Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2620 (10.6.1926)
- Date
- 1926-06-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S6SY Wen, DssmrKag Wiener Morgenzeitun« 10. guck ISA) Gettr K Kunst. Bühne. Buch. kMabeth Berlin« als heilige Johanna. Deutsches Volkstheater. Je öfter man das wunderbare Werk von Bernau Shaw liest und je öfter man es auf der Bühne sicht, beste mehr kommt man zur Ueberzengung, daß es eine der schön sten Dichtungen unserer Zeit ist. Zunächst stelle ich mir dieses Werk als Selbstbildnis Bernard Shaws vor; dann aber auch als Porträt des modernen Menschen schlechthin. Die Blume der Einfalt, der Güte, des Glaubens und der Reinheit blüht überall, verborgen zwischen dem widerlichen Gewächs der Gemeinheit, der List, der Bosheit nnd des Betruges: in jedes einzelnen Menschen Seele und in der Gesellschaft. Sie geht sinnlos an Nichtigkoiten zugrunde, unk zum Samen einer neuen Blume zu werden. Und nicht zuletzt bedingt eine scharfe Selbstkritik und Ironie den Untergang jeder Größe und Wahrheit; ans dieser qualvollen Selbstanalyse keimt aber auch künftige Erlösung. Ist nicht diese Grundidee des Shawschen Dramas mit dem Sinn der Gegenwart identisch? Elisabeth Bergner ist die Personifikation der Naivität und der gläubigen Unschuld. Ihr kindliches Vertrauen in den ersten zwei Bildern und und ihr allzu menschliches Heiligtum im Epilog sind unerreichbar. Es gibt ober auch einen Augenblick der Krise, des Kampfes in der Auflehnung gegen die verbündete Verruchtheit der Peiniger: diesen Moment hat Annemarie Steinsieck seinerzeit zweifellos besser bett'ndvn. Es tut einem weh, das kindliche Hauchen der Bergner zum gellenden Schrei verzerrt zu hören; dem Kind, entspricht mehr die Träne und so hat auch Frau Bergner viel mehr als Frau Steinsieck geweint. Johanna muß aber in der großen Gerichtsszene mit der Welt hadern: Sie ist hier zumindest ebensoviel Tribunal als Angeklagte. Shaw will hier den Mächten der Welt die Masken von ihren Fratzen reißen; darin kann ihn das göttliche Kind der Elisabeth Bergner nicht unterstützen. Die Qual fc Kreatur, die die Künstlerin so wundervoll nnd natürlich gestaltet, muß aber, um vollkommen in der schauspielerischen Wirkung zu sein, auch Größe und Kraft in der Auflehnung ' besitzen. Das überzarte Körperchen und die mimosenhafte Seele der Bergner mußten aber diese titanische Kraft der Revolution schuldig bleiben. Um so mehr schmerzte ihre große Not. Die Phantasie war von der grauenvollen Erzählung des Kaplans über ihren Verbrennungstod ganz überzeugt. Man kann über eine Aufführung der „Heiligen Johanna" nicht referieren, ohne der vollendeten Leistung Edthosers als Dauphin zu gedenken. Solche schauspielerische Schöpfungen wachsen und erneuern sich von Vorstellung zu VorstHung; während manch' andere veralten. f » i r ft ,• r tu »Adle« Mimik" Johann-Strauß-Theater. Operette? Ein guter SchiwankeinM iber Wiener Froarpj-en Engel und Horst, dazu smtimental-parvidistWes Kabarett in Wort und Ton, MaÄe Benatzky, vttt Rdyue- Girl-Garnierung. Also ein liebenswürdiges Singel. Zierliche Verse hüpfen humorvoll und Pointen werden von der MuPA sein untermalt. Statt Schlager flüssige intime Rhythmen, darunter auch älteres von Benatzky. Rita Georgs sprühendes Theater trägt die Hauptrolle. Der Star vom Nachtlokal wird als Gattin vorgeschoben, um dem Chof wegen des Avancements Avancen zu machen. Sie gibt und nimmt, blinzelnd, mit einem lachenden und einem sentimentalen Auge, fingt, tanzt und spielt, daß es eine Freude ist. Die Herren Brod und Jmhos wirbeln fröhlich durch die drei Akte, die unverwüstliche Griebl erweckt viel Heiterkeit und Eugen Günther ist cholerisch, wie es sich für einen Sizilianer. gehört. Adieu Mimi, aus Wiederiehen beim ersten Jubiläum! a. s. Aus deu Theatern. Burgtheater. Morgen. 7 Uhr abevds. „8 o ui s Ferdinand Prinz von Preußen" (Theatergemeinde Serie C, rot). Akademietheater. Morgen. */*8 Uhr abends. „D i e F r a u v o n v i e r z i g I a h r e n*. O v e r n t b e a t e r. Morgen, 7 Uhr abends, «Der Barbier von Sevilla". Bo'lksoper. Morgen. ‘/»8 Uhr abends, tritt Franz Glawatsch als Tichöll im «Dreimäderlhaus" auf. Samstag Erstaufführung der Operette „S ch w a r z w a l dm ä d e 1". L u st s p t e l t h e a t e r. D e Revue .R u u d u m d i e Niese" wird nur noch an ftinf Abenden gespielt, da das gesamte Personal mit Haust N t e s e im Buvapester Stadttheater ein Gast'piel absolvieren wich. Im Juli gastiert Hcmsi Niese in München mit der Revue Die nächste Novität des Lufrsoiel-- thealers ist die Komödie „D a s'Z i m m e r d e r T r ä u m e" von Raoul Ernst Weiß. Das neue Heim des New-Aorker jüdischen Kunsttheaters. Aus New L)vrk wird uns berichtet: Die feierliche Grundstein-' legung für Morris Schwarz' neues Kuustcheater gestaltete sich zu einer Feier des East End von New-Uork. An der Feier selbst hatten etwa fünftausend Menschen teilgenommen. Der Straßenverkehr auf der Novy Avenue, Ecke 12. Street, mußte, während der Feier eingestellt werden. Die Vertreter der Kunst,. Literatur und Wissenschaft waren gl^chfalls zur Feier erschienen und haben iu anerkennenden Worten die Bedeutung der Errichtung eines neuen jüdischen Knnfttheaters in der judonreichsteu Stadt der Melk gewürdigt. Das Dokument, das in den Grundstein versenkt wuchs. enthält hie Geschichte des Kunstrheaters, ferner die Namen der offiziellen Teilnehmer an der Feier, die Photographien der Künstler und Künstlerinnen, die währ-eud der letzten acht Jahre am Theater mitwirkten sowie der Dramaturgen, Dekorationsmaler und Kritiker. Die ersten Ziegel zun» Fundament legten die Witwe des Dichters S ch al o nc AI e j ch e m und der zionistische Führer Joses B aroudes. tj&s j/triLcht gje/hgi,n>enn. iet TvtneLtjBbaß niu> mit jeisian S ji&>£Üi&Mn>&hnten.2&töeenjüia& bti f ri^ii Ti «jfäSBu «H» BL «HL «HL «HL» HLHL «HL H» «BCBL« Jfiiasick. jt/1 JiGute jbj&L varjulg/tc/tes QjjjaJJfjät im., Acuuf usidL 2m Qjetbjvauuch. dszs JbjUUgfim zmcL cuisgiebjLgJjbz 3ngl&&i&>ZlXe2fe bavahntxds ZuuAZ&zuy&ioia» 7^jtkj^js^tzLLC^talz~jujzci zu. J8ah/t£nhaffee,i ns der jüdischen Welt ili IIMlltlWMMIMMlM llll=llll=IIIIEllllslll! IIIIWMIIIlWIMW tlllZMI 1111=1111 fi&nigHllitillIllllgllir=llll= Sie Fude» in Bulgarien einst und jetzt. Bon Dr. Eugenir Singer.*) In Bulgarin bestehen heute 33 jüdische Gemeinden, von denen die größten in Sofia (mit 15.000 Juden), Philippopel, Rustschuk, Widdin und Schnuien sind. In Sofia und Rustschuk bestehen neben beit scphardischen auch aschkenasische Gemeinden. An der Spitze aller jüdischen Gemeinden Bulgariens steht das Großrabbinat als religiöse und das Zentralkonsistorium als weltliche Behörde. Der Großrabbiner wird von den Gemeinden gewählt und durch ein königliches Dekret bestätigt; er ist gleichzeitig Vorsitzender des Beth-din-agadol, des obersten religiösen Gerichtes, dem die jüdischen Gerichte in Sofia, Rustschuk und Philippopel unterstehen. Diese Gerichte sind aus drei Rabbinern und zwei Laien mit beratender Stimme zusammengesetzt und erstrecken ihre Tätigkeit aus eherechtlichc Angelegenheiten, Glaubensfragen. usw. Die Mitglieder dieser Gerichte werden vom Zentralkonsistorium im Einverständnis mit dem Großrabbinat ernannt. Für das jüdische Erziehungswesen in Bulgarien trügt das Schnlinspektorat Sorge, das dem Zentralkonsistorium untersteht. Gegenwärtig bestehen in Bulgarien 24 jüdische Primar¬ und 7 Sekundarschulen sowie 10 Kindergärten, in denen insgesamt etwa 3200 jüdische Kinder unterrichtet werden. Die jüdischen Schulen genießen Oeffentlichkeitsrecht und werden vom Stacke, besonders aber von den Stadtgemeinden tatkräftig unterstützt. Diese Subventionen seitens des Staates und der Gemeindebehörden machen ungefähr 22 Prozent des gesamten, für den Unterhalt der jüdischen Schulen erforderlichen Budgets aus. Mit dem Erlernen der hebräischen Sprache wird bereits in den Kindergärten begonnen; an vielen jüdischen Schulen bestehen hebräische Sprachkurse. Um eine entsprechende Anzahl tüchtiger hebräischer Sprachlehrer heranznbliden, hat das Zentrallonsistorium in Philippopel spezielle zweijährige Kurse eingerichtet, Die zionistische Bewegung, in deren Zeichen heute das gesamte bulgarische Judentum steht, hat schon frühzeitig in Bulgarien Eingang gefunden. Schon im Jahre 1894 leisteten die bulgarischen Juden dem Rufe Dr. Pinskers Folge und gründeten unter dem Namen „Iischuv Erez Israel" zionistische Vereine in Philippopel, Widdin und Rustschuk. Der rührigste Agitator, der sich große Verdienste >un die Verbreitung des Chowewe-Zionismus in Bulgarien erworben hatte, war der Spaniole Josef Marko Baruch, der „Romantiker des Zionismus". Eine unmittelbare Folge dieser Bewgung war die, Gründung der Kolonie Artus in Judäa (1896), der ersten und einzigen scphardischen Ackerbaukolonie in Erez Israel. Die heute in Bulgarien bestehenden zahlreichen zionistischen Vereine sind in der „Föderation der bulgarischen Zionisten" organisiert. Für die körperliche Ertüchtigung der Jugend sorgen 20 zionistische Turnvereine, die im Verbände Makkabi zusammengefaßt sind, während der Verein Haschomer Hazair auf dem Gebiet der jüdischen Kultur und hebräischen Sprache eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet. Für die geistigen Bedürfnisse des bulgarischen Judentums sorgt die vor wenigen Jahren in Sofia gegründete Buchhandlung „Jwria", die sich die Herausgabe und Verbreitung zionistischer Literatur zum Ziel gesetzt hat. Das Organ der bulgarischen zionistischen Organisation ist die seit 17 Jahren erscheinende Zeitschrift „Haschofar". In Sofia geben die Anhänger Jabotinskys eine unabhängige Zeitschrift in bulgarischer Sprache ültter dem Namen „Evrejski glas" („Jüdische Stimme") heraus. Am Wiederaufbau von Erez Israel nehmen die bulgarischen Inden regen Anteil. Trotz der schwereil Wirtschaftskrise, unter welcher Bulgarien seit Kriegsende zu leiden hat, werden namhafte Summen für nationale Zwecke aufgebracht. Für den Kerell Kajemeth ä werden jährlich über 400.000 Leva gesammelt, für den Keren Hajessod über zwei Millionen Leva. Für den Emigrationsfonds zur Unterstützung der Auswanderung nach Erez Israel werden jährlich über 200.000 Leva aufgebracht. In den letzten drei Jahren sind etwa 1300 Juden aus Bulgarien nach Erez Israel arrsgewandert, wo die bulgarische zionistische Organisation einen eigenen Vertreter hat. Seit längerer Zeit vlcmsn die bulgarischen Zionisten die Gründling eiller bulgarisch-jüdischen Kolonie in Erez Israel. Für diesen Zweck wurde» iu der Gegend vor: Kubebe (zwischen Rischoll-le-Ziori uub Neß-Ziona) bereits 0000 Siche „Wiener Morgenzeituilg" Nr. 2610 vonl 0. Juni 1926. Dunam Boden bereitgestellt; die geplante Kolonie sollt« ans genossenschaftlicher Basis aufgebaut und mit 100 jüdischen Familien aus Bulgarien besiedelt werden. Ae Wische Frau' in Palästina. Mitteilungen der Frau Dr. Rose Welt-Straus. Aus Paris wird berichtet: Die Führerin der palä^ st r n e n s i s ch e n Vertretung auf dem gegenwärtig in Paris stattfindenden Jnternattonalen Kongreß für Fraueure ch t e, Frau Dr. Welt-Straus, hielt eine Rede über die Lage der Frauen in Palästina und führte aus: In Palästina, wo sich drei Kontinente und drei Religionen begegnen, wo Friede gepredigt wird und Wohlfahrt gedeiht, gibt es nur eines, in das alle übereinstnmnen: die Rechtlosigkeit der Frau. Die Lage änderte sich, als Jüdinnen aus dem Westen kamen, Frauen aus den freien Lärrdern Ellrvpas und Amerikas, und sich plötzlich aller Rechte, die sie in anderen Ländern genossen, beraubt sahen. Es begann der Kamps um die Befreiung. Zuerst für das Stimmrecht der Frau. Nach langem und schwerem Kampfe erhielten die jüdischen Frauen das Stimmrecht bei den Wahlen zur j üd i sche n Nationalversammlung. Jnr Jahre 1926 wurden 27 Frauen in diese Nationalversammlrrng gewühlt: 13 auf den Listen der Arbeiterorganisationen und 'anderer Gruppen und 14 auf der Liste des Palästtneustsch-Mrschen Frauenverbandes. Unser Ziel ist, für die Frau in Palästina gleiche bürgerliche Rechte, gleiche Arbeitsbedingungen, Gleichheit in der Ehe, Vormundschaftsrecht usw. zu erringen. In einem Gespräch mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphenagelltur Äußerte sich Frau Dr. Rose Welt- Straus über die Lage der jüdischen Frau in Palästina. Die Hauptidee der Palästinaregierung ist es, jeder der drei Religionsgemeinschaften im Lande, der Mischen, moslemittschon und christlichen Gemeinschaft, SeWstbesttmmung in den zivilen Rechten zu gewähren. Das Zivilrecht in Palästina umfaßt unter anderem Fragen der Ehe, der Scheidung, des Erbrechts, des Bormundschaftsrecht und des Vermögensrechts. Die jüdischen Frauen in Palästina sind in dieser Beziehung dem jüdisch-religiösen Kodex unterworfen. Die Richter sind orthodoxe Rabbiner, das Rabbinergericht bestimmt die Zivilgesetze. Die jüdische Frau in Palästina, die an allen Zweigen des geistigen und materiellen Lebens gleich den Männern beteiligt ist, kann ihrer völligen -Entrechtung nicht ruhig zusttmmen. 1919 wurde in Palästina der Verein jüdischer Frauen für Gleichberechtigung gegründet, 1920 trat der Verein der Internationalen Union für Frauenrechte bei. 1922 wurde der Verein in Palästina gesetzlich 'registriert. Er zählt mehr als 1000 Mitglieder und hat Ortsgruppen in Jerusalem, Jaffa, Liberias, Safed, Petach-Tikwah und Rechoboth. 1922 versprach die Regierung einer Fvaueuabordnung, daß die Rechte der Frau in Falkn der Erbschaft und der Vormundschaft gewahrt blekben. Das Versprechen wurde bis heute nicht erfüllt. Die Zion i st ische Organisation tat nichts für die Verbesserung der Position der Frau, und auch der WaÄ> Semm lcwierte zwischen bem Einfluß der Orthodoxen und der Liberalen. *Die jüdische Nationalverscnnmlimg hat einen Antrag zugunsten der vollen Gleichberechtigung der Frau einstimmig angenommen. In einigen Städten und Kolonien ist die Frau in der Stadtverwaltung gleichberechtigt. Wir befinden uns im Kriegszustand mit dem Mischpat Haschalom, dem jüdischen S ch i e d s g e-r i ch t, in welchem keine Frauen sitzen dürfen. Wir boykottieren dieses Gericht so lange, bis die Frau darin gleichberechtigt ist. Trotz aller Schwierigkeiten bleibet wir o p t i m i st i s ch - mit Beztrh auf den' Endersolg unseres Kampfes. Mit den L-andesrabbinevn Kook und Jakob Meir verhandeln wir wegen Festsetzung des gesetzlichen H e i r a t s a l t e r s ■ für Frauen. Die Oberrabbiner versprachen, das Frauenheiratsalter auf mindestens.16 Jahre festzusetzen; bis jetzt ist dies leider noch nicht Wirklichkeit geworden. Paul Laskar gestorben. Herr Paul Laskar, der Leiter des H a n! b u r g e r Zentralbureaus ^ür u s io a wd e* rungsau gelegen heilen des Hilfsverems der deutschen Inden im Ehrenamt und Vorstandsmitglied des lokalen Konlitees des Hilfsöereins. ist am 5. o. im Alter von 70 Jahren gestorben. Eine Staatssubvention für das lettländische jüdische Theater. Wie uns ans Riga berichtet wird, hat der lettländische Sejm nttwr Annahme des von der iliegiernna vorgelegten Budgets der Subventiottierung des jüdischen Theaters mit 30.000 Lat zngestinunt. Für jüdische Schulen wurde eine Subyentton von 10.000 Lat vewilttgt»