Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 8 (1926)
- Issue
- Heft 2472 (10.1.1926)
- Date
- 1926-01-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ggiat, «aiwuag _ gndilSam ein« zionistischen Skgnner. 30 Jahre „Jüdische Rundschau". Die „Jüdische Rundschau" trat mit ihrer Ausgabe Jom B. d. in das v i o r t e Jahrzehnt ihres B e st a n d e s. Aus kleinen Anfängen hat sich dieses jetzt zweimal wöchemllch erscheinende Blatt der deutschen Zionisten - zu einem der wertvollsten, gediegensten publizistischen Organe des Judentums ent- , wickelt. Bon Heinrich Löwe gegründet und zunächst 'geleitet, stand die „Jüdische Rundschau" vor dem Weltkriege noch im Schatten des von Theodor Herzl ins Leben gerufenen zionistischen Zentralorgans „Die Welt", das zu Beginn des Weltkrieges eingestellt wurde. Damals iibernahm die „Jüdische Rundschatt", da sie am Sitze des Zionistischen Aktionskomitees erschien, die ganze Verantwortung für die publizistische Vertretung, der zionistischen Bewegung in schwerster Zeit, wuchs von Jahr ztl Jahr und hat ilach der Mandatszuteiliuig und Verlegung der Exekutive nach Londotl, beziehungsweise Jerusalem ihre Bedeutung als ein führendes zionistisches Organ über das dsutschlesende Publikum hinaus bewahrt. Gegenwärtig wird die „Jüdische Rundschau" von Doktor Robert' W e l t s ch geleitet, welcher dem Rodaktionsstabe der „Wiener Morgenzeirung" angehörte. Gerade jetzt, wo die Assimr- Kition, wie anderswo airch in Deutschland sich zur Bekämpfung der zionistischen Bestrebungen wieder vereinigt, steht die „Jüdische Rundschau" aus einem vorgeschobenen Posten und verrichtet eben- ■ so unermüdlich ihre- Aufklärungsarbeit über zionistische Probleme, wie sie sich innerhalb Deutschlands den assimilatorischen Borstößen gewachsen zeigt. Wir beglückwünschen -das Berliner zionistische Organ aus das herzlichste zu seinem Jubiläum. Kemmererr Knqnete Wer die Lage der Wische« Kausmannscha!! i« Pole». (Eigendienst der „Wiener Morgen-Zeitung") Warschau, 9. Jänner. Zu der -von uns «bereits gemeldeten Unterredung des amerikanischen Finanzisckch- -verständigcn Prof. Äuuiit c-r n mit dem jüdischen 'Abgeordneten Wisl icki tvird noch berichtet: Professor!K e m m e rer informierte sich besonders -über die Art der -Besteuerung der stä-dtischen und ländlichen Bevölkerung sowie über die Kreditverteilung der polnischen Staatsbank. Abg. Wislicki ga-b ihm Aufklärungen über die nicht pvoportionellc Besteuerung -«er Städte, somit der jüdischen Bevölkerung, sowie über die Tatsache, daß -die . Staatsbank den Juden bisher kaum ein Prozent von den erteilten Krediten zukommen ließ.. Die jüdische Kaufmannschaft ist daher gezwungen, private. Darlehen gegen monatliche Zinsen von 5 Prozent aufzunehmen. Hierauf entwickelte Abg. Wislicki die wichtigsten Voraussetzungen für eine Stabilisierung der Valuta und Behebung der Wirtschaftskrise. Prof. Kemmerer nahm die Irr for-matipnen 'entgegen und erklärte, daß erst nach -der Sta«bilisrcrung der wirtschaftlichen V e r h ä l t n r s s e das amerikanische Kapital Vertrauen zu Polen gewinnen könnte. Er habe vor seiner Abreise aus Amerika mit'dem jüdischen Bankier Marburg verhandelt. Er kenne die Verhäl-t« nifse unter den Judenin Amerika und wisse i h r e B edeutung im Wirtschaftsleben Amerikas zu schätzen. -Bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage Polens habe er besonderen Wert darauf gelegt, auch mit Vertretern der jüdischen Kaufinannschaft zusammenzukommen, um auch ihren Standpunkt zu den aktuellen Fragen des polnischen Wirtschasts- -und Finän-zle-ben-s kennen zu -lernerr. - - Llschanrki schreibt Memoire«. Berlin, 9. Jänner. Das „8-Mhr-Abendblatt" kündigt die Veröffentlichung von Ol schau s.k i s Me m o i r e n an, die unter -dem Titel ,-Wie beabsichtigte ich ein Attentat auf.den polnischen. Staatspräsidenten" erscheinen werden. RLWemsang Püsndrkir? Warschau, 9. Jänner. (Poln.' Tell-Ag..) Der sozialdemokratische Minister M o r a c z« w s k i hat in der Sitzung dos Mnistlerrates einen Antrag eingobracht, den M är s ch a l l P i I s n dski wieder in den a k t i v e n Heeresdienlst zu -berufen und ihm die gegenwärtig freie Stelle des^ Ehesä des polnischen Ge.nera-lstah.es }\t übertragen. Nach längerer, ziemlich bewegter Debatte, faßte der Millisterrat einen Kom promiß'besch ln ß/ wonach der Antrag Moraczewskls in der morgigen Sitzung des politischen Kpluitees des Ministerrates weite rberalelr werden soll. - ' ' Komps gegen die Auflösnng der Wische« Volirgemelnven in Litauen. . .(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitlmg") Kowno, 8. Jänner. Wie bereits gemeldet,. hat die Litauische' Regierung über Veranlassung. agudistischer Kreise' eine Neuordnung des jüdischen Gemeindewesens auf der Grundlage religiöser Kultusgemeinden getroffen. Diese Regelung, 'die nichts anderes als die Aufhebung des nationalen Charakters der bisherigen Volksgemeinden bezweckt, hat in der hiesiger! jüdischen Oesfentlichkeit große Unzufriedenheit hervorgeruseu. Zwecks Stellungnahme haben die Führer der hiesigerl jüdischen politischen Parteien sowie zahlreiche Vertreter von Einzelgemeiuden eine Beratung abgehalten, au der auch der gesamte jüdische Sejmlüib teilrtahm und in der der Beschluß gefaßt wurde, in Litauen e-ne -zen- _ Wiener Morgenzettuns_ trale jüdische Organisal'wn zu schaffen. In die Kornpetenz dieser Organisätion fallen sämtliche Angelegenheiten des jüdschen Schulwesens, sozial wirtschaftlicher Anstalten sowie sonstiger Jürsorgetätigkeit, Kultusangelegenhelt-m werden aus dem Tätigkeitsgebiet dieser Organisation> ausgeschaltct; ferner, wurde beschlossen, die bestehenden Gemeinden aufzufordern, keine Liquidation vorzunehmelr, sondern ihre Abteilungen, die sich mit Kultusangelegenheiten' nicht beschäftigten, der neuen Organisation zu übergeben^ Der Sejmklub hat bereits die Statuiert der neu. zu schaffenden jüdischen Organisation eingereicht. Ebettso wurde die Regierung aufgefordert, das mobile unb immobile Vermögen der jüdischen Gemeinden der neu zu gründenden Organisation zu übergeben. In der Versammlung wurde eine scharfe Protestresolution gegen die Agudah gefaßt, deren Quertreibereien es zu verdanken ist, daß der weltliche nationale Charakter ausgehoben und die Gemeinden in ausschließliche „K-ultusgemeindeu" umgewandelt wurden. In diesem Akt erblickt die jüdische; Oesfentlichkeit einen V e rrat der Agudah an den.Interessen des jüdischen Volkes sowie seiner nationalen Autonomie. Interessant ist noch, daß.der „Verband jüdischer Landwirte" den Beschluß gefaßt Hat, die religiösen Gemeinden, die nur infolge des unverantwortlichen Intrigenspiels der Agudah entstanden sind, zu boykottieren, da diese Gemeinden weder das moralische noch faktische Recht besitzen, die Interessen der jüdischen Religion zu vertreten. _ Wahlvorbereitungen der litauischen Antisemiten. Kowuo, 9. Jänner. Die Regierungsparteien haben bereits eine rege Versanunliungslätigken für die Wahlkampagne eingeleite!. -In zahlreichen Broschüren versuchen ' die - Regierungsparteien die Bevölkerung gegen die nationalen Mlnderh.Ren, insbesondere -aber /die Juden, aufzuhetzen. Litauen ntüsse ein nationaler Staat werden. Je mehr die nationalen Minderheiten bekämpft, werden,. dcsto eher wird eine Stärkung des litauischen Staates cüfolgrn. Die Wählerschaft wird ausgcsordert, bei der nächsten Wahl sich einzig -und allein von nationalen; Gesichtspunkten leiten zu lassen. Ern jüdisches Ta-gblntt der R-esrernngskoalttron. Kowno, 9. Jänner. . Die rechte Negierungskoa-lition im . litauischen Sejm hat beschlossen, eine jüdische Tages- . zeitung herausgegeben, die während der bevorstehenden Parlaments-Wahlen für die Regürungspolitik eintreten soll. Wie in gut -unterrichteten Kreisen verlautet, soll diese . Anregung .hiezu von A g u b i st en ausgegangen, sein.' Ae neue lettische Regiernng und die . MindeÄHe«. (.Eigendi-enst der „Wiener-.Morgenzeitung".) . Riga, 9. Jänner. Das vor einigen Tagen gewählte Kabinett hat durch seinen Unterrichtsminister Seemel Vertretern der Presse gegenüber . .erklären lassen, -daß es sich.in allen- M i n d -e r h e. i t e n f r a g e n streng au die Vorschriften des Gesetzes über das Schulwesen, der . Minderheiten sowie die sonstigen Verordnungen, der früheren Regierungen, die Minderheitsangelegenheiten regeln, halten werde. -In der allernächsten Zeit wird die Regierung -ein Projekt des neuen a l lg -e m e i n-e n,S-ch ul g e s e tz e s vorlegen, in dem auch eine endgültige Regelung des. Schulwesens der - nationalen Minderheiten -erfolgen -wird.' ki«e britische Reichskonferenz. London, 8. Jänner. (Wolfs.) Die Blätter, bestätigen, daß im Herbst eine b r i t i s ch e R e i ch s k o n s e r e n z . stattfinden werde. „Daily News" nennt die Konferenz ein Locarno des Reiches und meldet,-' daß bishernoch kein Zeit-' punlkt für die Konferenzfestgesetzt worden sei. Es verlautet, daß.ein Beschluß hierüber werde gefaßt werden, sobald eine Mitteilung aus Kanada eingetroffen ist. Die übrigerr Teilnehmer an der Konferenz hätten bereits zugestimmt. .- Ar Mba« der Paßvisa. Berlin, 9. Jänner. (Wolfs.) Zwischen der de u t sch e n «und. «der schweizeris ch e n Regierung, bezi-chungswelse. . dem Wrstentum Liechtenstein, ist die gegenseitige A y sh e b u n g des S i ch t v e r m e r k z w a n g -e s mit Wirkung vom 20. d. vereinbart worden. Bon diesem Zeitpunkt an genügt für das Betreten des Reichsgebietes, >beziehungÄveise der «Schweiz durch Staatsangehörige des anderen, Landes ein Heimat paß -ohne Sichtvermerk. '«nfveünng einer Fememörder. - Berlin, 9. Jänner. Das „Acht-Uhr-Mendblatt" meldet, daß^ vor kurzer Zeit der Berliner Polizei ein neuer Fememord bekannt geworden sei, an dessen Auftlärung die Polizei arbeite. Es handle sich um einen Unteroffizier namens S ch ö b s, der Ende November 1923 aus Ser Straße von Döberitz nach dem. Bahnhof'Finkenkrug erschoss e n wurde. Damit ist die Zahl der bisher bekannten Opfer der Femekamarill-a des Jahres 1923 auf 27 gestiegen. Auch diese Zahl wird wahrscheinlich bald überschritten sein, da die Polizei in G l og a u, S o l d i n und K l ü tz ebenfalls u a ch ü ergrab eite« Leichen s n ch t, bereu Gräber nach den Allssagen der bisher inhaftierten Fememörder wenigstens annähernd bekannt sind. 10. Jänner 1926 Teile 8 WWWMM>SNW>M8»rMRWW>0MWM>W>U>MWM>>>>>M>W>WW>WW CITftlA SA" SOCICTÄ ITAL1ANA Ol »O NnUll SEBVIZI MA^ITTIMI Mntelmeer-Uer|flii$un$sf ährten mit dem Deppelschrauben-Luxusdampffcr „NEPTUNIA“ 1S.OCO Tonnen, 400 Plätze I. Klasse '!■ Reisei 21. Jänner bis 13. Februar: Genua - Mona co-Batcelona - Malaga - Algier* Aegypten-Neapel-Genua 11. Reise 17. Februar bis 12. März: Genua-Neapel-Athen-Konstantmope!» Palästlna-Acgypten-Genua III. Reise- 18. März bis 9. April: Genua-Monaco-Barcelona-Maiaga-Algier* Aegy p t en- Mal ta-G en ua Auskilnfto urd Prospekte durch diu GeneraDayentur: N.Q.I., Wien, IV. Wiednergiirftel 10 Teltphou Nr. 58 4-87 Tel.-Ad,.: Austr tali Sladtbüro: I», Kärntnerring 6, sowie durch niie Relseb iros iitt Pan-Kmopa-Kongretz in Wie«. Am Oktober:. Wie wir erfahren, wurde in der ersten Sitzung des kürzlich gegründeten amerikanischen HNsskomi« tees der Pan-Europa -Union in New-Aovk, über die wir vorgestern berichtet haben, beschlossen, einen Pan-Europa-Kongretz einzuberufen. Dieser findet im O ktober in Wien statt. Coudenhouve-Kalergi ist von Amerika bereits abgereist; er wird am 20. Jänner im Carnegie- I n st i t u t in Paris über Pan-Europa sprechen. Nie Woche. Den stärksten Mord in dieser geräuschvollen Woche'dev . Sensationen haben die Falschmünzer von Halbasien angeschlagen. Bis jetzt hat mau meistens private Monde für öffentliche vorgeschoben und so die relative Wahrheit versaischl und die absolute teilweise gerettet. Denn bei näherer Betrachmng schmelzen sowohl in der fernen Geschichte als-auch in der zeitgenössischen Gegenwart allzu oft pathe:isch-aufgeblasme Gründe' des öffentlichen Wohles, des Stadt-, Landes-, Staats¬ und Men-schheitshells in ganz primitive, mehr oder weniger verborgene und 'bewußte Motive persönlicher, allzummsch- IlchAt-GÄWr: Denn außer dem Eherchez la femme sind Habgier und Rachgier, Eitelkeit und Perversität Ursachen größter Partei-, Staats- und Weltaffären'.' Und hier beginnt endet vielleicht die' Berechtigung' und Bedeutung der Psychoanalyse. Sie sucht an Stelle komplizierter, nie mit voller Sicherheit bestinnübarer Motive menschlichen Handelns die einfachsten Grundtriebe auf, um ihnen die Rolle des bewegenden Welt- und Menschheitsmotives zu verleihen, Die rassenreinen Magyaren haben sich ihr Rezept' gebildet: 'Habgier und Geldsucht passen nicht zu 'ihren traduions- und tugendreichen Stammestaseln; mit der gefräßigen, Nimmersatten Hydra, der sogenannten.,Jaterlandsliebe", glauben sie eine würdigere Firma für ihr Geldgeschäft gefunden zu haben. Doch sie haben sich diesmal, verrechnet. Wenn es auch wahr ist, daß die von ihnen mit so „energischen, gefahrvollen, lautern" Mitteln angestrebte -Monarchie ihre Taschen gefüllt und ihre Spiel- und Kokottenschulden mit Schmiergeldern - ausgeglichen hätte, so ist doch der Patriotismus, auch ' wenn mau sonst begründete Aussicht hat,- sich au ihm zu bereichern, ein Gefühl auf zu lange Sicht, u:n zureichende Erklärung -solcher Verbrechen zu fein'. Nein, den adeligen Herren kann man nun einmal ihren Acassen- oder besser Bandenparlotismus nicht glattben; vom' Prinzen bis zum Kammerdiener und Diurnisten, alle wollen sie ein von Kaffcrtrene geschwelltes Herz int gierigen Busen haben; sie . haben aber v-'el eher einfache Prozentrechnüngell int Gehirn . und 40 Prozent von 25.000 Tanseudsrankeno-.en, wenn auch auf eine große Räuberbande nach Stand und Leistung ver- . teilt, sind ein würdigeres Ideal . , . Herr General Pangalos, Diktator von einer eigenntächtigen Deklaration Gnaden, sägte in einem seiner Aufrufe an das liebe, verachtete Volk von Griechenland, das einer starken Faust bedarf, um brav zu bleiben: Ich stütze mich nur auf die Bajonetw . . . Gefährliche, schmerzvolle Stütze, das! Die Idee, die Freiheit, die Gerechtigkeit sind noch nie an. Bajonetten.gescheitert; sie sind wohl an ihnell augenblicklich zuschanden geworden. aber ihre Rache ist vielleicht die grausantste . . . Denn sie ist die sicherste, dauerhafteste und ihr Werkzeug: die Geschichte. Selbstnlord und Ehe sind in letzter Zeit so manche selbstmörderische Ehe eingegangen. Die Statistik, die zwar gerade hier am allerwenigsten angebrachr ist, berichtet, daß die nleisten Selbstmorde des letzten Jahres auf Familienzw.stigkeiteu zurückzuführeu sind — und jede faule Familie bedeutet irgendlvü eilte faule Ehe —; bann hat sich diese Woche ein Urgroßvater scheiden lassen (die al:e Dame fand es aber unter ihrer Würde, geschieden zu sein; die Würde ist immer das Ballkleid der leicht Hoffnungslosen, Verbitterten; die Berzweifelten kennen keinen Fasching, nur bcu des grinsenden Hohnes unb der tanzenden Nerven) unb schließlich hat der be-