Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2438 (5.12.1925)
- Date
- 1925-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981524--24853-3012440- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. H:-MS «e», «Mittag MiOiet Morgenzeitu»« 5, Dezember 1925 Seide S Bedrohung Mntens? Das Landgut des Herrn Wdevmayr. Der Heeresetat, der sonst bei der BudgetbemtlUNg immer Anlaß zu stürmischen Auseirlandevsetzungen hot, ' wurde gchern im AüAsthuß im .Handumdrehen erledigt. Zdachdem ein Sozialdemokrat tags zuvor eine sehr zahme Rede gehalten hatte, wartete gestern dev Heevesm-inist'er Vaugoin mit ganz farblosen Mitteilungen aus, in denen er das Bundesheer über den grünen Klee lobte. Nach Annahme des Kapitels „Heeveslvffeu" wurde über die Lawd- und. Forstwirtschaft gesprochen. Der Sozialdemokrat Pö lzer hob hiebei hervor, -daß die heurig>e Ernte in Weizen, Roggen nud Gerste um 50 Prozent günstiger auZMallen sei als die vorjährige. Er erinnerte darin an die in den letzten Jahren vorgePommenen vier großen Weinfalschungsasf'üren, die für die betreffenden Firmen Milliardengiemmne gebracht hatten. Bei der einen Finna wurde im Gerichtsverfahren festgeftellt, -daß eine Steuer hi nt erziehnng von 7 55 Millioneu vorliege. Von fachlicher Seite lverde beha-uptet, >daß die Weinfälschungen ganz unmöglich gewesen wären, wenn die staatliche A n st a 1 t i n K l o st e r u c u b u r g den Bezug von Reinzuchthefe kontrolliiert hätte. Die Fälschungen 'Belaufen sich nach einwandfreien BerechumlAm ans 5 0 0.0 0 0 Hckt o- Xitcr Pro Iahr. Der Minister müsse die Kellereiinspektoren anweffen, diesen Dingen nachzugehen. Pöher verlangte -ferner von dem Minister volle Aufklärung -über .Zeitungsangvfffe gegen den chriftlichsozialen Abgeordneten Födermayr, von döm erzählt wird, daß dieser sein Bauerngut, das einen Wert von 800 bis 900 Millionen habe, verkaufen wolle. Die Regierung will ihm dafür vier Milliarden geben, was ein Geschenk von drei Milliarden 4v<we.' Abg. F öder wahr gab zu, daß er mit dem Lande Oberösterrei-ch -in Verkaufsverhandlungen wegen seines Gutes „Sippachhvf" gestanden sei. Dort soll eine Bundeslehvanstalt für Milchwirtschaft -errichtet -werden. Der otöerösterveichische Landeskulttrrrat habe ungefähr fünf Besitze in Augenschein genommen >z,nd den seinen als den geeignetsten befunden. Er habe der Transaktion nur unter sder Bedingung zugestinrmt, daß die ganze Angelegenheit in einwandfreier Waise vor aller Oeslfentf i ch feit behandelt werde. Minister Bnchinger bestätigte diese Darstellung und fügte hinzu, daß 'das Lars> Oberösierraich den Äppachhof dem Bund unentgeltlich für die Errichtung eines mllchwirffchastlichen Instituts zur Verfügung stellen wolle. Auch dieses- Kapitel wurde angenommen, woraus man sich an den Etat des Außenamtes heranwachte. Eine Demonstratiorl gegen Dr. Matasa. Dr. Renner gab namens der S^raldemokraten die Erklärung ab: „Solange die Führung der Angeliegenheiäen «des Aentzern der Person des Dr. Mataja avvertrant ist, ivevden. wir uns an keiner Be Han dln n g Erstaufführung h der neueste Palästina-Film morgen Sonntag den 6. Dezember, um11 Uhr vorm, im Central-Kino II, Taborstrasse 8 Karten an der Kassa dieses Gegen st a u des im Budgetansschuß bete ilig-en. Ter .Großdeutsche Dr. DiugHofer sprach von Gefahren an der Kärntner Grenze. So habe der jugoslawische Schulverein in ganz Mom.'.u-ün große KundgAbungeu für die B e reinig nwg Südkärntens mit I u g o s I a w i e n veranstaltet. Die Organisation „Orjuna" habe bei einer Fahnenweihe in Krainburg ihren Abteilungen den Eid abgenommen, nicht zu rasten, bis nicht die Fahne ans dem Zollf e l d e nördlich von K l a g e n s u r t flattere. Unterrichtsminister Ra die soll tu einer Versammlungsrede in Laibach zum Ausdruck gebracht haben, die Slowenen, von denen ein Teil in Kärnten lebe, / müßte mit ihrem Mutterland vereinigt werden. Vizekanzler Dr. Waber antwortete seinem Parteigenossen, das Außenamt habe sowohl den hiesigen jugoslawischen Gesandten äls auch die S.-H.-S.-Mgierung auss dies^e Treibereien anfmerksan: gemacht. Der jugoslawische Außenminister habe darauf die kategorische Zusicherung gegeben, die S.-H.-S.-Regierung werde keine wie immer geartete Schritte gegen die Integrität österreichischen Gebietes dulden. Sie werde außerdem «eine genaue Untersuchung vornehmen und gegebenenfalls mit r ü ck s rchtsloser Strenge e i n s ch r e i t e n. Im übrigen hält Minister Nincic das Beistehen ernstlicher Putschpläne für uriw a h r sch e i n l i ch. Vertrauend auf diese Zusicherung der S.H.-S.-Regierung glaube ich erklären zu können, daß eine tatsächliche Bedrohung Kärntens durch die Agitationen 'der „Orjuna" nicht zu befürchten ist. Nach ixjefem offenbar vereinbarten Frage- und Antwortspiel wurde anch -das Kapitel „Aeußeves" ang<" nommen. Mn scharfes Dementi der jugoslawischen Regierung. Belgrad, 4. Dezember. (Tel.-Komp.) In maßgebenden Kreisen dementiert man auf Pas energischeste die Alarmmeldungen über angeblich bevorstehende Einfälle slowenischer Orjuna-Banden in K ä r n t e n. Der jugoslawischen Regierung ist über solche Absichten der slowenischen nationalistischen Verbände nichts bekannt, und sie würde ihnen gegebenenfalls auf das entschiedenste entgegentreten. Rmvenfiönifteil. Die Vertretung der Pensionisten im Fünfundzwanzigerausschuß erhielt vom Fimnzmiuistcr Dr. A h r e r die Mitteilung, daß die Regierung gleich nach Neujahr mit dem Neunerausschuß der Pensionisten über die Forderung nach Angle rchüng der Altpensionisten andre Neu- Pe n s io nisten beraten werde, wobei die von den Pensionisten überreichte Denkschrift als Grundlage für diese Verhandlungen dienen wird. Seftemich vor dem Völkerbund. Die Resolution -es Genfer Wirtschastskomitees. Genf, 4. Dezember. (Tel.-Komp.) Die Beratungen des WirLschaftskomitees des Völkerbundes sind heute abends zu Ende gegangen. Das Komitee, das sich auf Grund der Berichte von Lahton und Rist mit der Wirtschaftslage Oesterreichs beschäftigte, hat drei Empfehlungen angenommen, Die erste Empfehlung spricht sich für eine Organisierung langfristiger Kredite zur Intensivierung der österreichischen Landwirtschaft aus. Die zweite Empfehlung legt es denösterreichischen Nachfolgestaaten nnhe, mit Oesterreich Handelsverträge oder Wirtschaftsverträge abzuschließen, die eine Ausdehnung der österreichischen Absatzwege und des österreichischen Handels ermöglichen. Die dritte Empfehlung betrifft die möglichst baldige Ratifizierung der Konvention vom Jahre 1923 seitens aller in Frage kommenden Länder. Durch die Vereinfachung der Zollformalitäten im Sinne dieser Konvention wurde Oesterreich wichtige Vorteile erhalte, besonders durch die in der Konvention geforderte Veröffentlichung jeder beabsichtigten Aenderung der Zolltarife. Die österreichische Delegation trifft heute.abends hier ein. Das Finanzkomitee wird morgen in Gegenwart der österreichischen Delegierten die W ü N s ch e O e st e r r e i ch s auf Einschränkung der Finanzkontrolle in Verhandlung ziehen. 8« lobnt M! gperntheater. Zunr ersten Male: „Sgamrell" von Wilhelm Grosz und „Das Misch Gold" von Julius B i 11 n e r. Als sich Richard Strauß im Jahre 1807 mit dem Plan einer Oper „Semiramis" beschäftigte, schrieb er — wie wir dem demnächst im Zsolnay-Verlag erschenmwen Briefwechsel zwischen Richard Sttauß nnd Hugo Hofmannsthal entnehmen — an seinen Textdichter: „Schaffen Sie mix ein recht handlnngs- und gegensatzreiches Drama mit wenig Massenszenen, aber zwei bis drei sehr guten, ausgiebigen Rollen'." Richard Strauß gibt hier -m wenigen Worten das Rezept des ^besten Textbuches, ein Rezept, an welches sich auch Robert Konta, der Textdichter von Grosz' „Sganarell", hält. Er geht ein geschicktes Konrpromiß zwischen dem Moliereschen Vorbild des „Sgänarell" und den Erfordernissen der modernen'Opernbühne ein und schafft alle Voraussetzungen für echte Bvffolanm. Moliere ist für unsere Operubühne ebensowenig neu wie die Idee des Sganarell: Der alternde Liebhaber, der sich nach junger Liebe sehnt, ist uns nicht, zuletzt aus Wagners „Meistersingern" und aus Strauß' „Bürger als Edelmann" geläufig. Auch der Bürger Sganarell ist solch ein Edelnwnn, der rechtzeitig die Gefahren einer Ehe mit Dorimene, seiner im Glanze der Jugend strahlender: Braut, erkennt, auf sie verzichtet und sie selbst ihren: jugendlichen Liebhaber Lykast zuführt. Wie die Dichtung ist auch die Musik reich an Wagner- und Strauß-Erinnerungen: Ja, die behagliche Meistersingerbreite der Schilderung und zahlreiche Beckmesseriaden hemmen beinahe die bufsoneske Bewegung, und wie ein HanZ Sachs 'singt Sganarell in einer Art „Wahnmonolog" von seiner enttäuschten Liebe. An Richard Strauß knüpft Grosz in der Koloristtt und in den reizvollen Zerbinetta- Koloraturen der flatterhaften Dorimene cin, an Korngold gernahnen neben gewissen Akvrdmischungen die eigenartigen, hier grotesk anmntenden Marschvhythmen. Die hübschen Zigeunerweisen.. schnmggeln musikalisches , Güt. aus der SchMMlerszene. der .'„Carmen" und künden zugleich Grosz' besonderes Geschick in der Evledigung oriLntälischer Mnsikfragen, welches der von Grosz eben jetzt in Angriff genommene,: Beroperimg des „Dybuk" die giinstigste Prognose stellt. Unterliegt Grosz verschiedenen Einflüssen, die in unserer Zeit liegen und bei einen: 30jährigen Tondichter nicht tveiter verwunderlich sind, so bietet seine erste Oper doch auch genug des Persönlichen. Daß er sich auf das Bühnenmäßige versieht, hat ex schon mit der Bühnenmusik zu Werfels „Spiegelmensch" und „Bocksgesang" bewiesen, nnd auch stm „Sganarell" ist reich an dramatischer Eingebung. Zwei Kst- Rche Episodengestalten sind die Musikgelchcten Paneratms und Marphurtus, richtige Nachfahren der alten „Conredia dellarte", die sich in musiialischen Drolerien und kontra- Punltischen Spitzfindigkeiten nicht -genug tun können. Sie ziehen alle Register des musikalischen Humors auf und verirren sich, wenn sie des alten Theoretikers Zarlmo gedenken, gar in die niederländische Wertstätte der Psitznerschen Palestrinatechnrk. Freilich wird durch die Fülle der iuteressante:: Einzelheitm der buffoneske Grundcharatter etwas verwischt. Dia Musik geht eben zu sehr in die Länge und in die Breite und vergißt nntunter, daß Kürze des Witzes Seele ist. Zudem -herrscht eine wahre Hypertrophie in der Mkordiik und Keloristik, ein unstetes Flnktuierei: in der Melodik, die gleichwohl kurzattnig ist. Man sehnt sich förmlich nach einem gehauenen Dreiklang oder nach einer voll entwickelten Kantilene, die sich erst in dex Liebrsszene in aller Eindringlichkeit aussingt, Und doch, wo immer sich die Melodik einstellt, sie hat Einfälle, sie ist mit Theaterblut durchtränkt, . die Oper bietet — bet aller luelodlschen Kurzatmigkeit — dankbare Gefangspartten, sie ist auf kräftigen Humor und auf gesunde, natürliche Bewegung bedacht und allen überspannten Experimentell abhold. So hält sie es mit den: Schlußwort des Musikgelehrten Pankratius: „Alles Radikale ist vom Satan, ist verhext'" Der Satan ist eine Hauptgestalt in Julius B: t t n e r s deutschem Singspiel „Das höllisch Gold", dessen Erstausführung au der Staatsoper — vor bald zehn Jahren war es an der Völksope^- zi: hören — auf Grosz' „Sganarell" folgte. Der Höltensohn, der mit dein Gold der Hölle eine Seele gewinnen soll, und, da ihn: ein besserer Fang versagt bleibt, mit einem alten Weiblün vor'lieb nehmen muß, strömt musikalisch keinen übermäßig schufen Schwefelgerllch aus. Er ist ein am*t Teufel, der gute sirrgspielhaste Haltung E wahrt, MH den übrigen Personell, die fest in der VoNmusik mit ihren Couplets und Stegreffgesängen verankert sind. Und tut auch die muntere, launige Musik mitunter gar zu hemdärmelig, so sicht man es dem Naturburschen Bittner gerne nach, der gar bald wieder sentimental kommt. Die Hauptsache Weibt, daß er richttge Theatermenschen auf die Bühne -ringt Mw sie — wenn auch m primitiver Technik —! charakterffiert. Mit archaifftffchen Bachschen Wendungen! müht er sich tun das notleidende Paar, mit Hmrperdinckschen! Hexemnngangsformen. stattet er die böse Me ans, Richard Straußscher Schwung hebt das Gebet zur Madonna höhen- , warts und der Jude Ephraim ergeht sich in orientalffierenden > G-Moll-Wendungen. Und mischt auch Bittner die Stile ein wenig Anterbunt und willkürlich durcheinander und verbirgt sich auch hinter Bittuers sogenannter Holzschnitttnanier ge- | legentlich einmal mchx Manier als Holzschnitt, er versteht es, die Not der Mstischsn Unausgeglichenheit zur Tugend der Charakteristtk umzudeuten, rmd er beherrscht das Handwerk der Bühne, für die er sich selbst stets die wirksamsten Textbücher geschrieben hat. Wilhelm Grosz und Julius Bittner wurden beide in gleich höflicher Weise vom Publikum gefeiert, mit ihnen der umsichtige Kapellmeister Robert Heger und all die anderen Mitwirkenden. Den Sganarell gab Herr Jerger, gesanglich kähl temperiert, darstellerisch recht interessant, als Dorimene prunkte Frau Gerhard mit ihren blühenden und leuchtenden Koloraturtönen, den Liebhaber sang eindrucksvoll Herr Hofer, ztoei lustige musikalische Spitzbuben waren die Herren Arnold und Norbert nnd die Damen Iovanovits, Hellelsgruber und Kittel ergaben ein ganz vorzügliches Terzett. Im' „Höllisch Gold" war Fräulein Auday — namentlich im Gebet — ganz unwiderstehlich. Ihre Alfftimme, pie noch immer unterschätzt wird, hat Seltenhettswert. Mrkig sang Herr Ma nolvarLa den sovgenbeladenen Mann, Frau Jovanovits war eine gelungene Hexe (fast wie aps einem KiMrmärchen), Herr Hofer ein liebenswürdiger armer Teufel und Herr W e r n i g k fand anch in der kleinen Rolle des Jude:: Ephraim Gelegenheit, seine starke, vorwärtsftrebende Begabüng zu erweisen. Für die Regie, die unaufdringlich in aller SachkiWrt ihres Amtes waltete, zeichnete Herr Runge. - Drwin Aelber.