Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2558 (7.4.1926)
- Date
- 1926-04-07
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 6 Wien, Mittwoch Wiener MoraerrzetLuna 7. APNl ISLV Nr. Ldvd Jfldisches Künstlerkabarett II., Praterstrasse 60 (Cafe Astoria') Tel. 43*5-59 / Letten Max St >eng Zur des Herrn Donnerstag den A fl fl^M roOfSCn 8. April, abends 8 UM* Fenier Auftreten der berühmten Tanztruppe Maximoff Solo /Tanz, Gesang Gerichtssaal. Große llnierschlaguvgen an der Technik. Bor einem Schöffensenat unter Borsitz des Hofrates Kubesch hatte sich gestern der 37jährige Beamte der Technischen Hochschule Karl Eckelt wegen Verbrechens der Veruntreuung zu verantworten. Die Anklage legte ihm zur Last, daß er vom Jahre 1921 bis 1925 Unterrichtsgelder von Hörern einkassiert und nicht abgeführt habe. Als die Unredlichkeiten aufkamen, ergab eine Prüfung der Bücher, daß sich Eckelt 11.17 3 Schilling auf diese Weise angeeignet hatte. Der Angeklagte gab seine Verfehlungen zu. Er habe sich eine Käfer- und Schmetterlingsammlung angelegt und dafür große Summen ausgegeben. Allerdings müsse er zugestehen, daß er auch für seinen Lebensunterhalt einen Teil des Geldes verwendet habe. Seine Sammlungen habe er der Technischen Hochschule zur Schadensgutmachung zur Verfügung gestellt. Ter Gerichtshof verurteilte den Angeklagten zu einem Jahre schweren Kerkers. Sin Verteidiger erschießt feinen Klienten. Nach Meldungen aus Montreal hat sich im dortigen Gerichtspalaste eine erschütternde Tragödie mit kinohaftem Schlußeffekt abgespielt. Der Rechtsanwalt Jan B o u r o n hatte eben durch eine glänzende Verteidigung den Freispruch eines gewissen John Querel erzielt, der wegen Mordes an einem Landmann angeklagt war. Nach Schluß der Verhandlung begab sich der Verteidiger in das Anwaltszimmer. Dort meldete ihm der Gerichtsdiener den Besuch seines eben freigesprochenen Klienten. Der Anwalt empfing ihn, da er dachte, er wolle sich bei ihm bedanken. Wenige Minuten später fiel im Anwaltszimmer ein Schuß und die herbeieilenden Justizpersonen fanden Querel tot in seinem Blute, während der Anwalt noch den rauchenden Revolver in der Hand hielt. Bor dem Untersuchungsrichter gab der Anwalt folgende Aufklärung für seine Tat: Querel, sagte er, kam tatsächlich zu mir, um sich für meine Mühewaltung zu bedanken. Vor seinem Weggehen zog er ein Medaillon aus der Tasche und zeigte es mir. „Das ist eine Erinnerung an mein er st es Vergehen, das mir nie jemand Nachweisen konnte." Der Verteidiger erkannte auf dem Medaillon seine eigene Photographie, die 30 Jahre vorher ausgenommen worden war und stellte sofort den furchtbaren Zusammenhang. her. Vor 30 Jahren hatte Bouron das Schmuckstück seiner Verlobten geschenkt, die dann zwei Tage vor der Hochzeit auf einem einsamen Spaziergang von einem unbekannten Täter erwürgt und beraubt worden war. Als er nun den Mörder nach so langer Zeit vor sich sah. griff er zur Waffe, und sühnte das Verbrechen an seiner Braut. Volkswirt. Me weitere Sfterreichische DirkonlermShizung bevorstehenv. Um ein halbes Prozent auf 7 Prozent zu Aprilulümo. Wie wir erfahren, dürfte die Lesterreichifche Nationalbank Ende April eine weitere Ermäßigung um ein halbes Prozent auf 7 Prozent beschließen. Damit wird die Höhe der deutschen Diskontrate erreich: s>?in. Bekanntlich hat der Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank am 31. März den Diskontsatz von 8 auf 7,5 Prozent herabgesetzt, trotzdem ursprünglich eine Ermäßigung um ein ganzes Prozent geplant war. Diese geringere Ermäßigung wurde auf Bedenken der Bankenvertreter zuvückgefü-hrt. Es scheint nun, als ob ein still-s Kompromiß geschlossen worden wäre, wonach Ultimo März um ein halbes Prozent und Ultimo April um ein werteres halbes Prozent, herabgegangen werden solle. Diese Ermäßigung dürfte nun m der trächstetr Geueralratssitzung durchgeführt werden. Die Entwicklung des Bankftntus. Gestern wurde der Ausweis der Nationalbaitk pro Ultimo März versendet. Er z.'igt eine weitere günstige Entwicklung der Geldverhältnisie. Der Barschatz hat sich neuerlich gegenüber der dritten Märzwoche um 2 Millionen Schilling auf 506 Millionen Schilling erhöht. Die Kostdevisen und andere in Dollar- und Pfundwährung bestehende, nicht im Barschatz ausgewiesone Devisen Halm: ein? Vermehrung um 11 Millionen auf 58 Millionen Schilling auszuweisen, darunter befinden sich reine Kostdevisen in der Höhe von 35 Millionen Schilling. Hingegen ha: sich das Mechselporteseuille iun 70 Millionen auf 92 Millionen vermchrt. Diese Steigerung ist auf die größere Inanspruchnahme zu Quartalsende zurückzuführen. Da sich gleichzeitig auch di? Giro- Verbindlichkeiten um 58 Millionen auf 26 Millionen vermindert haben, hat der Notenumlauf eine Erhöhung um 89 Millionen auf 816 Millionen Schilling erfahren. Die österreichischen Noten sind noch immer weit über 60 Prozent gedeckt Es ist zu erwarten, daß im Lause des Monats April das Eskompteportefeuille eine Abnahme aufzuweisen haben wird. Demzufolge wird der Nationalbank der Beschluß auf Diskontermäßigung ziemlich leicht fallen. Neuerlicher Rückgang der französischen Franken und des Nach der viertägigen Unterbrechung war die Bewegung auf den internationalen Devisenplätzen im allgemeinen gering. Nur die Devisen Paris und Warschau waren stärker ausgeboten. Trotz der innerpolitischen Beruhigung war der französische Franken wieder rückgängig. Jnlandsabgaben infolge des ungünstigen Bankausweises getätigt — die Notcnzirkulation hat sich um zirka 600 Millionen Franken auf über 52 Milliarden erhöht — drückten den Kurs. Die Devise Paris senkte sich in Zürich nach stärkeren Schwankungen auf 18,025 gegen 1840 am letzten Börsentage. — Einen merklichen Abschlag erfuhr auch der Zloty. Für den Dollar wurdet: 8,30 bis 8,10 Zloty bezahlt gegen 8,10 bis 8^0 vom Vortage. Der Kursverlust des Zloty war auf allen Märkten prozentuell gleichmäßig. Die Aenderungen der übrigen Devisen waren unbcd.'ulend. Sorna de Oft S..A. (Sft Sont A.-G.) keruauü Wumünieu). E Am 20. März d. I. fand die diesjährige ordentliche Gencralversanmüung dieses Instituts unter dem Vorsitz seines Präsidenten Herrn Großgrundbesitzers Janeu Ritter v. Grigorcea statt. Aus dom Rechenschaftsbericht, den der g.schäftssührcnde Vizepräsident der Bank, Herr Generaldirektor Jakob Kindl er, erstattete, geht hervor, daß trotz der im Laude allgemein herrschenden Stagnation das Unternehmen inr letzten Jahre einen weiteren bedeutenden Aufschwung genommen hat. Die Gesamtsumme der Aktiven beträgt zirka 226,5 Millionen gegen zirka 158 Millionen Lei im Jahre 1924, davon an prompt verfügbaren Mitteln zirka 88 Millionen gegen 57,5 Millionen Lei im Vorjahre. Die Spareinlagen auf Büchel sind von zirka 45,5 Millionen auf zirka 81,5 Millionen Lei gestiegen und jene im Kontokorrent von zirka 66,5 Millionen auf zirka 94 Millionen Lei, das G e s a m t r e v i r e m e n t von zirka 14,5 Milliarden auf zirka 22 Milliarden Lei. Aus dem Reingewinn, der zirka 9,5 Millionen Set beträgt, wurde die Auszahlung einer 18prozentigen Dividende, weiter die Erhöhung des Reserve fonds um weitere zirka 3 Millionen auf zirka 13 Millionen Lei, was Wer 62 Prozent des Aktienkapitals ausmachl, die Erhöhung des Pensionsfonds auf über 3 Millionen Lei und die Erhöhung des „Generaldirektor- Jakob-K'indler-Jubiläumshil-sssonds" ans über 1,2 Millionen Lei beschlossen. Dank den: reichverzweigten Filialnetz der Bank, welch? in der ehemaligen Bukowina und den angrenzenden Gebieten 16 Zweigniodrlassungen, u. zw. in Canrpulung, Ciudei, Cotmam, Girahomorului, Mihaileni, Pntila, Radauti, Seletin, Sirete, Solca, Storojineti, Succava, Vascauti, Vijnita, Zastwna, Bankkommanditgesellschaft Jakob Schieber u. Co., Votra-Dovnei besitzt sowie der der Zentrale und den wichtigeren Zweigniederlassungen eingeräumten D e v i s e n b e w i l l i g u n g e n hat insbesondere das Auslands- und Inkassogeschäft der Bank einen beträchtlichen Aufschwung genommen. Drohende Verteuerung der Zeitungen und Reklame durch den Holzzoll. Da die neue Zollvorlage der Regierung eine Verteuerung des Holzes, gewisser Dpezialpapiere und Buntfavben durch Zölle vorsieht, so werden in der weiteren Folge auch die Nachprodukte, wie Zeiiungspapier usw., verteuert werde», was naturgemäß eine Erhöhung der Preise des Zeitungspapiers, der Bücher, Reklamedruck? usw., zur Folge haben wird. Die vereinigten holzverarbeitenden Branchen yaben sich zur Abwehr des Holizzolles zusammengeschlossen und beabsichtigen nun, einen Ausruf'an die Intellektuellen sowie an die geistigen Arbeiter ganz Oesterreichs zu richten und dies: aufzufordern, sie in ihrem Kampfe gegen die Verteuerung des Handwerkzeuges der geistig föjfinftfrntarf in ifttferFtükßtt. Winter. m Novelle von I. Z. Unojchi. (Aus dem Jüdischen von P. Haller.) Was ging dann in ihren Augen vor? Nur in den Augen einer Frau kann in einem Augenblick so vieles geboren werden und so vieles sterben. Gebowen werden und sterben. Und ihre Augen bekamen wieder den gewöhnlichen Ausdruck. Aber ruhig und kalt waren sie. Sie sagte in ruhigem Ton: ,Herr Krön, Sie sprechen Dummheiten." Und das liÄe, flinke, schamhafte Kind wuchs vor meinen Augen zur stolzen, geruhsamen, klugen, energischen Dame empor. Ihr Haar, das immer glatt anliegt, verlor ,seine gewöhnliche Form. Es zerfloß breit, energisch auf Haupt und Hals. Ich war verwirrt. Noch einmal streckte ich meine Hand vor. Noch einmal Abschied nehmen oder Frieden schließen? Sie sagte ruhig: ,-Wir hüben uns schon verabschiedet." Ruhig und stolz stand sie, bis ich . durch die Tür verschwand. Ich ging in der Gaffe umher. Einige Male um das Haus Burstins herum. Aus dem Zirmner drang in die stille, weiße Winternacht die leise Melodie in Wehmut, Tränen und Gedanken verwoben. * Ich arbeite jetzt nur noch sehr wenig. Burstin besuche ich, aoer nicht jeden Abend. Ich glaube, Burstin nimmt mich freundlicher auf als Sara. Mira geht mit mir so um, wie wenn zwischen mir und ihr nichts vorge>kommen wäre. Sie ist wieder so einfach, bescheiden, kindlich-jung gekleidet. Arn Zopfende die rote Veidemnasche. Sie ist biegsam, flink, verschämt. Aber ntanchmal ist sie sehr erregt, stürmisch. Das Gesicht mit dem Ausdruck heller Begeisterung. Beim Abschied schenkt sie mir einen kräftigen Handdruck. Einmal, als ich mich empfahl, sagte sie: ,/Ich wollte heute zu Ihnen kommen." Ich dankte ihr. Bat sie, zu kommen. Drückte ihr fest die Hand. Unsere Augen begegneten einander. Ich habe, glaube ich, in ihnen etwas Neues gesehen: Sehnsucht. Nach wem? ... Zu Eva komme ich ch. Ich wetze dort regelmäßig Menasche und Beste an. Menasche sitzt und hat ein Buch vor. Bejle spricht oft über ihre geplante Reise ins Ausland, um dort zu studieren, und blickt oft auf Menasche. Goa schiveigt. Sie ist ein wenig erregt und sicht mich an. Ihre Augen sind so gütig. Ich sehe sie dann an, und es will mir scheinen, daß ein kleines Kind da sein sollte, um in ihrem mütterlichen Schoß zu spielen. Ich denke mich, dort sitzend, oft in dies hinein: es ist niemand iin Zimmer, nur Eoa ttnd' ihr Kind. Ein kleines, dickes, schönes Kind. Das Kind spielt und tollt im Zimmer umher. Eoa trägt ein leichtes, tveites .HanÄleidchen. Ihr blondes .Haar wellt sich in wirren Hausen über dem vollen Nacken. Die weißen, kleinen, üppigen -Hände sind nach vorne gebreitet. Sie ist hinter dem Kinde her, spielt mit ihm und lacht und lacht. — Welch liebe, gute Matter! ,^Kron, woran denken Sie so angestrengt?" fragt Eva. „An nichts. Nur so." Eva glaubt mir. Goa glaubt alles und jooern, was man ihr auch erzählen mag. Einmal verrenkte ich mir, ins Zimmer tretend, den Fuß. Drinnen hinkte ich ein klein wenig. Eva fragte unruhig: ,Mrs ist mit Ihnen? Warum hinten Sie?" Menasche erlaubte sich einen Spaß: „Wissen Sie das nicht, Eoa? Krön hinkt ja immer. Haben Sie es noch nicht bemerkt?" Ich schwieg. Mitleid zeigte sich aus ihre»n Gesicht. Die sagte erlist: „Wenn ich es nicht jetzt gesehen hätte, ich hätte es nicht gewußt." Menasche und Beste lachten. Eoa aber blieb ernst. Sie glaubte es. Als ich wegging, stagte sie so exnst: ,Fron, haben Sie mich ausgelacht?" „Nein. Ich habe mich bei der Tür an den Fuß gestoßen." Nach Hause komnie ich früh am Abend. Ich sitze mit Chan« und spreche. Chana ist oft sehr zum Sprechen aufgelegt. Wir sprechen bis in die späte Nacht. Nachts schlaft ich nicht. Der weiße Baum beim Fenster läßt mich nicht schlafen. Die ganze Nacht schlaft ich nicht. Beim Fenster steht eine weiße Prinzessin. In weiße Seide ist sie gekleidet. Sie ruft: Kwu» Krön, mein Leib ist weiß, meine Seele ist weist. Meine Fllgend macht mich weiß. Für dich ihabe ich weiße Seide angelegt. Komm zu nur. Ich sehne mich «nach dir. Ich sehne mich nach dir. Krön, Krön, Krön! * Tag. Ich habe mein Haus verlassen. Feierlich beleuchtet die Sonne die reine, weiße Welt. Alis der Gasse eMickte ich von weitem Mira. Mich verdroß es: Warum habe ich jetzt mein Zimmer verlassen? Sie geht gewiß zu. mir. Miras schwarzes kleines Köpfchen ist mit einem kleinen, weißen, runden Winterhütchen bedeckt. Ein lveißer, leichter Samtmantel umhüllte den biegsamen, jungen Leib. Der schwarze Zopf sticht scharf vom weiße» Mantel ab. Ihre Augen sind weit geöffnet. Wir gingen auseinander zu. Wir tauschen Grüße -und gehen in die Richtung Der Gasse. Wir verlassen das Städtchen. Wir sind aus dem Felde. Gottes Welt ist weiß gekleidet. Wie um eine Braut zur Hochzeit zu führen. Hinter dir, dir gegenüber, um dich herum ist alles weiß, weist, weiß. Und die Sonne, die feierliche, streut mit goldenem Lächeln über die weiße Welt goldene Sterne. In der Mitte des weißen Feldes, von golbengsitzenden Sterinen übevsät, steht ein Baum. Seine langen, dürren, gekrümmten Zweige sind tveiß überzogen und ragten mit Leidenschaft empor in den weiß erzitternden Aether. Sie sind nach oben gereckt, wie mit sich irgendwem stolz als Geschenk anzubieten. Dort zur Seite gibt es einen ganzen Wald. Eine weiße Ruhe umgibt ihn. Neben altert, stummen, stolzen Bäumen stelhen junge, wie die Leidenschaft dürre, sich neigende Bäumchen. Und alle und alles umgibt ein tveißer Feiertag. Jeder Baum, jeder Zweit Hai ein weißes Kleid. W ist ein weißer Feiertagzu Ehren eines weißen Gottes. Wir blieben mitten im Walde stehen. Verwundert starrten wir ihn an. Wie? WÄlten wer Den weißen Feiertag mitfeiern? Mira sagte lerft: ,Zum erstenmal bin ich im Winter mitten in ehren* Walde." „Auch ich." Leise erzählt uns der Wald: Heute habe ich weißen Feiertag. Ein weißer Gott ist gekommen. Ein geheimnisvoller Gott. Groß ist sein Bereich Kalt ist er, weiß und groß. Gr hat uns weiß angetan. Ms ist so gut, so Mt. (Fortsetzung folgt.) 3102