH^S!nMizieaMt2! Pullover, Westen, Kostüme, Strümpfe usw. En gros En detail von fernher und sehr verteuert beziehen inüssen, das vermag die Wienerin gleich an der Quelle zu erfassen und überdies natürlich zu den allergünstigsten Bedingungen. Me nahen Feiertage bereiten mancher Hausfrau des üblichen Befchenkens wegen schwerste Sorge. Man trifft nicht leicht den Geschmack des zu Beschenkenden, andererseits zieht di« allgemeine Knappheit scharfe Grenzen um Mitte Wünsche. Mtt einem guten Wollstoff — d oder Mantel — kann man sehr leicht das Rich- Für Weihnachtsgeschenke enorm redaderte Preise, nur Qualitätswaren, eng), and franz. Wollstoffe für Kleider, Kostüme and Mantel, normaler Preis 8 30 — bis S 40*—*, jetzt 9 wr- FranzSsische Crepe de Chine, Marocain-Foulard, Robseiden imprim^es, S 8 — bis S 12’—*. Schwere Kleider-Crepe de Chine, Georgette, bedeutend reduziert, nur Qualitatsweren. Spitzhiittl, I., Neuer Markt 16 tige treffen. Man fcljemt damit etwas wirtlich Praktisches und läßt dabei doch dom Beschenken noch die Möglichkett offen, den eigenen Geschmack walten zu lassen. Ein altes Sprichwort sagt, man möge im Bedarfsfalls zum Schmidt gehen, nicht zum Schmidt. Stets vermag ein größeres, selbst erzeugendes Unternehmen mehr Auswahl bei günstigeren Preiserstellungen zu bieten als ein kleineres: daher ist der Wunsch nach dem Einkauf in der Fabrik, den heute so viele hegen, erklärlich. Speziell bei Schuhen ist's erfreulich, wenn man zu billigen Preisen nach Herzenslust auhwählen kann. Die jetzt so belieb- Sonntag, den 19. Dezember MOHXF-PBMB* den ganzen Tag geöffnet teu silbergrauen Chevreauxschuhe, die exotischen Schlangen- und Echsenschuhe, die Silber- und Goldbrokatpumps, die zum Abendkleid unerläßlich sind, sie alle gleich ab Fabrik zu erstehen, ist jetzt im Hause Gebr. Lissiansky die Möglichkeit geboten. Äanirdal und Frühling. Zn diesem Zeichen fta.to die gcoße Revue, die Mittwoch alles, was an Modedmgen irgendwie interessiert ist, ins Konzerthaus lockte. Der große, wunderbar vornehme Saal war gut gelvähtt als Rahmen einer modischm Prunkentfaltung, wie sie — ohne reklamhafte Uebertreibung — hier bisher ni'bt g?schiut nurd,' Di" Veranstaltung staick im Zeichen der Alland-Hitfe und es ist bereits traditionell, daß einer solchen stets Geschmack und Eleganz Pt dem Erfolg verhelfen, den die wirklich gute Sache verdient. Was gestem 82 schöne Frauen im Konzerthaus dem fachkundigen Publikum vvrführten, war eine gcvadHu unerhört reiche Schaustellung dessen, was im kommenden Fasching, wohl häufig sogar <m gleicher Stelle, zum Leber: erwachen wird. Es ivar aber auch eine überraschende Borschau auf den Frühling 1927, dessen Modetendenz bisher noch strenges -Geheimnis war. Umso überraschender, als eine grundlegende Aenderung des seit Fahren uns vertrauten Modebildes platzgreifen wird. Die Complets, die itu§ FraU Krnpnik vorführen ließ, zeigten durchwegs weite Kimono form, beim Mantel sowohl wie Beim dazu gehörigen Kleidchen. Damit in Zusammenhang wird die geschoppte Blusenform des Kleides und der ganz feste Hüftgürtel absoluter Mckefavortt. Ueberhaiuptz kennzeichnen Schoppe und enge Hüftpasse jegliches Kleid neuer Fechsung, sei es Albend- oder Nachmittagstoi- Io unseren Salons (VÄ MODEN-PALAIS JULIUS KRUPHIK VII., Kaiserstraße 111, 113, 115 381 Größtes Spezialhaus Oesterreichs leite. Diese reiche und sehr weiblich wirkende Linienführung kleidet Schlanke, Starke und Magere, weil sie diskret verhüllt und doch auch zart markieren kann, ganz nach Wunsch. Die fabelhasten Paillettensteider, die wir gestern zu sehen bekamen, waren meist gleichfalls geschoppt. Paris lanciert heuer ganz große Mctallpailletten, die auf Tüll oder Georgette schuppenartig aufgenäht sind und in ihrer märchenhaften Leuchtkraft die Erinnerung an alte Sagen aufleben lassen. Neben Gold- und Silbergewandern, die Aladins Schatz-, kammer zu entstammen scheinen, sah man stahlblaue Kleider, die ein düsteres Funkeln ausstrahlten wie Capris blaue Grotte. Dazwischen Stllsteidchen aus der blumigen Schöcherzeit und ein Brautzug, wie ihn amerikanische Dollarjungfern erträumen mögen. Und zum Schluß, zur Krönung des' Augenschmauses, die schöne Renate Rene als tuendes Plakat, ein allen Wienern längst vertrautes Emblem: die schlanke Reifrockdame mtt dem Paradiesvogel auf der Hand. — Bieter und wohlverdienter Beifall dankte dem vorführenben Haus« und seiner Chefin. 'Eine tvirkfame Äntedstützimg'der gelungenen Bemühungen des Hauses Krupnik bildeten die graziösen, silbernen Handtäschchen und die märchenhaft schönen Diademe Ms Straß und Perlen, die zum großen Abendkleide einfach unentbeb'-skch sind. (2. Fortsetzung.) Tag der Schrecken. Aus den Aufzeichnungen einer russischen Jüdin. Von Leo G. Stein. Er entkam mtt knapper Not der Gefagennahme und irrte vievundzwanzig Tage in einer furchtbaren Tundra umher, hungrig, verwahrlost, wie ein gehetztes Wlld, jeden Augen- . blick Gefahr laufend, entweder in den Sumpf zu versinken oder von uncherstrelfenden Kosakenpatwuillen niedergeschossen zu wecken. Unter Aufbietung seiner letzten Kraft gelang eS ihm endlich, nach Galizien zu entkommen, wo die Freunde seiner warteten und ihn nach Lemberg brachte». Dort verfiel er in.ein schweres Nervenfieber. Als ich davon benachrichtigt wurde, eilte ich sofort zu ihm in Begleitung Litwins. Unsere Anjuschka ließ ich hei meine» Eltern in Ogrodno zurüy. Biele Wochen rang mein Mann mit dem Tode; er schien die auSgestandenen Mühseligkeiten in fiebevglühenden Delirien von neuem zu durchleben. Kerker und Tundra, die Schrecken des Hungers und der Verfolgung sandten ihre Gespenster hinter ihm her, wie das Meer, das mtt tosenden Springfluten ein enttonnenes Opfer toiedee zu erhaschen sticht. Ms alle Gefahr vorüber war und seine Kräfte langsam zurückzukehren begannen, fuhren wir nach Venedig. Hn der alten, zauberischen Lagunenstadt, inmitten der niühsüm zusanmengeha'tenen, trotzdem aber rettungSloss dem Verfall geweihten Märchenherrlichkeit -- im bunten Getriebe der vielbesungenen Piazza San Marvo und der Merveria | m der umtuKt|aiiwu Stitte aa jt‘a»uil€, tu me.cyeu tau,e.td unfaßbare Regungen, tausend sonnengoldene Stimmungen einen anwehen -7erholte der Genesende sich vollends. Und in demselben Maße, als seine Gesundheit sich festigte, wachten sein unruhiger Geist und seine Unternehmungslust zü neuem Leben und neuen Taten auf. Er entwickelte mir und Litwins die wir ihm schweigend zuhörten, seine Zukunftspläne, und so oft wir in sein lebendiges Gesicht, in seine wieder kühn umherschweifenden Augen blickten, konnten wir nicht glauben, daß dieser Mensch eine solch leidensvolle Zeit hinter sich hatte. Nach Rußland durste er nun nicht mehr zurück, denn, würde dort die, Polizei seiner habhaft, so war Sibirien sein sicheres Los. Sr entschied sich dämm für Zürich, wo sich seit einiger Zeit eine Bereinigung mssischer Revolutionäre befand- Wir reisten dorthin. In der schönen und lebensvollen schweizerischen Stadt ging das fieberhafte, verborgen« und deshalb um so schwierige« Arbeiten wieder los. Unsere kleine Wohnung war der tägliche Versammlungsort all dieser Idealisten, die gegen einen Riefen ankämpfen wollten und nichts besaßen, als ein für Recht und Freiheit gehendes Herz und eilte» alle Zweifel überwindende Todesverachtung. Wenn irgendwo in einer russischen Stadt ein Fürst, ein Gouverneur, ein Minister von einer Bombe zerrissen, einem Dolch erstochen, einem sicher zielenden Revolver niedergeschossen wurde, so war es oft ein Schicksal, dessen Vollzug in unserer kleinert Wohnung, an dem einfach gezimmerten Tisch, besch ossen war. Man saß gewöhnlich in dem einen Zkminer, das auf einen Licht- Hof ging, und die Herzen glühen und brodelten um die Wette mit dem Scunouar, der ihnen aileit die Heimat vortäuschte. Was wollten sie — was dachten sie 7was fühlten sie? Sahen sie denn nicht, daß das System, gegen das sie ankämpften, ungeheuerlich, lichtverdrängend über ihr Leben em? porwuchs, eine höhnisch grinsende Sphinx, zu deren Füßen sie wie machtlose Sandkörner hingeschleudert wurden? Und ich mußte wieder an den Zionismus denken, der keine Sphinx war, kein Altar, auf dem das Blut tausender Freiheitskämpfer hohnlachend und nutzlos geopfert wucke. Hier erwuchs einem gehetzten Volk ein Ziel, das mtt friedlichen Gestaden lockte, das für Mühe Segen spendete, das Freiheit verhieß — Freiheit, die nicht mit dem Tode erkauft werden mußte. In jenen Tagen bedauerte ichs, daß ich eine Frau war. Wä« ich ein Mann gewesen, ich hätte es mir zur Lebensaufgabe gemacht, von Ort zu Ort zu ziehen und unser Volk für die einzige Idee zu gewinnen, die ihm Hell bringen konnte. So oft ich eine solche Aeußemng tat, begegnete ' ich dem freundlichen urck etrvas spöttischen Lächelrt meines Mmnes. Aber er sollte noch anderer Meinung werden, leider da es schon zu spät war, da er — eine Ironie des Schicksals — nicht als Revolutionär, sondern als Jude siel. Es war im Frühling 1905. Wir wohnten bereits zwei Jahre ln Zürich, da erhielt ich aus Ogrodno einen Brief von meinen Eltem, der mich derart mit Sorge erfüllte, daß ich sofort den Entschluß faßte, heimzureisen. Unsere Anjuschka war erkrankt und verlangte nach mir; außerdem drohte der Ausbruch eines Pogroms. Wie durste ich meine Ettern allein lassen in dieser doppelten Not? ^Fortsetzung folgt.) 267999999999^999999999999999999999999999911