Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2323 (9.8.1925)
- Date
- 1925-08-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981408--23578-3011111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Men. Goimtag Mgeite 4 Wiener 9. AiWch' IM St, »WM Wifitfn nnb Kejdan. Ser Lemberg« Prozeß. («igen-ienst der „Wiener Morgenzeitung".) -er 14. Sioniftentm-retz. Die Delegierlenwahlen ln der Tschechsslowakei. Die Zionisten in der -tschechoslowakischen Rchnchlik werden auf dom 14. Zionist« nkongreß durch vier DeleBerte vertreten sein. ES sind dies die f>mcu Dr. Josef Ruscisen (Mähr- Osirau). Dr. Oswald Löbl («ech Alfa), Dr. Karl Ferbstein (Prcsov) und Ing. Hermann Stapler (Olmüp). Er satznränner: Dr.?lngelo G oldste in (Prag), Franz Lederer iBeih Alsa), Rudolf B r a.u n sSillein), Dr. Sonnenseld <Brünn). Misrachi-Welttonserenz. TageSouG««»-. 'llloniag den 10. d.,? Uhr abends: 1. Feierliche Lrvfstrung. Dienstag den 11. d., um 10 N^r vormittags: 2. Wahl der Präsidiums und der Kommissionen. I. TätialeitAbericht der Weltzentrale. 4. Allgemeine Debatte. Mittwoch den 12. d.: 5. Religiös', kulturelle Kolonisation-- und Misra6>i Ärboitorfragen. Donnerstag den 13. d. 6. Finanzielle Fragen: a) Misrachibank; b) Oliin-Bonini; c) Budget der Weltzcnlrale. Freitag den 14. d.: 7. Organisation und Propaganda. Allja und Hachschara. Sonntag den 16. d.: 8. Wahlen. 9. Kongrehsragen. Montag: Fortsetzung der Debatte über .Kvngrehfragcn. 10. Berichte der Konr-nttssionen und Resolutionen. Gastkarten. Noch eine geringe Anzahl von Gastkarten zur feierlichen Eröffnung <2)t0ittag den 10. d. um 8 Uhr abends) zu den Preisen von 2 und 1 österreichischen Schilling, 50 Groschen und von Permancnzkarten zu 10 österreichischen Schillingen 'wird int Mis rachibureau (2. Bez., Pratevftraßc 43) und bei der Mendkassc lFestsaal des Hotel Bayrischer .Hof, 2. Bez., Taborstraße) zun: Verkaufe gelangen. Büfett. Bei der Misrachi-We-ltkonferenz wird in dem geräumigen Nebcnsaal des Festsaales (Hotel Bayrischer Ho-f) ein reichhaltiges, allerstrengstes koscheres Büfett eingerichtet, das allen P. T. Konferenzteilnehmern bestens ennpfohlen wird. Die vierte Wettkonferenz der Hitachduth. Die Weltkonferenz der Hitachduth beginnt heute um 8 Uhr abends im Hollen derisaal (lKonzertlhaus). Ne Stellung der Mksrachk in Pale«. Zu den jüdischen Problemen. Einer der Führer der Mrsra chi-Bewegnug in Polen, der jüdische 'Sojmdeputierte Dr. Simon Jeder'busch, hatte die Freundlichkeit, -mit einem unserer Redakteure über die Misrachi, insbesondere in Polen, wo sie eine der maßgebendsten jüdischen Gruppen ist, zu sprechen. Die Misrachi in Polen hat 140.000 Schekalin: verkauft. Die Jugendorganisation, die Zei-vc Misrachi, allein hat 20.000 Mitglieder und die misrachistische C'halnzimorganisation 10.000. Die Misrachi in Polen beteiligt sich an allen jüdischen Mionen des Landes und wirkt ungemein viel auf die Verstärkung -der zionistischen Reihen, insbesondere in den Reihen der Orthodoxie, wohin andere zionistische Gruppen wohl nicht gelangen könnet:. Betrüblich sei es, dag es kein Forum gebe, wo gemeinsame Zionistische Probleme gemeinsam mit den anderen Zionisten zur Klärung gebracht werden könnten, nur im Keren -Hajessod, im .Keren Kcvjenreth und in de-n Palästinaämtevn werde friedlich gemeinsame, nützliche Arbeit geleistet. Lemberg, 7. August. Zlach eintägiger Pause wird die Verhandlung wieder aufgenomnwn und mit dem Verhör des Kommissärs 51 c jda n begönnet:. Kejdan erzählt, wie Mi kitin sich ihn: als Konfident augeboten habe, aber keine lwesentlichen Dienste leistete. Zeuge habe Mikitin ab und zu k 4 e i n e B c t r ä g e gegeben. Dieses Verhältnis hielt an, bis Kejdan im Sommer 1924 auf Urlaub ging. Am 5. September 1924, dem Tage des Attentats, traf Zei^c den Mititin und frug ihn, ob er ihm etwas im Zusammenhang mit der Ankunft des Präsidenten mitteilen könne. Mikitin habe geantwortet, daß er nichts wisse. Als Zeuge dainalS twtt Mikrtin schied, gab er ihm den Auftrag, sich in der R ä hc de 8 Präsidenten aufzuhalten, die Umstehenden genau zu beobachten und stündlich telephonisch zu berichten. Damals habe er Mikrtin 30 Zloty gegeben. Verteidiger G l u s; k i e w i c z: Wenn Sie, wie Sie behaupten, zu Mikitin kein Vertrauen hatten, ivarum gaben Sic ihn: den Auftrag, sich in der Nähe des Präsidenten auszuhalten? Ke j da n: Ich wollte alle Möglichkeiten ausnützen, un: den Präsidenten besser beschützen zu können. Zeuge gibt nn weiteren Verhör an, daß Mikitin ihm niemals etwas von P a n c z y s z y n erzählt habe. Bei diesen Worten ruft Mikitin erregt: „Alles, was Kommissär Kejdan hier ansgesagt chatte, ist L üg c! Ich habe den Kommissar wiederholt gewarnt und auf das geplante Attentat aufmerksam gemacht!" Der Antrag des Verteidigers Dr. G r e k, Mikitin mit Kejdan zu konfrontieren, wird vom Gerichtshof a bge lech nt. Mikitin gibt ferner an, daß er an: Tage des Attzentates dem Kommissär Kejdan sowohl über eine für zwei Tage später angesetzte Bersnnimlnng der kommunistischen Jugend wie auch über das geplante Attentat Meldung erstattete, Kejta» aber dom Attentat nichts habe hören wollen, indem er sagte: „M ich interessiert b lo ß d ie ko m m u n i st i s ch e B e r sa m m lu ng!" Mikitin erklärt schließlich kategorisch, daß er an jenem Tage von Kojdan kein Geld erhalten habe. Aus die »Frage des Verteidigers, <tvas Mikitin in dem Brief an Kommissär Kejdan, der ans den Akten verschwunden sei, geschrieben habe, antwortete Mikitin, daß er dem Kommissär Vorwürfe gemacht habe, weil er die Warnungen (Mikitins) außer acht gelassen hat. Zwischen dem Verteidiger Dr. Landau und dem Vorsitzenden entsteht ein heftiger Wortwechsel, weil dieser sämtliche Fragen, die der Verteidiger an den Zeugen Kejdan richten will, ablehnt. Der Gerichtshof beschließt, a l l e I r a g e n des Dr. Landau auszuschließen. Doktor Landau wurde zu einer Ordnu ngsstrafe mm 150 Zloty verurteilt. Nach einer unwesentlichen Aussage der Tochter Korn- Habers, Klementirde Korn Haber, wird die Verhandl-' j vertagt. „Las Kind der arme« Safte." Wie Bottwin hingerichtet wuvde. lieber die UrtetlSverkündumg des GtaüpgerichteS und die Hinrichtung des Mörders Naftali Bottwin wird unS noch aus Lemberg berichtet: Zur Verkündung des Urteile« wurde nur eine sehr geringe Anzahl von Personen zugelassen und auch diese wurden einer strengen Kontrolle unterzogen. Bottwin nahm das Todesurteil scheinbar ruhig, mit nervösem La che ln entgegen. Im Sinne des Standrechtes hätte das Urteil zweiStunden nach derVerkündigung vollstreckt werden sollen. Verteidiger Dr. O ch s e r bat jedoch um einen Aufschub von einerS-tund«, damit der Delinquent sich auf den Tod vorbereiten könne und der Gerichtspräsident Zeit gewinne, den: Minister des Innern, der in Abwesenheit de8 Staatspräsidenten das Gnadenrecht ausübt, das Gnadengesuch vorzulegen. Er bat hierbei, auch di« folgenden Milderungsgründe zu berücksichtigen: Bottwin hat erst vor fünf Monaten sein 20. Lebensjahr vollendet, er ist «i« Kind der „atmen Gaffe", das im frühesten Kindesalter seinen Vater verloren hat und sich trotzdem niemals etwas gegen das Gesetz zuschulden kommen ließ. Als er Ciechnowski nivderschoß, hatte er Beispiele und Präzedenzfälle vor sich. Auch die P. P. S. habe m der Zeit bei Knechtschaft Polens Attentate verübt, dieselbe P. P. S., aus deren Reihen der gewesene StaatSchef Pilfudskiund der gegenwärtige Staatspräsident W o j« c i e ch o w s k i hervorgegangen sind. Der Verteidiger bittet ferner in Betracht ziehen, daß Bottwin in seiner geistigen Entwicklung stark zurückgeblieben sei, lvas auch äußerlich sichtbar sei. Bottwin sieht wie ein Knabe von 13 bis 1s Jahren aus. Der Gerichtshof beschloß die Verschiebung der Hinrichtung um e i n e S t u n d e und die Unterbreitung der vom Verteidiger Vorgebrachterz Milderungsumstände an den Minister. Eine erschütternde Szene spielte .sich in der Zelle, in die Bottwin abgeführt twurde, zwischen ihm und seiner Mutter ab. Die gramgebeugte Mutter kam mit dem Rabbiner Freund. Als Bottwin des Rabbiners ansichtig wurde, «herrschte er diesen mit den Worten an: „W a s suchen Sie hier? Ich habe mitJhnen nichts zu tun!" Die Mutter und die Schwester baten ihn, mit Tranen in den Augen, doch mit dem Rabbiner das Sündenerkenntnis zu sprechen. ,/Lu' mir doch nicht noch diese Schande an! Ich schäme mich ja unter Juden zu gehen! Man wird doch mit den Fingern auf mich zeigen! Drache doch, ich bitte dich, deiner allein unglücklichen Mutter wenigstens den einen Gefallen, daß du, wie jeder Jude, vor dem Tod das Sündenbekenntnis sprichst!" Bottwin wies denWunsch derMutter ab. Auch als die Mutter ein zweites Mal mit dem Rabbiner m die Zelle kam, wies er diesem barsch die Düre. Zur Exekution ging Bottwin ruhig, er ließ sich auch die Augen nicht den, binden . . . Während die Soldaten die todbringende Swlve abgaben, rief Bottwin noch: iedermit derBourg e o i s i e! Es lebe die soziale Revolution!" Die Position der jüdischen Massen, besonders auf ökonomischem Gebiet, ist eine sehr schwere, verstärkt durch die allgemeine wirtschasthche Krise in Polen. Auch die polnisch-indische Verständigung wird in dieser Beziehung k a u m e i n e A e n d e r n n g bringen. Die Misrachi im jüdischen Sejmklub nimmt int allgemeinen bezüglich der polnisch-jüdischen Verständigung eine kritische Stellung ein. Sie steht auf dem 'Standpunkte, daß man darauf dringen müsse, daß die in der polnischen Konstitution gewährleisteten Rechte für die Juden eingehakten tverden. Nach ihrer Meinung ist es müßig, mit einer einzelner: politischen Partei zu verhandeln. Doch habe sie die Verständigungsverhandluttgen nicht gestört, iveil auch sie annimmt, daß diese einen moralischen Wert haben und einigermaßen de» Abban des antisemitischen Hasses 'bei deN polnischen Massen bewirken können. Die Lage des jüdischen privaten Schulwesens sei sehr schwer, da es keine Subventionen 'bekomme und auch künftighin kaum bekommen werde, mit Ausnahme der wenigen Fachschulen. In der Jewish-Ageney-Frage werde die Misrachi sich mit den vom Aktionskomitee angenommenen Beschlüssen einverstanden erfläveu. Eine Misrachi-Welttonserenz, die in Wien stattfindet, wird eingehend dazu Stellung nchmen. In der Mi s ra chi-Be wegu ng selbst gibt es Unzufriedenheit mit der Stellung der Partei innerhalb der Zionistischen Organisation. Diese Stimmung wird dadurch genährt, daß beim vorherrschenden Teile aller Misrachi die Meinung besteht, sie werde innerhalb der Zionistischen Organisation nicht nach ihrem Gewicht behandelt. Die Misrachi fordert vor allem Arbeitslsreiheit in Palästina und die gleichwertige Behandlung ihrer Arbeiter. Es müsse Demokratie bestehen und keine Bocherrfchaft einer einzelnen Arbeitergruppc. Die BerhandluMn der Zionistischen Exekutive mit der Aguda h werden von der Misrachi gebilligt, d^h LLOYD TRIESTINO / TRIEST DIREKTE LINIE TREST PALÄSTINA Rituell« Verpflegung Reduzierte Fehrprefce Expresslinie nach Aegypten, KonsUntinopel, Indien, Poitllnlcn nach ✓✓ den Schwarzen-Meer-Hafen, Syrien und den fernen Osten // aencrelagenturc Wien, I. Kürntnerrlng ffr. 0 müssen diese dazu führen, daß die Agudah bfc nationale Ginheitdes jüdische u Volkes in Palästina nerkenne und von ihrer Tremmirgspolitit aiblasse. Die Verhandlungen wurden nicht in diesem Sinne geführt. Das beweise die Frage des G e m e i n d e r e ch i e s in Palästina, ein Streitpunkt, der unbedingt vorher beseitigt werden müsse. Man verhandle mit der Agudah nur über Teilprobleme. Die endgültige Stellur^gnahnie der Misrachi zu den.Kongretzstagen wird die Misrachi-Melt-- konferenz bringen. Kongreßwahlen. „Was .drängt das Volk" . . . Das Mische Aölk Ivählt '«iue Delegierten für sei:: Parlament; jung und alt, reich und arm, Leute aus verschiedeueu Ständen, verschiedeneiu Milieu und doch alle einig in einer Hofstmilg, in einem Glaüben I und in einem Willen: Erez Israel. Daran denkt die elegante Dame neben dem alten Juden im Kaftan, daran der elegante Herr neben dem Weidlein mit Kopftuch. Der Fortgang der Wahl ist schleppend. Die Wahttom- -Mission: eine ältere Dome, ein älterer Herr, der Wahlleiter und drei jüngere Mitglieder sind dem Andrang nicht gewachsen. Ern älterer Herr Überreicht zwei Schekelguittungen und einen JdentitätSschein. „Somit können Sie beweisen, daß Ihre Frau im 8. Bezirk wohnt?" Der Herr ist indigniert: entschuldigen Sie, wenn ich im 9. Bezivk wohne, wir doch meine sftiou nicht im 12. Bezirk wohnen?!" Das pflichteiftige Kommissionsmitglird nimmt die Argumentation zur Kenntnis; der Herr kann wählen. Ein junges Mädchen klagt, daß sie schon lange warten müsie. ,Jraulein, bis wir das Land aufgebaut haben, toirb'8 länger dauern, da werden Sie wohl zchn Minuten warten können." Das Fräulein errötet und schweigt. Ein Herr droht, fortzugehen, wenn er nicht gleich daran kommt. ,Jch auch," sagt ein anderer. ,Meine Herren, Sie wählen in Ihrem eigenen Jutevesie," belehrt sie ein Mitglied der Konmtisiion. „lSchöne Zionisten daS!", hört man von einem abseits Stehenden. Plötzlich ein kleiner Zwischenfall. Zwei übereifrige Kommifsionsmitglieder, die sich schon längere Zeit durch ihr lebhaftes Temperament bemerkbar geniacht haben, springen von ihren Sitzen auf und schreien nnisoiw. Ein Wähler ließ scheinbar eine Benerkimg fallen. Der Wahlleiter, ein älterer, ruhiger Mann, ist be»n Höllenlärm nicht gewachsen. „Arbeiten Sie und schreien Sie nicht, geben Sie mir mein« Dokumente zurück, ich tan« nicht lauge stehen!", kreischt ein nervöser Herr. Man gibt ihm seine Dokumente. Er zerreißt seirren Gttmmzettel und wirst ihn auf den Tisch. Die Aufregu»8 legt sich langsam. Die Wchl schreitet fort. Nach zehn Minuten kommt -der nervöse Herr zurück: Er hat sich'- Überlegt. Mit stehender Miene: „Also, werde ich doch wählen können?" ,^Ja, bitte, hier das Kuvert." Seine Züge glätten sich, bedächtig legt