Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2438 (5.12.1925)
- Date
- 1925-12-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien. Samdtaa Wien. Samdtaa GODAU Stt bSnif^c Samctitöit^ bie 2Roöc ött ÄuimnstiiBi! mmmmmmmm 1° alten be seren Ge cbäften crUlllUlch1 Äuriola im Steiger-Prozeß. 3n der Atempause vor Prozeßschluß. H. Lemberg, 4. Dezember. Knapp vor Schluß des Steiger-Prozesses, der nun schon die achte Woche währt, wurte tvieder eine Pause eingeschBen, damit begründet, daß das Gericht über die gestern einge-rachlen Anträge beraten und daß der Zeuge Dr. Kohn aus Rowno, dessen Borladung das Tribunal über Antrag des Verteidigers Dr. Ringel beschlossen hat, nach Lemberg berufen werden muß,!wo er Samstag eine Aussage abgeben soll, der die Verteidigung fahr große Bedeutung beimißt. Eine geschickte Regie hat vor die Coda des Prozesses eine Generalpause eingelegt, durch die die fieberhafte Spannung, m der Lemberg seit mehr als vier Wochen atmet und die sich gemäß der weit über den LÄalfall hinausveichenden Bedeutung des Steiger-Prozesses der großen Oeffentlichkeit in der ganzen Welt mitgeterlt hat, noch gesteigert wird. Nur einer ist bei dem ganzen wahrhaftig nicht wenig aufrcgenten Verfahren rrchig und gemessen: Steiger; nicht lange nach Beginn des, Prozesses hat einmal der Staatsanwalt dem Angeklagten in nicht gerade sympathisch wohlwollender Weise zu verstehen gegeben, daß es nicht mn seinen Kops gehe; das wäre entschieden kein Anlaß für Steiger, ruhig zu sein, denn es geht in diesem Prozesse um mehr als ein physisches Leben, es geht um ein ethisches Problem: Darf ein Mensch, der eines Verbrechens, beschuldigt ist, für das keinerlei zureichender Beweis erbracht wurde, verurteilt werden, weil Räson dreier oder jener Art es verlangt? Diese Frage wird der Spruch des Gerichtshofes zu beantworten und zu verantworten haben, wenn in wenigen Tagen das Arteil der Geschworenen verkündet und begründet wird. Und es ist zu fürchten, daß diese Frage, eine menschliche Ge.wi sjensfrage, noch gestellt werden wird, tvenn der Spruch des Gerichtes bereits verlautbart ist; denn das Gewissen der Menschheit ist wachsamer denn das Gewissen eines Dutzends von Menschen. Steiger ist ruhig; er ist des Spruchs der obersten Instanz sicher, die Menschheitsgewissen heißt. Mer vor einigen Tagen mußte ihn der Vorsitzende mahnen, den Ernst der Situation zu wahren. Das ist bezeichnend. Denn es ist auch für den unbefangenen Beobachter schwer, immer ernst zu bleiben, da es Wohl selten einen Prozeß gegeben hat, der so reich an prozessualen Kuriositäten Ware wie dieser. Zwei Zeuginnen kommen unter Anklage der falschen Zeugenaussage, da sie angeben, ihre in der Voruntersuchung Protokollierten Mssagen seien falsch, unter dem geradezu physischen Druck der die Untersuchung führenden Personen entstanden; ivenige Tage später aber, wird ein Funktionär der Lemberger Kriminalpolizei von einem als Zeugen aussagenden hohen Beamten der politischen Polizei um wahr er Angaben überführt, die dieser Zeuge unter Diensteid sestsiellt; und was geschieht? Der so schwer belastete Lernberger Polizeifunktionär darf ungestraft gegen den Mnn, Lessen Aussage ihn kompromittiert, öffentlich im Gerichtssaal die Behauptung erheben, jener sei betrunken getwesen. Was gescheht weiter? Eine Konftontation wird angöstellt, die so aussieht, als sei sie nur zu dem Zwecke erfolgt, um durch einen zweiten Zeugen festzu stellen, der unbequem unsolidarische Beamte der politischen Polizei sei betrunken. gewesen. Kein Wunder, daß der Vorsitzende den Angeklagten Steiger, der um sein Recht mrd Um seine Unschuld kämpft, der dreizehn Monate unsäglichen Leidens ausgestanden hat, in denen ihm das Lachen wohl vergangen sein mag, ermahnen muß, den Ernst der Situation zu lvahren. Fünf Wochen nach dem Attentat von Lemberg hat ein Ukrainer vor einem deutschen Gericht einbekanni, daß er am 5. September 1924 das Attentat von Lemberg verübt habe. Sera Geständnis wurde durch einen Konfidenten der Lemberger Polizeibehörde bekannt. Was geschieht? Es wird sestgestellt, daß dieser Ukrainer — es ist Teofil Olschanski — zur kritischen Zeit in Lemberg nicht gemeldet war. Zm Prozeß Sieiger wird dieses Geständnis, das inzwischen durch eine Interpellation im preußischen Landtag in der ganzen Welt bekannt worden war und größtes Aufsehen erregt hatte, von Steigers Verteidigung zur Erörterung gestellt; es werden Abschriften der Protokolle dieses Geständnisses eingefordert und das Gericht hat Gelegenheit, die Angaben, die Olschanski gemacht hat und deren Ueberprüfung von der Nntersuchungsbehörde in geradezu frivoler Weise verabsäumt worden war, überprüfen zu lassen. Was geschieht? Gericht erklärt baS Geständnis des OlfchmM, bei(<m Prüfung einwandfrei ergeben kann» ob Steiger überhaupt mit dem Attentat von Lemberg etwas zu tun haben, konnte, für gegenstandslos. Olschanski ergänzt sein Geständnis durch detaillierte Mitteilungen, es gibt fiir das Gericht erreichbare Photographien, Mener Morgenzeitung 6. Dezember 1925 Nr. SW •m TALMUD BABLI Hebrllj he DUnndrucka sgaoe > e4 vollständigen babylonischen Talmuds m|t al en Kommentare und E ISutei unten (Rase fd / Tosetoth / Ratnbam und v. a") 4 Bind* Deutlicher Drvckj Vornehme Amttntinng £ 700,~~ MIDRASCH RABA 1 Band und MIDRASCH TANCHUMA l Baad Hebräische Lfinndruckausgabc freie /Ar btidc Bände inrammen S 33.— SCHISCHA S1DRE M1SCHNA im pelnisch Rabbenu Obadja mi Bertona w3lm ikar tosefoth )om lob Hebrileche DBnndrackausgebc S 12.~~ Budihondlang R. L6wit, Wien, I. FicUdiinarld 1, 4. Stock d« er am Tage des Attentats in Lemberg hat aufnehmen lassen und cs wäre leicht, bei den Lemberger Photographen zu eruieren, ob und rvann diese Aufnahmen erfolgt sind; es wäre leicht, durch verschiedene Zeugen auf Gruyd der Vorlage von Photographien ft Mellen zu lassen, ob Olschanski mit dem von ihnen beobachteten Attentäter identisch ist. Was geschieht? Der Gerichtshof befaßt sich mit einem, dem Staatsanwalt vorgelegten Protokoll eines Ukrainers, der angeblich behauptet haben soll, auch er hätte das Attentat von Lemberg verübt. Und es wäre kein Wunder, wenn der Vorsitzende den Angeklagten Steiger, obwohl der schon das Lachen verlernt haben mag, noch einmal ermahnen rrnißte, den Ernst der Situation zu wahren. So geht der Steiger-Proi^ß seinem Ende entgegen, fckche sonderbare Vorfälle der Prozeßführung begleiten den Weg zum Ziele eines Gerichtsverfahrens, das nach den allgemeinen Grundsätzen des Rechtes, das die Menschheit sich selbst gesetzt hat, die Auffindung der Wahrheit ist. Die Enthüllung der Wahrheit durch Verhüllung der Tatsachen ... Ist es zu verwundern, daß der Angeklagte Steiger, ermahnt werden muß, den Ernst der Situation zu wahren? ■ der Massevmördkr Norme««. Die Menschenfalle am Drnestr. Aus Bukarest berichtet I. T. A.: Das Verhör mit den zusammen mit Morarescu angeklagten Soldaten tvurde fortgesetzt. Der Soldat Ba st i ng gab an, Morarescu habe ihn mit dem Tode bedroht, als er sich nxigerte, zwei weinende Flüchtlinge zu erschießen. Er mußte sich fügen. Da einer der Flüchtlinge nur verletzt war, warf er ihn auf Befehl Morarescus ins Wafler. Der Soldat Raduleseu erzählt, auf Befehl Morarescus feien zahlreiche Flüchtlinge erschossen worden, ohne daß «ne vorherige Aufforderung zum Stehenbleiben ergangen worden ist. Die'Flüchtlinge waren ge wohnlich Juden. Sodann wurden die weiteren Zeugen eindrrnommen: Der Postbeamte von Zauceni, Rubriceanu, erzählt, er wisse, daß ein einziger Soldat an einem Tage acht Juden niedergemacht habe. Erschütternd waren die Aussagen der beiden Kahnführer von Boronca, F i s c o t a und M i h a i, die erzählten, die Flüchtlinge seien in Kähnen, die Morarescu beistellte, herübergobracht worden. Soldaten Morarescus haben die Flüchtlinge über die Grenze gebracht. Morarescu habe also direkt die Flüchtlinge über die Grenze gelockt, um sie zu ermorden und zu berauben. Ost wurden ganze Transporte von Flüchtlingen bis aus den letzten Mann erschossen. Der königliche Kommissär, der die Anklage vertritt, bitte das Kriegsgericht, feftzuhalten, daß die Flüchtlinge immer in eine Falle gelockt wurden. Der Soldat O n u f r e i erzählt, der Befehl Morarescus habe gelautet, nur jüdische Flüchtlinge . zu erfchießen. _ Bus »inröent" Amerit«. * Aus Rew-Uork wird gemeldet: Die amerikanischen Prohibitionsbehörden sind der größten und mächtigsten Alkoholschmuggelorganisation auf die Spur gekommen, die bisher bekannt wurde. Im Laufe der letzten Tage wurde der bekannte New-Dorker Millionär Dwher, der als das Haupt der Orga: isütion gilt, und 20 andere Mitglieder der Schmugglerge.sellschast verhaftet. Aege».weitere^ 22 Personen sind Haftbefehle erlassen worden. Die Organisation verfügte über 18 Ozeandampfer Die im Schmuggelgeschäft angelegten Kapitalien werden auf 35 M i l l i o n«n D o l l a r geschätzt. Aus den beschlagnahmten Büchern ergab sich, daß die vornehmsten New-Yorker Restaurants zu den Kunden der Organisation zählten. Ferner wurde festgestellt, daß der Schmuggel in diesem riesi. gen Umfang nur möglich war durch in die Millionen gehend! Bestechungen von Beamten. Bisher besteht gegen 30 Beamte der Verdacht, Bestechungsgelder angenommen haben. Lbmabbiull 9t Brodtz »night Prag? Nach Berlin berufe». Gerüchttveise wird uns aus Berlin gemeldet, daß der Prager Oberrabbiner Dr. Heinrich Brody eine Berufung an die jüdische Gemeinde in Berlin erhalten habe. Dazu erfahren wir vo» informierter Seite, daß bereits feit längerer Zeit der« ucht wird. Oberrabbiner Dr. Brody für Berlin zu gewinnen.; die Berliner jüdische Gemeinde, welche vier neue Rabbinerstellen geschaffen hat, will durch die Berufung Dr. Brodys einen her» vorragenden Seelsorger konservativer Richtung heranziehen. Dr. Brody, der aus der Slowakei stammt, hat an der Universität Cambridge studiert, war nach Vollendung seiner theologischen Studien Rabbiner in Rachod und wurde nach dem Ableben des Prager Oberrabbiuers Dr. Ehren seid, dessen Tochter er ehelichte, zum Oberrabbiner von Prag gewühlt. Dr. Brody ist aus dem Gebiet der jüdischen Traditionstvissen? schüft und auch auf anderen Gebieten ein Gelehrter von be> deutendem Ruf; insbesondere seine philologische Behandlung der hebräischen Dichtung des Mittelalters hat ihm internationale Berühmtheit verschafft. Neben einer Reihe von wissenschaftlichen Schriften dieser Art ist auch eine Anthologie mittelalterlicher hebräischer Lyrik von Dr. Brody in der Bibliotheca mundi herausgegeben worden. Dr. Brody spielt aber auch im jüdischen Leben der Tfchechostowakei eine hervorragende Rolle. Er ist Präsident des Misrachi, der Organisation der religiösen Zionisten in der Tschechoslowakei, und gehört dem jüdischen Mionalrat an. Die Berliner jüdische Gemeinde wäre, wenn Dr. Brody ihrem Rufe folgt, dazu zu beglückwünschen, daß steinen so hervorragenden geistigen Führer gewonnen hat. Dar Moskauer Schachturnier. Unveränderter Spitzenstand. Aus Moskau wird uns berichtet: Die achtzehnta. Runde brachte im Punktestand der Anwärter auf die ersten Preise keine Veränderung. Bogoljubow gewann durch seinen Sieg über G o t t h i l f, Dr. L a s k e r durch den über Zuwarow. Capablanca durch die Niederlage Sae- Misch' je einen Zähler. T o r r e brachte sein Spiel gegen Gene Ws k i nicht zu Ende; ebenso wurden die Partim Reti—Bogadistschuk und Spiel man n—Romano w S k i abgebrcchen. M a r s h a l l bl festigte seinen Stand durch einen Sieg über R u b i n st e i n. Ferner gewannen Rabinowiez gegen Dus-Chotimirskh und Lötvenfisch gegen Ajates. Dr. Tartakower und Grünfeld einigten sich auf remis. Werlinski war spielfrei. Erst die 19. Runde, in der Capablanca und Bogoljubow zusammentresfen, wird den Beginn des spannenden Kampfes um den ersten PrrÄ l origen. der zwi'chm Bogoljubow und Dr. Lasker ausgetragen wird. Dr. Lasker hat in der 19. Runde Saemisch zum Gegner, Torre'wird M't Bogadistschuk seine Kräfte zu mesien haben und kann, wenn er gewinnt, Capablanca überflügeln. Stand nach der 18. Runde: Bogoljubow 14Vs, Doktor Lasker 12'/-, Capablanca 11'/-, Marshall 19'/,, Torre 10 (1), Reti, Romanowski je 9>/- (1), Grünfeld, Dr. Tartakower je 9, Bogadistschuk 8'/, (1), Rabinowiez, Rubinstem je 8'/-, Ge-- newski 8 (1), Werlinski 8, Löwenfisch 7. Spielmann 6V, (1), Gotthilf 6, Dus-Chot'lm'My, Jaks je 5'/,, Saemisch 5 Zuwarow 4. , 8Mm zentral. Die rührige Direktion des Zirkus Zentral an. Praterstern bringt in ihrem reichhaltigen Dezember- Programm eine besondere Sensation. Kapitän Winstons Tauchnhmphen im Wettstreit mit Riesenseelöwen. Ein Dressurmfchausprel unter Wasser, wie ez in Wien noch nicht gesehen wurde. Was diese Tiere an Geschicklichkeit und Gelehrigkeit zeigen, wie sie im Wettbewerb mit zwei entzückenden jungen Damen, deren technisch vollkommene und hervorragend schön ausgesührte Kunstsprünge und Künsttauchübungen nicht nur genau nachahmen, sondern zum Teil noch übertreffen — stellt alles bisher auf diesem Gebiete Gezeigte und Gesehene in den Schatten. Ein Dressurakt, auf den Kapitän Winston mit Recht stolz sein kann. Die Wasserkünste werden in einem Bassin gezeigt, das 29.009 Liter Wasser enthalt und mit vier starken GlaSsäulen versehen ist. Um diese Schaunummer gruppieren sich eine Reihe sehenswerter Zirkusnummern, wie die Reitnummer der Dubskys, die Radfahrkünste der sechs Deblars, des Kunstspringers Salem, der Freiheitsdresiuren Gautiers, der schwebenden Musik L. und P. Lees — eine ebenfalls besonders sehenswerte Nummer und last not least, ein wirklich entzückendes Balletdivertiflement der Wiener Staatsoper mit Solotänzer Boby Binder u. v. a. Alles in Allem ein prachtvolles Programm, das auch in Wien trotz der „schlechten Zeit" starken Zuspruch sinden sollte. * Vom Keren Kojemeth Mischer RationalfondSl. DrS Hauptbureau veS Keren Kajemeth m Jerusalem Hai von dortigen Künstlern Trändevl IDreidÄ) auS Oliverchollz heristellen lassen: und sie den einzeilnen LandeSstellen zum Beckaief übeWbeu. Diese Tränderl sind jetzt im Bureau des Keren Kafemeth» 1. Bez., Kärntnevslrair-' 28, um den Preis von 56 Grolscherv Alt fottfott.