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Wiener Morgenzeitung · 1926-09-12 · Heft 2713 (12.9.1926) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
8 (1926)
Issue
Heft 2713 (12.9.1926)
Date
1926-09-12
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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mm » Nr. 3718 mktt, Sonntag " ‘ 1 ' Wstmre MorM«-Mr«s Geptemver IE Bnvapester Getreidetermtnmarkt. Ans Budapest wird ^richtet: Der Getreideterminmarkt war unverändert. Weizen 850, Roggen 240, Fubtergerste 210, Mais 2(55, Hafer 100. Börse fiit landwirtschaftliche Produkte. Der gestrige Markt tendierte unter d:m Eiitflusse -er bereits seit Tagen anhaltenden Kursechöhnngen an den amerikanischen Börsen in freundlicher Stimmung. Die Angebote bewegten sich in engen Greifen, wodurch die höheren Forderungen bewilligt wurden. Nicht nnwesentlich haben zur Befestige ng -er Tendenz die großen Käufe Deutschlands und der Tschechoslowakei beigetragen. 76/77 Kilogrannn Ungarweizen wurde zu 36 S. ab Heyyeshalom gehandelt. Ganz besonders fest tendierte Roggen, dessen Preise Erhöhungen erfuhren. In Mais waren spatere Sichten gesucht. Irr Hafer war das Geschäft belanglos. Für Gerste war sehr mäßiges Interesse vorhanden. Im Mehlpeschäft ist Stagnation eingetreten, was zur Berbilligrng der Preise führte. Heu tendiert durch die reichlichen Angebote flau, wobei sich die Preise um 0,50 S. ermäßigten. Ee nonerten Wet,en ^nlündtläie, neu 37 25 v:s 88.2ö llnoariicher Theiß neu79/80 Kilogramm 43.— bis 43.—. Ungarische, 78/79 Kilogramm neu 39.60 bis 40 BO Jugoslawischer 76 Kilogramm reu 37.— bis 38.— Jugoslawischer 77/78 Kilogramm 38 — bis 38 50 R o a g e N' Inländischer Marchselder 26 50 bis 26.75 Bester Boden 87.— bis 27 50. Gerste: Brauware ml. neu Prima bis Ausstich 34.— bis 38.— böhmische mährische —.— bis —. MakS: Jugoslawischer 24.50 bis 25.50 Lin. q n a n t i n 32.— bis 33.— Haler: Inländischer 34 — bis 24.50 ReiS Italienischer 78.- bis 83.-. Burma 67.— bis 69.—. Mablvrodukte: Grieß inländische: 79.— bis tO—, Weizenmehl 0 inländischer 73.— bis 75.— Kochmehl •? inländischer 66.— bis 63.— Brot mehl inländische-, 47.- bis 49 — Wiener Börse. Lebhaft. — Freundlich. Tie Börse des Wochenendes setzte, auch schon im Hinblick auf die durch die Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund clnigermaßen entspannente europäische Lage, freundlich ein. Ungarische Papiere, von denen insbesondere Kohlenwerte größere Auslandskäufe fanden, ferner Südbahnprioritäten, Staatsbahn und Semperit waren rege gefragt und konnten Kursechöhnngen verzeichnen. Auch im weiteren Verlaufe des Börsenverkehres herrschte günstige Stimmung, die hauptsächlich Montanwerte erfaßte. Auch Bankaktien waren behauptet, ausgenommen Anglobank, die 7800 Kronen verloren. Auch im Schranken waren ungarische Papiere, besonders Kohlen- und Zuckerwerte, lebhaft; die meisten Schrankenwerte konnten Kurserhohungen verzeichnen. Das wesentlichste Charakteristikum der gestrigen Börse bildete die Belebung des schon so lange vernachlässigten Anlagenmarktes. Vornehmlich Renten waren gesucht. Goldrente, die am meisten nmgesetzt wurde (es lagen Kaufaufträge für Berliner Rechnung vor), gewann 6100 Kronen, auch April-, Mai- und Februarrente sowie Schatzscheine verzeichneien Erhöhungen. Quoten: Franz-Josefs-Bahn-Schuld 22.000 K., Nordwestbahn-Schuld 5500 K.. Franz-Josefs - Babn - Prioritäten 32.000 Kronen. Rordwestbahn-Prioritaten A 18.000 K , 1885er Rordwestbahn-Prioritäten 10.000 K. Notierungen im Stellageverkehr. Es rotierten ver ultimo September: Oesterreichische Kredit 24.000 bis 30.000 K.. Staatsbahn 50.000 bis 60.000 K.. Alpine 60 (.00 bis 70.000 K., Rima 32.000 bis 40.000 K.. Salgo 60.000 bis 70.000 K. Per ultimo Oktober: Oesterreichische Kredit- 34.000 bis 43.000 Kronen, Staatsbabn 75,000 bis 95.000 K., Alpine 76.000 bis 95 O' O K.. Rima 48.000 bis 60.000 K., Salgo 85.000 bis 105.000 K. Ar Scbifettltufe. Zürich, 11 September. <Devisenkiir>e von 13 Ubr.) Baris 15.— (14.80) London 25.187, (25.13'/«), New-Por» 517.62 (517.62). Brüssel 14 20 (14.20), Mciilano 18 68'/, 18.52'/,). Madrid 79.40 (79.05/, Holland 207.40 (207.50-, üetlm 123 25 0*3 25), «Men 73.05 <73.077,). Stockholm 138.42'/, 138.47'/,), C*lo 113.45 <113.42'/,» novendagen 137.50 (137.40), Sofia 3.75 (3.75), Braa 15.33 <15.337»), Warichm« —.— (—.—) ^udavesi 0.0072507, (0.007252;, Belgrad 9.11 (9.13*/,;, Bukarest 2.58'/, (2.58'/,) Buenos Aires —(—.—;. Budapest, 11. September. (Devisenkurse — Eigenbericht.) Amsterdam. 28580 Belgrad 125850. verlin '16978 Bukarest 354—, »'riifjei 1935, Kopenhagen 18940. London 346200. 0Mal- Ion: 1555. New-Dork 71300 Paris 2040, Prag 2111.16, Sofia 114.—, Stockwim 19065 Warschau 7800, Wien 10061, Zürich 53.781. rmmiumnmmim BV-UVilW!; .l'ülllüllilllllllllllllllffllili ffllB püiiuüimüiiiüiiiiMtiiuiuiiiumiuiuüiiiuiumuiuiiliiiiüttiiiuiiüiiiiiiiii^ R«kmi geschlagen! Dr. Peltzer siegt über 1509 Meter in Weltrekordzeit. Berlin, 11. September. Bor 20.000 Zuschauern fand heute das mit großer Spannung erwartete Zusammentreffen Nu r m i- Wide-Dr. Peltzer über 1600 Meter statt. Der Verlauf und oas Ergebnis brachten eine Sensation, diach aufregendem Kampf, bei dem abwechselnd jeder der Weltmeister zeitweilig führte, ging Dr. Peltzec als Sieger hervor. Seine Zeit, 3.51 Min., ist Weltrekord. Als Zweiter lief hinter Hn W i d e um 1 Meter zumck in 3.51,8 ein. 3,5 Meter hinter den: Sieger kam e r st N u r m i m 3.52,8 ans Ziel. Ter Deutsche Bacher gab 200 Meter vor dem Ziel ans Anfangs setzt sich Wide an die Spitze unb führte bis 300 Meter. Dann prellt Nurmi lwr und führt b:s 1000 Meter, worauf wieder Wioe in den nächsten 300 Meter mit kleinem .Vorsprung die Führung übernimnrt. Beim Einbiegen in die Gerade setzt Dr. Peltzer rum Endspurt ein. 25 Meter vor dem Ziel spielt sich Kvischen ihm und Wide ein heroischer Kampf üb, den der Stettiner in Weltrekoro für sich entscheidet. Einen neuen österreichischen Rekord im 200-Meter-Lausen für Damen stellte beim gestrigen W. A. C.-Meeting Frl. Wegner vom W. A. F. in 27'/» Sekunden auf. Frl. Perkaus lief um einen Meter zurück ein. _ Fußball. Sportklub—Amateure 1:0 (1:0). SportArbplah. 5000 Zuschauer. Schiedsrichter Kaufmann. Sportklub: Edi; Beer, Teufel: Plank, Wiedevniaun, Lowak; Bauer, Zach. Höß, Pillwein, Laicher. Amateure: Saft; Regnart, Tandler; Schneider, Briza, Geyer; Cutti, Sindelar, Hierländer, Wieser, Wanieek. Die beiden Mannschaften führten gestern ein Spiel vor, das karm die Bezeichnung „erstklassig" verdient. Die Violetten erlitten ihre dritte Niederlage in dieser Saison, während der Sportklub den ersten Sieg' buchte. Bei den Siegern gefielen Edi, Teufel, Wiedcrmann und Höß. Laicher (früher Fontana) war ein glatter Versager. Die Unterlegenen hatten in dem Verteidignngstrio den besten Mannschaftstell. Der Angriff befand sich in kläglicher Verfassung. Den einzigen Treffer schoß Bauer. Schiedsrichter Kaufmann gut. Reserven 4:2 für Sportklub. Avmira—Simmering 1:0 (1:0). Franz! gewinnt das Match. Nun haben auch die Simmeringer ein Spiel verloren. Admiras Sieg war nicht verdient, denn der scharf, doch fair geführte Kampf fah die Simmeringer oft und oft vor dem Tore der Floridsdorser. Aber der Tormann Franzi hielt einfach alles. In der 21. Minute erzielte Fiala den einzigen Treffer. Dissen Vorspr>.ng wußten die Floridsdorser zu halten, obwohl das Eckenverhältnis in der zweiten Hälfte 12:2 für Simmering lautete Das zweitklassige Meisterschaftsspiel Hertha—Sportfreunde endete mit einem 4:2 (3:1)-Siege Herthas. Das Städtespiel Krakau—Konstantinopel endete 2:1 (0:1) für Krakau. Die Krakauer Mannschaft war nur durch zweitklassige Spieler vertreten. Ihr bester Mann war der linke Flugelstürmer Landmann von Makkabi. Heute spielen die Türken in Lemberg. Das Wettspiel zwischen dem tschechoslowakischen Fußballverband und dem deutschen Verband der Tschechoslowakei endete 2 :1 (1:0).. __ Jüdischer Sportverband. Morgen um halb 9 Uhr wichtige Vorstandssitzung im Cafe Habsburg. Die Herren Földes, Dworiansky, Fiscus, Donath. Vajda, Guttmann, Stockknopf und Rubin werden ersucht, bestimmt zu erscheinen. die heutigen Meislerschastriplele. Hakoah-Rudolfsh ttgel (Hohe Warte, 7,3 Uhr). Raptd-Vienna (Hohe Warte, 7,8 Uhr) W a ck e r-B. A. C. (B. A. C.-Platz, -/,b Uhr). Die Meisterschaft der jiddischen Amateurveretne. Heute beginnt die Amateurmeisterschaft des neuen Verbandes. dem auch die jüdischen Vereine angchörc». Die jüdischen Mannschaften spielen in folgenden Massen: 1. Hasmonea, 2. K a d i m a h, 3. I. A. C., H a.g i b o r. H e ch a w e r, H a >k ad u r, Bar - Kochba, Makkabi. Hasmonea hat gleich im ersten Spiel einen schweren Gegner. Der S. C. Viktoria 6 gehörte der alten zweiten Klasse an ttitv besiegte erst vergangenen Sonntag die Reservemannschaft der Hakoah 5:1. Der jüdische Verein wird kaum eine Niederlage verhüten können. (Cvicketerplatz, halb 3 Uhr.) In der zweiten Klasse känlpft Kaoimah gegen den W. B. C. Der W. B.' C. zählt zu den ältesten Wiener Fnßballvereinen. Wir rechnen mit einem unentschiedenen Ausgang. In der dritten Klasse Süd wird H a k a d rr r Mühe haben gegen Ajox ehrenvoll ahznschneiden. (StMauerpiatz.) Einen überlegenen Sieg dürfte der I. A. C. gegen Ferrovia erzielen. (Wiednerplatz.) In der Gruppe Ost geben wir den erstgenannten Klubs die besseren Siegesaussichten: Hagibor gegen Makkabi (Ragplatz), Kagran gegen Hechawe r, W. F. C. 20 gegen Bar - Kochba. Hakoah—Rudolfshügel. Für das heute um halb 8 Uhr aus der Hohen Warte stattsindende Meisterschaftsspiel wird die Läuferreihe der jüdischen Mannschaft durch Fried. Guttmann und Pollalk gebildet werden. St roß wird in der Reserve tätig sein, die um halb 10 Uhr auf dem Hcckoahplatz gegen Rudolfshngel in verjüngter Aufstellung antritt. Die Mannschaft lautet: Beer; Berson, Vogelfänger; Kraus, Muster, Stroh; Gold. Fuß, Kestler, Messinger, Birnbaunr. Um 8 Uhr spielt die I u n g m a n n i ch a s t Meisterschaft gegen Rudolfshügel in folgender' Ausstellung: Nußbaum; Weißmann, Birnbaum 2; Wortmann 3 Eichler. Rosenfeld; Burger. Quartner. Kram, Josefsberg, Fischer. Vienna bewirbt sich wieder um Fischer, verlautet in Sportkveisen. Fischers Meistevschaftsberechtigung beg-innt am 15. d. und Hakoaih hat sich jedenfalls die Priorität >nn Verbände bereits geisichert. Auch Spartaspieler bleiben in Amerika. Wie das Prager .Mendblatt" aus Spartakreisen erfährt, beabsichtigt ein großer Teil der in Amerika weilenden Fußbalbmannschast Engagement- Verträge mit amerikanischen Klubs einzugchen. Gerichtliche Schritte gegen Amerikaf«chrer, die den Vertrag brechen, will Hakoah gegebenenfalls tvegen Schadenersatz unternehmen. Der Gedanke ist pir nicht so übel. Man wird jedenfalls bei Gericht eher Schutz gesien materielle Schädigung finden . als durch die diversen Sportvkrbände. zumal durch den Allgemeinen österreichischen Fußballverband, besonders wenn es sich um Häkoah ^handelt. _ Die heutigen Hockehspielc. W. A. C.—Brunner Sportklub; B. F. B.—Kritzendorf; Juternationaler A. F.—^Hakoah; Amateure—Allround; Arminen—iLchrersportverein. Jutrzenka Polnischer Wasserballmeister. In der allgemeinen Klassifizierung der polnischen Wasserballmeisterschast errang der Krakauer. jüdische Klub Jutrzenka acht Punkte, Crakowia sechs Punkte, A. Z. S. (Warschau) vier, Makkabi zwei und Hakoah null Punkte. Jutrzenka gewann also die polnische Wasserballmeisterschaft und den Pokal der Zvitschrift ^/Illustrierter Sportkurier". — Die allgemeine Sch wrmm eist erfch aft Polens gewann der Warschauer Sportklub A. Z. S., der damit zugleich den Pokal des Heeresministeriums errang. Cof>yr:gh: 1926 by i. ...i,,... R. Löwit Verlag, Wien—Leipzig. 11. ForhetzUNg. Iakar-daj. Eine jüdische Legende. Als aber all dies bei der Standhaftigkeit der Juden erfolglos blieb, griff man zu einem neuen Mittel. Der Rabbi der Gemeinde wurde plötzlich zu Gericht zitiert. Dort wurde ihm angekündigt, in einigen Tagen werde in einem öffentlichen Saale eine Disputaiion veranstalret werden. Ein Geistlicher werde auftreten, um die Lehren des Christentums darzulegen. Den Juden aber gebiete man hiemit, auch einen aus ihrer Mitte, den sie für den Gelehrtesten hielten, auszuwählen, dem wiedemm Lehren' und Grundsätze des Judentums zu verteidigen obläge. Ein aus beiden Teilen ge»vählles Richterkonzi'lium sollte am Ende des Diskurses entscheiden,- wem der Sieg gebühre. Würde nun die' Partei der Juden unterliegen, so sollten sie ohne Gnade und Barmherzigkeit zur Taufe gezwungen werden, im anderen Falle aber unbehelligt bleiben und füvder Frieden genießen. „Dies nun", fuhr der Rabbi fort, „ist die Ursache unserer Betrübnis und Ihr werdet sie begreiflich finden, wenn ich Euch sage, daß, obwohl schon in den nächsten Tagen dieser verhängnisvolle Akt vor sich gehen soll, sich doch noch niemand gefunden hat,. der den Mut und das Selbstvertrauen hätte, diese schwere Aufgabe zu lösen; denn die List unserer Feinde ist groß, man hat Schlingen unseren Füßen gelegt und Bande an unsere Junge. Was also tun? So wir es wagen, mit herben Worten die volle Wahrheit zu äußern, wird uns der Pöbel steinigen, unsere Wchnungen niederreißen und unser Andenken vertilgen. Ueben. wir aber Rücksicht gegen unsere Gegner und lassen uns nicht hinreißen von der gerechten Entrüstung unserer knmmerbelasteten Gemüter, von der Begeisterung für die heilige Sache unseres Glaubens, schmettern wir nicht mit Donnerworten die Bosheit unserer Feinde nieder, so gilt es unser Heiligstes, es gilt das Wchl und Wehe unserer Seele!" Mehr vermochte der ehrwürdige Mann nicht zu sprechen, denn Tränen erstickten seine Stimme. Wie groß war nun seine Ueberraschung, als ihm Iakar-daj seinen festen Entschluß an- Jündigtei sellktz dieses gefährliche Amt zu übernehmen. „Edler, Mann!" ries er, „Ihr seid uns ein gottgesandter Engel, Euer Name wird n'e aus unserem Andenken, nie aus dem Andenken unserer Kinder schwinden!" Es wurde nun zwischen dem Rabbi und Iakar-daj verabredet, die Sache gcheim zu halten, damit die Ueberraschung ihr Teil tue und der Jüngling sich in der kurzen Zwischenzeit für seine Rolle vorbereiten könne. * Der verhängnisvolle Tag fam heran. Auf den Straßen war es früh lebendig geworden, scharenweise strömte man zu diesem Auftritt in den öffentlichen Saal. Bon der Neuheit des Schauspiels angelockt, zog das Volk lärmend herbei, und bald fand sich das Haus von Tausenden umlagert. Und als alles geochnet war und auch die Inden in trübem Zuge gekommen waren, betrat der Geistliche die Kattzel. Seine Rede war aber weniger Begründung des Christentums als Schmähung des Judentums. Jedes seiner Kraftworte wurde von einem gellenden Gejohle des Pöbels begleitet. Als er geendet und triumphierend die Kanzel verlassen hatte und eine gute Weile verging, ohne daß jemand unter den Juden sich regte, da kannte der Uebernmt und Hohn des Pöbels keine Grenzen mehr; nur mit Mühe konnte er abgehalten werden, sogleich Hand an seine Opfer, zu legen. Ta öffnete sich die Reihe der Juden und aus ihrer Mitte trat ein junger Mann hervor, einfache Würde in der Haltung, Verachtung gegen die rohe Menge im feurigen Auge. Würdevoll betrat er die Kanzel und unwillkürlich verstummte alles. Der Jüngling aber begann mit einem solchen hinreißenden Feuer die Leiden" seiner unterdrückten Brüder zu schildern, und aus dem Innersten seines verletzten Gemütes schöpfend, entwarf er ein so schauriges Bild der über sein Volk ergangenen Qualen, daß alles sich tief erschüttert fühlte. „Weinet," sprach er, „klaget mit uns! Eine .Herde ohne Hirten, schutzlos jedem Ungeniach preisgegeben, irren wir seit Jahrhunderten in fremdem Lau>:e uncher; alle Leiden sind über uns gegangen, alle Schmerzen haben wir ertragen, aber treu sind wir geblieben dem Gänben unserer Väter! Und ihr wollt uns abwendig machen von ihm? Nein, quälen, zerfleischen mögt ihr uns, uns morden und die Hände in unser Mut tauchen, aber wir iverden den Tod e-Her ertragen, als. daß wir unser Gesetz verlassen. Und wie wollt ihr es rechtfertigen vor dem Richterftrchle des Ewigen, Allmächtigen und Mbarmherzigen, den wir doch alle verchren? Sind wir nicht etwa auch eure Brüder, Menschen,, nach einem Bilde mit euch geschaffen? Gedenket doch der Worte des Propheten Maleachi: „Haben wir nicht alle einen Vater', hat uns nicht ein Go t ,t geschaffen? Warum sollen wir treulos sein einer gegen den anderen und entweihen den Bund unserer Väter?" Nimmer werden wir unseren Glauben verleugnen! An den Strömen Babels, mit deren Muten sich unsere bitteren Tränen mischten, blieben wir ihm treu, als man uns schmähliches Heidentum für die herrlichen Lehren der Thora aufdringen wollte; des mächtigen Erdeükönigs, des Syrers Antiochus, Macht brach an unserer Standhaftigkeit, Ronis Weltreich, schlug wch'l unsere Leiber in Ketten, aber nichts vermochte es gegen unsere Ueberzougung; Jahrtausende haben vergebens daran gerüttelt; nichts also wird sie fortan wankend machen! Oh, daß ihr wahrhaft die Worte eurer Schrift beherzigtet, daß ihr der Lehre der Liebe euch ganz zulvendetet, wir würden ruhig in eurer Mitte weilen, ihr würdet Rücksicht üben und Achtung hegen gegen einen G'laüben, der doch immer Stamm'und Wurzel des eurlgen ist..." In dieser und ähnlicher Weise fuhr der Jüngling in erhabener, Begeisterung fort, nicht das Judenium zu verteidigen oder.das Christentum anzugreifen, denn er hatte bald das Bergelbliche, ja Gefährliche eines solchen Unternehmens erkannt, sonidern zun: Herzen seiner Hörer zu sprechen und sie zur Alcnschlichkeit zurückzuführen. Und dies gelang ihm in einer wunderbaren Weise; das Unerhörte geschah: alle fühlten sich tief ergriffen. Sein Gegner, der Geistliche, eilte auf den Jüngling zu, um durch eine Umarmung seine Worte zu unterbrechen. Dieses Beispiel wirkte auf die ganze Versammlung. Die grimmigsten Widersacher der Juden traten auf sie zu, um ihnen versöhnt die Hände zu reichen. Iakar-daj tvard von Juden und Christen gleich gefeiert, er konnte kaum den Weg von der Kanzel herab zum Rabbi zurückleget!. Auf der Straße aber sah er sich von einer zahlreichen Menge umringt, die ihn triumphierend zu seiner Wohnung geleitete. (Fortsetzung sjotgt.) *£5. ■&- ‘ .5'«

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